Bienzle und der Biedermann – Tatort 266 / Crimetime 182 // #Tatort #TatortStuttgart #Stuttgart #Bienzle #Biedermann #Bienzleundder Biedermann #Tatort266

Crimetime 182 - Titelfoto © SWR / Schröder

Es wird Ernscht

Zwei Polizisten, zwei Todesfälle und ein Rehessen. Der allererste Bienzle-Fall aus dem Jahr 1992 ist bezüglich seines Aufbaus ein Sonderfall und bezüglich seines Themas ein Fall für den investigativen Journalismus, der es in unserer Zeit trotz vielfältiger Recherchemöglichkeiten nicht so leicht hat. In Köln heißt es Klüngel, in Bayern wirken die Amigos, gibt es auch einen schwäbischen Begriff für Vetternwirtschaft, die nicht nur unter Cousins ausgeübt wird? Mehr zu diesem Sittengemälde in der -> Rezension.

Handlung

Dieser Fall führt Kommissar Ernst Bienzle in den Bereich der Wirtschaftskriminalität. Bienzle ermittelt gegen Dr. Dreher, einen Anwalt und Fachmann für EG-Wirtschaftsrecht. Dr. Dreher steht im Verdacht, seinen Klienten durch Subventionsbetrügereien beträchtliche Summen zuzuschanzen und dabei selber kräftig mitzukassieren. Offensichtlich erhält er, gegen angemessene finanzielle Beteiligung, Rückendeckung aus den höchsten Ebenen der Ministerialbürokratie.

Als Bienzles Kollege Gächter an einem Grenzübergang nach Österreich in Notwehr einen LKW-Fahrer erschießt, der in Dr. Drehers Auftrag subventioniertes Fleisch mit gefälschten Papieren ins Ausland verschieben sollte, muß Bienzle befürchten, daß ihm der Fall entzogen wird. Doch Bienzle recherchiert hartnäckig weiter und trifft dabei auf seinen alten Jugendfreund Paul Stricker, der es im Lauf der Jahre vom Metzgerssohn zum angesehenen Fleischgroßhändler gebracht hat. Äußerlich ist Stricker ein biederer Geschäftsmann. Doch die Fassade trügt. Denn damit der Betrieb floriert, nimmt Stricker die kriminellen Dienste von Dr. Dreher in Anspruch.

Außerdem zieht es Stricker von Zeit zu Zeit in ein Domina-Studio in der Stuttgarter Innenstadt. Der Vorgang ist deshalb interessant, weil er selber ein Geheimnis daraus macht und seiner Mitwelt gegenüber gleichzeitig den Moralspostel spielt. Das bedeutet, Stricker ist erpreßbar.

Nicht ahnend, an welchem Fall Bienzle arbeitet, lädt Stricker den Kommissar zu seinem alljährlich stattfindenden Reh-Essen ein. Zu den Gästen zählen ranghohe Vertreter aus Politik und Verwaltung, und nicht zuletzt auch Dr. Dreher, der ein Verhältnis mit Strickers Tochter Cordula hat.

Während Bienzle die Gelegenheit nutzt, um Belastungsmaterial gegen Dr. Dreher und seine Hintermänner zu sammeln, erhärtet sich sein Verdacht, daß auch Schulfreund Stricker in schmutzige Geschäfte verwickelt ist. Doch bevor er ihn endgültig des Betrugs überführen kann, eskalieren die Ereignise zu einem tödlichen Finale.

Rezension

Der Film beginnt mit einer Tötung in Notwehr, endet mit einem – ja, was eigentlich? Also, ein Totschlag ist es sicher, aber Mord müsste man genauer prüfen und vielleicht gäbe es sogar mildernde Umstände, aber dann wäre es natürlich kein Mord.

