Der Pakt – Tatort 1082 / Crimetime 219 // #Tatort #DerPakt #Pakt #TatortSaarbrücken #SR #Stellbrink #Marx #Emmrich #DevidStriesow #Abchied #Tatort1082

Crimetime 291 - Titelfoto © SR, Manuela Mayer

Adieu, süßer Bulle!

So soll ein letzter Fall sein: Alle Register ziehen, top oder hopp. Was man bisher nicht richtig hinbekam, ist nicht mehr zu reparieren und wer es bisher gut fand, der wird sich an einem letzten Film nicht mehr reiben, der ganz deutlich auf Abstand zu den ersten Werken der Stellbrink-Ära geht. Wir stellen dieser Rezension im Anschluss die von „Melinda“, dem ersten Tatort aus dem Saarland mit Devid Striesow als Ermittler bei und ermöglichen somit den direkten Vergleich. Da hat man wirklich eine weite Strecke zurückgelegt und auch das passt wieder nicht allen. Wie wir über „Der Pakt“ denken, steht in der -> Rezension. 

Handlung

Vanessa und Anika, Schwesternschülerin im zweiten Ausbildungsjahr, sehen sich verblüffend ähnlich. Aber Anika ist deutlich ernster als Vanessa.

Auch an diesem Abend hat Anika andere Prioritäten: Helfen statt im Schwesternwohnheim mit den attraktiven Assistenzärzten Party zu feiern. Seit über einem Jahr arbeitet sie in der Initiative „Mediziner für Illegale (MefI)“ mit, die von der charismatischen Ärztin Annemarie Bindra ins Leben gerufen wurde. Hier hat sie auch den jungen koptischen Christen Kamal Atiya kennengelernt, der mit seinem kleinen Bruder Raouf aus Ägypten geflohen ist. Die Brüder werden in Deutschland geduldet.

Als Anika erfährt, dass Kamal als Zuträger für die Ausländerbehörde arbeitet, setzt die idealistische Schwesterschülerin ihm die Pistole auf die Brust: Entweder er mache seinen Verrat öffentlich oder sie werde es tun. Keine zwei Stunden später trifft Anika im Wohnheim ein. Die Party dort ist vorüber. Auf den Gängen herrscht Totenstille. In ihrem Zimmer stößt Anika auf ihre leblose Freundin Vanessa, mit einem Bademantelgürtel erdrosselt.

Während Jens Stellbrink seine Ermittlungen aufnimmt, fragt sich eine verzweifelte Anika: Ist Kamal Atiya nicht nur ein Verräter, sondern auch ein Mörder?

Rezension / enthält die Auflösung

Bekommt jemand, der sich auf illegale Weise für Geflüchtete ohne Aufenthaltserlaubnis einsetzt, den Verdienstorden eines Bundeslandes? Wir heben starken Zweifel, wo doch gleichzeitig die Ausländerbehörde „mit Stasimethoden“ versucht, der Menschen habhaft zu werden, die sich ohne gesicherte Genehmigung hier aufhalten und sie zurückzuführen, also abzuschieben. Die Praxis hinkt zwar der hier gezeigten Darstellung um einiges hinterher, zumal, wenn es um Länder wie Afghanistan geht, in die normalerweise niemand abgeschoben wird. Einzelfälle bezogen sich unseres Wissens bisher auf umfänglich straffällig gewordene Personen.

Andererseits kennt man einander, im Saarland, und dafür ist es ja auch berühmt und berüchtigt. Bis auf einen Outsider wie Stellbrink ist man deshalb mit dem Wirken Dr. oder nicht Dr. Anika Jahn vertraut und diese pragmatische Art, wie man es toleriert, ist ziemlich südwestlich. Ob es eine gute Idee war, ein doppeltes Dilemma anzulegen, das erfordert, dass zunächst das eine, dann das andere gelöst wird oder in die Katastrophe führt, darüber kann man streiten, denn die Aussage des Films verändert sich dadurch, dass die Retterin derer, die nicht ins Gesundheitssystem eingegliedert sind, durch etwas motiviert wird, das man nicht als gut bezeichnen kann: Den Drang, unbedingt etwas zu erreichen, Anerkennung zu erhalten, aus dem Schatten der Eltern zu treten und sie auf ihrem eigenen Feld schlagen zu wollen, obwohl man nicht das Talent dazu hat. Solche Fälle gibt es allerdings nicht selten und glücklich der, welcher erkennt, dass er den Zugang zu sich verliert, wenn er falschen Mustern folgen will, die ihm von anderen eingepflanzt wurden. Einige gehen ganz früh in die Rebellion, aber bei anderen dauert es eine halbe Ewigkeit, bis sie soweit sind.

