„Robert Habeck verlässt Facebook und Twitter“ (FAZ) – und wir so? // #Twitter #Facebook #RobertHabeck #DerWahlberliner #SocialMedia #Narzissten #Basher #Instagram #Storytelling #Selbstdarstellung #Follower #Journalismus #Zensur

Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, verlässt Twitter und Facebook – warum machen wir da einen Beitrag draus, wo in Berlin jeden Tag Menschen aus ihren  Häusern verdrängt werden?

Wir nutzen diesen Vorgang als Aufhänger, weil wir vor allem seit dem Jahreswechsel verstärkt über die Weiterentwicklung des Wahlberliners nachdenken und dazu einige Beiträge „in eigener Sache“ veröffentlichen werden. Das betrifft sowohl unsere Themen – wir können leider nicht über alles schreiben, was Relevanz hat –  und weitere Aspekte, etwa die Nutzung der Sozialen Medien. Unsere Service-Seiten werden zudem in den nächsten Tagen Updates erhalten.

Machen Facebook und Twitter aggressiv?

Das sind genau die richtigen Medien für Menschen, die ohnehin aggressiv sind. Und es ist richtig, Twitter aufgrund des Zwangs zur Verkürzung noch mehr als Facebook. Wir haben es bisher weitgehend vermieden, uns mit knalligen Tweet-Inhalten mehr Follower zu verschaffen. Aber uns ist klar, wenn wir neben unseren Beiträgen alles, was wir sehen, mit knackigen, pointierten Statements versehen würden, neben der Produktion eigener Beiträge, wären wir schon wesentlich mehr „befolgt“. Ob diejenigen, die uns dann berücksichtigen würden, aber zu unseren etwas differenzierteren Beiträgen „passen“ würden, ist eine ganz andere Sache.

Der WB spricht aufgrund seiner Tendenz nicht bestimmten Bundesländern ab, dass es dort Demokratie gibt, wie Robert Habeck das zweimal getan hat.

Ich kann mir gut vorstellen, dass Habeck nicht der Typ für diese Art von Kommunikation ist und wenn schon Demokratie nicht, dann überall nicht – jemand anderes bezeichnet das gerne als Fassadendemokratie. Ob man die Demokratie bei uns für echt hält, hängt aber nicht davon ab, wie viele Parteien auf der Regierungsbank sitzen. In der grünen Zone sehe ich auch Spezialisten, die ganz anders drauf sind als Habeck. Neulich habe ich gelesen, quasi alle, die nicht die Grünen wählen, seien Nazis. Wenn sowas in einem One-Way-Leitmedium geschrieben würde, gäbe es ziemlich Ärger.

Aber es kommt doch darauf an, wer schreibt.

Twitter und Facebook sind für meinungsstarke Menschen gemacht und Twitter auch besonders für Narzissten. Da kann man seine negativen Charaktereigenschaften nutzen, um Influencer zu werden. So wie draußen im Leben, um Machtpositionen zu erringen. Bei einigen hat man den Eindruck, sie sind vor allem unterwegs, um eine kleine Blase zu hypen, zu der sie selbst gehören und alles, was da nicht reinpasst, also die weit überwiegende Mehrheit, zu bashen. Finde ich sympathisch, dass Habeck da nicht mehr mitmachen will. Können wir uns aber nicht leisten. Twitter entwickelt sich für uns zu einem echten Kommunikationskanal, da gibt es auch nette Momente und Menschen.

Haben wir die Sozialen Medien überhaupt verstanden?

Sicher doch. Verstehen heißt aber nicht, alles billigen, was dort läuft. Es hängt davon ab, wie man sich gibt, dann findet man auch Gleichgesinnte, allerdings – in begrenzter Zahl. Die Überlegung besteht allerdings, uns doch häufiger in kurzen Retweets zu politischen Themen zu äußern, das kostet nicht viel Zeit und bringt Aufmerksamkeit. Es ist halt nur nicht unser Ding, obwohl wir vom Fiktionalen her gewöhnt sind, knappe, auch humorvolle oder ironische Dialogsätze zu schreiben. Trotzdem erfordert das in den Social Media nochmal gesondert Übung, weil man die möglichen Reaktionen einbeziehen und ihnen notfalls begegnen muss. Außerdem bin ich noch nicht dahinter gestiegen, wie einige e schaffen, so lange Tweets, die sich über den halben Bildschirm ziehen, am Stück zu schreiben. Ich dachte, bei 280 Zeichen sei Schluss. Vermutlich gehen Adressen, die mit @ versehen sind, nicht in die Zeichenberechnung ein.

