Weiter, immer weiter – Tatort 1079 / Crimetime 198 / #Tatort #TatortKöln #Köln #Koeln #Schenk #Ballauf #Tatort1079 #WDR #Weiterimmerweiter

Crimetime 198 - Titelfoto © WDR, Martin Valentin Menke

So nicht immer weiter

Zugegeben, wir haben uns geärgert. Ein Nutzer des Tatort-Fundus nannte es vollkommen zu Recht so: „Das Drehbuch hat mit gezinkten Karten gespielt“. Die Mehrzahl der Fans hat’s nicht gestört und die ganz Schlauen, die alles von Beginn an gewusst haben wollen, gab’s natürlich auch. Hier nachlesbar – auch, dass der Fall gegenwärtig mit Platz 145 in der „ewigen Rangliste“ sehr gut dasteht. Das gönnen wir den Kölnern, wie sich aus unserer nun ans Ende gesetzten Vorschau zum Film herauslesen lässt. Wie wir sonst mit dem Fall klarkamen, lässt sich nachlesen in der -> Rezension.

Handlung

+++ Toter bei Verkehrskontrolle: Mann wird von Straßenbahn erfasst +++ Wurde er von Drogendealern zu Tode gehetzt? +++ Polizist Frank Lorenz belastet russische Geschäftsleute +++ Gibt es einen „Maulwurf“ bei der Kripo? +++

Es ist eine nächtliche Verkehrskontrolle mit weitreichenden Folgen. Als der Polizist Frank Lorenz den jungen Mann auffordert, aus seinem Auto auszusteigen, sieht der nur noch einen Ausweg: Pascal Pohl flieht. Er rennt auf die nahen Bahngleise.

Nur wenige Sekunden später ist er tot – überfahren von einer Straßenbahn. Doch was auf den ersten Moment aussieht wie ein tragischer Unfall, weitet sich aus zu einem undurchsichtigen Rachefeldzug. Denn offensichtlich war die Russenmafia hinter dem jungen Drogendealer her, weiß der in der Szene gut vernetzte Lorenz. Max Ballauf und Freddy Schenk übernehmen die Ermittlungen.

Rezension

Es gab keinerlei dialogseitigen oder visuellen Hinweis darauf, dass sich „Streifenhörnchen“ Frank Lorenz alles nur eingebildet hatte und seine Schwester in Wirklichkeit längst verstorben war. Wer behauptet, er hätte vorausgeahnt, dass es sich bei allem, was überhaupt einen Fall für Max und Freddy ergeben konnte, um Halluzinationen von Lorenz handelt, hat selbst welche oder fakt ganz einfach seine mediale Kompetenz aufwärts. Zwischen „eingebildeten“ und echten Tatbeständen wurde keinerlei Übergang sichtbar, aber jeder Übergang hätte den Plot natürlich doch vorhersehbar gemacht. Also hat man sich einfach darauf verlassen, dass es in diesen Zeiten sowieso keinen Vertrag mit dem Zuschauer mehr gibt und die gegenwärtige Rezeption des Falles lässt darauf schließen, dass der auch ruhig weg kann. Dass sowas gut ankommt, werden sich weitere Drehbuchautor_innen merken.

Man kann höchstens behaupten, ich bin in den ersten Minuten mal sämtliche Tatortmuster, die ich kenne, durchgegangen und dabei habe ich festgestellt, irgendwas kann mit Lorenz nicht stimmen – aber was ist es? Jeder, der den Film ernst nahm, musste sich eher darauf stellen, dass „ganz oben“ etwas zu arg ausgedrückt war und wer sollte der Maulwurf sein? Dass Freddy und Max nicht infrage kommen, war in der Tat klar, also musste man den Assistenten im Blick haben, der erst seit wenigen Köln-Tatorten dabei ist. Wenn man allerdings sagt, ist doch mir egal, ob ich verarscht wurde, kann man sagen, na klar, dass Seiten in den Akten fehlen, resultiert daraus, dass es ja in der Tat ein Vertuschung gab. Nun schauen wir aber nochmal etwas genauer hin: Dass Lorenz in Düsseldorf dafür gesorgt hat, dass russische Geschäftsleute zu Unrecht ins Visier der OK-Ermittler gerieten, warum hätte man diesen Vorgang so behandeln sollen?