Das andere Dilemma ist das von Kamal, der seinen Duldungsstatus verlieren könnte, wenn er der Ausländerbehörde nicht zuarbeitet. Hier bezieht „Der Pakt“ aber eindeutig Stellung und reicht ein Plädoyer ein für die Menschen, die nach Deutschland flüchten und dafür, ihren Geschichten mehr und umfassender Beachtung zu schenken. Trotzdem ist das Ende des Films leider ein Modeartikel. Der dramatische Tod eines Menschen durch Selbstmord oder im Wege einer Schießerei und gerne auch das Springen vom Hochhaus werden in Tatort-Filmen seit Jahren überstrapaziert. Was wir uns in dem Moment auch gefragt haben, wo Kamal sich fallen lässt: Die Feuerwehr ist schon lange vor Ort und er springt von der Stelle, die er die ganze Zeit eingenommen hat – wieso ist unten kein Sprungtuch ausgebreitet? Oder war das der Fall und Stellbrink ist ganz umsonst entsetzt und todtraurig? Das wäre ein wenig unfreiwillig komisch und es deutet nichts darauf hin.

Damit zu Stellbrink. Das hat er anfangs nicht getan. So laut zu werden und so viel Druck aufzubauen, das passt eigentlich gar nicht zu ihm und es wirkt auch recht forciert – der Eindruck, dass Stellbrinkt versucht, mehr wie ein Bulle zu sein und Striesow versucht, damit einer offensichtlichen Drehbuchanforderung nachzukommen, sorgt für eine besondere Art von Anspannung beim Zuschauer, weil es nicht authentisch wirken will. Aber kann nun Striesow es nicht richtig rüberbringen oder ist es genau so gedacht, dass es wirkt, als ob Stellbrink versucht, härter zu wirken als bisher und man ihm dabei zusehen darf, wie er damit seine Schwierigkeiten hat? Schwer zu beurteilen. Aber es gibt auch eindeutige Vorzüge, die „Der Pakt“ für sich verbuchen kann.

Der Film schafft es mit vielen kleinen Tricks, Menschlichkeit zu erzeugen, nie zuvor hat ein Stellbrink-Tatort so nette Szenenmomente und Dialogstellen gehabt, die sehr modern und gut ausgedacht wirken. Damit werden die Charaktere ganz unprätentiös geformt und alles wirkt flüssig – für den, der es registriert, das ist freilich die Voraussetzung für die Würdigung. Manche dieser Dialogstellen kamen uns recht „saarländisch“ vor, nicht unbedingt wegen des Dialekts, den gibt es ja nur bei sehr wenigen Figuren, die wenig Sprechzeit haben, sondern wegen der Mentalität, die dahintersteckt. wir haben mal nachgeschaut: Regisseur Zoltan Spirandelli hat auch das Drehbuch mitverfasst und stammt aus dem Hessischen, nicht aus dem Saarland, aber es gibt da nicht nur sprachliche Ähnlichkeiten – andererseits könnte er den Plot gebaut habe und Co-Autor und Grimme-Preisträger Michael Vershinin diese Dialoge beigesteuert haben – obwohl er ein Berliner aus Köpenick ist. Beide haben schon viel für deutsche Reihen und Serien gearbeitet und Spirandelli war auch für „Väter und Söhne“ verantwortlich, den Vor-Vorgänger von „Der Pakt“. Damals fiel uns allerdings dieses oft leicht und sicher wirkende, nie Übermäßige am Menscheln durch humorvolle Dialogfetzen nicht auf.

