Gedenken an Luxemburg und Liebknecht: „Eine verlogene Ehrung“ (MAZ) / #Luxemburg #RosaLuxemburg #Liebknecht #KarlLiebknecht #WolfgangThierse #DIELINKE @SPDDe

Gedenken an Luxemburg und Liebknecht: „Eine verlogene Ehrung“ (MAZ)

2019-06-23 rosa luxemburg

Wolfgang Thierse hat heute der Märkischen Allgemeinen Zeitung ein Interview gegeben, in welchem er die jährlichen Ehrungen der Linkspartei (DIE LINKE) für Rosa Luxemburg zu deren Todestag als verlogen bezeichnet. Warum?

Ich muss Thierse nach der MAZ zitieren, sonst erschließt es sich nicht: „Der Marsch nach Friedrichsfelde ist verlogen, auch heute noch. Man ehrt ohne Unterschied auch Antidemokraten wider besseres historisches Wissen.“

Wer wird denn da außer Liebknecht und Luxemburg noch geehrt?

Das haben wir uns auch gefragt. Stalin? Ist uns bisher nicht aufgefallen. Sicher gibt es in der LINKEn Menschen, die eine Diktatur immer noch nicht als so schlimm empfinden würden, sofern sie antikapitalistisch ist, wobei wir keinen Ansatz erkennen, wie das zusammengehen soll – oder / und die heute den Antidemokraten Wladimir Putin als super Typ ansehen. Dass man als Linker Rosa Luxemburg ehren muss, versteht sich jedoch von selbst. Wir haben hier gestern nichts zu ihrem 100. Todestag gebracht und nichts zu Karl Liebknecht, weil das unsere Form war, Achtung und Respekt zu zeigen.

Durch Schweigen?

Wir wollten ausdrücken, dass es Menschen gibt, die einen viel tieferen und längerfristigen Zugang zu diesen Persönlichkeiten haben als wir.

Und es gibt einen weiteren Aspekt: Furchtbare Todestage sind für uns als Gedenk-Anlässe zweitrangig. Wir haben’s deshalb generell eher mit den Geburtstagen oder den Jubiläen für große Werke, etwa 150 Jahre „Das Kapital“, Band 1. Oder mit wichtigen Stationen im Leben großer Frauen und Männer. Sowas finden wir vorausweisender und motivierender als die ritualisierte Erinnerung an Gewalt und Schande, die mit dem Tod von Luxemburg und Liebknecht verbunden ist.

Die Erinnerungskultur im Land hat ohnehin eine psychologisch höchst problematische Ausrichtung, weil die Geschichte es verlangt und diese Ausrichtung mindert das politische und allgemeine Urteilsvermögen großer Bevölkerungsanteile. Wie man an Wolfgang Thierse sieht, einem typischen SPD-Mainstream-Politiker. Seine Aussagen geben uns nun doch einen Anlass, am „Tag danach“ ein paar Gedanken zu Rosa Luxemburg zu äußern.

Was muss man Thierse vorwerfen?

Dass ein Interview in der „Märkischen Allgemeine“ so viele Wellen schlägt – natürlich nur in der LINKen, ist im Grunde makaber. Lasst ihn schwätzen, wer hört schon der SPD noch zu, könnte man ausrufen. Aber es gibt ja auch Menschen, die vielleicht aus einer Antwort was mitnehmen können. Und was wir antworten, sieht nicht gut aus für die SPD.

Thierse verdreht – nicht alle historischen Tatsachen, aber die Ursachen für das, was geschah.

Wer hat uns verraten?

Es war die SPD, die 1914 durch ihre Zustimmung zur Begabe der ersten Kriegsanleihen mit dafür sorgte, dass Deutschland den Weltkrieg auslösen konnte, der die folgende Weltgeschichte so massiv überschattet hat. Rosa Luxemburg, damals noch Mitglied der SPD, vertrat eine Mindermeinung, eine pazifistische Ansicht, dafür musste sie übrigens häufig ins Gefängnis, auch während der folgenden Kriegsjahre. Heute können sich vor allem die Pazifisten auf sie berufen. Und das ist dringend nötig, nachdem nicht nur die SPD, sondern auch die Grünen bellizistisch sind.

Nach dem Ersten Weltkrieg?

Rosa Luxemburg begrüßte die russische Revolution, nicht aber die Diktatur der Bolschewiki. Es wird wohl kaum jemand heute behaupten, diese Revolution sei angesichts des barbarischen und rückständigen Zarismus nicht notwendig gewesen, um in diesem mit parlamentarischen Verfahren nicht zu wendenden Land etwas Neues zu beginnen, aber Luxemburg hat in Deutschland nie zu gewaltsamen Lösungen aufgerufen, als es zu einer revolutionären Situation kam, obwohl man die aus heutiger Sicht vielleicht besser so durchgeführt hätte. Wir sind keine Freunde von Whataboutismen, aber vergleichen darf man schon: Jenseits einer per se blutigen Diktatur wäre alles besser gewesen als das, was 1933 kam und woran die SPD mit ihrer viel zu wenig den Kräften von gestern gegenüber abwehrbereiten Verhalten ursächlich einen hohen Anteil hat.