Es hätte sich herausgestellt, dass ein Polizist auf dem Holzweg war und gut. Sowas kommt immer wieder vor und ist kein Grund, dafür Akten zu fälschen oder „von oben“ kryptische Anweisungen an Max zu geben, er soll die Sache doch einfach ruhen lassen. Es versteht sich von selbst, dass man das ihm gegenüber hätte begründen müssen. Und wegen des Dienstgeheimnisses hätte er die Sache nicht an die große Glocke gehängt oder gar weiter, immer weiter gemacht, sondern die Ermittlungen eingestellt. Tatsächlich? Und hätte man einen Polizsiten, der schon in Düsseldorf für viel Ärger gesorgt hat, einfach so nach Köln versetzt, sollen die doch sehen, wie sie mit ihm klarkommen – oder ihn doch eher in den einstweiligen Ruhestand versetzt?

Erst als Max und Freddy vom Tod von Franks Schwester erfahren und in deren Haus eindringen, erhalten sie ja den Hinweis, dass alles, was der ihnen aufgetischt hat, seiner Einbildung entsprungen ist.

Uns hatte ziemlich zu Beginn etwas anderes irritiert und natürlich lässt sich rückwirkend sagen, na, das reicht doch wohl als Hinweis, dass mit Lorenzens Wahrnehmung etwas nicht stimmt. So konnte sich Lorenz an das Stern-Tattoo am Hals eines Insassen des Wagens erinnern und an das Logo der Nikitin-Firma auf der Heckscheibe, aber nicht ans Kennzeichen des Geländewagens. Und es ging um einen Geländewagen, während die Nikitins für ihre Lieferungen natürlich Lieferwagen einsetzen, auf denen man auch das Logo sehen kann. Aber das reicht doch in dem Moment und ohne weitere Hinweise nicht aus, um darauf zu kommen, dass es sich um reine Fantasien des Polizisten handelt.

Viel leichter, als diese entscheidende Wendung vorauszuahnen, ist es, den Subtext des Films zu ermitteln, nachdem man diese Wendung kennt. Die Botschaft richtet sich vor allem gegen diejenigen, die sich nicht so leicht mit allzu glatten offiziellen Erklärungen für verzwickte Tatbestände zufriedengeben, mithin gegen „Verschwörungstheoretiker“, und das ist bei Tatorten eher selten. Selbst die OK wirkt hier, von geschmuggeltem Kaviar in Fischdosen abgesehen, eher wie ein Hirngespinst von Frank Lorenz. Schön wär’s ja, wenn man sie so abtun könnte, aber es gibt Klischees, die nicht aus dem hohlen Zahn eines Miesnicks gezogen wurden.

Es gibt aber noch etwas, woraus man mit viel gutem Willen lesen kann, dass mit Lorenz „etwas nicht stimmt“, das ist die Haltung von Max, der von Beginn an dessen Glaubwürdigkeit anzweifelt und auch nicht persönlich vorbelastet ist, anders als „Schenki“. Die beiden Kölner werden ja häufig so gezeigt, dass Max das feinere Sensorium hat und damit liegt er auch dieses Mal richtig. Zwischenzeitlich macht er sich zwar Vorwürfe, weil er Lorenz nicht ernst genommen hat. Im Grunde liegt er damit richtig, aber Lorenz‘ Verhalten führt zu ernsthaften Konsequenzen – zur ersten Tötungshandlung im Film.

