Winternebel – Tatort 919 #Crimetime 181 Tatort #Konstanz #Bodensee #Blum #Perlmann #SWR #Winter #Nebel

Crimetime 181 - Titelfoto © SWR, Martin Furch

Still ruht der Bodensee

In ihrem 27. Fall wird Klara Blum, die Tatort-Kommissarin aus Konschtanz, wieder einmal in einen deutsch-schweizerischen Vorgang hineingezogen, in dessen Verlauf wohl nicht nur über den Bodensee die Nebel ziehen. Der Film trägt den Titel „Winternebel“ und ist in wunderschönen Spät-Indian-Summer-Farben abgelichtet.

Ja, die Stimmung passt schon. Schließlich  ziehen die Jahre immer weiter und wir werden älter, zusammen mit den Teams und die ganz Jungen irritieren uns schon langsam. Aber vielleicht können sie wenigstens besser laufen. Man fühlt sich selbst  müde, wenn schon wieder ein Täter einfach so mitten in der Handlung entkommt, dazu noch einem solchen Haufen von Polizisten wie hier in der Konstanzer Altstadt … und so leicht … so leicht. Ob alles andere auch so leicht ging, darüber schreiben wir in der -> Rezension.

Infos zur Handlung (Maran-Film)

Gleich zwei mysteriöse Todesfälle muss Klara Blum (Eva Mattes) aufklären: Zum einen wird Markus Söckle, Maschinist auf einer Bodenseefähre, mit einer tödlichen Kopfverletzung aufgefunden. Der zweite Tote heißt Beat Schmeisser, und alles deutet darauf hin, dass Blums Schweizer Kollege Matteo Lüthi (Roland Koch) den vor einer Verkehrskontrolle fliehenden Schmeisser verfolgt und dann erschossen hat.

Lüthi streitet weder Verfolgung noch Schuss ab, ist sich aber sicher, dass Schmeisser zuerst geschossen hat – eine Behauptung, die durch die Faktenlage nicht schlüssig zu belegen ist. Klara Blum (Eva Mattes) und Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) ermitteln in zwei Richtungen – gibt es eine Verbindung zwischen den Toten? Kollegen Söckles berichten, dass sie den Toten oftmals im Gespräch mit einer jungen Frau gesehen haben – doch diese ist verschwunden. Die Eltern von Anna Wieler (Annina Euling) sprechen von einem Aufenthalt in Australien, eine Behauptung die offenkundig nicht der Wahrheit entspricht. Schließt sich hier der Kreis?

Der tote Beat Schmeisser war vor Jahren an einer tödlich endenden Entführung beteiligt, jetzt ist eine junge Frau verschwunden – und der tote Maschinist Söckle hatte Kontakt mit ihr. Was weiß seine Frau Heike Söckle (Kristin Meyer) und warum macht sie falsche Angaben? Wieso floh Schmeisser bei einer Routine-Verkehrskontrolle? Erst als es Klara Blum gelingt, Antworten auf diese Fragen zu finden, kommt sie der Lösung der Fälle nahe.

Rezension

Kein Krimi kann etwas dafür, dass es so viele andere gab, die das gleiche Muster gezeigt haben. Oder doch? Schließlich weiß man im Jahr 2014 in etwa, was in den über 40 Tatortjahren zuvor passiert ist. Oder sollte es wenigstens, wenn man für die Reihe dichtet und denkt. Logiklöcher gibt es auch wieder, wie zum Beispiel die Szene, wo Perlmann den Ort schon weiß, wo sich der Vater des Entführungsopfers Anna aufhält, im Kommissariat aber Selbiges noch einmal technisch ermittelt wird.