Nun sagen allerdings manche, das anfangs sehr Skurrile an dern Stellbrink-Tatorten sei ja nun komplett weg und das sei schade, weil alles so maintreamig geworden ist. In der Tat, das ist es und man kann es nie allen recht machen. Die Kritik an den ersten Stellbrink-Filmen überwog jedenfalls und deswegen hat man ihn immer konservativer werden lassen. Wir gehen auf dem Weg mit, weil ernste Themen wie das von „Der Pakt“ eine gewisse Ernsthafigkeit beim Ermitteln erfordert. Diese drückt sich auch im Plot aus, der ziemlich fehlerfrei funktioniert. Besonders auffällig: Dass die Motive aller Verdächtigen von Stellbrink und den anderen diskutiert  und alle als auf jeden Fall ausreichend für eine Tötungshandlung bewertet werden – damit niemand auf die Idee kommt, sie für zu schwach zu halten. Drogenrauschtat: ja. Jemanden zum Schweigen bringen, der eine Spitzeltätigkeit aufgedeckt hat, was in Konsequenz zum Verlust des Aufenthaltsrechts führen könnte, möglich, inklusive Irrtum bezüglich des Tatopfers. Oder das, was sich am Ende als tatsächlicher Grund für die Tötungshandlung erweist: Das Opfer hatte aufgedeckt, dass Jahn eine Hochstaplerin ist und droht, sie auffliegen zu lassen.

Allerdings liegt eine gewisse Vorhersehbarkeit insofern vor, als Tatorte es in der Regel verbieten, dass Geflüchtete oder Menschen mit Migrationshintergrund Täter sein können. Ausnahme von der Regel: die OK. Das organisierte Verbrechen darf derzeit noch als Verbrechen dargestellt werden, freilich nicht, ohne die Hintergründe so zu beleuchten, dass man merkt, auch Verbrecher sind letztlich Opfer – ihrer Lebensumstände und der falschen Werte, die man ihnen anerzogen hat.

Fazit

Nicht alles an „Der Pakt“ wirkt rund und es ist für Devid Striesow nach wie vor schwierig, den Kommissar aus dem Ärmel zu schütteln, wobei sich das Zentrum des Problems von der Auslegung seiner Figur hin zur Interpretation der veränderten Auslegung seiner Figur verlagert hat. Man hat ihm bereits eine Jungkommissarin beigestellt, die in „Der Pakt“ sehr nett in den Vordergrund gestellt wird – zu  Beginn, als Mia Emmrich sich von der Polizeimeisterin zur Kommissarin wandelt – offenbar auch eine Möglichkeit, bisher hatten wir es immer mit Anwärterinnen zu tun. Kommissar Stellbrink wurde gerade dadurch, dass man ihn mittiger angelegt hat, austauschbarer, man hat sein Ausscheiden auf diese Weise, ob gewollt oder nicht, gut vorbereitet. Wir werden sehen, wie es mit dem Saarland-Tatort weitergeht. Sicher ist, dass neben Devid Striesow auch Elisabeth Brück (Lisa Marx) und  Hartmut Volle (Kriminaltechniker Horst Jordan) ausscheiden werden, Letzterer hatte schon das Team Kappl-Deininger gut ergänzt. Das neue Team soll groß werden, sehr im Vordergrund stehen und gerade dies und dass noch keine Verträge unterzeichnet seien, obwohl schon bald gedreht werden soll, würde darauf hinweisen, dass kein Start-Tatort geplant sei. so die „Wetterauer Zeitung.

Was uns ziemlich verblüfft hat: Obwohl das Ausscheiden von Devid Striesow und weiteren Teammitgliedern schon seit 2017 feststeht, spiegelt sich das nicht im Film. Dieser endet ohne jeden Hinweis auf den anstehenden Wechsel.

