Laura, mein Engel – Tatort 291 / Crimetime 176 // #Tatort #TatortDresden #Ehrlicher #Kain #Dresden #Sachsen #LaurameinEngel #Tatort291

Crimetime 176 - Titelfoto © MDR

Kinderprostitution

Einen Titel wie „Laura, mein Engel“ behält man sofort, daher kam im Vorfeld das Gefühl auf, einen Film bereits gesehen zu haben. Aber die Inhaltsbeschreibung schließt das einigermaßen aus und wir haben keine Rezension zum Tatort 291 gefunden. Also war es das Lesen des auffälligen Titels z. B. in der Rangliste des Tatort-Fundus, der für einen Fakte-Effekt gesorgt hat.

In der Ehrlicher-Rangliste des Tatort-Fundus findet man „Laura, mein Engel“ derzeit im unteren Mittelfeld. Wir sind nicht die einzigen, die Ehrlicher in seinen späten Tatorten – besser, aber angenehmer finden, demgemäß finden sich oben auf der Liste eher Fälle aus seiner Leipziger Zeit. Bruno und sein Kain werden uns noch eine Zeit beschäftigen, weil mir ca. jeder dritte seiner Fälle in der Sammlung fehlt. Was ich gerade gesehen habe: Ivan Desny macht mit! Wie schon in den legendären Zollfahnder-Kressin-Tatorten. Ja, hätte der Kressin ihn nicht immer laufen lassen, dann … aber darüber mehr in der Rezension.

Handlung

Als ein zwölfjähriges Mädchen plötzlich in Ehrlichers Büro steht, glaubt der Kommissar, es habe sich verlaufen. Seine Verwunderung hält sich in Grenzen, als dieses Mädchen auf keine seiner Fragen antwortet und ebenso spukhaft verschwindet, wie es im Büro erschien. 

Kurz darauf ist diese merkwürdige Begegnung schon wieder in Vergessenheit geraten, denn Ehrlicher und Kain werden zu einem Motel gerufen, wo eine tote Frau gefunden wurde. Die Frau wurde getötet. Unter ihren persönlichen Sachen entdeckt Kain ein Foto des Mädchens, welches kurz zuvor in sichtlich verwirrtem Zustand in ihrem Büro erschienen war. Ein Angestellter des Motels bestätigt, daß die Frau mit ihrer Tochter am Abend zuvor angereist sei. Später wurde sie in Begleitung eines Mannes gesehen, mit dem sie ihr Appartement aufsuchte. Weitere Ermittlungen ergeben, daß die Frau in den 80er Jahren nach dem “Westen“ flüchtete, während ihre Tochter in einem Kinderheim untergebracht wurde.

Erst wenige Tage vor ihrer Ermordung hat die Mutter ihre Tochter Laura im Kinderheim besucht. Laura sei nach einem Ausflug mit der Mutter nicht wieder in das Heim zurückgekehrt, erfährt Ehrlicher. Sollte sie die Mörderin ihrer Mutter sein? Als eine Boulevard-Zeitung von dem Mord berichtet und zugleich ein Foto der “vermeintlichen“ Mörderin veröffentlicht, obwohl seitens der Polizei keinerlei diesbezügliche Information an die Zeitung gegeben wurde, ahnt Ehrlicher, daß da noch jemand an dem Mädchen interessiert sein muß. Er vermutet, daß Laura Zeugin des Mordes an ihrer Mutter war.

Alle Ermittlungen bleiben ergebnislos. Laura ist verschwunden, Ehrlicher weiß, sie schwebt in Lebensgefahr. Und so wird die Suche nach dem Mädchen zu einem Wettlauf um Leben und Tod.

Rezension

Ausstrahlung 15.10.2018, Rezension zwei Monate später. Was war geschehen? Einschlafen at first Sight. Wir betonen, dass das nicht immer am Film liegt, sondern daran, dass in diesen Zeiten manchmal eine Art plötzliche Erschöpfung aufkommt, befördert auch vom späten Gucken um Mitternacht. Manchmal liegt es aber auch am Film und Lauras Odyssee verlangt eine gewisse Geduld und Aufmerksamkeit. Nicht, weil die Handlungs kompliziert wäre, sondern, weil sie für heutige Verhältnisse so unspektakulär inszeniert ist. Man hat einfach gefilmt, was ist oder hätte sein können, nicht, wie heute, schon durch den Stil angedeutet, dass alles eh Wahrnehmungssache ist und zudem sehr pointiert wirken soll.

