Tschiller – Off Duty / Tatort 1062 / Crimetime 189 // #Tatort #Hamburg #TatortHamburg #Istanbul #Moskau #Moscow #Tschiller #OffDuty

Crimetime 189 - Titelfoto NDR / Warner Bros., Nik Konietzky

Off Tatort?

Viele Monate hat es gedauert, aber die Jahresendzeit bereinigt ja fast alles. Zum Beispiel die Restanten auf dem Media-Player, weil so viele neue Filme hinzukommen. Der erste Versuch im Sommer hatte nicht funktioniert, wir sind nach wenigen Minuten aus dem Film ausgestiegen. Vielleicht hatten sich Vorurteile zu schnell bestätigt. Aber irgendwann im Leben muss man die schwierigen Aufgaben meistern, sonst fühlt man sich nicht mehr wohl mit sich selbst. Tschiller würde sagen: Du Opfer! Und wer will schon Opfer seiner Abneigung gegen Tschiller werden? Und sie ist kein Vorurteil, schließlich „Off Duty“ bereits der fünfte Schweiger-Tatort. Aber der erste, der fürs Kino gedreht wurde, mit etwa dem siebenfachen Budget eines normalen Films der Reihe. Ob das viele Geld besondere Eigenschaften unsere bisherige Meinung zu Schweiger als Ermittler geändert haben, steht in der -> Rezension.

Handlung

Nach seinen Alleingängen im Zusammenhang mit dem Ausbruchsversuch seines Erzfeindes Firat Astan, der Ermordung seiner Exfrau Isabella Schoppenroth und einer aufsehenerregenden Geiselnahme, wurde LKA-Ermittler Nick Tschiller für eine Weile außer Dienst gesetzt. Er will die Zeit nutzen, um sich als nun alleinerziehender Vater endlich mehr um seine Tochter Lenny zu kümmern. Doch dann verschwindet diese.

Tschillers loyaler Partner Yalcin Gümer kann Lennys Handy in Istanbul orten. Das Mädchen will in der Türkei wohl auf eigene Faust ihre Mutter rächen. Als Nick erfährt, dass auch noch sein Erzfeind aus dem türkischen Knast entkommen konnte, weiß er, dass seine Tochter in Gefahr ist. So muss er wieder das tun, was er am besten kann: Er greift zur Waffe. Als er in Istanbul erfährt, dass seine Tochter in die Fänge russischer Gangster geraten ist und zwielichtige Organhändler sie nach Moskau verschleppt haben, wo sie Lenny „ausschlachten“ wollen, beginnt für Nick endgültig ein Rennen gegen die Zeit.

Rezension

Es ist nicht wahr, dass Tatorte immer mit einem Tatort beginnen. Das hat sich nur im Lauf der Zeit als Beinahe-Einheitsmuster herausgebildet. In der Anfangszeit gab es viele Varianten, sogar welche ganz ohne Tötungsdelikt. Ein Tatort muss auch kein Whodunit, kein Rätselkrimi sein. Thrillerplots und Howcatchems sieht man nicht selten, der Täter ist also bekannt und wie sie ihn kriegen, darauf kommt es an. Ein Thriller wird meist daraus, wenn das Zeitelement eine besondere Rolle spielt, wie in „Tschiller – Off Duty“. In di esem Fall wird der Wettlauf gegen die verrinnenden Minuten dadurch organisiert, dass Tschillers Tochter als lebende Bombe in Moskau unterwegs ist und auf der Party eines Oligarchen gezündet werden soll, um diesen aus dem Weg zu räumen.