Das ist ja nun leicht herauszufinden. Sehnsucht nach den alten Zeiten der Einweg-Kommunikation?

Zwischending. Als man schon bloggen konnte, aber die Social Media noch in der Aufbauphase waren, das war optimal. Beim ersten Wahlberliner kamen die Reaktionen meist auf dem Blog selbst und dienten nicht ihrerseits wieder der Verstärkung der Reichweite dessen, der sich äußerte. Aber ich sage ja, ein Narzissten-Medium, dieses Twitter. Daher für viele Politiker perfekt. Auch unterhalb der Tump-Ebene.

Wir könnten doch einfach üben, mitmachen und den Wahlberliner damit nach vorne bringen?

Ich mag Retweetes auf Retweets nicht besonders, was soll dabei schon inhaltlich Wertvolles oder Originelles herauskommen? Wenn ich retweete, ist ja schon klar, dass ich den Kommentar dessen, der den Ursprungsbeitrag kommentiert hat, gut finde.

Man kann sich auch etwas Mühe geben und noch zusätzlich was finden.

2019-01-05 kommentar aktuelles formatUnser zentrales Anliegen ist und wird immer das Verfassen von Beiträgen für den Wahlberliner sein. Wir haben uns schon angepasst, indem wir Beiträge wesentlich kürzer gestalten als zu Beginn der „Wiedereröffnung“ im Juni 2018. Leider ist dadurch das Feature „Analyse“ fast ganz verschwunden und auch der Kommentar fällt hinter „Medienspiegel“ und „Social Media Hotspot“ zurück, die kürzesten Beitragsformen. Wir haben zum Jahreswechsel gerade alle Logos formatmäßig angepasst, teilweise auch ihre Gestaltung geändert.

2019-01-05 medienspiegel aktuelles formatAber jeder Follower oder fast jeder ist „echt“, den haben wir uns mit unseren Beiträgen sozusagen erarbeitet und wir wissen noch in etwa, mit welchem Thema wir jemanden angezogen haben. Das ist wichtiger als die große Zahl. Aber es wird sich 2019 was ändern, das ist schon klar. Wir entwickeln unsere Features weiter und die Updates, die im Grunde Fortsetzungsbeiträge sind, die man am Stück lesen kann, kommen verstärkt zum Einsatz.

2019-01-05 social media hotspot aktuelles format mit logos facebook instagram twitter

Der WB nutzt seinen Instagram-Account so gut wie gar nicht.

Ich sehe nicht, wie man mit ihm journalistisch arbeiten soll. Ich kann nicht einmal direkt zum Blog verlinken. Instagram ist da, um viele Bilder zu posten und persönliche Geschichten in wenigen Sätzen zu erzählen, also sein Leben fortwährend zu schildern. Den Wahlberliner um diese Komponente auf Instagram zu erweitern, ist schwierig, weil ich dafür quasi täglich was aus meinem Leben ins Schaufenster stellen müsste. So viel gibt es da aber nicht, sonst könnte ich ja nicht noch zusätzlich schreiben. Dieses Aufdoppeln der Schreibtätigkeit mit einer spannenden Selbstdarstellung und dadurch das Interesse von mehr Menschen wecken, wird es hier wohl nicht geben. Vorerst jedenfalls nicht. Dafür gibt es neben anderen einen sehr simplen Grund: Die Kapazität. Bei manchen Politikern frage ich mich, wie sie neben all ihren Tätigkeiten in Sozialen  Netzwerken noch Politik für andere Menschen machen können.

Ich halte das, wenn man sich inhaltlich hauptsächlich politisch äußert, ohnehin nicht für eine perfekte Idee, weil man das Private dann stark zensieren muss. Aber es ist immer eine Story.

Ich habe mir gerade Habecks Instagram-Präsenz angeschaut. Natürlich ist das eine sorgfältige Inszenierung, die man auch nicht so kaputtschreiben kann wie einen Twitter-Account, aber kritische Äußerungen habe ich dort auch gelesen. Die Followerzahl liegt mit 21.500 in dem Bereich, den ein   Fashion-Model erzielt, aber gerade aus dieser Ecke gibt es weitaus stärker befolgte Präsenzen, ohne dass zumindest mir der Name der Person, die sich da präsentiert, vorher etwas gesagt hätte.

