Mann über Bord – Tatort 639 / Crimetime 213 // #Tatort #TatortKiel #Borowski #NDR #Kiel #Jung #MannüberBord #Tatort639

Crimetime 213 - Titelfoto © NDR, Marion von der Mehden

Die langsame Erschließung des Nordens

Der Kieler Kommissar Borowski gehört zu den aktuellen Ermittlern, mit denen wir noch etwas arbeiten müssen, bis wir sie richtig kennen, „Mann über Bord“ ist (nach „Borowski und die heile Welt„) erst der zweite mit ihm, den wir rezensieren und stammt aus der Zeit, als der Name des ermittelnden Kommissars noch nicht im Titel seiner Fälle enthalten war.

„Mann über Bord“ zeigt ein entwicklungsfähiges Team aus Polizist und Psychologin, das sich bis zu „Heile Welt“ aber nicht angenähert hat, die Hoffnungen auf eine herzhafte Affäre zwischen Klaus Borowski und Fieda Jung waren umsonst. Das lässt Rückschlüsse auf ähnliche Konstellationen zu, z. B. Steuer / Mey, die neuen aus Frankfurt.*

Krimis sind eben konservativ, für Tatorte gilt das nicht im politischen Sinn, sondern strukturell. Das merkt man auch „Mann über Bord“ an, bei dem uns das Ermittlerteam besser gefallen hat als der Fall selbst, bei dem man wieder einmal Drehbuchdetails kritisieren muss. Die sind deshalb auffällig, weil sie gerade durch eine Qualität des Films deutlicher werden als manchmal sonst: Die ruhige, lineare Art, diesen Tatort zu entwickeln, diese nordische, vergleichsweise konzentierte Geschichte, lässt Zeit genug, bestimmte Aspekte genau zu betrachten – und sie nicht als stimmig zu empfinden. Was wir damit meinen, erläutern wir in der -> Rezension.

Handlung

Kommissar Borowski befindet sich auf der Rückkehr vom Angelurlaub, als er an ungewohnter Stelle zu Hilfe gerufen wird: Mitten auf See, auf dem Weg von Schweden nach Deutschland, ist der Kapitän der Fähre spurlos verschwunden.

Borowski hatte den Kapitän kurz zuvor noch gesehen, als er sich an der Bar mit seinem Ersten Offizier Björndahl gestritten hatte. Borowski lässt alle Passagiere der Fähre überprüfen und rekonstruiert die letzten Stunden des Kapitäns Venske. Schon die erste Spur ist merkwürdig: Jemand hat die Lotsentür geöffnet – das Signal für eine Notlage.

Hat sich Kapitän Venske freiwillig abgesetzt, war es Selbstmord, Unfall oder Mord? Auch das Gespräch mit Annemarie Venske, der Frau des Kapitäns in Kiel, hilft Borowski nicht weiter. Er beschließt, noch einmal mit der Fähre nach Schweden zu fahren, um die Crew zu befragen. In Göteborg angekommen, wird er bereits von seiner schwedischen Kollegin, der Kommissarin Eveline Wallstöm, erwartet. Von ihr erfährt Borowski, dass Björndahl Grund gehabt hätte, den Kapitän aus dem Weg zu schaffen.

Eine andere Spur erweist sich jedoch als weitaus interessanter: Bei der Durchsuchung des Spinds vom Kapitän stoßen Borowski und Wallström auf Greta Karlsson, Venskes zweiter Ehefrau, mit der er auf den Schäreninseln lebt und ein Kind hat. Borowski ist von seinem ersten Fall von Bigamie beinahe fasziniert. Doch dann wird der Kapitän in der Ostsee tot aufgefunden. Da sein Ehering fehlt, geraten die Ehefrauen in das Ziel der Ermittlungen.

Borowski führt die beiden Witwen an der Leiche des Ehemannes zusammen. Ein Vorgehen, für das er von der Psychologin Frieda Jung scharf kritisiert wird. Sie ist für die psychologische Betreuung der Witwen zuständig und dadurch stark in die Ermittlungen eingebunden. Als es immer mehr Hinweise darauf gibt, dass Greta Karlsson ihren Mann wegen seiner hohen Lebensversicherung ermordet haben könnte, machen sich Klaus Borowski und Frieda Jung gemeinsam auf nach Schweden, um sie zu verhören. Eine Reise, die nicht nur die Hintergründe der Tat ans Licht bringt. Doch für die beiden steht noch eine weitere Fährfahrt an, und diesmal ist der Mörder auch an Bord.