Seitens der Inszenierung hat der Film das heute übliche hohe Niveau, außerdem shafft es Roeland Wiesnekker, Figuren wie Lorenz die notwendige Präsenz zu verleihen und sie interessant zu machen. Dafür hat man Schenk und Ballauf deutlich und auffällig zurückgenommen. Sie wirken kaum noch weiter vorne platziert als ihr Assistent Jütte, der allerdings auch die Ehre hat, in Maulwurf-Verdacht zu kommen. Dem Drehbuch häten wir’s aber auch zugetraut, dass sich am Ende des 73. Falls „Schenki“ als das Leak im Polizeiapparat herausgestellt hätte.

Fazit

Lorenz kann nie Dienst nach Vorschrift machen und verrennt sich, das ist soweit nachvollziehbar und zu erwarten und wie alle, die den Dingen mehr auf den Grund gehen wollen, endet er in einem wieder ziemlich übertrieben dargestellten Kugelhagel, bei dem natürlich das Polizeiauto, an dem er sterbend kauert, keine Einschusslöcher aufweisen darf, weil es vermutlich ein echtes ist und die Tatorte seit Jahren mit dem gleichen Budget auskommen müssen – vielleicht doch ein paar Cent mehr Rundfunkbeitrag – aber wir schlagen uns nicht auf die Seite derer, die den Film mit dem Schwarzwaldkrimi „Damian“ vergleichen. Denn in diesem Film war deutlicher zu erkennen, dass die Hauptfigur psychisch krank ist und einiges, was wir sehen, sich nicht wirklich zuträgt. Es war das Mehr an Hinweisen, das davon bewahrt, die Falllösung nur darauf aufzubauen, dass man den Zuschauer möglichst lang an der Nase herumführen kann. Der Drehbuchautor von „Weiter, immer weiter“ bzw. die beiden Autoren haben ein bisschen den Relotius gemacht. Und der musste ja dann doch gehen, auch wenn er aus der Sicht derjenigen Zeitgenossen, die nach Meinung der beiden Autoren einen an der Klatsche haben, nur ein Bauernopfer war. Vertrackte Wirklichkeit.

Unsere Vorschau

„Weiter, immer weiter“ ist der 73. Tatort mit Max Ballauf und Freddy Schenk als Ermittlerduo in Köln. Und Max Ballauf hat ja noch einige weitere Fälle mit Flemming in Düsseldorf gelöst oder diesen beim Lösen behindert.

Bis vor einiger Zeit hatten wir den Eindruck, der WDR hatte es sich zum Ziel gesetzt, mit Max und Freddy die Münchener Batic und  Leitmayr zu überholen, die Zahl der Filme betreffend, obwohl die Bayerncops schon 1991 gestartet sind, Freddy und Max hingegen erst 1997. Aber dann gibt es eine Art erkennbares Atem holen. Oft folgen drei neue Tatorte mit den beiden kurz hintereinander und dann eine längere Pause – so wie jetzt, der vorausgehende Fall trug den Namen „Familien“ und hatte die laufende Nummer 1057. Bei 22 Teams wäre ein solcher Abstand exakt richtig, wenn man nicht berücksichtigen müsste, dass einige ja häufiger drehen als andere und die Spitzenreiter bezüglich der Frequenz sind und bleiben die Kölner. Wer weiß, vielleicht wird das noch was, mit dem Spitzenplatz bezüglich der Fallzahl.

Dafür müssen die beiden allerdings weiter, immer weiter machen. Insofern hat man hier ganz unabhängig vom Inhalt des Films einen sehr treffenden Titel gefunden. Die beiden sind nun das Team auf Platz drei bezüglich der Dienstzeit, auf Platz zwei bei der Anzahl an Filmen und – auf Platz eins in den  Herzen der Zuschauer? Nicht ganz, wenn man die Durchschnittspunktzahlen in der Rangliste des Tatort-Fundus anschaut, da stehen sie derzeit auf Rang 4 oder 5 (ganz dicht bei den Münchenern und mit ihnen wechselnd), aber ob das an den Personen liegt oder an den Drehbüchern bzw. der Bewertung der Fälle als solche, das ist die Frage. Wir meinen, eher Letzteres. Und man kann bei so vielen Filmen nicht vermeiden, dass auch  mal welche darunter sind, die weniger Anklang finden.

