Der kalte Fritte – Tatort 1047 / Crimetime 207 // #Tatort #TatortWeimar #DerkalteFritte #Lessing #Dorn #MDR #Weimar #Tatort1047

Crimetime 207 - Titelfoto © MDR / Wiedemann & Berg, Anke Neugebauer

„Hat drei Schüsse abbekommen: Hirn, Herz, Hoden,“ stellt Dr. Seelenbinder bei der Sichtung des Opfers fest. „H., H., H. – ein Clown?“ scherzt Hauptkommissar Kira Dorn (Nora Tschirner) im Tatort „Der kalte Fritte“ heiter.“ (Tatort Fans)

Wir haben auch herzlich gelacht. Wie immer, wenn Dorn und Lessing auf dem Bildschirm erscheinen, prusten wir sofort los. Da müssen sie gar nicht erst mit ihren Wortspielen anfangen. Unser Titelfoto ist heute ein „Offscene-Still“, der zeigt, wie das Casting verlief: Wer die besten Fratzen schneidet, qualifiziert sich fürs Ausermitteln grausamer Morde. Was es sonst zum Film zu sagen gibt, findet sich in der -> Rezension.

Handlung

Bei einem Einbruch in seine Weimarer Villa wird der Milliardär Alonzo Sassen ermordet. Seine junge Frau Lollo erschießt den Täter – offenbar in Notwehr. Die Kommissare Kira Dorn und Lessing observieren Lollo, die danach im Bordell „Chez Chériechen“ Arbeit sucht, das von Fritjof „Fritte“ Schröder geführt wird. Dessen Bruder Martin betreibt mit seiner Frau Cleo in der Nähe Weimars einen Steinbruch, der am Rande der Insolvenz steht.

Als besondere geologische Formation ist dies einer der zwei potenziellen Standorte für das geplante „Goethe-Geomuseum“. Diese Nutzung wäre die finanzielle Rettung der Schröders. Doch Sassen hatte angekündigt, der Stadt ein Grundstück in Weimars bester Lage, am Frauenplan, zu schenken, um das Museum dort errichten zu können. War das sein Todesurteil?

Ihre Ermittlungen führen Kira Dorn und Lessing in die Bauhaus-Universität. Der Architektur-Professor Ilja Bock ist Vorsitzender der Jury, die über den Standort des Museums-Neubaus entscheidet. Er hat eine Affäre mit seiner Jungendliebe Cleo, die damit ins Fadenkreuz der Kommissare gerät. Als sich herausstellt, dass Fritte Schröder bei dem Grundstücksroulette mit am Tisch sitzt, und die Hassbeziehung zu seinem Bruder Martin offenbar wird, steuert der Fall auf ein explosives Finale zu.

Rezension

Das ist nun also schon der sechste Tatort mit Kira Dorn und Hauptkommissar Lessing ohne Vornamen, zumindest laut Besetzungsliste. Die beiden sind schon über vier Jahre dabei, ein vertrauter Anblick.

Dass der erste Tatort mit den beiden Musiksender-Abkömmlingen als Hauptdarsteller schon so lange zurückliegt, erstaunlich. Die Sendefrequenz wirkt auf mich im Moment viel höher, was vor allem daran liegt, dass „Der kalte Fritte“ nur zwei Monate nach „Der wüste Gobi“ Premiere hatte. Ich will hoffen, dass es trotzdem bei einem Durchschnitt zweischen einem und zwei Tatorten pro Jahr bleibt, dann sind die beiden gerade noch zu ertragen.

Was macht sie denn so beinahe unertrüglich … unerträglich? 

Es hängt vom Stoff ab. Wenn alles so in Richtung Komödie tendiert wie in „Der wüste Gobi“ mit dem schrägen Vogel als Episoden-Titeldarsteller, ist es leichter, bei einem eigentlich ziemlich traurigen Familiendrama wie „Der kalte Fritte“ musste ich wirklich die Ruhe bewahren. Dass der Humor in Deutschland meist sehr grob gestrickt ist, weiß ich nicht erst seit heute, aber wie hier schöne und intensive Szenen und gute Darsteller sich der monomanischen, gewollt-gekünstelt hippen Spielweise von Tschirner und Ulmen quasi unterwerfen müssen, das kann man kaum anschauen.

