Tatort 1081 – Zorn / Crimetime 212 // #Tatort #TatortDortmund #Faber #Bönisch #Dalay #Pawlak #Dortmund #WDR #Zorn

Crimetime 212 - Titelfoto © WDR, Thomas Kost

Vom Leben genug gefickt

So viel Zorn und so viel Resignation. Zornig sind mindestens:

  • Die Kumpel im Ruhrgebiet auf das Ende des Bergbaus,
  • die Kumpel im Ruhrgebiet untereinander,
  • einige Teammitglieder der Mordkommission aufeinander,
  • einige Ex-Bürger auf die BRD,
  • der Rücken von Martina Bönisch auf den Stress,
  • viele Zuschauer vermutlich auf das Ende des Films.

Wie’s uns ergangen ist, steht in der -> Rezension.

Handlung

Der ehemalige Bergmann Andreas Sobitsch wird erschossen am Flussufer aufgefunden, unweit von Dortmund. Sein Zuhause war eine alte Zechensiedlung.

Die Kommissare Peter Faber, Martina Bönisch, Nora Dalay und Jan Pawlak befragen Freunde und Ex-Kollegen des Mordopfers. Sobitsch hatte sich bis zuletzt für die Interessen der Bergleute eingesetzt. Aber in der einst eingeschworenen Gemeinschaft herrscht Streit:

Auf dem Gelände ihrer Zeche öffnet bald ein Freizeitpark. Doch neue, adäquate Jobs in der Region zu finden, ist schwierig. Viele fühlen sich als Verlierer des Strukturwandels im Ruhrgebiet. Bei den Ermittlungen tauchen neue Hinweise auf: Gibt es Verbindungen zu extremistischen Kreisen?

Rezension

Was Gutes vorweg. Faber alias Jörg Hartmann spielt in diesem Film wirklich phänomenal – stellenweise etwas an der Grenze der Möglichkeiten, nicht alles wirkt perfekt, aber wir wissen, dass die Tatorte mit immer weniger Drehtagen auskommen müssen (so viel dazu, an welcher Stelle man höhere Rundfunkgebühren sinnvoll verwenden könnte), sodass es schwierig ist, kleine Unstimmigkeiten durch geduldiges Wiederholen auszumerzen. Das gilt generell und dass es einige Stellen gibt, an denen Faber nicht maximal überzeugt, liegt an was wohl – am Drehbuch. Besonders, wie er sich Zugang zum Reichsbürger Friedemann Keller verschafft, nun ja. Dieses Szenario folgt leider der Logik, dass man Reichsbürger am besten so lächerlich wie möglich darstellt. Da waren die Tatorte, die in München und im Schwarzwald mit solchen Aussteigern zugange waren, besser unterwegs, weil realistischer. Wir haben uns von Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern, wo es in Küstennähe Reichsbürger gibt, erzählen lassen, wie bedrückend und gefährlich es für die übrigen zugeht und es gab vor einiger Zeit auch eine Dokumentation dazu, die ein ganz anderes Bild vermittelt.

Der Rambo mit Lagerhalle und großem Waffenarsenal in „Zorn“ ist eine zu abgehobene Fiktion, die dem Problempotenzial einer solchen Szene nicht gerecht wird, die dadurch bedrohlich wird, dass sie eine Gemeinschaft ist, die gemeinsam handelt. Dass es in Deutschland (Stand Anfang 2018) fast 16.000 Reichsbürger_innen geben soll und davon 2.200 in NRW, kann man hier nachlesen – und auch, warum das Ganze keine Spielerei ist.

