Babylon Berlin – Die Serie, Einstieg und Folge 1 / Crimetime 200/1 // #Babylon #Berlin #BabylonBerlin #Crimetime #ARD #Sky

Crimetime 200/1 - Titelfoto und weitere Bilder: ARD Degeto / X-Filme / Beta Film/Sky Deutschland / Frédéric Batier

Einstieg

Die ARD schreibt gerade, der Dreh der dritten Staffel von Deutschlands Mega-Fernseh-Event habe begonnen und 14,53 Millionen Zuschauer hätten mindestens eine Folge der Staffeln eins und zwei gesehen. So kann man es auch zusammenfassen, im Detail sieht es aber doch etwas anders aus als bei den Einschaltquoten eines Fußball-Länderspiels.

Wir sind im Rezensieren von Serien nicht sehr erfahren, „Tatort“ ist bekanntlich eine Reihe, keine Serie. Babylon Berlin aber ist ein Serie, die Handlungselemente in den bisher 16 Folgen bauen aufeinander auf, wobei ein Hauptstrang sich bis zum Ende von Staffel 2 zieht, der zweite schon früher endet. Und über dem großen Verbrechen und im großen Verbrechen die politische Lage, die vom bevorstehenden Ende der Demokratie kündet. Um die Rezensionen im Griff zu behalten, haben wir den Platz „Crimetime 200“ reserviert und werden mit Updates arbeiten, wie bereits bei einigen Beiträgen der Serie „Mieter!.“

Aber wir werden nicht nur neue Folgen-Rezensionen beifügen, sondern auch die Gesamtbetrachtung immer wieder ergänzen und neue Elemente beifügen, sodass erstmals in der Rubrik „Crimetime“ eine Schrägstrichnummer für die aktuelle Version des Beitrags vergeben wird. Gleichzeitig aber bezieht sich dieser Shrägstrich auch auf die Folgennummer, wobei wir staffelübergreifend von 1 bis 16 durchnummerieren werden. Gemäß seinem Gegenstand ist die Rezensionssiere zu „Babylon Berlin“ das bisher größte Projekt des Wahlberliners im Fernseh- und Filmbereich.

Die teuerste deutsche  und teuerste nicht englischsprachige Fernsehproduktion bis heute hatte hohe Erwartungen geweckt und wenn man in Berlin lebt und außerdem alte Filme mag, ist die Serie ein Muss. Kürzlich haben wir „The Artist“ rezensiert, der genau in der Epoche spielt, in der auch „Babylon“ angesiedelt ist, allerdings über fünf Jahre hinweg und das Historisierende heutiger Filme als Rezeption vergangener Zeiten und Filmepochen ist ein besondrers interessantes Kapitel – genau, der Rezeption des Mediums.

Ungewöhnlich ist, dass sich die 16 Folgen der ersten und zweiten Staffel nur über wenige Tage um den ersten Mail 1929 herum erstrecken. Im Wesentlichen. Es gibt auch Rückblenden, allerdings nur das Leben von Gereon Rath betreffend. Ab und zu werden wir auch etwas über die Serie drüberfliegen, weil wir sie für die Kritik nun zum zweiten Mal anschauen. Auch das ist ungewöhnlich, weil wir für einen solchen Aufwand normalerweise nicht das Zeitbudget haben. Bei uns ist aber etwas eingetreten, was man nicht von allen Zuschauern und Kritikern behaupten kann, die „Babylon Berlin“ bei der Free-TV-Premiere im September und Oktober 2018 angegangen sind oder darüber geschrieben haben: Da ist ein Sog entstanden, wir wollten immer wissen, wie es weitergeht.

Die ersten drei Folgen wurden damals am Stück ausgestrahlt und erreichten im Schnitt, über den Abend hinweg, eine Anzahl von 7,83 Millionen Zuschauern. Das ist eine Zahl von Zusehern, welche auch ein etwas schwächerer Tatort bei seiner Premiere schafft – wobei die Quoten gerade in dieser Reihe nicht auf die Qualität des jeweiligen Films schließen lassen.

Nach Staffel eins von „Babylon Berlin“ waren nur noch etwas mehr als 4 Millonen Zuschauer dabei, am Ende noch ca. 3,65 Millionen. Bei der Pay-TV-Premiere ein Jahr zuvor auf Sky startete der Film mit dem zweitbesten Ergebnis einer Serie bis dato.