Und Lüthi hat eben nicht in Notwehr geschossen, als er den Typ erwischt hat, der seinerzeit einen kleinen Jungen – entweder umbrachte oder zumindest an dessen Entführung beteiligt war. Das fällt natürlich am Ende komplett hinten runter, weil, tja, wenn irgendwas nachweisbar wäre. Am See Leute meucheln und dann behaupten, draußen, von einem Boot aus, hätte jemand geschossen. Genau auf einer der Linie vermutlich, in welcher der Typ stand, der sein Leben aushauchen musste. Doch Klara Blum schweigt, sie kennt alle ihre Pappenheimer und weiß, was Polizisten so unendlich mürbe macht. Jahre, viele Jahre vergehen und es bleibt ein großer, dunkelgrauer Frust zurück, der nicht einmal durch eine sympathische, junge schweizer Polizistin aufgehoben werden kann.

Wenn die Tatorte vom Bodensee ins Melancholische abdriften, dann aber richtig. Dann gibt es kein Halten mehr, keinen Schimmer von Wärme und so etwas wie Genugtuung. Nehmen wir das Ende. Was hilft einem Mädchen das viele Geld vom Vater, wenn es nie Liebe erfahren hat? Wenn alles, was je zwischen ihr und den Eltern war, unausgesprochen bleiben wird? Die Idee ist hübsch, aber hat sie einen emotionalen Impact? Leider nicht. Vielleicht, weil wir solch simplen Lösungen nicht mehr trauen und den Eindruck haben, der Tatort verfängt sichin seiner eigenen Aussage. Denn wenn Geld nur unglücklich macht, dann ist es idiotisch, genau mit der Entwendung von 2 Millionen Euro eine Art innerfamiliäre Revanche durchzuziehen. Wir dachten, Anna verbrennt die Moneten vor den Augen ihres Vaters. Das hätte uns besser gefallen.

Oh, dieser Vater! Oh, diese Eltern, dieses Haus, dieses Business. Wie immer, wenn im Tatort Wohngebäude im Bauhaus-Style gezeigt werden, ist klar, dass die Bewohner emotional komplett unterbelichtet sind. Manchmal meint man, entweder die Drehbuchautoren oder diejenigen, die für die Dekoration verantwortlich sind, haben einen Komplex, moderne Architektur betreffend. Anstatt mal auf Kontrast zu inszenieren wird übertrieben. Wieder mal gibt’s eine Treppe in den ersten Stock, die kein normaler Mensch sicher begehen könnte, das ist beinahe so schön symbolisch wie neulich die Rampe in einem anderen Tatort, die schon ins Surrealistische ging. Leider fällt uns gerade nicht ein, welcher Film es war.

Die Handlung wird wieder einmal künstlich verzwickt, anstatt dass man an den Figuren arbeitet, bis sie wirklich Substanz haben. Das wäre ja immerhin möglich, weil der 919. Tatort sich relativ schnell vom Whodunit zum Howcatchem oder Howtoescapehim wandelt. Doch weder die Thrillerseite noch die psychologische Unterlegung der Eltern, die für den Fall so wichtig ist, kann überzeugen. Wenn Anna doch den Verschlag aufkriegt, dann muss es ihr auch mögich sein zu fliehen, ohne dass sie genau auf den Entführer trifft. Das wirkt so gewollt, so herbeizitiert, nur, damit es spannender wird. Stellenweise war es das sogar, wir waren uns nicht sicher ob die wenig elaborierte Polizei es noch schafft, Anna das Leben zu retten. Aber am Schluss siegt Klara, Gottseidank.

Zur ermüdenden Wirkung des Films trägt bei, dass die Eltern x-mal angegangen werden, dass Blum und Lüthi zusammen oder abwechselnd versuchen, sie aufzubrechen, aber es klappt nicht. Es klappt einfach nicht, wobei die Mutter zwischen Hysterie und Apathie wechselt und beim Vater irgendwas von einer Angst vor Kontrollverlust im Raum steht, er aber andererseits gegenüber der Tochter offenbar schon mal die Kontrolle verliert. Alles denkbar, aber es wirkt nicht. Es ist nicht griffig. Und geht es ihm wirklich vorrangig ums Geld, wenn er partout die Polizei nicht hinzuziehen möchte, obwohl der Entführer nach einer Million eine weitere fordert? Diese Eltern zu entschlüsseln, ist beinahe unmöglich und wir denken zurück an einen wunderbaren Abend, ja, erst gestern war’s, mit einem uralten bayerischen Tatort, der so packend war, weil die Personen so mutig und konsequent gezeichnet.