Dass man den Friedemann als V-Mann einsetzen kann, rührt nur daher, dass er Sprengstoff mit offenbar doch funktionierenden Zündern vertickt, eine größere Gruppe, welcher er angehört, ist nicht zu erkennen. Und wer kriegt das Material?  Zum Beispiel Kumpels, die ihre früheren Industrieanlagen lieber in die Luft sprengen als zusehen wollen, wie daraus Freizeitparks werden. Oder Konsumtempel, Oberhausen lässt grüßen. Allerdings ist das, was wir sehen, keine Zeche, sondern ein für die Zwecke einer malerischen Verfolgungsjagd besser geeignetes altes Stahlwerk oder dergleichen. Sehr betagte Tatort-Zuschauer oder solche, die Wiederholungen mögen, werden sich erinnern, dass schon der erste Ruhrpott-Kommissar Haferkamp in solcher Szenerie unterwegs war.

Wir müssen jetzt vom Ende her denken, weil das Ende ja ein Zorngeber sein könnte. Spoiler!

Nach unserer Auffassung läuft es so: Möglicherweise hat jener Friedemann Keller den Sobitsch wirklich umgebracht, doch Faber will nicht, dass weiter ermittelt wird, weil er die Frau Gallwitz nicht in Schwierigkeiten bringen will, denn sie hat ihn ja auf die Spur des vermutlichen Mörders seiner Familie namens Graf gebracht, die er vollkommen verloren hatte. Ob ihre Info schon ausreicht,  um den Graf wieder jagen zu können oder ob dafür eine weitere Zusammenarbeit nötig ist „Wir haben ihn auf die Liste gesetzt“, erfahren wir nicht – noch nicht. Wäre ja möglich, dass Bibiana Beglau im nächsten Faber-Film nochmal dabei ist oder in einem späteren. Im Grunde hat man das Ende als Cliffhanger gestaltet, was bei vielen Tatort-Fans erfahrungsgemäß nicht so gut ankommt, es sei denn, Filme werden offiziell als Fortsetzungs-Tatorte gelabelt. Das gab es z. B. in mit Lindholm und mit Ballauf und Schenk auch schon. In Berlin hingegen wird an einer ähnlichen Masche gestrickt wie in Dortmund, seit die Neuen, Karow und Rubin, im Einsatz sind, weil Karow sich auch mit seiner – in dem Fall dienstlichen – Vergangenheit rumzuschlagen hat.  Ach ja, der zweite Todesfall im Film war dann doch ein Selbstmord. Nun gut.

Die Reichsbürger, die ja im Moment so eine Art Mode-Erscheinung in Tatorten sind, auch noch reinzupacken, ist keine so gute Idee gewesen. Jedoch nicht, weil es thematisch nicht passt, sondern wegen deren Darstellung, siehe oben, und weil der Fall dadurch erhebliche Unschärfen erhält, zu gepackt und zu wenig konzentriert wirkt. Man fühlt sich spätestens nach einer halben Stunde, als hätte man es mit einem nassen Stücke Seife zu tun, das immer wegglitscht, wenn man es mal richtig anpacken möchte. Es ist  uns schwergefallen, einen Zugang zu dem Film zu finden, weil er weder eine moralische Linie aufzeigt, was besonders am Ende wieder sichtbar wird, noch einen konsequenten  Handlungsaufbau erkennen lässt.

Am besten funktioniert das mit dem nicht so funktionierenden Team. Der Konflikt zwischen Nora Dalay und Jan Pawlak ist zwar auch ziemlich übertrieben worden, aber von der Ausgangslage her wirkt er stimmig und dass Faber über die Kämpfe der beiden sagt, „Was sich liebt, neckt“ sich, fanden wir gar nicht so abwegig. Wir interpretieren es so, dass sich in Nora sehr vieles dagegen wehrt, sich in den neuen Kollegen zu verlieben und sie ihn deshalb runtermacht, wo sie kann. Nett ist das nicht, aber es geht ja auch das eine oder andere schief – seltsamerweise, denn bei seinen bisherigen Einsätzen wurde Pawlak als ziemlich taff dargestellt. Aber wenn es halt so sein muss, um teaminternes Konfliktpotenzial zu generieren – dann trägt das leider dazu bei, den Film zu überfrachten, den geschätzt ein Viertel der Spielzeit geht für diese Streits, für Martinas Rücken, für die Abstimmung zwischen Faber und ihr und der beiden mit den Streithanseln drauf. Dieses Viererteam hat sowieso mit das meiste Potenzial von allen, besonders seit Faber immer mehr die coole Psycho-Socke wird und dadurch immer super Sprüche ablassen kann. Die sind wohl auch die Highlights des Drehbuchs. Heute wird ja oft im Team geschrieben, das hätte sich hier vielleicht auch angeboten. Die Dialoge sind oft über dem Durchschnitt, aber die Handlung hätte gestrafft und dramaturgisch verbessert werden dürfen.