Einen Grund für das Nachlassen der Zuschauerzahlen nennen wir vorab: Der Beginn ist spektakulär, aber auch sehr kryptisch. Daher war es für die Rezension notwendig, schon den Überblick über das Ganze zu haben, um zu bewerten, wie der Weg dorthin gestaltet wurde, damit verraten wir den Hauptgrund fürs zweimal Anschauen. Nach einer gewissen Zeit, nach einigen Folgen, nehmen die spektakulären Szenen, die zunächst recht häufig zu sehen sind, ab und die Dramaturgie wird flacher, Höhen und Tiefen werden nicht mehr so ausgelotet. Oder man hat sich daran gewöhnt und stellt fest, Fernsehen ist kein Kino und was dort über ein paar Stunden hinweg funktionieren kann, trägt nicht gleichermaßen über 16 Folgen hinweg. Aber es zieht dann auch wieder an und besonders die Folgen 15 und 16, in denen wichtige Charaktere gewaltsam zu Tode kommen, sind wieder auf dem Ausgangsniveau.

Handlung der Staffel 1 (Folge 1 bis 8), kurz zusammengefasst (Wikipedia)

Die Serie spielt in Berlin am Ende der 1920er Jahre, als sich wegen der zunehmenden wirtschaftlichen Probleme sowie des daraus resultierenden Erstarkens und der wieder zunehmenden Radikalisierung der extrem rechten und linken Organisationen bereits das Scheitern der Weimarer Republik abzeichnet. Die Protagonisten sind Kommissar Gereon Rath, der von Köln nach Berlin kommt, um im Rahmen eines Erpressungsfalls zu ermitteln, und Charlotte Ritter, eine junge Stenotypistin. Rath leidet, wie viele Veteranen in dieser Zeit, unter der posttraumatischen Belastungsstörung des Kriegszitterns, die eine Nachwirkung des Einsatzes im Ersten Weltkrieg ist.

Im Berliner Polizeipräsidium lernt Rath Charlotte Ritter kennen und beginnt zusammen mit ihr und dem Berliner Kollegen Bruno Wolter seine Ermittlungen, wobei er mit Drogen, Politik, Mord und Extremismus in Berührung kommt. Einer der Schauplätze ist das Moka Efti, ein großer Nachtclub im Berlin der 1920er und 1930er Jahre. Raths Untersuchungen gehen bald über das ursprüngliche sittenpolizeiliche Umfeld hinaus und mischen sich mit den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Trotzkisten und Stalinisten, dem illegalen Waffenhandel und den Unruhen des Blutmais.

Rezension

Überblick

Die teuerste deutsche  und teuerste nicht englischsprachige Fernsehproduktion bis heute hat natürlich hohe Erwartungen geweckt und wenn man in Berlin lebt und außerdem alte Filme mag, ist die Serie ein Muss. Kürzlich haben wir „The Artist“ rezensiert, der genau in der Epoche spielt, in der auch „Babylon“ angesiedelt ist, allerdings über fünf Jahre hinweg, während – und das ist bereits ein ungewöhnliches Merkmal, sich die 16 Folgen der ersten und zweiten Staffel nur über wenige Tage um den ersten Mail 1929 herum erstrecken – die obige Inhaltsangabe bezieht sich nur auf Folge eins bis acht, weil wir nach den jeweils 45 Minuten dauernden Folgen rezensieren werden. Im Wesentlichen. Ab und zu werden wir auch etwas über die Serie drüberfliegen, weil wir sie für die Kritik nun zum zweiten Mal anschauen. Auch das ist ungewöhnlich, weil wir für einen solchen Aufwand normalerweise nicht das Zeitbudget haben. Bei uns ist aber etwas eingetreten, was man nicht von allen Zuschauern behaupten kann, die „Babylon Berlin“ bei der Free-TV-Premiere im September und Oktober 2018 angegangen sind: Da ist ein Sog entstanden, wir wollten immer wissen, wie es weitergeht.

Die ersten drei Folgen wurden damals am Stück ausgestrahlt und erreichten im Schnitt, über den Abend hinweg, eine Anzahl von 7,83 Millionen Zuschauern, das ist, sagen wir mal, das, was auch ein etwas schwächerer Tatort bei seiner Premiere schafft – wobei Quote nicht unbedingt Qualität bedeutet. Gerade bei der Tatort-Reihe nicht. Nun gut. Nach Staffel eins waren nur noch etwas mehr als 4 Millonen Zuschauer dabei, am Ende noch ca. 3,65 Millionen. Bei der Pay-TV-Premiere ein Jahr zuvor auf Sky startete der Film mit dem zweitbesten Ergebnis einer Serie bis dato. Einen Grund für das Nachlassen der Zuschauerzahlen besprechen wir vorab: Der Beginn ist spektakulär, aber auch sehr kryptisch. Daher war es für die Rezension notwendig, schon den Überblick über das Ganze zu haben, um zu bewerten, wie der Weg dorthin gestaltet wurde. Nach einer gewissen Zeit, nach einigen Folgen, nehmen die spektakulären Szenen, die zunächst recht häufig zu sehen sind, ab und die Dramaturgie wird flacher, Höhen und Tiefen werden nicht mehr so ausgelotet. Oder man hat sich daran gewöhnt und stellt fest, Fernsehen ist kein Kino und was dort über ein paar Stunden hinweg funktionieren kann, trägt nicht unbedingt über 16 Folgen hinweg. Nun sind ja Serien dieser Art wirklich nicht neu, aber oft sind sie als Reihen konzipiert und jede Ausgabe hat eine abgeschlossene Handlung.