Manchmal hat man den Eindruck, weil wir uns immer weiter von uns selbst und vom Kern der Dinge entfernen, werden die Bilder immer glanzvoller, aber das, was dahinter steckt, minimiert sich im Unverbindlichen. Und das Unverbindliche setzen wir nicht gleich mit Interpretierbarkeit, nicht mal am Sonntagabend.

Wir sind ein wenig ratlos. „Winternebel“ steht sehr in der Tradition vieler Tatorte der letzten Jahre, man sieht viel Bodensee-Landschaft, wieder einmal, die Herbststimmung ist gut eingefangen, aber warum heißt der Film „Winternebel“, wenn er eindeutig vor Winterbeginn spielt? Weil der Winter erwartet wird? Weil der Titel von „Winterliebe“ aus irgendwelchen administrativen Gründen nicht komplett geändert werden konnte, nachdem auffiel, dass das Wort Liebe schon eine Woche zuvor im Titel eines Tatorts zu finden war? Dies bleibt im Verborgenen, wie der Sinn manchen Details dieses Films.

Fazit

Ein Format wie der Tatort, das mittlerweile auch unter zu vielen Teams leidet (es werden ja noch mehr werden) kann nach über 40 Jahren nicht bei jeder Premiere auch eine Innovation zeigen – aber es geht auch heute noch, packend zu filmen. Blum und Perlmann genießen bei uns den Vorzug, dass wir schon viele gute Momente mit ihnen hatten, ein kleiner Bonus bleibt dadurch übrig, der eine noch schlechtere Wertung des Films verhindert. Etwa dafür, dass Klara plötzlich aus sich herausgeht und man das ebenso unnatürlich findet wie das gesamte Szenario. Es stand im Drehbuch, also musste es so gespielt werden, anstatt, dass eine allmähliche Steigerung für Dynamik sorgt.

Es ist nicht so, dass „Winternebel“ zu wenig Action hätte, es wird genug geschossen und herumgelaufen und geprügelt und sowas alles. Aber das Ganze wirkt nicht cool, sondern kühl, und wenn eine kleine Nebenrolle wie die einer jungen Polizistin das einzige emotionale Lichtlein entzünden kann, wenn die junge Frau aufgeregt ihren Kollegen im kameraverwanzten Bauhaus sucht, dann ist etwas falsch an diesem Krimi. Es hätte Lüthis und Annas und deren Eltern Film sein müssen, aber er ist es nicht. Im Nebel nach dem Zugang zu suchen, den wir nicht gefunden haben, kann im ausgedehnten Waldgebiet rund um den Bodensee nur vergebliche Mühe sein.

Unsere Wertung: 5,5/10.

© 2014 Der Wahlberliner, Alexander Platz

Anna Wieler – Annina Euling
Annika Beck („Beckchen“) – Justine Hauer
Curd Wehmut („Pathologe“) – Benjamin Morik
Eva Glocker – Isabelle Barth
Hauptkommissar Kai Perlmann – Sebastian Bezzel
Hauptkommissarin Klara Blum – Eva Mattes
Heike Söckle – Kristin Meyer
Martha Wieler – Elisabeth Niederer
Matteo Lüthi – Roland Koch
Reto Wieler – Benedict Freitag
Sylvio Fini – Urs Peter Halter

Drehbuch – Jochen Greve
Regie – Patrick Winczewski
Kamera – Conny Janssen
Musik – Heiko Maile

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