Was aber wäre, wenn die beiden nicht „weiter, immer weiter“ machen würden? Ehrlich geschrieben: Mist wär’s. Es klingt platt, es so auszudrücken: Ohne sie wäre der Tatort nicht mehr das, was er war. Das trifft nach der Logik auf jede Veränderung zu. Aber die meisten Abgänge könnten wir leichter verschmerzen. Vielleicht sogar alle anderen. Wenn die Münchner die Köpfe, die weißhaarigen Könige, der zweigeteilte Doyen sind, sind die Kölner das Herzstück. Wo gibt es noch ein Team, bei dem schon der Abgang der Assistentin eine Tragödie darstellt und ein kleines Erdbeben auslöst? So sonst werden so viele Manierismen gelebt und akzeptiert, die Currywurstbude gegenüber dem Dom, die aus der Zeit gefallenen, eingezogenen dicken Schlitten von Autos, die ewigen Fails von Max im persönlich-sozialen Bereich? Auch das synchrone Zeiten der Ausweise ist jetzt offenbar ein Ritual, ein Bild wie dasjenige, das wir als Titelfoto gewählt haben, gab es schon in „Nachbarn„.

Aber die beiden zeigen eine Menschlichkeit und Natürlichkeit, die andere Teams nicht erreichen können, auch wenn gute Schauspieler am Werk sind. Sowas kann man nicht entwickeln, das muss man ausstrahlen, und das von Beginn an. Sicher ist am Auftritt einiger Ermittler im Lauf der Zeit bisschen was justiert worden, doch im Wesentlichen zählt die Kontinuität. Da kommt es sehr gut, wenn Charaktere vom Start weg Identifikationspotenzial aufweisen und das tun Freddy und Max wie sonst wohl kein Ermittlerpaar. Auch wenn man bei Max so wunderbar den Alterungsprozess seines Darstellers Klaus J. Behrendt verfolgen konnte, während Freddy lange Zeit fast gleich aussah und Dietmar Bär erst in jüngster Zeit etwas faltiger wird, für uns werden sie nicht altes Eisen, sondern reifen zusehends. Gesetzter sein ist kein Nachteil, man verstrickt sich auch nicht so leicht, was besonders Max und dessen Seelenfrieden zugute kommen dürfte. Die Tage, als er direkt ins Herz getroffen wurde und immer alles furchtbar ausging, sind vorbei. Aber es geht weiter, immer weiter. Und das ist gut so und wie das Leben.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Dead Kennedys – „Holidays in Cambodia”
Metallica – “Nothing Else Matters”
The Moddy Blues – “Nights in White Satin”

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Assistent Norbert Jütte – Roland Riebeling
Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Polizist Frank Lorenz – Roeland Wiesnekker
Franks Schwester Mechthild „Mecki“ Lorenz – Annette Paulmann
Franks Kollegin, die Polizistin Vera Kreykamp – Laina Schwarz
Mirko Pohl – Vincent Redetzki
sein Bruder Pascal Pohl – Wolf Danny Homann
Irina Nikitina – Katerina Medvedeva
ihr Sohn Nikolaj Nikitin – Vladimier Burlakov
Nikolajs Anwalt – Dirk Ossig
Fjodor, Kontakt von Lorenz – Rostyslav Bome
Hotelbesitzer Roman Beresow – Jevgenij Sitochin
Mitarbeiter der Spurensicherung – Yusuf Edy Erdugan
u.a.

Drehbuch – Arne Notling, Jan Martin Scharf
Regie – Sebastian Ko
Kamera – Moritz Anton
Schnitt – Dora Vajda
Szenenbild – Michaela Schumann
Musik – Olaf Didolff

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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