Nun soll Til Schweiger persönlich diesen Tatort als Kunst bezeichnet haben. Um es gleich zu schreiben: Wie er darauf kam, werden wir niemals nachvollziehen können. Actionfilme nach US-Muster sind keine Kunst, sondern Unterhaltungskino. Dabei gibt es gute und weniger gute Exemplare der Gattung. Brutal sind sie spätestens seit den 1980ern alle, unnötig brutal für diejenigen, die nicht abgestumpft sind. WIr sind keine Actionkino-Fans, aber doch so weit vor, dass wir das Geballere nicht mehr per se als furchtbar empfinden: So ist die Welt. So ist sie wirklich. Allerdings wäre die Zahl der Opfer weitaus niedriger, wenn alle so schlecht schießen könnten wie alle in diesem Tatort, und selbst wenn die erkennbar getroffen werden, ertragen sie es mit einer geradezu buddhistischen Ruhe. Womit wir bei einem ersten Unterschied zu guten US-Filmen wären: Wenn dort jemand getroffen wird, dann wirkt es auch. Die Menschen sind unkaputtbar, schwere Verletzungen machen ihnen kaum was aus, aber sie haben diese Verletzungen und wenn bei massiven Schießereien nicht getoffen wird, dann sieht es nicht aus, als sei das a.) unmöglich und als würde b.) doch jemand getroffen.

Die Warner Brothers haben zwar mitproduziert, aber für deren Verhältnisse ist „Off Duty“ ein kleines Ding. Viel teurer als ein üblicher Tatort, teurer als die meisten deutschen Kinofilme, schon klar, aber bei Weitem nicht mit dem Budget ausgestattet wie ein Werk, das in den USA ein Blockbuster werden soll. Ein Zwischending also, und das merkt man durchaus. Denn verglichen etwa mit den James-Bond-Filmen müssen beim Aufwand deutliche Abstriche hingenommen werden. Die Denke, die dahinterteckt, ist vermutlich, für deutsche Verhältnisse ist es doch ein Knaller geworden. Da jedoch das hiesige Publikum „Off Duty“ mehr als Kinofilm denn als Tatort wahrnehmen dürfte und weil es  auch US-Filme oder vor allem solche schaut, setzt es den Weltmaßstab an und wenn Schweiger sich für Weltklasse hält, muss er sich diesen Vergleich als Mitproduzent via „Barefoot“ gefallen lassen. Außerdem ist das Zustandekommen dieser Produktion doch seinem Ego zu verdanken, die ARD hat ihn sicher nicht dazu genötigt.

Ob es nun eine gute Idee war, „Off Duty“ überhaupt in die Reihe Tatort einzugliedern, kann man so oder so beantworten. Der übliche Vor- und Abspann wirkt bei diesem Film seltsam fremd, aber dazwischen könnten ja mehr als zwei Stunden Excitement gewesen sein und da nimmt man gerne in Kauf, dass diese Elemente angepappt wirken. Das Excitement betreffend, kann auch ein Actionfilm uns zufriedenstellen, wenn zum Beispiel die Handlung super ausgedacht ist. Wir meinen sogar: Nur mit einer guten Handlung kommt die Action voll zum Tragen, weil man nicht ständig dadurch Fragen an den Sinn des Ganzen abgelenkt wird. Das heißt, die Handlungselemente, die Abläufe, die Aktionen und die Motive der Figuren sollten stimmig sein. In „Off Duty“ ist das leider nicht so. Alle, die an der Entführung der Tschiller-Tochter beteiligt sind, wissen doch, wer das Mädchen ist. Warum, zum Henker suchen sie sich ausgerechnet die Tochter eines Mannes aus, der für seine schnellen Einzelgänge bekannt ist, der sich auf jeden Fall auf die Verfolgungjagd machen wird, wo es in Russland, direkt in Moskau, total vor Ort, so viele schöne Mädchen gibt, die man für den hier vorgesehenen Zweck einsetzen kann. Oder solche vom Lande, die in Moskau um den Preis einer Niere was werden wollen. Und warum sollten türkische Mafiosi in dieses Vorhaben des Möchtegern-Oligarchen eingebunden werden, der einen erfolgreicheren Mann auf die Seite schaffen will?