Rezension

Vorsicht vor Ermittlernamen in Tatort-Titeln. Offenbar will man ein besonders intimes Verhältnis zwischen dem leitenden Ermittler, meist Hauptkommissar, und dem Fall herstellen, wenn man seinen Namen bereits im Titel unterbringt. Da gab es im Südwesten den Bienzle und in Kiel den Borowski. Beides eher ruhige Vertreter ihrer  Zunft, um die herum man Fälle und andere Figuren bauen konnte.

Mit etwas Pech steht diese Intimität aber auch für gepflegte Krimikost der konventionellen Art, die man gut anschauen kann, die, wie auch in „Mann über Bord“ ein angenehmes Feeling beim Schauen vermittelt, die aber weder mitreißt noch einnimmt. Aber auch das suggeriert diese besondere Titelgestaltung: Man weiß in etwa, was man bekommt.

Nun war es in „Mann über Bord“ erkennbar noch nicht soweit, mit Borowski, sonst hätte der Film ja „Borowski und der Mann über Bord“ heißen müssen. Daran sieht man schon, die Titelmöglichkeiten sind eingeschränkt, wenn man den Kommissar auch darin unterbringen muss.

Warnung vor zu einfachen Plots. Manche Tatortmacher haben es wirklich drauf, die Schwächen ihrer Werke zu verstecken, weil die Plots so komplex gebaut sind, dass man erst einmal gar nicht merkt, wie man von den Drehbuchschreibern übers Ohr gehauen wird. Manchmal ist sogar eine Nachbetrachtung notwendig, dann allerdings kann es passieren, dass das ganze Konstrukt fragwürdig wird.

Nicht so in „Mann über Bord“. Der Tatort zeigt seine Schwächen offen, aber er noch halbwegs stimmig gebaut, nach dieser Offenlegung.

Was uns nicht gefallen hat, war zunächst die Schlussszene. Ein Showdown nach einem so ruhigen Fall in winterlicher Ostsee mit einer so kühl handelnden Frau wie Annemarie Venske (Catrin Striebeck) als Täterin lässt sofort einen Mangel erkennen. Diese Person ist wirklich sehr geschickt vorgegangen, als sie bemerkt hat, dass ihr Mann ein Doppelleben führt und wäre nicht einfach zu überführen gewesen. Das weiß wohl auch Borowski. Aber in der Schlussszene hält sie eine Person für ihre Konkurrentin Greta Karlsson (Ingar Sigvardsdotter), die mindestens einen Kopf kleiner ist als der „Lockvogel“, die Psychologin Frieda Jung, die Karlssons Kleider trägt, und die auch eine andere Figur hat. Solch eine Unstimmigkeit würde eine so analytisch-intelligente Frau bemerken, auch wenn sie unter Zeitdruck steht.

In anderen Tatorten sind übrigens nicht mitermittelnde Personen, sondern tatsächliche Verdächtige als Lockvögel eingesetzt worden – welche Variante die weniger realistische ist, lassen wir mal außen vor, der Schluss wirkte jedenfalls herbeizitiert ist.

Vorsicht vor deutschen Krimi-Standards. Was man dem Plot an sich gar nicht anlasten kann, ist eine typische deutsche Fernsehfilm-Eigenart, die  erheblich Spannung herausgenommen hat, als klar war, dass es auf eine der beiden Frauen des verstorbenen Kapitäns Hans Venske hinauslief. Es musste Annemarie in Kiel sein, es durfte nicht Greta auf dem schwedischen Land in der Nähe von Stockholm sein. Erstens hat sie ein Kind, zweitens wohnt sie in einer so hübschen Umgebung, drittens ist sie Ausländerin, viertens hübsch und emotional und schon eine dieser Eigenschaften würde ausreichen, sie als Tatort-Täterin ausscheiden zu lassen. Auch wenn sie eine Pistole mitführt, sie tut es ja nur, weil sie weiß, die andere muss es gewesen sein und sie will sich vor ihr schützen.

