Tod und Spiele – Tatort 1067 / Crimetime 98 // #Tatort #Dortmund #WDR #Faber #Bönisch #Hartmann #Schudt #Tatort1067 #TodundSpiele

Crimetime 98 - Titelfoto © WDR, Thomas Kost

Ich kann nicht lächeln, gnihihi

Hätte man es Faber, dem Psycho unter den Kommissar_innen, zugetraut, dass er es auf nunmehr ziemlich genau sechs Jahre Dienstzeit bringen wird und dass er mit einem Film namens „Tod und Spiele“das erste Dutzend Fälle voll machen würde?

Aber ja. Undicht ist das neue Wasserfest. Dies ist keinesfalls abwertend gemeint. Faber war als der bis dahin soziopathischste aller Tatort-Ermittler eine Figur, von der wir heute wissen, wie sehr trendy man sie 2012 angelegt hatte. Die Welt hat sich vielmehr Faber angepasst, als dass dieser sich hätte der Welt annähern müssen. Interessanterweise wirkt er in den neueren Filmen fast schon zahm gegenüber seiner Anfangszeit, obwohl das familiäre Trauma, das er mit sich herumschleppt, noch immer der Bewältigung harrt. Man hat sich aber auch an ihn gewöhnt, an die Veränderung der Welt, an neue Ermittler_innen, die ebenfalls auf die eine oder andere Weise auf Grenzen wandern und Grenzen überschreiten. Ein Teammitglied hat Faber in den sechs Jahren verschlissen, so viel ist das gar nicht, Menschen halten eben doch was aus. In „Tod und Spiele“ geht es um illegale Kämpfe und in diesem Tatort wird der Nachfolger von Daniel Kossik vorgestellt und der hat  wieder einen Nachnamen, der auf polnische oder tschechische Wurzeln hinweist, die Figur wurde Jan Pawlak genannt.

Mehr aktuelle Faber & Co.-Eindrücke in der -> Rezension.

Handlung

Dieser Tote wäre fast unentdeckt geblieben. Doch die Spurensicherung bestätigt: Es waren die verbrannten Knochen eines Menschen, die am Rande der Stadt in einer Feuerstelle gefunden wurden. Außerdem stellen die Ermittler in der Asche den Schlüssel zu einem Hotelzimmer sicher. Dort entdecken die Kommissare einen vermeintlichen Zeugen: Doch der eingeschüchterte und ausgehungerte Junge versteht offensichtlich kein Wort. Wer er ist, lässt sich nicht herausfinden. Auch eine Vermisstenanzeige, die passen würde, liegt nicht vor. Derweil kommt die Rechtsmedizinerin Dr. Greta Leitner bei ihren Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass das männliche Todesopfer bereits zu Lebzeiten zahlreiche Knochenbrüche erlitten hatte. 

Rezension

Jener Jan Pawlak, dargestellt durch Rick Okon, hat seine Sache ganz gut gemacht. Ein Professionel, das merkt man schon am doch ansehnlichen Körper, mit dem er glaubwürdig Boxunterricht nehmen kann bzw. etwas einstecken kann, wie sein Trainer befindet. Das Team wirkt jetzt schon ausgeglichener, was allerdings einen weiteren, sehr wesentlichen Grund hat: Faber wird braver. Dieses Mal nicht der geringste Hinweis auf sein Vergangenheitstrauma und am Ende: „Darüber müssen wir nochmal reden“ und Bönisch wiederspricht nicht. Ein Dementi sieht anders aus, würde man im politischen Journalismus festhalten  und die Dissonanz-Allianz der beiden verspricht noch sehr spannend zu werden.