7/10

Die Vorschau (komplett Wiedergabe)

Kein Pakt mit den Zuschauern

„Mit „Der Pakt“, Tatort-Episode 1082, gibt das Saarbrücker Ermittlerteam in der Konstellation Stellbrink, Marx und Emmrich seine Abschiedsvorstellung. Es ist Devid Striesows achter Fall in sieben Jahren Tätigkeit für die Krimireihe – und es war sein Wunsch, aufzuhören. Die finale Folge „Der Pakt“ wird am Sonntag, den 27. Januar 2019 um 20.15 Uhr in Das Erste erstausgestrahlt.“ (Tatort Fans)

Ernst schaut er aus, der Kommissar auf Abschiedstour. Ob Devid Striesow wirklich etwas wie Wehmut empfindet oder roh ist, dass es zu Ende geht? Wir spüren in dieser vergleichsweise langen Vorschau seinem Wirken nach.

Wir rechnen uns durchaus ein gewisses Urteilsvermögen zu, wenn es darum geht, was zum Saarland passt oder nicht. Kommissar Stellbrink tut es jedenfalls nicht. Aber spielt das eine Rolle?

Die SR-Tatorte wären schlecht dran, wenn sie auf die Million Menschen als Zuschauer angewiesen wären, die im Saarland leben, vom Baby bis zum Greis gerechnet. Wir meinen, auch andere Städte haben keine „typischen“ Kommissare und das Lokalkolorit besteht vor allem darin, dass ein paar Nebenfiguren den örtlichen Dialekt babbeln dürfen. Im Saarland heißt es „Schwätze(n)“, wie auch in der Pfalz. In Stuttgart sieht man das exemplarisch. Die Kommissare Lannert und Bootz würde kein Mensch als schwäbisch geprägt identifizieren, dabei ist dieser Dialekt ja wirklich schwer rauszukriegen. Trotzdem gehören die beiden zu den Topteams, erfreuen sich großer Beliebtheit und es würde sicher von den meisten Tatort-Fans als schade empfunden, wenn sie aufhören würden.

Bei Jens Stellbrink alias Devid Striesow hatte man nie das Gefühl, dass er zu den essentiellen Persönlichkeiten der Tatortgemeinschaft zählt, das Gleiche gilt für seine Mitarbeiter_innen. Selbst wenn der „Der Pakt“ ein Hammer werden sollte, kann der Stellbrink nicht mehr aus dem unteren Drittel in der Beliebtheitsskala der aktuellen Ermittler_innen heben. Zu spät. Und leider in den ersten Filmen vermasselt.

Aber nicht, weil Stellbrink aus dem Norden kommt – schon Kappl, einer seiner beiden Vorgänger, war ja als Zugereister immer schön in Kontrast zum Lokalen gesetzt worden und Deininger, der Saarländer von den beiden, musste ihm das Land und vor allem die Leute erklären. Das war nicht dumm, denn die Eigenarten des Saarlandes sind nicht so bekannt wie etwa die von München oder Berlin. Man konnte es auch spielen wie bei Max Palü alias Jochen Senf, der das Saarland auf eine figürlich nicht sehr vorteilhafte, aber vom Lifestyle her recht authentische Weise verkörperte. Ohne Erklärungen, einfach durch zeigen, was ist.

Doch Stellbrink war das Kopfprodukt einer überkandidelten, wie es im Saarland heißt, wenn Leute etwas abheben, einer viel zu sehr aufs Exzentrische bedachten Intendanz oder Spielfilmdirektion. Da wollte man wohl Münster nachahmen und das ging gründlich schief – auch, weil Stellbrink kein Umfeld hat, das so kapabel ist wie die vielen mit humoritischem Talent ausgestatteten Schauspieler_innen, die beim WDR tätig sind. Ein so großes Team mit Topkräften wäre für den  SR vermutlich zu teuer gewesen.