Facebook ist für schräge Vögel, Twitter für Narzissten, Instagram für Selbsterzähler, aber es geht nicht ohne?

Wir haben es in  Europa verpasst, etwas zu machen, was einen Tick anspruchsvoller ist und zudem all diese Techniken miteinander vereint. Das wäre unsere Aufgabe gewesen. Dieses Qualitätsdenken und das etwas Komplexere in der Technik können wir besser als die Amerikaner, von denen wir uns alles vorsetzen lassen und wie gottgegeben hinnehmen. Der Deal wäre aber der gleiche: Entweder kostenpflichtig oder for free, wie jetzt – gegen das Herausrücken vieler Daten. Also doch nicht kostenlos. Anders funktioniert die ganze Sache nicht. Aus ethischen Gründen dürfte man Plattformen, deren Betreiber vor allem beim Steuern sparen die Größten sind, aber keine eigenen Werte schaffen, generell nicht unterstützen, aber – wir waren eben zu blöd, was Besseres auf den Weg zu bringen.

Ist es dafür schon zu spät?

Zu spät ist es nie, mit nachhaltigen Social Media könnte man durchaus punkten. Aber Deutschland hat keine strategische Wirtschaftspolitik, außerdem müsste das auf EU-Ebene anlaufen, um die nötige Größenordnung zu bekommen. Und da gibt es wiederum ein paar Länder, die massiv von den US-Unternehmen profitieren. Nur – was immer man sich da ausdenkt, ob der Ton anders wäre, das sei dahingestellt.

Denn eines halte ich trotz aller Auswüchse für falsch: Zensur.

Wer sich in den Social Media präsentiert, muss sie aushalten?

Wer in den Boxring steigt, kann sich auch nicht beschweren, wenn er einen Kinnhaken abbekommt. Und oft sind diejenigen, die nicht gut einstecken können, auch diejenigen, die gerne austeilen.

Wenn es zu viel wird, wenn man merkt, dass nach Regeln gespielt wird, die man schlecht findet oder es gar keine Regeln entdecken kann, es machen wie Habeck. Die Sozialen Medien sind ein guter Spiegel der Gesellschaft, auch wenn eine meinungsstarke Minderheit besonders präsent ist. Ob man täglich in diesen Spiegel schauen muss, ist Ansichtssache. Bei uns führt das manchmal zu Motivationsproblemen.

Verändert das Agieren dort nicht die eigene Wahrnehmung?

Was Habeck beschrieben hat, stimmt vor allem, wenn man nicht ohnehin zu denen gehört, für die das alles wie geschaffen ist. Ich merke schon, dass mich das, was ich dort an Mist lese, ärgert und aggressiver macht – und das auch noch in die falsche Richtung, wenn man es so ausdrücken mag. Also nicht gegenüber den doofen Nazis, die ohnehin verbal nicht mithalten können. Mein Gerechtigkeitsdenken verträgt das, was ich da sehe, nicht immer. Und ich kann mir auch nicht immer einreden, es ist ein Spiel, also spiel mit, wenn du dich schon an den Spieltisch gesetzt hast, und schneide dabei so gut ab wie möglich. Ich wiederhole mich: Wir werden uns 2019 etwas mehr in Positur bringen – ohne alle rhetorischen Reserven einzusetzen. Die packen wir aus, wenn es nicht anders geht und wir uns zudem rollensicherer fühlen, also glauben, dass wir auch einen Shitstorm aushalten und etwas kontrollieren könnten. Im Moment sehen wir beides noch nicht.

Der Anstand ist die Bremse?

Das kann man so ausdrücken. Man kann sie ein bisschen lockern, aber wir werden sie nicht ausbauen und auf den Müll schmeißen. Es ist auch eine Frage des Selbstbildes, das nicht zu tun. Allerdings wird auch einiges davon abhängen, wie sich die Beiträge des Wahlberliners entwickeln. Und das ist ein weiteres schwieriges Feld, das nicht von deren Präsentation in den Social Media zu trennen ist. Dabei geht es um die Art und Weise, wie man Journalismus auffasst. Wie man mit dem, was man sieht, bei der Verschriftlichung umgeht. Das ist das Thema für den nächsten Beitrag in der Rubrik „in eigener Sache“.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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