Wegwerfmädchen – Tatort 853 / Crimetime 202 // #Tatort #TatortHannover #Lindholm #Tatort853 #Wegwerfmädchen #NDR

Crimetime 202 - Titelfoto © NDR, Gordon Muehle

An der langen Leine von Hannover

Jaja, der Hannoversche Filz. Dagegen ist der sinnenfrohe und karnevalsselige Kölner Klüngel putzig. Und – Alarm: Es kommen Juristen und Ärzte vor. Das signalisiert böse Gesinnung. Staatsanwälte, Anwälte, Stationsschefs an großen Kliniken, alles eine einzige giftige Beziehungssuppe, mit heißen Rockertypen gewürzt, die für die Drecksarbeit zuständig sind. Wir haben keinen Einblick, ob in Hannover wirklich das Rotlichtmilieu von den Südosteuropäern an die Deutschen zurückgegangen ist, indem die Rocker Kleinholz gemacht haben.

Nach Aussage des Bandenchefs Koschnik wird damit verhindert, dass ca. jede Woche ca. 2 Prostituierte umgebracht werden – stattdessen nur ab und zu die eine oder andere eingeflogene osteuropäische Zwangsprostituierte. Und alle Politiker machen mit, bei der Aktion: Weniger Morde. 100 Morde pro Jahr wären 5 % aller registrierten gewaltsamen Tode in Deutschland, so gefährlich war allein das Rotlichtmilieu in Hannover, Ausrufezeichen. Wie’s sonst so war, in dieser schlimmsten No-Go-Area nördlich von Dortmund-Nord (2,5 bis 12 Morde pro Woche), führen wir in der -> Rezension aus.

Handlung

Der Fund einer Leiche in einer Hannoveraner Müllverbrennungsanlage ruft Charlotte Lindholm auf den Plan. Das Schicksal der 16-jährigen mutmaßlichen Prostituierten berührt sie besonders; wer ist so skrupellos und wirft ein junges Mädchen einfach in den Müll?

Kurze Zeit später wird ein weiteres Mädchen namens Larissa aufgegriffen, das der Polizei entscheidend weiterhilft. Sie wurde ebenfalls in den Müll geworfen, konnte sich jedoch befreien und überlebte so. Verzweifelt berichtet die junge Weißrussin, dass die Tote ihre Cousine sei, und beide zusammen mit acht weiteren Mädchen einen Modelwettbewerb gewonnen hätten. Der Gewinn war eine Reise nach Hannover, die sich für die Mädchen zu einem Alptraum entwickeln sollte, denn sie wurden als willfähriges Spielzeug zu einem Herrenabend der feinen Hannoveraner Gesellschaft benutzt. Larissa wird in den Zeugenschutz genommen und Charlotte Lindholm steht unter Hochdruck: Wo fand die Feier statt, wer war daran beteiligt und was ist mit den restlichen acht Mädchen passiert?

Charlotte Lindholm verfolgt eine Spur ins Hannoveraner Rotlichtmilieu und ist umgeben von einer Mauer des Schweigens. Auch der ermittelnde Staatsanwalt von Braun scheint ebenfalls in diesen Kreisen involviert zu sein. Schließlich ergeben sich konkrete Hinweise auf einen Motorrad-Rocker, doch dieser ist wie vom Erdboden verschluckt.

Als ein weiterer Anschlag auf das Leben ihrer Kronzeugin Larissa stattfindet, überschlagen sich die Ereignisse für Charlotte. Die Falle, die sie dem tatverdächtigen Motorrad-Rocker gestellt hat, scheint zuzuschnappen. Charlotte Lindholm gelingt es, ihn festzusetzen und in die Enge zu treiben. Doch hat sie damit auch die wahren Täter gestellt? Diese Frage verfolgt sie trotz aller Beweise. 