Die Schweden sind weitaus unkomplizierter in ihren Krimis. Bei der großen Kriminalität sind beinahe immer Ausländer beteiligt und gerne auch Deutsche. Das macht das Ganze auf eine gewisse Art auch wieder berechenbar, aber es ist eher realistisch und weniger idealistisch konstruiert.

Dabei war die Sache im Grunde gut aufgebaut. Schön hat Psychologin Jung die beiden Frauen analysiert, nachdem Borowski sie miteinander konfrontiert hatte, anhand der Identifizierung von Venskes in der Gerichtsmedizin. Aber es gab da einen Moment, in dem die Maske fiel. Nämlich, als Annemarie ins Taschentuch heulte oder sich schneuzte und für einen Moment diesen prüfenden, berechnenden Blick auf die bei ihr sitzende Psychologin Frieda Jung (Maren Eggert) warf. Und damit zur nächsten Schwäche – das hätte die vesierte Psychologin aus der Nähe erkennen müssen, wenn wir es schon gesehen haben, dass da mit der Trauer der älteren Frau Venske etwas nicht stimmt. Eine Fachfrau, die den angesichts ihres Berufs beziehungsreichen Namen Jung führt, von der hätten wir das erwartet. Gut, dass man der sicherlich vorhandenen Versuchung wiederstanden hat, die Figur „Frieda Freud“ zu nennen.

Aber der Moment ist eine schwierige Kiste. Hätte man ihn weggelassen, hätte der Zuschauer tatsächlich keinerlei sachlichen Anhalt dafür gehabt, welche der Frauen eher als Täterin hätte infrage kommen können. Hätte Jung aber diesen Moment, in dem die Maske fiel, bemerkt und im Gespräch mit Borowski erwähnt, wäre die Lösung sehr schnell klar gewesen und man hätte aus dem Rest des Whodunnit einen Howcatchem machen müssen. Jungs Arbeit als Psychologin ist damit bei genauer Betrachtung gescheiter und Borowski hat mit seinen beziehungsreichen Anspielungen auf Psychologie als Hokuspokus recht behalten, soweit es den Fall „Mann über Bord“ betrifft.

Vorsicht vor Assoziationen, die auf Mumpitz aufgebaut sind. Denn Borowski war es, der den Geistesblitz hatte, dass Annemarie Venske unter Vortäuschung einer 36-Stunden-Krankenhausschicht unter dem Namen Scarlett Göbel auf die Ostseefähre gestiegen war und dort ihren Mann umgebracht hatte. Das mit der Schicht nehmen wir ihr noch ab, wenn es wirklich so war, dass sie die Dienstpläne ihrer Klink so manipulieren konnte, dass niemand es bemerkt. Auch das übrigens ein wiederkehrendes Plotelement in Tatorten.

Aber Scarlett Göbel? Borowski findet den Namen in einer frühen Ermittlungszene albern und das ist er auch. So eine wunderliche Kombination merkt man sich eher als Susanne Müller, und dadurch, dass Annemarie Venske diesen Namen unverständlicherweise auch noch ein zweites Mal benutzt, hat sie Borowski auf die Spur gesetzt. Auch dies nehmen wir der analytisch begabten Frau nicht ohne Weiteres ab. Genau wie die Tatsache, dass es eine halbe Ewigkeit gedauert hat, bis sie gemerkt hat, dass es eine andere gibt. Das heißt, sie hätte es gar nicht gemerkt, wenn nicht der Erste Offizier der „Scandinavia“, Björnahl (Pete Haber) sie informiert hätte, weil sie ihm leid tat (wieso hat er nicht die schwedische Landsfrau ebenfalls in Kenntnis gesetzt?).