Die Antwort liegt nah: Weil man wegen der großen türkischen Community in Deutschland  unbedingt noch so eine coole Stadt wie Istanbul in dem Film haben wollte. Und wegen der vielen Deutschrussen hat man sich Moskau als zweiten ausländischen Drehort ausgesucht. Marketingtechnisch nachvollziehbar, aber in der Art, wie es hier gezeigt wird, grottenunlogisch. Wir wollen nicht behaupten, die Ortswechsel, die in den offenkundig als Vorbilder dienenden Bond-Filmen vorkommen und dort noch rasanter ausgeführt sind, seien in jenen Werken per se stimmig, aber dadurch, dass es sich um Agentenkino mit grundsätzlich internationalem Anstrich handelt, stört man sich daran nicht und es ist ja auch seit nunmehr über 56 Jahren eine bewährte Masche, exotische Schauplätze zu zeigen. Dieses Verfahren hat auch nicht seinen Reiz dadurch verloren, dass mittlerweile viele Menschen in der Lage sind, sich diese Orte  live anzuschauen. Denn das Hopping durch die große Welt tritt hinzu und da können Pauschalurlauber nun mal nicht mit. Tschiller bewegt sich im Wesentlichen aber nicht, wie Bond, in dieser Welt, sondern streift sie nur. Gewiss hat er sich schon die Rolle hineingeträumt, die derzeit von Daniel Craig ausgefüllt wird und mit Craig kam ja auch ein härterer Typ an den Posten im Geheimdienst ihrer Majestät, aber jetzt ist es eh zu spät. Der nächste Bond wird ein wesentlich jüngerer Darsteller sein.

Tschillers Motive sind nachvollziehbar, es geht um die Tochter, welches Motiv könnte stärker sein. Zumal es wirklich die eigene ist. Doch die Konstruktion des Plots, die eher künstlich als künstlerisch daherkommt, wirkt der ganze Run verschoben. Die Action selbst, von zu wenig Zielwasser beim Schießen abgesehen, ist schon okay und wir lernen, Typen wie Tschiller sehen es den Raumabtrennungen in Hotelzimmern durch die Tapeten hindurch an, ob sie aus Stein sind oder nur Stellwände. Aber gerade im Kino muss auch die Leinwandpräsenz der Darsteller passen. Und damit hat es das deutsche Schauspielerpersonal generell nicht so leicht, weil es zu theatermäßig ausgebildet ist und zu wenig auf echte Typen abonniert, die man spielen könnte.

Auch wenn Schweigers Nuscheln eine der schlimmsten Marotten im deutschen Film ist und man seinen Partner Fahri Yardim viel besser versteht und dessen Sprache doch viel lockerer und cooler wirkt als dieses bewusst Flache und Gequetschte, das Schweiger für angezeigt hält, um so ein rechtes Raubein abzugeben, so schlecht ist es nicht, mit dem Kinomäßigen. Schweiger hat ja auch schon sehr erfolgreiche Kinofilme gemacht, allerdings eher im Genre Komödie, und da muss man nicht so überlebensgroß wirken, als Hauptcharakter, wie gerade im Actionkino, das nun mal zwingend erfordert, dass der Held seine Ausnahmephysis und -psyche glaubhaft machen kann. Aber es hätte schlimmer kommen können und Tschiller profitiert sehr von seinem Partner Gümer, den er im Grunde hätte gleich nach Istanbul mitnehmen müssen, denn kann Tschiller türkisch? Nein.

Aber wie seine Tochter sich dort auf Abwege begibt und wie Luna Schweiger sie verkörpert, das ist – also, das muss eine große Liebe sein, bei den Schweigers. Allerdings auch eine obsessive Form von Liebe, denn es ist so offensichtlich, dass diese junge Frau nicht fürs Kino taugt, dass nur Blindheit aus Liebe die Besetzung noch irgendwie erklären kann – eine Rechtfertigung ist sie allerdings nicht. Denn das Anfangsproblem für den Zuschauer lässt sich nicht mehr beheben: Dass er zu dieser Person kein emotionales Verhältnis entwickeln kann, das dazu führt, dass man an ihrem Schicksal teilnimmt. Und dass Tschiller, also Schweiger, dann auch noch an ihrem Bauch herumfummelt und den Amateurchirurg gibt, als wirklich. In einem Bereich hat man die US-Vorbilde dann doch übertroffen: An Geschmacklosigkeit. Ja, es sei noch einmal erwähnt, weil schon letzte Woche anhand des Lochs im Kopf von Kommissarin Janneke, Frankfurt am Main, ausgeführt: Dieser Blutrealismus, der in Wahrheit gar nicht realistisch ist, geht uns mächtig auf den Zeiger. Das ist, neben der seltsamen Familienaufstellung, der zweite Grund dafür, warum wir diese Szene nicht genießen konnten.