Folge 1

Es fängt alles mit der Sitzung von Gereon Rath bei einem Therapeuten an, der an die Quellen der Ängste von Rath heran will. Dieser Therapeuth wird am Ende von Staffel 2 eine Überraschung für den Zuschauer bereithalten.

Wir finden rasch heraus, dass Raths Ängste im Ersten Weltkrieg begründet sind und dass er offenbar bei einem Giftgasangriff dabei war. Als nächstes sehen wir, wie ein Zug aus der Sowjetunion nach Deutschland kommt und dabei das Bedienpersonal gewaltsam ausgetauscht wird. An der Grenze wird das Fahrzeug von einer Abordnung der Reichswehr unter Generalmajor Seegers empfangen, das dafür sorgt, dass die Fracht nicht kontrolliert wird. Dieser Güterzug transportiert einen der beiden wichtigen Handlungsstränge nach Berlin.

2019-06-08 babylon berlin 003 folge 1 die razzia wolter
Folge 1 – Kommissar Wolter von der Sitte macht Razzia bei den Pornofilmern.

Der andere wird bei einer Razzia eingeführt, die Wolter und Rath im Milieu des künstlerischen Pornos veranstalten. Rath arbeitet zunächst bei der Sitte und ist hinter einem Film her, der etwas offenbar Anstößiges zeigt, weshalb er besondere Interesse an den Zelluloidrollen der Nacktfilmer hat. Deswegen ist er nach Berlin gekommen, hat sich dorthin abordnen lassen und sein Co-Worker ist Kommissar Wolter, ein wesentlich robusterer Mann als der eher schmächtig wirkende Rath, der aber durchaus körperlich (werden) kann, wie wir bald erfahren. Bald lernen wir auch Charlotte Ritter kennen, die tagsüber als Stenotypistin arbeitet. Was sie des Nachts tut, erfahren wir in der Folge eins noch nicht. Da bei der Free-TV-Erstausstrahlungn die drei ersten Folgen am Stück gezeigt worden waren, wussten wir aber schon nach einem Abend Bescheid.

Sie bekommt den Auftrag, die berühmte Verbrecherkartei anzulegen, die vom Chef der Mordkommission, Ernst Gennat, erdacht wurde, um durch Typisierung und Katalogisierung Serienverbrechern auf die Spur zu kommen. Die Sexualmorde der 1920er und andere spektakuläre Vorkommnisse dürften zu dieser Idee geführt haben, deren Umsetzung eine Weltpremiere war. Wir halten fest: Wolter und Rath sind Romanfiguren, aber Gennat ist historisch.

Ziemlich am Ende von Folge eins erhält Gereon Rath einen Brief von Helga aus Köln, seiner Heimat, die mit seinem Bruder verheiratet ist. Aber der ist verschollen und sie liebt erkennbar Gereon. Er soll schön aufpassen, denn in der Hauptstadt gehe es härter zu als im übrigen Reich. Da kann man wieder sehen, wie gut die Bezüge zu heute herausgearbeitet sind.

Schon in der ersten Folge passiert Rath etwas für deutsche Polizeifilme Typisches: Er verliert bei einer Verfolgungsjagd seine Waffe und wird in dem Fall von Wolter gerettet. Der Täter im Sinn eines Polizistenmordversuchs wird von der Polizei im Gegenzug zu frei sein dürfen als V-Mann angeworben. Er war einst bei der Polizei, doch nach dem Krieg als „Zitterer“ oder „Wackler“, als traumatisierter Frontsoldaten des Stellungskriegs nicht mehr dienstfähig: „Kaputte Automaten“, nennt Wolter diese Menschen und sie gehörten entsorgt, weil sie zu nichts mehr nütze seien. Gereon Rath wagt nicht zu widersprechen, weil er selbst das gleiche Trauma hat und nur durch Morphinampullen ruhig bleiben kann. Dieses Problem wird über alle Folgen hinweg sehr eindringlich dargestellt. Oder vielleicht auch etwas überbetont.