Die erste Frage, die sich unweigerlich stellt: Wieso ermittelt Bienzle in einem Fall von Wirtschaftskriminalität? Diese wird bis zum Schluss nicht beantwortet. Der Mann, der 15 Jahre lang in Stuttgart für den SWF bzw. SWR ermitteln wird, ist jedenfalls schon lange dabei. Man kennt ihn auch in der Politik und mit seinem Assistenten Gächter scheint er  schon länger zusammenzuarbeiten. Dieses Verhältnis wird auf eine harte Probe gestellt, als Gächter einen LKW-Fahrer erschießt. Bienzle ist der Ansicht, das war nicht notwendig. Wir sind der Ansicht, Bienzle bzw. das Drehbuch spinnt. Seine soziale Einstellung wird in späteren Tatorten immer wieder thematisiert, aber gerade weil der LKW im Fahren ist, kann Gächter eben nicht genau zielen, wohingegen es sehr wohl möglich war, dass er seinerseits vom Beifahrer des Fleischtransporters hätte getroffen werden können. Vorausschauend hat er bereits die Dienstwaffe entsichert, als noch gar nicht abzusehen ist, dass jemand auf ihn schießen wird. Also ist Gächter die echte Spürnase und Bienzle schätzt die Situation falsch ein.

Das wird ihm im weiteren Verlauf von „Bienzle und der Biedermann“ nicht mehr passieren, da ahnt er immer mehr, wie seine Pappenheimer ticken. Vor allem sein Schulfreund Stricker, der sich auf unsägliche Weise sowohl wirtschaftlich als auch privat verstrickt hat, sofern man die Vorliebe fürs ausgepeitscht werden, das mit einem Instrument aus Leder und in Lederklamotten ausgeführt wird, als Verstrickung bezeichnen kann. Und wie  hat der Vogler, also der Stricker, bloß eine so hübsche Tochter zustande gebracht? Uns ist sie für eine Domina ein bisschen zu süß, zu grazil, aber es leben die frühen 1990er, als man noch hin und wieder etwas mehr sehen durfte.

Sehr interessant, dass man gleich beim ersten Bienzle den Krimi so zurückgestellt hat zugunsten des erwähnten Sittengemäldes. Vielleicht liegt es daran, dass Bienzle ursprünglich eine Romanfigur war und damals noch nicht der Grundsatz galt, Politik im Krimi verkauft sich nicht und ein Tatort rentiert sich nicht, wenn sowas anstelle eines typischen Tatorts mit Leiche, unbekanntem Täter, KT, Gerichtsmedizin, Verdächtigenkorso etc. dargeboten wird. Es gibt nicht einen einzigen Moment, in dem Fakten nicht klar sind, nicht so deutlich ist herausgearbeitet, ob nun das Familiendrama im Vordergrund steht oder die Verflechtung von Wirtschaft und Politik. Die ist gut und auch shonungslos beschrieben, mit verblüffend klaren Ansagen an die CDU, die damals im Ländle die absolute Mehrheit hatte. Selbstredend wird die Parteizugehörigkeit der beim Rehessen anwesenden Politiker nicht erwähnt, aber die, die was zu sagen haben, das sind Unionschristen, die Opposition mit Lehrer-Layout, also 1970er-Haarschnitt ohne Haarschnitt und runder Nickelbrille, das ist die SPD. Ja, eines Tages wird sich alles drehen, darauf hofft die Opposition. Hat es inzwischen auch, aber nicht in Richtung SPD. Die Grünen werden auch schon erwähnt und sind die einzigen, die mal eine Große Anfrage im Kreistag stellen, deswegen haben sie sich die spätere Herrschaft über das Land der Häuslebauer auch verdient. Die SPD hingegen ist beim Rehessen auch dabei und man wird den Verdacht nicht los, wäre sie an der Macht, würde sich nicht viel ändern, die schwäbische, also nicht so deutlich sichtbare Bissigkeit den Regierigen gegenüber ist eher typisch linker Sozialneid als flammendes Eintreten für die Grundwerte der korruptionsfreien Demokratie.

Sowas lässt sich mehr als 25 Jahre später natürlich gut schreiben, weil wir  unzählige Skandale und viele Filzwucherungen weiter sind und es beinahe passiert wäre, dass ein Wirtschaftslobbyist Chef der Bundes-CDU wird. Ganz ausgestanden ist die Sache noch nicht, ein Ministeramt und Ungemach für alle drohen, die nicht so locker mit Interessenkonflikten umgehen können.

