Tod im U-Bahnschacht / Tatort 57 / Crimetime 192 / #Tatort #TatortBerlin #Berlin #Schmidt #Hirthe #UBahn #UBahnschacht

Titelfoto © SFB / RBB

Der Dandy, der Dealer, der Deutsche und zwei Polizisten

Wir haben es überstanden. Und es war gar nicht so schwierig. Die Giftschrank-Folge, die man nach langer Zeit wieder ausgepackt hat und der es um türkische Geschäftemacher im abgeriegelten Berlin der 1970er geht, ist an unseren Augen vorübergezogen und wir leben noch. Wir halten das hier kurz, weil ja viel Menschen gar nicht mehr die Aufmerksamkeitsspanne haben, um weiterzulesen bis zur -> Rezension. Schade eigentlich, denn die birg eine Überraschung.

Handlung

West-Berlin Mitte der 1970er Jahre. Das U-Bahn-Netz wird kontinuierlich ausgebaut, um die auch hier von der Deutschen Reichsbahn betriebene S-Bahn überflüssig zu machen. In einem in Bau befindlichen U-Bahn-Tunnel arbeiten fast nur illegal in Deutschland lebende Ausländer, zumeist Türken. Durch Unachtsamkeit wird Mehmet, einer der Arbeiter, vom Bulldozer erfasst und erliegt noch am Unfallort seinen schweren Verletzungen. Vorarbeiter Bauler entscheidet, nicht die Polizei zu alarmieren, da sonst der gesamte Menschenschmuggler-Ring auffliegen würde. Die Leiche des Mannes soll noch in der Nacht beseitigt werden. Doch beim Abtransport von der Baustelle schaut ein Bein aus dem Kran heraus und durch den Bauzaun beobachtet ein Betrunkener diese Szene. Er meldet seine Beobachtung der Polizei, woraufhin sich Kommissar Wagner von der „Arbeitsgruppe Ausländer“ um die Angelegenheit kümmert. Einem Hinweis folgend versucht Wagner in einer Kiesgrube die angebliche Leiche zu finden, jedoch ohne Erfolg.

Inzwischen wird Arkan, der Schwager des Toten, von der Polizei wegen einer Messerstecherei verhaftet. Als Baustellenchef Kaiser davon erfährt, hat er Bedenken, dass Arkan etwas von dem Unfall verraten könnte, deshalb lässt er dessen Schwester Ayse weg- und in einem Gasthof unterbringen.

Kommissar Wagner und sein Kollege Schmidt sind über Kaisers Machenschaften im Bilde, konnten ihm in der Vergangenheit allerdings nichts nachweisen. Wagner vermutet außerdem Drogengeschäfte Kaisers. Daher will er Arkan als Köder benutzen, um nicht nur Kaiser, sondern auch Abdullah, dem türkischen Chef des Menschenhändler-Rings, auf die Schliche zu kommen. Bei einem Gefangenentransport gelingt Arkan die von Wagner eingeplante und eingeleitete Flucht. Da er sich bei seiner Schwester verstecken will und Ayse in ihrer Wohnung nicht findet, macht er sich auf die Suche nach ihr. Ihm ist klar, dass nur Kaiser hinter ihrem Verschwinden stecken kann, doch schafft er es nicht, zu ihm vorzudringen, da sein Grundstück zu gut bewacht ist. So sucht Arkan erst einmal die Stelle auf, an der Mehmet vergraben wurde, um dort zu beten. Unbemerkt erfahren die Kommissare so von dem Versteck.

Weiter bis zum Ende der Handlung: Wikipedia.

Rezension

Es ist offensichtlich, dass man in Berlin Mitte der 1970er sauer darüber war, dass die angestammten Alterberliner Banden und Dealer und Immobilienhaie sich das Geschäft nun mit Menschen mit Migrationshintergrund teilen mussten. Das war auch eine Art von Zeitenwende. Die italienische Mafia war allerdings zu dem Zeitpunkt, als der Film entstand, auch schon etabliert. Man kann aber nicht alle Milieus in einem einzigen Film abhandeln, es sei denn, man ist der ORF und stellt Wien als eine Melange dar, wo pro Ethnie genau ein Stereotyp ausreicht, um die Klarsicht zu behalten.