Rezension

Das Desaster wird so schön suggeriert, als Lindholm mit Staatsanwalt von Braun durch die Straße fährt, in der eine ominöse Party stattfand, bei welcher es zu Vergewaltigungen und Morden kam. Nämlich, indem, ähnlich einem Prominentenviertel-Fremdenführer, der Staatsanwalt der Polizistin die Namen der Besitzer jener Häuser nennt, an denen die beiden vorbeifahren. Alles hochrangige Leute der Stadt, alle versammelt in einer Villenzeile. Und damit verdächtig. Verdächtig, von dem mindestens zu wissen, was sich beim Immo-Kaiser abspielt, der ein ach wirklich gut gespielter Klischee-Betonhai ist.

Dass sie sich beim NDR nicht scheuen, große Themen anzufassen, wissen wir schon länger. Dass Charlotte Lindholm in jeder Hinsicht die Statur für die Bearbeitung solcher Themen hat, ist uns ebenfalls geläufig. Doch dieses Mal sind die Dimensionen wirklich exorbitant – und verlieren gerade dadurch etwas von der Glaubwürdigkeit, die das zugrunde liegende Szenario durchaus vorweisen kann. Alles Sumpf, alles korrupt, alles verwachsen – aber mehr auf die Wulffsche Art, so nehmen wir die Realität wahr. Hier mal eine Bestechung, da ein kleiner Amtsmissbrauch, Linien ins Halbweltmilieu – aber zehn Wegwerfmädchen in einer Nacht? So etwas ist nicht einmal in Berlin glaubhaft, wo verschiedene Mafiastrukturen  den logistischen Part solcher Aktionen auf die Reihe bekämen. Und so’n Zufall, dass gerade die Müllabfuhr streikte. Ansonsten wären erst einmal zwei, aber vielleicht auch bis zu zehn junge Osteuropäerinnen einfach geschreddert worden.

Der Tatort 853 hat auch Qualitäten

Wir waren berührt, in den Szenen mit der jungen Weißrussin Larissa Pantschuk, und wie sie immer wieder in Gefahr geriet, dieses Tauziehen um ein Mädchen, das nichts wollte als durch einen Modelwettbewerb etwas von der Welt außerhalb ihres No-Future-Belarus kennenlernen, die ständige Lebensgefahr, in der die zarte und sehr tapfere Zeugin schwebte, ist dicht gefilmt.

Sie wurde von ihrem Vater verkauft, von einer Modelmafia in den Westen geschickt, sogar nach Hannover (wir können verstehen, dass die ermordete Kusine zwar auch in den Westen, nach Wien, nicht aber an die Leine wollte); sie wird von Rockern einem üblen Haufen von Honoratioren zugeführt, missbraucht, gespritzt, auf den Müll geworfen, um zu sterben. Schlimmer geht’s eigentlich nicht mehr, symbolischer als mit der Müllkippe auch nicht.

In der Tat ist eine Herkunft aus Weißrussland (oder der Ukraine) mittlerweile eher denkbar als aus Rusland selbst, in dem es wirtschaftlich dort, wo die schönen Frauen wohnen, also vor allem in Moskau, St. Petersburg und anderen großen Städten, mittlerweile ganz gut aussieht und nicht mehr so viele von ihnen aus materieller Not nach Westen ziehen. Außerdem regiert in Belarus der böse 4/5-Diktator Aljaksandr Lukaschenko, das ist so ein Spezi vom 1/2-Diktator Wladimir Putin. Dieses Belarus eignet sich also besonders gut für die Darstellung prekärer Verhältnisse in Europa. In der Tat ist das im Grunde postrealsozialistisch-autokratisch geführt Weißrussland ein gutes Stück hinter dem großen Nachbarn zurückgeblieben und weit entfernt von einer politisch-wirtschaftlichen Angleichung an mitteleuropäische Verhältnisse – die allerdings auch nicht mehr das sind, was sie mal waren.

In Niedersachsen scheint der Zerfall besonders weit fortgeschritten und wird vorangetrieben von den Berufs- und Tätigkeitsgruppen, die schon länger im Verdacht stehen, vorwiegend in die eigene Tasche zu wirtschaften.

Bei Rechtsanwälten und bei nicht bei dem Gemeinwohl verpflichteten Politikern ist das sogar legitim, sofern sie damit keine illegalen Handlungen unterstützen. Dass sie ein solches Maß an Menschenverachtung an den Tag legen, wie wir es in „Wegwerfmädchen“ aufgetischt bekommen, ist hingegen nicht zu vermuten gewesen.