Wir halten an dieser Stelle fest, der erste Bienzle-Fall ist kein großer Kriminalfilm und gehen über zu der Aussage, dass die Figuren recht seltsam wirken, sofern sie mit Nachnamen Stricker heißen. Das kommt daher, dass diese Familie, im Gegensatz zum übrigen Personal, nicht monolithisch dargestellt wird. Dem liegt ein klares Muster zugrunde: Die anderen, auch der bösartige Anwalt Dreher, sind Stereotypen, während man die Strickers als gebrochene Figuren zeigt. Die Frau, die weiß, dass ihr Mann auf Abwegen ist, wenn auch nicht, dass diese Abwege in ein Sadomaso-Studio führen, die Tochter, die sich naiv verlieben kann und nebenbei in ebenjenem Studio arbeitet, was aber bisher nie dazu geführt hat, dass sie ihrem Vater dort begegnet, da muss erst der gemeine Dreher was drehen, damit es dazu kommt und der Vater selbst, der als Wirtschaftskapitän auf der Brücke des Gammelfleischdampfers das Bedürfnis hat, mal eine niedere Position als Sexsklave einzunehmen. Wobei sich trefflich darüber diskutieren lässt, ob der Sexsklave gegenüber dem Kapitalisten wirklich die die niedrigere Stellung einnimmt. Zumal, wenn dies Sklaverei eine gewisse Ehrlichkeit und Demut erfordert, während das Ausstellen von falschen Fleischzertifikaten zulasten des Verbrauchers und zur Täuschung der Behörden, zur Erschleichung von Subventionen etc. nun mal typisch für die Gier des Kapitals sind und somit, würde es deswegen zu einem Mordfall kommen, im Sinn von Habgier ein verwerflicher, den Mordtatbestand ebenso befördernder Beweggrund wären wie etwa der Mord aufgrund besonders grausamer Ausführung bejaht werden kann.

Ab hier ist Auflösung

Auch wenn der Dreher nach dem tödlichen Schuss in den Kopf noch schreit, ein solcher Schuss belegt keine grausame Ausführung. Es liegt eher am Dreher, dass die Szene so krass wirkt – dessen Ungeist lässt sich nicht so schnell zum Exitus bringen; dieser Mensch kann nicht einmal nach einer umgehend letalen Einwirkung die Klappe oder das Schandmaul halten. Die wichtigste Figur neben Ernst Bienzle ist aber jener Stricker, der am Ende zum Jagdgewehr greift. Rüdiger Vogler spielt den schon gut und intensiv, aber für uns ist er nun einmal einer der Schauspieler, die durch den Neuen Deutschen Film in ganz anderen Rollen bekannt wurden, aber dadurch wirkt die Figur auch schön rätselhaft. Einerseits hat er sich mächtig hochgearbeitet, andererseits ist er doch ein sehr weicher Typ, der mit seinen Machenschaften nicht so richtig klar kommt, obwohl ihn niemand dazu gezwungen hat. Seine Muster, seine Ambivalenz hat er sogar auf die Tochter übetragen. Man muss sehen, dass die beiden erst im Film davon erfahren, dass sie beide ein zweites Ich haben, das sich auch noch in denselben Vorlieben äußert, gespiegelt natürlich, die nette Tochter gibt die Domina, der Vater muss aus seiner Schale des Unternehmers, der mit den Politikwölfen heult, heraus.