Es verwundert immer weniger, dass die heutige Generation von Türken oder Deutschtürken sauer ist auf die Deutschen, die Angehörige ihrer Nationalität als solche Lachnummern dargestellt haben wie „Der Kleine“. Schon die Idee, ihm nur eine solche Zuschreibung anstatt einen Namen zu verpassen, ist krass. Wir können auch verstehen, dass die jungen Türken hier sauer auf ihre eigenen Vorfahren sind, die ihnen zu weich vorkommen und mit verschiedenen Verhaltensweisen dazu beigetragen haben, dass die Jüngern es nicht leicht haben. Auffällig: Dass die Religion damals noch keine Rolle gespielt hat, zumindest nicht im Film. Es ist durchaus denkbar, dass das auch in der Realität so war, dass der Islam noch keine Identitätsstiftungsfunktion hatte. Weiterhin sollte man zumindest prüfen, ob nicht vieles, was uns in diesem Film sonderbar erscheint, auch so gemeint war. Die Handlung, die Typen, alles so krass. Die Logik ist ja heute auch nicht mehr so das Ding, aber die Inszenierungen, die allem so einen edlen Glanz geben, versuchen, uns die Unwichtigkeit traditioneller Krimitugenden nahezulegen. Und – ja, natürlich dürfte man die Angehörigen irgendeiner ethnischen Gruppe heute nicht mehr so darstellen, wie das mit den Türken geschieht.

Das liegt aber auch nah, und zwar ganz ohne Zwang zur Political Correctness. Man würde die grassierende Clankriminalität verharmlosen und parodieren, wenn man die Akteure so schräg zeichnet wie den Dendy mit de weißen Jacke, die natürlich keine weiße Weste ist und den Big Boss, der hauptsächlich Dönerspieße bestückt, ansonsten aber an allem beteiligt ist, womit sich im Untergrund Geld machen lässt. Wir wollen den Berliner Dönerfleisch-Fabrikanten nicht zu nahe treten, aber der Unterschied zur Wirklichkeit liegt vor allem in der starken Vereinfachung und in diesen kuriosen, trashigen Typen.

Da hat es schon mal Strickbommeln im Cadillac und dergleichen. Natürlich gibt es Geschmacksunterschiede zwischen den Angehörigen verschiedener Nationalitäten, aber das Ganze tendiert, wenn anders als bei Menschen mit westlicher Prägung, eher in Richtung übermäßig gediegener marmorlastiger Protz und beim den Autos zu SUVs deutscher Herkunft anstatt Cadillacs verschiedener Baujahre. Das coolste Auto ist aber der oder die giftgrüne Corvette Stingray (nicht die vorherige Variante „Sting Ray“, sondern das damals aktuelle Modell), und das oberauffällige Auto fährt ein deutscher Geschäftsmann, der früher als Fluchthelfer seine Brötchen verdient hat, aber mit der Entspannung kam ja auch das Ende der Methode, der DDR Menschen abzukaufen, die sie nur allzu gerne loswerden wollte. Also wird der Menschenhandel auf die Baustellen und in die guten Stuben der Sexarbeit verlegt. Fachkräftemangel gab es also in den 1970ern auch schon und ebenso die Diskussion, ob man nicht mal diejenigen erst qualifizieren sollte, die schon hier sind, bevor man immer weitere Menschen ins Land holt und gleichzeitig einen immer größeren Tross von Abgehängten mitschleppt. Aber der Kapitalismus kannte schon 1975 kein Pardon und der Aufenthaltsstatus war ein ähnlich  heikles Ding selbst für Jugoslawen, die es bekanntlich gar nicht mehr gibt wie heute für Asylbewerber oder Arbeitsmigranten von außerhalb der EU.

Dieser Tatort ist durchaus informativ. Wer wissen will, wie die libanesischen Clans in Berlin entstanden sind, der wird hier fündig, auch wenn es im Film vor allem um Menschen türkischer Nationalität geht, die illegal auf Baustellen arbeiten. Und dank Subventionsbetrieb wurde ja in Berlin damals viel gebaut. Und da wir auf einer U-Bahn-Baustelle sind: Viele Design-Ikonen in Form von  Untergrundbahnhöfen entstanden damals, wie etwa „Rathaus Steglitz“, der im Film gezeigt wird.

Der Film pflegt in vieler Hinsicht eine sehr interessante Form von unrealistischem Realismus oder von Realismus im leicht Surrealen. Vieles, was wir sehen, gibt es wirklich, aber es hat ein anderes Gepräge und natürlich sind auch 43 Jahre seit der Premiere von „Tod im U-Bahnschacth“ gerade bei einem solchen Thema wie der Migration, die ihr Gesicht schneller verändert als die „Bestandsgesellschaft“, eine lange Zeit.  Im Film sehen wir nur türkische Zuwanderer der ersten Generation, keine Menschen mit Migrationshintergrund, die hier geboren sind und deren Eltern oft schon hier zur Welt kamen und aufwuchsen.

Fazit

Vor allem zu Beginn ist der Film furchtbar, aber im Lauf der Zeit setzt sich eine Form von Hang zur Satire durch, der vielleicht dadurch zustande kam, dass man sich die ersten Szenen angeschaut und gemerkt hatte, das kann kein ernsthafter Beitrag zur Reihe mehr werden, also kann man ruhig weiterhin übertreiben, ist aber befreit von  verklemmten Authentizitätsanforderungen und dadurch bekommt die Übertreibung etwas durchaus Lockeres und Kultiges.