Ebenso, wie Charlotte aus einem etwas zu krass gezeichneten familiären Desaster stammt. Kritiker haben bedenkenlos geschrieben, sie sei, im Gegensatz zum Roman, nicht in einer kleinbürgerlichen, sondern einer Arbeiterfamilie zuhause. Dem möchten wir widersprechen, denn so verlottert waren Arbeiterhaushalte in der Regel nicht, auch nicht in den kargen Zeiten, in denen die meisten noch in Hinterhöfen wohnten – hier handelt es sich eher um Lumpenproletariat. Und niemand außer Charlotte arbeitet und sie muss alle durchbringen mit ihrem Doppeljob. Sehr modern, dieses Prekäre und von Beginn an leicht Feministische, wie die Serie ja viele Bezüge zur heutigen Lage aufweist.

Bisher gab es zwar keinen Blutsonntag, keine Maidemonstration mit 33 Toten, wie den Ersten Mai 1929, aber Extremismus, der die Republik untergräbt, wird deutlich sichtbar und er kommt in diesem Film eher von rechts – nämlich von den alten Kameraden, die sich mit ihrem Bedeutungsverlust nicht abfinden können und mit sowjetischer Hilfe eine Exiilarmee zusätzlich zur kleinen offiziellen Reichswehr aufbauen, die der Versailler Vertrag gerade noch erlaubt. Diese Ausbildungscamps gab es tatsächlich, die SU hat also zur damals noch heimlichen Wiederaufrüstung Deutschlands einiges beigetragen. Das wird gerne mal unter den Tisch fallen gelassen, wenn es um Hitlers spätere Machtbasis im Militär und letztlich um 1941 geht.

Schon die erste Folge, und das wird über beide Staffeln hinweg so bleiben, ist hervorragend gefilmt, diesbezüglich gibt es heutzutage ohnehin kaum noch Schnitzer  und man hat sich auch bezüglich der Dekors und der Kleidung um Genauigkeit bemüht. Der Film rekurriert aber auch auf den Expressionismus, das „Angstkino der 1920er“, wie DIE ZEIT es im Zusammenhang mit „Babylon Berlin“ nennt. Zwar gehen wir nicht so weit wie Christian Buß im Spiegel, der Nosferatu, Caligari, Mabuse und andere auferstehen sieht. Manische Verbrecher oder Schreckgespenster kommen nicht vor, die in einer Person alle Ängste der Zeit vereinen.

Auch im Blick auf den internationalen Vertrieb – die Serie wurde in 90 Länder verkauft – geht es doch etwas realistischer zu, aber wir würden unterschreiben, dass man keineswegs alles Deutsche hat sausen lassen. Und auch nicht alles Berlinerische, das sich u. a. in Liv Lisa Fries verkörpert, die Charlotte spielt und die Göre, wie man sich eine solche um 1930 vorstellt, nach unserer Auffassung hervorragend verkörpert.

Dass sie und andere Frauen etwas zu hoch gewachsen und / oder zu modelhaft figuriert sind, für damalige Verhältnisse – man kann die Zeit eben nicht in allen Details zurückdrehen und diese Konzession macht man dann eben doch an die das Hier und Jetzt, dass man die Typen den gestiegenen optischen Anforderungen anpasst oder auch dem Zeitgeschmack Tribut zollt. Bei der Besetzung von Gereon Rath ist man hingegen anders verfahren und wie sich das auswirkt, wird hier noch eine Rolle spielen.

Der Ton und die Art miteinander umzugehen sind hingegen in etwa so rau, wie man sich das aus zeitgenössischen Romanen abgeschaut hat und wie alte Spielfilme und Dokumentaraufnahmen es vermuten lassen. Es muss ein Spaß gewesen sein, sich von allen gestelzten Konventionen der späten 2010er freizumachen, die, so hat man den Eindruck, von Jahr zu Jahr das Wording komplizierter machen. Damit ist auch die PoC etwas in Schwierigkeiten, zumal der russische Part, der in „Babylon Berlin“ stark ausgeprägt ist, nicht von allen Linken gutgeheißen werden wird. Eines der größten Pfunde der Serie ist, dass der politische Hintergrund gut ausgeleuchtet wird, ohne dass dies der Spannung schadet. Wir empfanden ihn jedenfalls nicht als Bremse, weil er die Handlung mit antreibt. Aber ein wenig Interesse an Zeitgeschichte kann nicht schaden, wenn man „Babylon Berlin“ genießen will.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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