Hingegen rühmt Thierse die SPD dafür, dass sie mit Gewalt gegen die Arbeiterbewegung vorgegangen ist. Einen ebenso schrecklichen Beitrag bezüglich der Tendenz haben wir jüngst in „Vorwärts“, der Parteizeitung der SPD, entdeckt. Schon der Name dieser Zeitung ist aus heutiger Sicht ein Witz. Es gibt in Deutschland keine Partei, die weniger Ideen zum „Vorwärts“ hat als die SPD. Einige Ideen der anderen sind falsch, aber es gibt sie – nur nicht bei der SPD. Die kleckert so vor sich hin, in diesen Zeiten der wachsenden Herausforderungen.

Die SPD hat also allein mit ihrer Zustimmung zum Ersten Weltkrieg in der Folge viel Unheil bewirkt und ist heute eine Unterstützerin aller Waffenexporte und Kriegsbeteiligungen Deutschlands.

War ihre positive Haltung zur Weimarer Republik nicht die richtige?

Noch einmal. 1933! Nur, weil 1918 die Machtverhältnisse sich nicht wesentlich änderten, auch wenn der Kaiser abdankte, und das taten sie nicht, weil auch die Sozialdemokraten keine systemverändernde Politik betrieben, konnte 1933 geschehen: Braune, Reaktionäre und das Kapital wirkten zusammen, um die Republik zu stürzen. Dass die SPD dann nicht fürs Ermächtigungsgesetz gestimmt hat – Heldentum zu spät.

Während der Weimarer Zeit konnten die nationalistischen, revanchistischen Kräfte sich in aller Ruhe reorganisieren und die zeitweise chaotischen Zustände nutzen, um Stimmung zu machen. Besonders kam ihnen dabei die Weltwirtschaftskrise zu Hilfe.

So viel übrigens zu echten, mit Rassenideologie getränkten Nazis und Menschen, die autoritär denken und ihr Heil in der Not in starken Führern suchen. Letzteren Typ gibt es auch unter jenen, die systemtheoretisch links stehen, also antikapitalistisch orientiert sind. Diese Autoritären sind aber nicht jene, die sich nach unserer Ansicht auf Rosa Luxemburg berufen können.

Aber es gibt doch auch falsche Freunde in der Tradition der DDR?

Die DDR hat Luxemburg erst richtig vereinnahmen können, als sie sich vom Stalinismus abwendete, dadurch wurde freilich keine Demokratie geschaffen, die auf Selbstermächtigung der Mehrheit beruht.

Doch die heutige Linke quasi immer noch mit der SED, welcher DDR-Periode auch immer, gleichzusetzen, ist lächerlich.

Und überall sind auch falsche Freunde dabei, wenn etwas sich formiert und sogar in Bewegung gerät. Bei den Gelbwesten in Frankreich laufen auch Rechte mit, bei „Unteilbar“ waren auch spalterische religiöse Fundis dabei, fast jede Partei hat Lager, die austariert werden müssen. Das ist normal, es gibt in größeren Gruppen keine homogene Gesinnungsethik. Diese Spannung muss die Demokratie aushalten und deswegen kann man nicht eine Bewegung oder das Gedenken der LINKEn an Rosa Luxemburg verunglimpfen, deren (bzw. die ihr nahestehende) Stiftung den Namen dieser herausragenden Persönlichkeit der Arbeiterbewegung trägt.

Rosa Luxemburg steht für viel mehr, als ein Thierse es glauben machen will und vermutlich auch für viel mehr, als er gedanklich erfassen kann. Der demokratisch-systemkritische Ansatz ist eben für die Sozen von heute unwichtig. Wenn man ein Herz für die Interessen von „unten“ hat, braucht man aber kein jahrelanges Quellenstudium, um den Unterschied zwischen Diktatoren im linken Kostüm und Rosa Luxemburg einerseits und ihr und solchen gerne Hülsen produzierenden, angepassten SPD-Politikern wie Thierse andererseits zu erkennen.

Viele Sozialdemokraten sind vermutlich auch sauer wegen einer viel jüngeren Spaltung als der von 1917 in SPD und USPD, später KPD.

Das kann ich mir bei Thierse gut vorstellen und bei vielen anderen SPD-Leuten auch. Auch das sehe ich differenziert: Einerseits gibt es Persönlichkeiten, die neigen leider zum Spalten, andererseits musste es irgendwann eine Kraft links von der SPD geben, die man heute nicht mehr als sozialdemokratisch bezeichnen kann. Ein solcher Bedarf bestand 1917, ebenso war es nach der Wende von 1989, als im Osten die PDS erhalten blieb, im Westen die WASG hinzukam und sich mit der PDS zur heutigen DIE LINKE zusammenschloss. Daher nochmals: Alle Pazifist_innen in der Partei und außerhalb haben jedes Recht, sich auf Luxemburg zu berufen.