Dass in der Besetzung der Kommissar Schmidt so weit hinten auftaucht, ergibt durchaus einen Sinn. Er kommt nämlich spät ins Bild und hat dann nicht viel zu sagen. Sein Kollege Wagner von der Sitte ist auch der bei weitem griffigere und witzigere Typ. Immnerhin wissen wir jetzt, wo bei Bülow das verschrobene Lachen herkommt, wenn andere etwas sagen, was man absurderweise absurd findet  und dadurch die Ermittlungen nicht gerade voranbringt. Graben! Graben wäre in Berlin vielleicht auch heute noch erhellender als DNA lesen. Und man kann Erde auflockern, verdichten oder aufschütten und dann verdichten, am Ende fährt immer die Planierraupe drüber.

Wir mussten wegen dem selbst auferlegten Zwang zur Bewertung und damit zur Möglichkeit der Einordnung feststellen, dass es Fälle und Filme gibt, in denen es besser wäre, sich diesem Zwang zu entziehen, weil man damit einem Werk nicht gerecht werden kann. Aber wir haben ja neulich auch den Nicht-Tatort „Tschiller – Off Duty“ wie einen Actionfilm betrachtet, aber im Tatortschema bewertet, warum soll das nicht auch bei „Tod im U-Bahnschacht“ möglich sein. Wir geben 5,5/10. Das ist schwach, aber kein solches Desaster, wie nach der Rangliste des Tatort-Fundus zu vermuten wäre.

Außerdem kann man den Film tatsächlich dahingehend auswerten, dass er auf die Situation illegaler Arbeitssklaven weltweit anwendbar ist. Eine Arbeitsgruppe Ausländer wird es dem Namen nach nicht mehr geben, aber bis heute weiß, wie schon 1975, niemand, wie viele Menschen in Deutschland wirklich leben, weil nicht alle registriert sind und dadurch gar nicht erst in die legale Wirtschaft hineinfinden. Vielleicht in die halb legale, die Bauwirtschaft. Da ist man auch heute noch froh, wenn der Betrieb läuft, wenn das günstigste Gebot genommen werden darf und man fragt nicht so genau danach, wie im Wege von Ausschreibunge die Angebotspreise kalkuliert werden.

30.12.2018, kurz nach Mitternacht. Bereits heute gibt es einen Knall- oder Überraschungseffekt. Mit „Tod im U-Bahnschacht“ hat der RBB noch einen bisher nicht in den Restaurierungs-Staffeln enthaltenen Film auf Lager. Der 57. Tatort stammt nämlich aus dem Jahr 1975. Es handelt sich um den ersten von drei Tatorten mit dem Kommissar Schmidt, die anderen beiden „Feuerzauber“ und „Transit ins Jenseits“ wurden durchaus in der ersten, 2017 präsentierten HD-Neu-Staffel untergebracht. Nicht aber „Tod im U-Bahn-Schacht“.

Der Grunde dürfte klar sein, wenn man in die Rangliste des Tatort-Fundus schaut. „Tod im U-Bahn-Schacht“ gilt als zweitschlechtester Tatort aller bisherigen Zeiten, noch negativer bewertet als der berüchtigte gelbe Unterrock vom damaligen SWF, den der heutige SWR mit sehr langem Anlauf vor einiger Zeit dann doch wieder rausrückte, nach dem Motto, es darf keine sogenannten Giftschrank-Tatorte aus qualitativen Gründen geben. So hat wohl auch der RBB gedacht und wir finden das klasse. Man muss den Mut haben zu zeigen, dass die Berliner Tatorte nicht selten die handwerklichen Mängel aufweisen, die auch sonst in der Stadt allenthalben zu besichtigen sind. Es ist ja historisch erklärbar, dass hier auf eine Weise geschlampt wurde und immer noch wird, die aufgrund der ungewöhnlichen Häufung von großen Fails wie dem BER auch lange nach der Wiedervereinigung noch sehr auffällig zutage tritt.

TH

Abdullah – Senih Orkan
Arkan – Erdal Merdan
Arkans Schwester Ayse – Meral Orhonsay
Bauler – Klaus Münster
Betrunkener – Friedrich G. Beckhaus
Bulldozer-Fahrer – Günter Meisner
Der Alte – Aras Ören
Der Kleine – Tuncel Kurtiz
Kaiser – Reinhard Kolldehoff
Kommissar Schmidt – Martin Hirthe
Pensionswirtin – Dorothea Moritz
Wagner – Manfred Günther
Wolf – Andreas Mannkopff
u.a.

Regie – Wolf Gremm
Drehbuch – Peter Stripp

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