Besonders Kommissariatsleiter Stich alias Thorsten Merten wird dadurch weit unter Wert verkauft. Da gibt es diese schöne Story mit seinem Vater, aber wie Dorn dessen Treiben dem Sohn enthüllt, nicht die Enthüllung, selbst, aber das „Wie“, ist einfach nur flach. Leider ist sie dieses Mal auch selbst von ihrem Spiel negativ betroffen.

Die versuchte Vergewaltigung im „Chez Chériechen“?

Es ist doch vollkommen klar, dass jemand, der sonst so auftritt wie Dorn, nicht auf Mitleid machen kann, wenn er in eine solche Situation kommen kann, zumal er sie angeregt hat. Aber nicht das ist das Problem für den, der sich zurücknehme kann, man muss immer Grenzen respektieren – sondern der Versuch, plötzlich auf emotional zu machen. Christian Ulmen bekommt das einen Tick besser hin, aber nachdem sie ihn in „Der wüste Gobi“ auf geradezu angenehme Weise zurückgenommen haben oder er es selbst getan hat, ist dieses Mal der Gleichklang der flachen und unpassenden Spielweise zwischen den Cops fast wieder komplett hergestellt. Dazu nuschelt insbesondere Tschirner manchmal dermaßen, dass ich selbst mit guten Kopfhörern und angemessener Lautstärke nicht alles verstanden habe. Das passiert mir sonst nicht mehr, seit ich Lautsprecher verwende, die direkt auf den Ohren sitzen.

Wie war die Story dieses Mal? 

Wenn man die Episodenrollen nicht mit diesem Möchtegern-Humor der Cops komplett ausgebremst, kann man aus jedem Baukasten-Drehbuch etwas machen, und um ein solches handelt es sich hier. Etwas Familiendrama, etwas Geschiebe mit Ausschreibungen am Bau und fertig.

Kommt mir sehr nach ausgelutschtem Muster vor, schon bei Ehrlicher und Kain gerne genommen. Nur jetzt abzüglich böser Wessis und reingelegter Ossis, dafür mit etwas Kulturedukation, für die sich die meisten Lorn-Dessing … Dorn-Lessing-Fans nicht interessieren und deshalb ist es auch beinahe egal, ob sie korrekt ist oder nicht. Einiges davon, das ich ohne Recherche im Chériechen oder sonstwo schon wusste, stimmt, was ich nicht wusste, habe ich kulturbanausenhaft runterfallen lassen. Das Drehbuch ist aber auch gar nicht so wichtig, weil die Inszenierung stark dominiert. Der Plot wirkt wesentlich komplizierter, als er ist, weil er mit prallen Einzelszenen gespickt wird, wie die zwischen den beiden Schröder-Brüdern. Viel Effekthascherei, damit man immer wieder den Faden verliert und nicht bemerkt, wie unsauber der gestrickt ist – und das Spiel von Ulmen und Tschirner tut ein Übriges, um vom Wesentlichen abzulenken.

Dass eine Täterfigur, wie man sie hier mehrfach im Hintergrund oder selbst Hand anlegend bestaunen darf, die Handlung klammert und nicht zu durchsichtig werden lässt, weil sie sich absurd verhält, fällt dann auch nicht mehr groß auf.

Die eitlen Selbstdarstellungen sind ja nicht mehr neu, eigentlich fing das mit den Münster-Tatorten an, denen ist Weimar auch sehr nachempfunden. Als man das auch noch in Dresden versucht hat, war klar, wie der MDR alles tut, um aus der Sackgasse zu kommen: Schlechte Skripte, geringe Akzeptanz vor allem des Publikums im Westen für Leipzig oder Dresden. Mit dem Elbflorenz-Team haben sie im letzten Film die Kurve aber bekommen, in Weimar gelingt das bisher nicht. Ich würde sogar sagen, es wird immer schlechter. In Münster haben sie immerhin etwa fünfzehn Filme gebraucht, um ihren Zenit endgültig zu überschreiten, aber in Weimar ging es quasi Top Down von Beginn an.