Und wir finden bei ihr noch etwas, was man als Ansatz weiterverfolgen kann: Sie hat Marx nie statisch aufgefasst, sondern immer gefordert, seine Gedanken in die aktuelle Wirklichkeit zu übertragen. Bereits in den 1910ern war die Arbeitswelt  eine andere als um 1860. Genau diese Ausgreifen ist heute auch gefordert. Marx‘ Theoriegebäude zu ergänzen, Widersprüche zu beseitigen, Lücken zu schließen und sich dabei immer der Tatsache bewusst zu sein, dass man sich auf beide Personen stellen kann, wenn es darum geht, antikapitalistischen Kurs zu wahren und dabei z. B. die ökologischen Herausforderungen unserer Zeit in die Überlegungen und den Diskurs einzubeziehen.

Wir glauben, so schwierig ist das nicht Denn die überall sichtbaren Allokationsprobleme des Kapitals sind ein Menetekel nicht nur für soziale Standards, sondern auch für die Umwelt im Sinne einer rücksichtslosen Ausbeutung der Menschen wie der Natur gleichermaßen. Alles Negative des Kapitalismus kumuliert seit dem Anbruch des neoliberalen Zeitalters so, wie Luxemburg es bereits beschrieben hat. Sicher hat sie, wie fast alle Linken, die Zähigkeit und die vielen Tricks des Kapitalismus unterschätzt, mit denen er sich über Wasser hält, aber so viele Jahre später und mit so viel Erfahrungswissen über immer neue Ideen des Kapitalismus, sich durchzusetzen, sich zu verkleiden, sich gemein zu machen einerseits und Macht zu bündeln andererseits, lässt sich das leichter feststellen.

Es wäre aber in der Tat lächerlich, wenn die SPD sich auf Rosa Luxemburg berufen würde, obgleich sie lange Mitglied dieser Partei war. Es wäre lächerlich, wenn sich verbürgerlichte einstige Friedensaktivisten, die jede Wendung der Grünen mitgetragen haben, auf sie berufen würden. Aber Linke können aus ihren Gedanken und Schriften ebenso wie aus ihrer Person immer noch viel Lehrreiches fürs 21. Jahrhundert ziehen. Wir verstehen, dass die SPD etwas neidisch darauf ist, dass sie sich nicht mit Rosa Luxemburg assoziieren kann und mit Typen wie Gerhard Schröder als Vorbildern auskommen muss, die Millionen von Menschen in die Armut getrieben haben.

Eine letzte Frage – warum gerade dieses eher wenig bekannte  Bild von Rosa Luxemburg? 

Das ist erkennbar in ihren jungen Jahren gemacht worden, da hatte sie noch nicht die später charakteristische, damals aber nicht unübliche Turmfrisur. Trotzdem kann man anhand dieses hübschen Bildes gut sehen, warum viele Menschen Sahra Wagenknecht so eng mit ihr zusammenbringen. Obwohl die beiden in jedem Detail unterschiedlich aussehen, ist da eine Gemeinsamkeit im Gepräge, bezüglich der Ausstrahlung. Diese finde ich, erläutert sich anhand des Bildes, auf dem Luxemburg sicher noch keine 30 ist, besonders eindrucksvoll. Aber eine Wiedergängerin ist Wagenknecht ganz sicher nicht. Das meinen wir ganz ernst.

Welcher Flügel der LINKEn kann sich heute eher auf Luxemburg berufen?

Das ist dann doch wieder der Wagenknecht-Flügel, abzüglich der Freunde diverser historischer und aktueller Diktaturen, die es dort vereinzelt noch gibt. Aber der Wagenknecht-Flügel ist bei weitem systemkritischer als die „Reformer“. Das klingt nach einem Widerspruch, ist aber keiner.

Luxemburg hat sich schweren Herzens von der SPD getrennt, als sie sah, diese Partei dient doch dem Kapital und dem Krieg. Die Reformer in der LINKEn stehen heute aber etwa dort, wo die SPD vor 50 Jahren stand und würde nach unserer Ansicht in einer Koalition mit der SPD und den Grünen ihren pazifistischen Anspruch verlieren. Diese Partei muss wieder systemkritischer werden, um sich tatsächlich ohne Gewissensbisse mit Rosa Luxemburg schmücken zu können. Dass sie da nicht eindeutig genug ist, das stellt für uns das Hauptproblem der aktuellen, von uns als  ritualisiert bezeichneten Erinnerungsarbeit dar, nicht das, was Wolfgang Thierse bemängelt. DIE LINKE ist nicht mehr links genug für Rosas Ansprüche, nicht etwa zu wenig mainstream-sozialdemokratisch.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommentar 158

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s