Soll Faber nun lächeln oder nicht? Der Norddeutsche ist kritisch eingestellt: Kante Ende. Der Südwestdeutsche sagt: Uff, endlich etwas frische Luft in diesem Revier-Treibhaus, in dem mit nicht so schwierig zu deutenden, aber schwer kommunizierbaren Emotionen Schattenboxen betrieben wird, und das jetzt seit zwölf Filmen. Ich bin mehr für den Prozess, in dem alles zum Guten tendiert, Rückfälle nicht ausgeschlossen. Aber es stimmt natürlich: Dass Faber der Psycho vom Dienst ist, das wäre dann Geschichte.

Ersatz steht aber schon bereit, und der ist noch viel hermetischer, da weiß man nicht mal, wo es herkommt: Karow aus Berlin. Das kann zwanzig Fälle lang dauern, bis man dem auf die Schliche kommen wird, nachdem der bisher offengelegte Teil seiner Vergangenheit  nicht der Grund für seine Arschlochmäßigkeit ist.

Es gäbe für Faber einen dritten Weg. Die Wunden aufbrechen lassen und ihn doch an Bönisch anbinden. Ich glaube, darauf wartet sie ja bloß. Wenn man sich anschaut, wie sie – hm, also wie Schmidts Katze, wenn die keine Katzentür findet. Nach dieser Adrenalinrallye im Verlauf eines illegal-fast-tödlichen Boxkampfs.

Die Emotionen sind oft nicht schlecht rübergebracht und getimt, die Dialoge mindestens überdurchschnittlich, das Team befriedigt bestimmte männliche Rache- und sonstige Gelüste auf eine gar nicht so subtile Weise – aber die Drehbuchkrise hält an. Das ist leider die schlechte Nachricht. Je nachdem, wer liest, wird er oder sie den Satz zuvor schon für eine schlechte Nachricht halten, aber mein Hauptproblem ist wiederum damit verknüpft, dass es hin und wieder etwas übergriffig wird:

Wie kann man Klein-Kahn am Ende diesem windigen Oligarchen mitgeben wie einen Gegenstand, von dem man eh nicht weiß, wohin damit? Ja, besser als Jugendamt, wa? Quatsch! Der Junge ist  wie geschaffen für eine nette Pflegefamilie und auch nicht zu alt für eine Adoption. Stattdessen wird er von einem Typ in dessen Protzauto geleitet, von dem man bis zum Schluss nicht weiß, welche Rolle er in der ganzen Angelegenheit nun wirklich gespielt hat. War er nur vielzahlender Zuschauer bei dem Boxturnier, dessen Finale tödlich enden soll?

Warum logiert er dann in einem so x-beliebigen Mittelklassehotel, wo sich auch alle anderen Gäste offenbar einfinden, einander aber nichts zu sagen haben. Wie eine Art Sekte, die sich dem tödlichen Spiel verschrieben hat, wirkt das Ganze nicht. Aber warum schärft der im Kampf getötete Vater dem Jungen vorher ein, zu Kambarov zu gehen? Und wenn dieser doch Organisator ist und der Eintritt ein Fake oder zum Spiel gehört, dann hätte er natürlich die Leichen nicht nur als Anstifter zum Mord oder Totschlag verursacht, sondern sicher auch entsorgen lassen, in der alten Fabrikhalle. Logisch wäre das eher als jede andere Lösung, aber dann lässt man ihn einfach abziehen? Weil Bönisch was mit ihm hatte? Und trotz der Tatsache, dass diejenige Person, die als Organisatorin sichtbar wird, was mit dem Typ hatte?

Dass Ermittlung durch Zufälle ersetzt wird – klar, dass Pawlak bei seiner Undercover-Tour sofort auf einen möglichen Kronzeugen trifft – und kleine Kinder einfach mal so geschulte Polizisten umhauen und deren Waffe mitnehmen, ist neben der besonderen moralischen Fragwürdigkeit des Endes nur noch ein Nebenproblem. Eine Plot-Katastrophe wird von der nächstgrößeren abgelöst oder fast verdeckt. Es ist aber auch schon albern, in dieser Welt noch irgendwelche Maßstäbe an irgendwas anlegen zu wollen, sei es die Handlungslogik oder die Ethik. Wenn dieser Tatort diese LmAA-Haltung ausdrücken will, dann wurde alles richtig gemacht.