Wie man das hätte besser lösen können? Um den Eingriff des Verfassungsschutzes zu erhalten, einen der Kumpels mit Kontakten in die rechte Szene ausstatten, anstatt ihm gleich ein ganzes Reich zu gewähren und das Auseinanderbrechen der alten Bergmannsgemeinschaften dialektisch den Schwierigkeiten bei der Integration eines neuen Teammitglieds bei der Mordkommission gegenüberstellen. Dass hingegen im Ruhrpott Menschen fertig mit allem haben, können wir uns gut vorstellen. Wir wollen auch hier nicht das große Warum darstellen – warum insbesondere der Kohleabbau nicht mehr in die Zeit passt. Es geht eher darum, dass Dankbarkeit für Geleistetes, für eine gefährliche und seinerzeit notwendige Arbeit, keine Münze ist, die hoch im Kurs steht. Ins Zeigen der Menschen im Pott hätte man mehr investieren dürfen, wenn man ihre Schicksale schon zum Gegenstand eines Films macht. Auch das ist eine Form des Respekts, sie nicht so stereotyp wirken und sie mehr zur Entfaltung kommen zu lassen.

Fazit

Der Film verlässt sich leider nicht auf die dramatische Kraft des Niedergangs, schenkt dem Ermittlerteam mehr Aufmerksamkeit als den Menschen im Pott – herausgestellt wird jedoch ausgerechnet jemand, dessen Agieren eher exzeptionell als typisch für die Reichsbürgerszene wirkt. Faber & Co. machen sehr viel Spaß, aber wir meinen, man könnte sie an einen adäquaten Fall setzen, ohne dass davon etwas verloren ginge. Die vorletzte Szene spiegelt Fails und Benefits des Films deutlich: Ein Scharfschütze aus dem SEK tötet Ralle durch einen Schuss von hinten ins Herz und ist nicht in der Lage, anstatt ihn außer Gefecht zu setzen. Nora versucht auf eigene Faust, ihn zu stellen, hyperventiliert und will es allen zeigen, wie man eine solche Lage zum guten Ende bringt – und sie hätte es auch geschafft, wenn nicht geschossen worden wäre. Sehr tragisch, geht aber ziemlich unter. Normalerweise ist das ja heute ein gern genommenes Ding: Der Schuss am Schluss. Aber dann kommt ja nochmal das Revier ins Bild und Faber und Bönisch und Bönisch muss den Zuschauern sicherheitshalber nochmal erklären, warum Faber nicht weiter ermitteln will.

6,5/10

Aus der Vorschau

„Der verflixte 13. Fall „Zorn“ hat es in sich: Oberkommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) legt sich mit dem neuen Kollegen Jan Pawlak (Rick Okon) an, hat neuerdings wieder mit Panikattacken zu kämpfen und bringt sich selbst in akute Lebensgefahr. Der psychisch labile Faber (Jörg Hartmann) jagt indessen dem vermeintlichen Mörder seiner Frau und Tochter hinterher, und die skeptische Hauptkommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt) schleppt sich mit quälenden Rückenschmerzen zur Reiki-Behandlung. Ach ja, daneben gilt es im Dortmunder Tatort außerdem, den Mord an einem ehemaligen Bergmann aufzuklären.“ (Tatort Fans)