Trotzdem ist „Laura, mein Engel“ unter den Dresdener Ehrlicher-Filmen, also vor seinem Wechsel nach Leipzig, einer der besten Fälle. Das hat einiges mit Ehrlicher, also Peter Sodann, zu tun. In seiner Rolle als angefasster Ermittler in Sachen Kinderprostitution wirkt er dermaßen authentisch, dass man sich gut vorstellen kann, wie der DDR-Ostalgiker sich da hineingesteigert hat und die ganze Zeit liest man den Subtext: Sowas hätte es im Arbeiter- und Bauernstaat nie gegeben! Da war nämlich noch der Schutzwall aktiv und Elemente wie dieser fiese Niederländer und andere böse Westeuropäer wie der Immobilienmensch Jettner wären niemals in die friedliche DDR eingedrungen und hättennicht so etwas Grundverwerfliches wie Sex mit Kindern als Business aufziehen können.

Aber stimmt das so exakt oder gibt es einen Sub-Subtext? Man hätte ja auch den Kunden als Wessi zeigen können, tat man aber nicht, sondern die Figur als Privilegierten des SED-Staates, der nach der Wende zu den Erzgewinnlern zählt, aufgestellt. Ja, die Sonder-AfA Ost, was die an Neubauten alles möglich gemacht hat. Da greift sogar ein Ehrlicher mal zu, wenn er das Leben über der Kneipe seiner Frau nicht mehr aushält. Dass dieses Verhältnis keine Zukunft hat, erkannte man auch bei den Machern des MDR und hat die „Frau Ehrlicher“ bald darauf in die Luft gesprengt. Wieso ist uns beim Gucken des Tatorts, in dem das passiert („Tödliche Reise“) das Gleiche passiert wie hier, sodass wir bei dem ebenfalls noch einmal ansetzen müssen? Die Handlung war ziemlich verzwickt, daran erinnern wir uns noch.

Es ist tatsächlich so, dass „Laura, mein Engel“ eine richtige Dramaturgie hat, auch wenn er für aktuelle Verhältnisse zu langsam beginnt, denn das Wettrennen zwischen Polizei und Kinderhändlern ist doch recht spannend und nichts geht darüber, Kain mit wilder Wolle, rotem Motorrad und mit passender Kluft und passendem Helm zu sehen, wie er Laura aufspürt – und wieder verliert. Ehrlicher hingegen ist wirklich aus einer anderen Zeit. Seine aufrichtige Ossigkeit in allen Ehren und wir fanden es auch nicht so schlimm, dass er nicht daran denkt, dass ein  Handy einen Nummernspeicher hat, denn 1993 war das erste Jahr, in dem Mobiltelefone so richtig aufkamen und so ein traditioneller DDR-Fernsprechapparat und auch viele westliche Modelle hatten damals eben noch keinen Speicher. Wenn wir’s richtig im Gedächtnis haben, hielten die Mobiltelefone bei Tatort-Polizisten, besonders bei Ehrlicher, auch erst ein paar Jahre später Einzug. Die Verzögerung ist leicht zu erklären: Einem Drehbuchautor muss die Allerreichbarkeit seiner Figuren unheimlich sein, denn damit entfallen viele schöne Verwicklungen und Irrungen. Deswegen die ungewöhnlich häufigen Funklöcher, leeren Akkus etc. in Filmen. Aber das mobile Quatschen hat dafür gesorgt, dass Handlungen per se schneller werden, das liegt nicht nur am geraffteren Stil.

Womit wir nie so richtig d’accord gehen, ist Polizeigewalt bei Vernehmungen. Es ist nun einmal so, dass derlei Darstellungen dafür sorgen, dass die Bürger_innen die Polizei nicht so mögen und weil ja der Ehrlicher so Recht hat, liefert er damit auch gleich die Rechtfertigung in die umgekehrte Richtung: Kann man nicht mal bisschen nachhelfen, wenn es um Leben und Tod geht? Und Anwalt sprechen wollen? Quatsch! Manchmal sind die Strafen, die gegen organisierte Schwerstkriminelle verhängt werden, lächerlich gering, aber eine Gerechtigkeitslücke per Justiz liegt auf einer anderen Ebene, als wenn Menschen bei Vernehmungen misshandelt werden. Wir würden das hier nicht herausstellen, zumal es ja „nur“ ums Klatschen mit einer Akte geht und um um eine Art Kopfnuss, da haben wir schon anderes gesehen, wenn es nicht in neueren Filmen wieder häufiger vorkäme und wohl als harter, actionreicher Realismus durchgewinkt wurde, als die Produzenten die betreffenden Drehbücher genehmigten. Aber das Einhalten von Dienstvorschriften ist eh Old School, in Tatort-Filmen noch mehr als in der Wirklichkeit und ist dieser Blondie-Handlanger nicht auch furchtbar?