Da wird nichts auf die süddeutsche Art relativiert und mit Halblang bedacht, sondern ganze Sache in Sachen Zwangsprostitution in Verbindung mit Mord gemacht. Wir sind schon gespannt darauf, wie weit im 2. Teil dieses Fortsetzungstatorts („Das goldene Band“) noch spekuliert wird. Vermutlich genau auf der sicheren Seite an der Grenze der Verleumdung entlang, die – sic! – juristische Schritte gegen die Macher nach sich ziehen könnte. Schon in „Wegwerfmädchen“ gibt es dazu einigen Subtext wie die Fahrt durch dieses Großkopferten-Villenviertel, die wir eingangs erwähnten und in der agiert wird, als wüsste eine LKA-Kommissarin in Hannover nicht in etwa Bescheid, wer in dieser Stadt in welcher Gegend siedelt.

Zudem muss sie, nachdem zwei von zehn entführten jungen Weißrussinnen gefunden wurde (eine tot, eine weitere verletzt), noch acht weitere Mädchen aufspüren. Bis zum Schluss von „Wegwerfmädchen“ ohne jeden Erfolg, trotz der sehr guten Fahndungsfotos. Mal sehen, was sich diesbezüglich in „Das goldene Band“ noch tun wird; am Ende von „Wegwerfmädchen“ ist der Fall ausgefasert, weil in seinen Dimensionen so aufgebläht, dass man nur noch eine verschwurbelte Erklärung über den Weg der Zwangsprostituierten von Nobelevents wie dem in Hannover bis hinab zum südeuropäischen Straßenstrich annehmen kann.

Der südeuropäische Straßenstrich, wohlgemerkt. Das ist da, wo die Länder gerade unter den Schulden zusammenbrechen und demgemäß eine ganz miese Weltgegend, garantiert viel mieser als zum Beispiel als der hochgradig brutale Straßenstrich auf der Kurfürstenstraße in Berlin, der nur ein paar Kilometer von unserem vergleichsweise friedlichen Kiez entfernt liegt. Wozu in die Ferne schweifen, wenn das Übel liegt so nah?

Dem Nähe-Phänomen spürt auch Charlotte Lindholm in der Gottseidank einzigen dialektischen Dialogpassage nach, in der sie mit ihrem Mann darüber spricht, was Männer wohl empfinden, wenn sie zur Hure gehen. Was nach Staatsanwalt von Braun, der regelmäßig eine afrikanische Schönheit im wilden Club von Rockerkumpel Koschnik penetriert, 70 % der Männer tun.  Stimmt übrigens nicht, aber egal. Der mit dem Wernher offenbar verwandte Staatsanwalt ist wegen dieser Neigung und irgendwelcher Bestechungen in die Geschichte, die hier geklärt werden muss, so verstrickt ist, dass er nicht mehr rauskommt und sich das Leben nimmt, damit offenbart er mehr ein Gewissen als ganz viele andere. Tragisch, aber leider, wie in heutigen Tatorten üblich, nur einer von vielen Strängen, von denen logischerweise keiner die dramatische Wucht erreichen kann wie eine mehr vertiefte als in die Breite getriebene Erzählstruktur.

Auch der privat und ermittlerisch zugleich eingewobene Strang von Charlotte mit Jan hat zwar starke Einzelszenen (vielleicht empfinden wir sie aufgrund aktueller Szenen in unserem Privatleben auch besonders stark), kommt aber nicht über Klischeebetrachtungen zur Prostitution, zu Zeitbudgets, zur Einführung von neuen Partnern in neue Familien hinaus.