Faber – Böhnnisch – Dalay – Kossik hieß das Team, das 2012 in Dortmund startete und war das zweite, das neu hinzukam, nachdem wir 2011 mit der Rubrik „TatortAnthologie“ begonnen hatten. Es war kein Ersatz, sondern begründete nach Köln und Münster die dritte WDR-Schiene. Mit dem Thesentatort, mit dem Klamauk-Tatort und dann mit dem Psycho-Bullen-Tatort wollte der WDR immer vorne dabei sein, wenn es darum ging, die  Reihe weiterzuentwickeln. Diese Tradition reicht sogar zurück bis zum Beginn in den frühen 1970ern. Zollfahnder Kressin war die coolste Socke von allen Ermittlern, bis Schimanski kam, natürlich wieder vom WDR ins Rennen um die Zuschauergunst geschickt. Mit Flemming, Ballauf, Koch gab es Anfang der 1990er erstmals ein Dreier-Team und die Herausstellung des jeweiligen Privatlebens der drei Mitglieder.

Als Faber und seine Crew auftraten, dachten wir, entweder ändert Faber sich noch, z. B., wenn sein düsteres Familiengeheimnis aufgelöst ist, oder die machen’s nicht lange,  zumindest er nicht und die anderen nicht mit ihm.

Mittlerweile haben sie den Faber  zurückgenommen, ohne dass sein Trauma irgendwie bearbeitet worden wäre. So geht’s offenbar auch: Heilung durch den Job und vergleichsweise verständnisvolle Kolleg_innen. Wäre bloß im echten Arbeitsleben alles so nett. Dann würde die Ausfallquote von Menschen aus psychischen Gründen nicht ständig ansteigen und manches Talent, wie das von Faber, der unzweifelhaft ein Gespür für Verbrecher hat, würde nicht vergeudet.

Seit dem Dortmund-Tatort 12 „Tod und Spiele“ zwei neue Spannungsfelder: Wie kommen Dalay und Pawlak miteinander aus und werden Faber und Bönisch eine oder die eine oder andere Nacht miteinander verbringen? Unser Tipp: Letzteres wird vorerst nicht stattfinden. Ob wir vorerst Recht behalten, schreiben wir in der Nachpremieren-Rezension auf.

Mit „Zorn“ ist man wieder zu den für die Dortmund-Schiene typischen Einwort-Titeln zurückgekehrt – nur drei Faber-Filme bestehen aus drei Wörtern, einer aus zweien. Erstaunlich, dass es bisher nie einen Tatort mit dem Namen „Zorn“ gab, aber das ist tatsächlich nicht der Fall. Das Substantiv kam bisher nur in einem Titel vor: „Zorn Gottes“ (Nr. 980, Falke und Grosz).

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Peter Faber – Jörg Hartmann
Hauptkommissarin Martina Bönisch – Anna Schudt
Hauptkommissar Jan Pawlak – Rick Okon
Oberkommissarin Nora Dalay – Aylin Tezel
Gerichtsmedizinerin Dr. Greta Leitner – Sybille J. Schedwill
Opfer Andreas Sobitsch – Daniel Fritz
Ralf “Ralle” Tremmel – Thomas Lawinky
Ralles Untermieter Stefan Kropp – Andreas Döhler
Frederike Kropp, Stefans Ex – Mona Kloos
Klaus Radowski – Peter Kremer
Dr. Klarissa Gallwitz vom Verfassungsschutz – Bibiana Beglau
Reichsbürger Friedemann Keller – Götz Schubert
Gerichtsvollzieher – Günter Alt
Reiki-Gelehrter Nimrod Fellner – Richard van Weyden
Schupo Thomas Stepanek – Martin Geisen
u.a.

Drehbuch – Jürgen Werner
Regie – Andreas Herzog
Kamera – Wolfgang Aichholzer
Schnitt – Gerald Slovak
Szenenbild – Frank Polosek
Musik – Martin Tingvall

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