Bis zu einem gewissen Grad liegt es aber auch an Striesow selbst. der zu knuffig wirkt für eine kräftig ausgeformte Polizistenfigur. Was in Filmen, in denen wir ihn sehr geschätzt haben, wie „Drei“ oder „Ich bin dann mal weg“ hervorragend funktioniert, weil die Rollen zu seinem Typ passen, stand in Gefahr, schiefzugehen, wenn dieser Typ einen Krimi fast allein zu tragen hat, weil die übrigen Darsteller_innen nicht die Präsenz aufweisen können wie bei manchen anderen Tatort-Schienen. Seine anfangs betont auf öko-psychedelisch gedrehte Art passt zwar wiederum gut zu diesem Darsteller, aber nicht zu desen tatortmäßiger Aufstellung als Leiter einer Mordkommission.

Es gibt weitere gewöhnungsbedürftige Tatort-Polizisten, aber wir behaupten auch nicht, dass wir alle Ermittlerrollen außer Stellbrink als perfekt besetzt ansehen. Wir fanden im Saarland-Tatort der letzten Jahre keine Identifikationsfigur.

Bei Kappl / Deininger war das noch so, weil wir, wie der Bayer Kappl, damals selbst zweimal kurz hintereinander in ganz verschiedenen Regionen als Zugereiste unterwegs waren und ein bisschen durch musische Hobbys abstechen – und beim Saarländer Gregor Weber, der den Deininger verkörperte – also, der war uns manchmal schon etwas zu glaubhaft, in seiner provinziellen und furchtbar schnell beleidigten Art. Wie er dann reagiert hat, als der SR ihn rausschmiss, war ebenfalls echt echt. Aber mit den beiden konnte man mitgehen und Weber hatte nach unserer Ansicht kaum gespielt, sondern sich selbst gezeigt, zudem war er eine bekannte Größe, als Sohn von „Heinz Becker“ (Gerd Dudenhöfer) und später als Assistent von Max Palü.

Bei Stellbrink hingegen war immer das Gefühl da, hier sehen wir den bekannten Kino- und Fernsehschauspieler Devid Striesow, wie er versucht, einen Kommissar zu interpretieren und wie er sich im Setting fremd vorkommt und das auf uns als Zuseher überträgt.

Ein weiteres Problem der Saarland-Tatorte seit 2012 ist, dass die Gegend ziemlich monoton und zu austauschbar gezeigt wird, wenn man von Mini-Highlights wie der 2010 geschlossenen und als „2.0“ jüngst nach Homburg-Bexbach verlegten „Gulliver-Welt“ im Deutsch-Französischen Garten absieht. Es gab oder gibt kleinere Tatortstädte als Saarbrücken.  Konstanz etwa, mit Erweiterung in Richtung Schweiz. Der Schwarzwald in Nachfolge des Bodensee-Tatorts, der als sehr dünn besiedelt dargestellt wird. Man konnte in Saarbrücken die Grenznähe zu Frankreich ausspielen oder auch zu Luxemburg, Letzteres kam unseres Wissens nie vor. Auf jeden Fall sollte man dazu übergehen, die Kommissare aufs Land oder in die nahen kleineren Städte fahren und dort ermitteln zu lassen, denn das Saarland ist vielfältig.

Vom wunderschönen Saarschleifen-Gebiet im moselfränkisch geprägten Westen des Landes über die alten Stahlstädte Völklingen und Neunkirchen, die man so  apokalyptisch inszenieren kann wie das Ruhrgebiet bis hin zum ziemlich poshen Saarlouis gibt es eine Menge Variationsmöglichkeiten und Saarbrücken selbst bietet mehr, als man in den letzten Jahren sehen durfte. Allerdings muss man bezüglich der Locations den Effekt berücksichtigen, dass die Einheit von Typen und Umgebung nicht mehr vorhanden und dadurch die regionale Aura geschwächt war. Das Kommissariat von der Innenstadt in eine ausgediente Industriehalle zu verlegen, war eine fragwürdige Form von Verfremdung und leider signifikant für das übertrieben auf Kontrast ausgelegte Konzept, denn die vorherige Lage in der Nähe der Ludwigskirche, mitten in einem schön restaurierten Altbauviertel mit seinen vielen netten Lokalen, in denen bzw. in deren Außenbereich man die Mittagspause entspannt verbringen kann, entspricht in etwa der tatsächlichen und dem heutigen Gepräge der Innenstadt.