Das Ende ist aber doch wirklich explosiv? (Ab hier Angaben zur Auflösung) 

Im Grunde darf man sowas in einer Rezension nicht schreiben, man will sich ja nicht zu sehr dem Niveau des Films anpassen. Aber als die Explosion stattgefunden hatte und Lessing da oben steht und verzweifelt nach seiner Dorn ruft, dachte ich. Lieber Gott, lass es geschehen. Lass sie da unter dem Geröll begraben sein, für immer. Bei einer realistischen Darstellung wäre es auch so gewesen, da hätte die Sprengung andere körperliche Wirkungen gezeigt.

Ich unterscheide klar zwischen Rolle und Darstellerin, das versteht sich von selbst. Aber das wäre mal ein Abgang gewesen für eine Rollenfigur, die wirklich auserzählt ist, weil die Gags immer dieselben sind, keine Entwicklung sichtbar.

Trotzdem, ich bin nie uninteressiert, als Liebhaber des Tatort-Formats, und stelle immer wieder Fragen, die niemand beantworten wird: Macht der Drehbuchautor diese Witzchen in den Weimar-Tatorten alle allein oder gibt es einen oder mehrere Extra-Gagschreiber, die Ulmen und Tschirner schon von früher kennen und die auf sie eingestimmt sind? In Münster stellt sich diese Frage ebenfalls, aber da sind mehr Personen vorhanden, die man mit unterschiedlichen Formen von Gags bespielen kann, wie etwa Alberich einerseits und das Verhältnis Thiel-Boerne andererseits, Thiels schrägen Vater, die Staatsanwältin – während hier zwei Personen alles tragen müssen und manchmal wird über Bande gekickt, etwa mit Lupo, wie der Kommissariatsleiter Stich eine dauerhaft angelegte Rolle, in der ihr Darsteller Arndt Schwering-Sohnrey ebenfalls nicht zeigen kann, was er wirklich drauf hat.*

Wie ist der Titel zu interpretieren? 

Keine Ahnung. Okay, der Name am Ende hat nichts mit Pommes Frites zu tun, sondern leitet sich von Fritjof ab, aber der ist weder kalt im Sinn von abgemurkst noch emotional kalt, sondern einer von zwei Brüdern, die einander so richtig nicht abkönnen. Gibt’s alle in der Realität auch so ähnlich und die Manipulationen dazu ebenfalls, aber der Titel hat doch einen gewissen Abstraktionsgrad, der gut zur abstrusen Spielweise der Cops passt.

Vielleicht mal ein Blick hin zu anderen Zuschauern. Beim Tatort-Fundus steht die 1047 auch nur auf Rang 921 (Stand 14.02.18, 11:30), aber ist trotzdem von den sechs Tatorten der Weimarer damit nicht der schlechteste, sondern rangiert auf Platz 4 von 6. 

Die Bewertung wäre noch schlechter, wenn es nicht den „Wir sind Osten“-Effekt gäbe. Bei den Wien-Tatorten werten die Österreicher, die beim Fundus zugange sind, gerne sehr hoch, bei den Schweiz-Fällen natürlich die Schweizer, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt, nach meiner Beobachtung – und die Ostdeutschen fühlen sich persönlich angegriffen, wenn die Westler diesen Flachsinn aus Weimar als Flachsinn beschreiben und halten dagegen. Warum eigentlich? Ich habe bisher noch nirgends gelesen, dass hier eine spezifisch östliche Form von Flachsinn vorliegt.

Es gibt bei allen Tatortschienen auch ein bisschen Regionalpatriotismus, aber nicht so deutlich. Und tatsächlich ist auch der Humor regional verschieden, und darauf, ob man den mag, kommt es ja bei Ulmen und Dorn wesentlich an, aber wir sehen gerade bei diesen Witzeleien überhaupt keine landsmannschaftlichen Besonderheiten. Schlechte Drehbücher gibt es anderswo auch. Oder Drehbücher, die mäßig sind und dann noch unter einer unausgewogenen Umsetzung leiden. Optisch ist der Film übrigens wieder klasse, da herrscht mittlerweile ein guter Standard vor und es gibt ja diese Momente, die ausschließlich den Episodenrollen-Darstellern gehören, in denen man erkennt, dass der Regisseur auch einen richtig guten Krimi machen könnte. Soll aber wohl in Weimar nicht sein.