Psychologisch stimmig ist es schon, dass es die ältere Frau Venske war, die die Tat begangen hat, aber man hätte, unter Verwendung einiger geänderter Details, auch mal anders herum optieren und damit für eine echte Überraschung sorgen können. Gerade in diesem Krimi wäre das gut möglich gewesen, weil er so einfach gestrickt ist. Aber die Konventionen haben wieder einmal gesiegt. Man würde Tatorte allerdings nicht so bauen, wenn man nicht wüsste, dass die meisten Krimifans diese Verlässlichkeit schätzen. Leider ist das auch der Grund, warum ein gut gemachtes Beziehungsdrama oft weitaus mehr Spannung und Unterhaltungswert bietet als ein deutscher Fernsehkrimi.

Trotzdem kein schlechter Tatort. Schon deshalb nicht, weil wir einmal konstatiert haben und dabei bleiben, dass Tatorte generell keine schlechten Filme sind und bei unserer Art des Quervergleichs mit allen Fernsehproduktionen immer mindestens durchschnittlich abschneiden. Hier kommt hinzu, dass wir Borowski (Axel Milberg) stark, sympathisch und in der Interaktion mit Frieda Jung sehr konsistent fanden.

Er tut so, als ob er sie gar nicht für kapabel hält, etwas zur Fallermittlung beizutragen, hat sie aber doch gerne um sich, zeigt es zunächst nicht und dann eben doch, auf dem Schiff. Das Ende, als die Bar geschlossen wird, kann man sogar so interpretieren, dass die beiden den Rest der Nacht nicht nur in einer Kabine beim Austausch von biografischen Details zubringen. Man misst ihm in diesem Film zu, dass er die doch um einiges jüngere Frau und Kollegin genug fasziniert, dass etwas passieren kann – zumal sie zwar verheiratet ist, aber nicht sehr, wie sie freimütig kundtut und damit signalisiert, dass die Ampel auf Grün steht, in der dunkelblauen Nacht.

Das Schwedische und das Maritime sind ebenfalls gut eingebunden, damit nutzt Kiel die Möglichkeiten seiner Lage an der See mehr, als Berlin seine Position als vielfältigste Stadt des Landes in Tatorten ausspielt.

Fazit

Die Spannung in „Mann über Bord“ liegt über weite Strecken mehr in den kleinen Momenten zwischen Borowski, dem Ermittler, und Jung, seiner neuen Begleitung auf allen Wegen, auf die seine Fälle ihn künftig führen werden, als im Fall selbst. Die Idee des bigamistischen Kapitäns ist ein Extrakt aus verschiedenen Seemansliedern: In jedem Hafen ein Mädchen. Was in den Shantys romantisch klingt, verkehrt sich hier ins Gegenteil und da es nur zwei Häfen gibt,  zwischen denen die Fähre verkehrt, gibt es auch nur zwei Frauen. Aus diesem Plot hätte man sicher mehr machen können, wenn man ihn von einigen Konventionen befreit hätte, so ist „Mann über Bord“ ein etwa durchschnittlicher Tatort, den wir mit 7,0/10 bewerten.

*Hier ist der richtige Platz für einen Hinweis-Stern: Die Rezension wurde im ersten Jahr unserer Arbeit mit der Reihe „Tatort“ geschrieben und war damals die Nummer 69. Gerade in der vorliegenden Kritik würden wir vieles nicht mehr so stehen lassen, was über den Fall hinausgreifende Beurteilungen angeht, denn wir haben mittlerweile fast 700 aktuell 1081 Tatorten besprochen und daher selbstredend einen wesentlich besseren Überblick. Doch wir haben auch mehrfach ausgedrückt, dass wir vorsichtig mit dem Ändern sein wollen und das nur schrittweise tun. Zumal wir für eine umfangreiche Revision die Filme noch einmal sehen müssten – und dazu ist derzeit leider das Zeitbudget nicht vorhanden. Wir werden also „Mann über Bord“ auch heute Abend nicht anschauen.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Klaus Borowski – Axel Milberg
Frieda Jung – Maren Eggert
Björndahl – Pete Haber
Annemarie Venske – Catrin Striebeck
Greta Karlsson – Ingar Sigvardsdotter
Roland Schladitz – Thomas Kügel
und andere

Regie – Lars Becker
Drehbuch – Dorothee Schön
Musik – Frank Wulff und Stefan Wulff
Kamera – Martin Kukula

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