Fazit

Wir haben den Film letztlich  mehr als Actionfilm denn als Krimi der Tatort-Reihe angeschaut, aber dadurch kommt natürlich der Vergleich mit anderen Actionfilmen auf, denn irgendeinen Maßstab muss es ja geben. Leider müssen wir festhalten: Wenn man acht Millionen Euro zur Verfügung hat, muss man ein paar mehr davon ins Drehbuch investieren, um einen Top-Schreiber einsetzen zu können. Der Film ist handlungsseitig so fantasielos, wenig überraschend und auch die Dialoge sind nicht alle höchstes Niveau, man kann auch schreiben, sie sind es überwiegend nicht. Sequenzen wie die mit dem Mähdrescher, der bis zum Roten Platz in Moskau vordringt, sind nett und verleihen „Tschiller – Off Duty“ doch ein paar erinnerungswürdige Momente und wir wollen uns ncht zu sehr an wirklich blöden, vermeidbaren Detailfehlern hochziehen wie etwa dem, dass eingeblendete SMS immer nach einer Sekunde wieder vom Bildschirm verschwinden, egal, ob es sich um ein Wort oder zum mehrere Zielen handelt, das ist pseudo-cool. Ebenso wie die vielen Ausrufezeichen.

Niemand schreibt so, wenn er mit maximaler Geschwindigkeit ins Handy textet – und es wirkt besonders uncool. So erwächst von Beginn an das Gefühl, man hat es mit einem visuell gepushten, aber inhaltlich unterambitiontierten, irgendwie gewollt und nicht gekonnt wirkenden Streifen zu tun, das ändert sich im Verlauf allerdings ein wenig. Der russische Teil ist klar besser als derjenige, der in der Türkei spielt, stellenweise sogar recht fantasievoll – und mit einer Figur konnten wir doch ein wenig mitfühlen. Mit Dasha.

Es ist hart, in Russland ein schönes Mädchen zu sein, weil es so unfassbar viele davon gibt und nicht genug Oligarchen für alle. Die meisten sind schon froh, wenn sie sich einen Bodyguard eines Oligarchen angeln können und der eine Lebensversicherungspolice besitzt, die dem schönen Mädchen zugute kommen kann.

6,5/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Niklas „Nick“ Tschiller – Til Schweiger
Kommissar Yalcin Gümer – Fahri Yardim
Firat Astan – Erdal Yildiz
Lenny Tschiller – Luna Schweiger
Hotelangestellte Rehan – Berrak Tüzünataç
Idris Ervan – Murathan Muslu
Süleyman Seker – Özgür Emre Yildirim
Aykut – Erol Afsin
Demir – Kida Khodr Ramadan
Bülent – Tamer Tıraşoğlu
Chirurg Dr. Schmidt – Axel Werner
Prostituierte Dasha – Alyona Konstantinova
Semjon Assinowitsch – Eduard Flerov
Boris Golidzyn – Egor Pazenko
Bordellbesitzer Alexander Kinskij – Jewgeni Sidichin
Isabella Schoppenroth, Nicks verstorbene Ex-Frau – Stefanie Stappenbeck

Drehbuch – Christoph Darnstädt
Regie – Christian Alvart
Kamera – Christof Wahl
Schnitt – Marc Hofmeister
Szenenbild – Thomas Freudenthal
Ton – Joern Martens
Musik – Martin Todsharow

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