Alle die Wölfe und Füchschen und die Schafe treffen sich  zum jährlichen Rehessen und man merkt, wie schwierig Ensembleszenen zu filmen sind. Die Party wirkt füllig und geradezu satirisch, aber der große Auftrieb, als Cordula Stricker im Dienst-Outfit erscheint, bleibt doch aus. Statisten, Komparsen, Darsteller sind in dem Moment nicht so koordiniert, dass die Szene ein echter, fulminanter Höhepunkt wird und man das Gefühl hätte, der Stricker ist nach diesem Auftritt seiner Tochter gesellschaftlich erledigt. Vielleicht sind die Herren Politiker aber auch alle Kunden von ihr oder ihren Kolleginnen und der Überraschungseffekt ist kaum vorhanden. Diese Familienaufstellung ist vielleicht etwas überspitzt, vor allem die Spiegelung von Vater und Tochter, weniger die eiserne Disziplin der ehrenhaften Mutter, hingegen wirkt das Geschäftliche bezüglich des Hintergrunds beängstigend realistisch. In der Ausführung mit den Riesenschecks vielleicht nicht so, aber 1992 gab es wohl das Geldwäschegesetz nicht, nach dem die Herkunft größerer Summen offengelegt werden muss. Man kann das alles prima umgehen, wenn man zum Beispiel in Moskau eine reiche Tante hat, aber in diesem schwäbischen Kreisel wirkt es geradezu amüsant, wie da auf dem Dach der neuen S-Klasse ein Scheck über 120.000 DM ausgestellt wurde, also etwa die Summe, die das als Schreibunterlage herhaltende Auto gekostet haben könnte. Natürlich fahren die Herrschaften schon dieses Modell, das 1990 erschien und für Kontroversen sorgte, weil es so klotzig und riesig war.

Ob man diese Symbolik bewusst gesetzt hat, ist eine der interessantesten Fragen zu diesem Film. Es wird ja angedeutet, mit welcher Herrenattitüde kurz nach der Wende die deutsche Wirtschaft nach Osten drängte und dieses Mercedes-Modell ist ein Ausdruck des Dampfwalzenprinzips; wie wir wissen, wurde die folgende S-Klasse wesentlich dezenter und leichter, auch etwas kleiner, passend zu den kleineren Brötchen, welche die deutsche Wirtschaft Ende der 1990er, lange nach dem Abklingen der Einheitseuphorie, zu backen hatte. Aber da kam ein Kanzler, der schon durch seinen Auftritt klarstellte, dass die fetten Jahre zurückkehren würden und die Autos der Bosse wurden wieder prunkiger und die Arbeitnehmer_innen hatten das Nachsehen. Man sieht also, ein Regierungswechsel kann andere Folgen haben als man vermuten würde. Wir sind gespannt, wann endlich ein Tatort kommt, in dem die Panama Papers, die Cum-Ex-Geschäfte und sowas alles eine Rolle spielen.

Fazit

Bienzles Einstieg in die wunderbare Welt der Tatort-Ermittler ist ziemlich ungewöhnlich, mit großen Stärken und ebensolchen Schwächen. Für das Wirtschaftsszenario, auch wenn es immer verkürzt dargestellt wird, würden wir 9/10 geben, für den Krimi hingegen nur 5/10. Die Figuren regen zum Nachdenken an, das finden wir richtig und sie sorgen auch dafür, dass dieser thematisch doch recht zähle Tatort Nr. 266 einigermaßen spannend ist, denn die Spannung liegt ja darin, wie sich die Menschen, vor allem die zwiespältigen Strickers, verhalten. Die Eröffnung des 15 Jahre lang laufenden Gags mit Ernst und Hannelore und wie sie nie so zusammen verreisen können, wie es geplant war, weil immer ein Fall dazwischenkommt, wird hier schon angedeutet, allerdings gibt es mit dem Rehessen eine beachtliche Kompensation. Wir nehmen nun tatsächlich die Mitte und geben 7/10.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Ernst Bienzle – Dietz Werner Steck
Paul Stricker – Rüdiger Vogler
Dr. Joachim Dreher – Hanns Zischler
Ingrid Stricker – Heide Simon
Cordula Stricker – Christina Plate
Hilbert – Hubertus
Gertzen Gensmer – Uwe Müller
Bossle – Dieter Eppler
Hannelore Schiedinger – Rita Russek
Fahlbusch – Christoph Hofrichter
Günter Gächter – Rüdiger Wandel

Drehbuch – Felix Huby
Regie – Peter Adam
Kamera – Fritz Moser
Musik – Stefan Melbinger

 

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