Es liegt wohl im Trend, Tatorte wollen eierlegende Wollmilchsäue sein, anstatt eine Geschichte stringent zu erzählen – und verfehlen in jeder Einzeldisziplin deshalb häufig das Ziel – nämlich plausibel, gut hinterlegt, dicht und packend zu sein. Dafür hat uns das Spiel von Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm gut gefallen – nicht so prätentiös wie sonst oft und das doch vorhandene Prätentiöse so gebündelt, dass es nicht den ganzen Film durchzieht, sondern sich in wenigen, markanten Diskussionen austobt – mit von Braun und mit Jan, dem geliebten Journalisten, der mit dem Immobilien-Kaiser gerade ein Langzeit-Interview führt – vorgeblich, um dessen Biograf zu werden, in Wirklichkeit für ein Magazin, dessen Chef gemäß Optik eindeutig ein früherer Sponti ist und seiner investigativen Top-Spürnase einschärft, bloß nix an die Polizei weiterzugeben, wegen der Story und weil die immer alles kaputt machen, die von der Bullerei. Uff.

Da steht Jan in einem Konflikt, weil er an dem Party-Abend in der Villa Kaiser zugange war und mindestens eines der Wegwerfmädchen gesehen hat. Was er Charlotte natürlich beichten müsste. Das wird noch fetzen, im kommenden Tatort 854, wenn sie rauskriegt, dass er solche Heimlichkeiten vor ihr hat. Charlotte ist eine Person, die sowas sehr krumm nehmen könnte.

Die Inszenierung von „Wegwerfmädchen“ ist ziemlich trocken, und wir meinen, das soll so wirken. Die o. g. Ziele werden nicht in Gänze verfehlt. Dadurch, dass „Wegwerfmädchen“ so einen glasharten Touch hat und ohne viele Schnörkel auskommt (die Charlotte-Jan-Geschichte empfanden wir nicht als Abweichung vom geraden Erzählweg) wird das umfangreiche Szenario recht gut zusammengehalten. Es ist mehr die Vertiefung und die Zeichnung der Charaktere, die uns gefehlt hat. Allerdings ist dies ein Zweiteiler, und wir setzen die Maßstäbe an die Verdichtung daher ein wenig herab – was auch zu einer leicht überdurchschnittlichen Gesamtwertung von „Wegwerfmädchen“führen wird.

Fazit

Ob das Doppelfolgen-Experiment gelungen ist, können wir noch nicht abschließend beurteilen. So viele Fragen sind eigentlich gar nicht mehr offen, denn die wesentlichen Figuren für den zweiten Teil namens „Das goldene Band“ sind wohl in der Folge 853 schon eingeführt worden und es wäre plottechnisch schwach, noch ganz viele weitere Verwickelte und Hintermänner aus dem Hut zu zaubern, nur um der Folge 854 ein eigenständigeres Gesicht zu verleihen und dem Anspruch gerecht zu werden, dass man sie ohne den ersten Teil verstehen kann.

Demgemäß ist zu erwarten, dass Ärzte, Immobilienhaie und vielleicht noch der eine oder andere Politiker straucheln und am Ende von „Das goldene Band“ ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Schade dennoch, dass die Politik und die Seilschaften so knallig und knallchargenmäßig agieren und reihenweise Menschen umbringen lassen. Mal etwas tiefer in die Politwirklichkeit mit ihren vielen Abhängigkeiten, Lobbystrukturen etc. einzusteigen und aus diesen einen pikanten und spannenden Mordfall zu konstruieren, wäre doch was gewesen. So bleibt es eine Aufgabe, ein offener Posten auf der Agenda der Reihe Tatort.

Dafür sollten die Drehbuchautoren allerdings auch einen erfahrenen politischen Journalist zu Rate ziehen, sonst wird alles wieder so halbgar und die Suppe ist überwürzt, ohne dass die Zutaten perfekt aufeinander abgestimmt wären.

Wir bewerten „Wegwerfmädchen“ mit 7,5/10.

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke  

Hauptkommissarin Charlotte Lindholm – Maria Furtwängler
Jan Liebermann – Benjamin Sadler
Larissa Pantschuk – Emilia Schüle
Hajo Kaiser – Bernhard Schir
von Braun – André M. Hennicke
Gregor Claussen – Michael Mendl
Uwe Koschnik – Robert Gallinowski
Bitomsky Torsten – Michaelis
Carla Prinz – Alessija Lause
Michael Belz – Christoph Jacobi
u.a.

Drehbuch – Stefan Dähnert
Regie – Franziska Meletzky
Kamera – Eeva Fleig
Musik – Johannes Kobilke

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s