Fast lächerlich, nun auch noch zu gucken, ob man Borussia Dortmund wirklich kaufen könnte. Dass Dortmund die erste AG im deutschen Fußballgschäft war, ist mir bekannt gewesen, aber es stimmt wirklich, parbleu. Etwa 60 Prozent der Aktien sind in Streubesitz und man könnte diesen heimlich zusammenramschen und mindestens eine Sperrminorität erwerben und dann auch an die größeren Shareholder herantreten, etwa die Evonik AG, die, das habe ich jetzt gelernt,  nicht nur Hauptsponsor, sondern auch der größte Anteilseigner des BVB ist  (14,78 Prozent). Von wegen, im deutschen Fußball könnten sich Investoren nicht einschleichen und ihn zu einer zweiten Premier League machen. Aber es wäre doch ein recht mühsamer Weg und fast alle anderen Vereine sind ja noch – genau, Vereine. Wer weiß, vielleicht ist jemand schon dabei, den BVB heimlich, still und leise, also prozentweise zu erwerben. Vielleicht haben diejenigen, die das Skript für den Film geliefert haben, von Fußball und Börsengeschäften mehr Ahnung als vom Entwerfen stimmiger Handlungen. Alles ist mögich, in dieser furchtbar beliebigen Welt.

Fazit

Inhaltlich-logisches und Psychologisches klaffen in diesem Fall weit auseinander. Witzig, dass das überhaupt geht, aber warum sollen sich Menschen nicht in absurden Situationen trotzdem so verhalten, dass es nachvollziehbar wirkt? Wie die Situationen entstanden sind, das kann man davon getrennt nach Plausibilität bewerten. Dass Oligarchen eine gewisse Faszination auf viele Frauen ausüben, ist sehr nachvollziehbar. Aber wie Martina und ihr Milliardär sich auf inadäquate und zudem komplett lineare Weise an einem falsch gewählten Ort treffen – uh. Sicher gibt es Studien, dass diese Gestaltung eines Films wie die Faust aufs Auge zum heutigen Mediennutzer passt. Gibt man dem plotmäßigen Anspruch etwas mehr Raum, zappt er sich weg zu Netflix, wenn er der Generation Y angehört oder schaltet aus und krault betrübt über den Zustand der Welt seine Katze, wenn er meiner Generation angehört. Aber besser wird dadurch nichts. Nicht die Drehbücher und nicht die Welt.

6/10

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Peter Faber – Jörg Hartmann
Hauptkommissarin Martina Bönisch – Anna Schudt
Hauptkommissar Jan Pawlak – Rick Okon
Oberkommissarin Nora Dalay – Aylin Tezel
Gerichtsmedizinerin Dr. Greta Leitner – Sybille J. Schedwill
russischer Wirtschaftsmagnat Oleg Kombarow – Samuel Finzi
seine russische Freundin – Jerina Beqiri
Rezeptionistin Stefanie Kogler – Victoria Mayer
Hanna Jäger vom Escort-Service – Sotiria Loucopoulos
Trainer Abuzar Zaurayev-Schmidt – Surho Sugaipov
Till Koch – Robert Gallinowski
Zeuge Mischa alias „Kleinkhan“ – Cecil Schuster
Mia Berger – Marlene Fahnster
Milos – Andreas Grusinski
Zivilpolizist – Michael-Che Koch
Übersetzer – Nick Dong-Sik
Japaner – Tatsuya Tagawa

Drehbuch – Wolfgang Stauch
Regie – Maris Pfeiffer
Kamera – Eckhard Jansen
Schnitt – Simone Hugg-Hofmann
Szenenbild – Thomas Schmid
Musik – Jörg Lemberg

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