Welches Narrativ zu diesem Film passt am besten, gemessen an der Reaktion anderer Zuschauer? 

Im Fundus schrieb jemand „Ohne Hirn, ohne Herz, ohne Hoden“, eine Anspielung auf einen von vielen miesen Gags in diesem Film. Das trifft es sehr gut. Das ist Kost für die roheren unter den noch in der Pubertät befindlichen Zuschauern, auch die Fäkalsprache von Dorn geht ja ganz in die regressive Richtung.

Ich hatte hingegen ein Herz für den oben auszugsweise zitierten Kommentar, weil er etwas genau ausdrückt, was ich beim Anschauen die ganze Zeit über gefühlt hatte, dadurch aber erst richtig pointieren kann: Der Mangel an Empathie, also an Herz, in diesen Filmen ist beängstigend. Und das unterscheidet sie von Münster, obwohl dort das Verhältnis zwischen Thiel und Boerne auch manchmal gruselig auf die Spitze getrieben wird – der Stenz und der Proll – aber die Gesamtaufstellung des Teams ist doch wesentlich emotional ansprechender. Was von Lessing und Dorn gezeigt wird, gibt mir zu denken, wenn ich zurückblicke auf die Zeit, in der jene Persönlichkeiten geformt wurden, die solche Filme mögen. Das war jetzt eine politische Aussage.

Niveau ist eine Sache, aber emotional betrachtet, scheint hier dünnes Eis vorzuliegen. Und Krimis sind nicht fürs Herz gemacht, sondern für die Spannung.

Erstens ist der Fall nicht sehr spannend, zweitens rufen auch gute Verbrechercharaktere durchaus Emotionen hervor, ebenso wie gute Cop-Figuren. Aber klar, da überlagern sich auch viele Ebenen, so einfach ist die Analyse einer Ablehnung nicht, deswegen sind meine zustimmenden Rezensionen regelmäßig die kürzeren. Die Gegner der Weimar-Filme sind mitunter recht konservativ, das ist wiederum ein anderer Teil der Geschichte.

Aber da ist eben auch der Mangel an menschlicher Substanz, der sich in den Cop-Rollen manifestiert, die übrigens nicht satirisch angelegt sind. Als Satiriker muss man ja mit den Objekten der Satire robust umgehen, sonst  zündet die Satire nicht. Hier zündet aber der Humor nicht, bloß am Ende die Sprengladung. Bisher schwächster Tatort in 2018, hoffentlich nicht noch mehr in diesem Stil, sonst liegt das bisher gute Gefühl zum neuen Tatortjahr auch bald in Trümmern.

5/10

*Nachtragsanmerkung im Rahmen der Veröffentlichung 2019: Normalerweise schreiben Andreas Pflüger und „Murmel Clausen“ die Drehbücher für Weimar zusammen, hier war nur letzterer am Werk. Vielleicht sackte dadurch das Niveau tatsächlich weiter ab.

© 2019, 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Kira Dorn – Nora Tschirner
Hauptkommissar Lessing – Christian Ulmen
Kommissariatsleiter Kurt Stich – Thorsten Merten
sein Vater Udo Stich – Hermann Beyer
Polizist Lupo – Arndt Schwering-Sohnrey
Fritjof „Fritte“ Schröder – Andreas Döhler
sein Bruder Martin Schröder – Sascha Alexander Geršak
Martin Ehefrau Cleo Schröder – Elisabeth Baulitz
Tochter Simone Schröder – Paula Kroh
Lollo Sassen – Ruby O. Fee
Prof. Ilja Bock – Niels Bormann
Frau Dr. Seelenbinder – Ute Wieckhorst
u.a.

Drehbuch – Murmel Clausen
Regie – Titus Selge
Kamera – Stephan Wagner
Szenenbild – Silke Buhr
Ton – Erich Lutz
Musik – Dürbeck & Dohmen

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