Es gab eine Zeit, in welcher Filme der Tatort-Reihe keine Tötungshandlung beinahlten mussten und wenn doch einer vorkam, konnte es durchaus sein, dass er die Szenerie nicht eröffnete, sondern erst im Verlauf und als Folge einer verhängnisvollen Entwicklung verübt wurde. Aber wie die Länger der Filme, die mittlerweile konstant 88 oder 89 Minuten beträgt, hat man die Eröffnung standardisiert und deswegen fängt auch der Einsatz des braven Ehrlicher mit der braven Einhaltung dieses Schemas an. Dann aber konzentriert sich der Film auf Lauras Reise durch die Welt der verfallenden oder gerade in Sanierung befindlichen Altbauten und wer heute noch nicht glaubt, dass an der DDR wirtschaftlich etwas faul war, der soll sich diesen Film ruhig anschauen. Was man hier in Dresden oder Halle sieht, sind keine mit viel Mühe ausgesuchtes Ensembles von Relikten, sondern der Zustand ganzer Stadtviertel um 1990 und der Mord wird letztlich auch nicht geklärt. Man darf annehmen, dass es sich bei den Tätern um die Kinderhändlerbande handelt, aber warum? Lauras Mutter war doch offensichtlich involviert und es gibt keine Andeutung, dass sie plötzlich nicht mehr mit der geplanten sexuellen Ausbeutung ihrer Tochter einverstanden war.

Vielleicht ein paar Worte zur Tochter Laura. Es gibt Stimmen, die es komisch finden, dass die damals knapp 18jährige Davia Dannenberg die knapp 13jährige Laura gespielt hat. Man kann es komisch finden, dass dieses Thema so ausgewalzt wird, weil es damals noch ungewöhnlich war, aber aus Gründen des Kinderschutzes, eine 13jährige ist ja nicht einmal Jugendliche, liegt auf der Hand, dass die Darstellerin in einem Film wie diesem älter sein muss. Außerdem gab und gibt es wohl kaum Supertalente in Deutschland, die mit 13 schon eine solche Rolle ausfüllen könnten. In den meisten berühmten Teenie-Filmen sind die Schauspieler_innen über 20, weil sie dann erst die Ausbildung und damit die Ausdrucksstärke haben, um sozusagen altersmäßig rückwärts spielen zu können. Natja Brunckhorst, die mit 15 die 14jährige Christiane F. in „Wir Kinder von Bahnhof Zoo“ spielte, war eine Ausnahme und eben ein Ausnahmetalent, das eine so fordernde Rolle schon bewältigen oder zumindest hervorragend interpretieren konnte.

An einer Stelle entgleist der Film allerdings etwas: In der Szene, in der Laura mit Marie unterwegs ist und auf der Rückbank liegt, um nicht gesehen zu werden. Die Art, wie sie da über das spricht, wozu sie „angehalten“ werden soll, wirkt tatsächlich zu reif, als hätte sie schon eine deutliche Ahnung, worum es geht.

Ungereimtheiten wie die Weitergabe eines Fotos von Laura an die Presse mit der sehr spekulativen Idee dahinter, dass diese, als der Tötung ihrer Mutter Verdächtige, sich nicht an die Polizei wenden würde, könnten wir nicht außer Acht lassen. Es wäre doch leicht möglich gewesen, dass Passanten, denen sie bei ihren sehr offenen Straßengängen begegnet, sie erkannt hätten oder Polizisten sie aufgegriffen hätten, lange, bevor der einzelne blonde Sucher sie hätte fangen können. Aber wir wollen uns auch nicht daran festbeißen oder daran, dass der Kampf zwischen Blondköpfchen und Marie so gestellt wirkt, wie er ist. Die wehrhafte Frauen-Reparaturwerkstatt, die zudem mit illegalen Teilen handelt, ist hingegen eine nette Idee – einerseits reflektiert sie noch die selbstständige, werktätige Frau oder ein  Klischee davon, andererseits, kein Wunder bei den Männern, wie man sie im Film sieht, dass man lieber sein eigenes Ding macht.

Fazit

Der Tatort 291 hat einige deutliche Schwächen, aber er bringt viel Nachwende-Atmosphäre auf den Bildschirm, wird dem Thema so weit gerecht, wie man es werden konnte, als es noch keine spektakulären Enttarnungen von Porno-Ringen gab, die das Internet nutzten, um sich zu organisieren und um Bilder zu verbreiten.

Eine Nebenrolle in einem ohnehin überwiegend passabel spielenden Ensemble müssen wir herausstellen. Den Nachportier, gespielt von Manfred Borges, der in der DDR ein bekannter Akteur in Film und Fernsehen war. Seine Momente sind so gut, dass wir erwarteten, es handele sich um eine Schlüsselfigur, aber leider hat sie nur zwei Szenen im ersten Drittel des Films.

7/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Ehrlicher – Peter Sodann
Kain – Bernd Lade
Laura – Davia Dannenberg
Loris – Johan Ooms
Jettner – Ivan Desny
Achim – Peter W. Bachmann
Marie – Beate Finckh
Helga – Petra Ehlert
Tina – Myriam Stark
Iris Wegner – Ursula Sukup
Frau Ehrlicher – Monika Pietsch
Sohn Ehrlicher – Thomas Rudnick
und andere

Musik – Bob Lenox
Kamera – Michael Epp
Buch – Richard Hey
Regie – Ottokar Runze

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