Wir könnten noch auf die Schwächen und Stärken der einzelnen Fälle eingehen Rezensionen zu ihnen allen haben wir ja verfasst, aber so viel schlimmer als bei anderen Tatorten waren die Plots nun nicht, das Problem der noch aktuellen Saar-Tatorte ist konzeptionell bedingt und hat leider bewirkt, dass der Saarland-Tatort vom Mittelfeld ans Ende der Beliebtheitsskala rutschte. Es sollte weiterhin einen Saarländer geben, diese Schiene trägt auch nicht dick auf, weil nur ein einziger Film pro Jahr entsteht, aber wie man das neue Konzept anlegt? Anders jedenfalls. Man wird sehen, ob sich noch einmal ein Schauspieler aus der ersten Riege darauf einlässt, in der Südwestprovinz tätig zu werden und dort über 20 Drehtage zu verbringen. Es wäre auf jeden Fall gut, wenn wieder eine bessere Verzahnung zwischen Tatort und der Region entstünde, in welcher er spielt. Vor Stellbrinks Ära hatten die Krimis, die von dort kamen, auch werbende Funktion, weil das Saarland nicht jeden Tag in den großen Nachrichten vorkommt, aber diese Tradition zu pflegen, war den Machern dann wohl zu wlenig ambitioniert. Schade drum, denn am peinlichsten wirkt immer gewollt und nicht gekonnt.

Wir haben beim Wahlberliner allerdings immer die Balance gewahrt und die Filme mit Stellbrink im Schnitt höher bewertet als die Nutzer des Tatort-Fundus, der dies famosen Ranglisten erstellt – weil wir keine generelle Abneigung dokumentieren wollten, sondern jeden Fall als neue Chance ansahen. Stellbrink hat sich ja auch im Lauf von nur sieben Filmen stärker verändert als fast alle anderen Ermittler und seine jüngeren Filme werden eher akzeptiert als die älteren. Die Veränderung war notwendig, muss man beifügen, die Routine hat dann auch geholfen und man hat viel versucht, um den Saarbrücker Tatort in Richtung „normal“ zu justieren. Die letzten beiden, „Söhne und Väter“ und „Mord ex Machina“ hatten es immerhin in die obere Hälfte der Fundus-Rangliste geschafft. Dadurch hat er sich jetzt auf den drittletzten von 22 Teamplätzen vorgearbeitet und ist dicht dran an denen, die vor ihm liegen. Aber sieben Jahre sind eine lange Zeit. Da es nur einen Tatort pro Jahr aus Saarbrücken gibt, dauert es eine halbe Ewigkeit, bis man Konzeptfehler korrigiert und das Image eines Teams gedreht hat. Je kleiner also der Sender, desto weniger Fehler darf er sich erlauben. Und wenn man dann alles doch noch gerichtet hat, ist es zu spät. Insofern hat Stellbrinks und seiner Teammates Schicksal auch den Charakter eines Gleichnisses. Vielleicht wird die neue Kollegin Emmrich (mit) übernehmen. Es täte in die Zeit passen.

Selbstverständlich sind wir gespannt auf Jens Stellbrinks Abschiedsvorstellung, zumal wir seinen Darsteller unabhängig von seiner Ermittler-Rolle gerne sehen.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Jens Stellbrink – Devid Striesow
Hauptkommissarin Lisa Marx – Elisabeth Brück
Kriminaltechniker Horst Jordan, Chef der KTU – Hartmut Volle
Staatsanwältin Nicole Dubois – Sandra Steinbach
Kommissarin Mia Emmrich – Sandra Maren Schneider
Anika Jahn – Lucie Hollmann
Vanessa Born – Aylin Werner
Assistenzarzt Dr. Sharifi – Jaschar Sarabtchian
Ausbilderschwester Maria Krafft – Nina Vorbrodt
Kamal Atiya – El Mehdi Meskar
sein kleiner Bruder Ayoub Atiya – Ayoub Hussein
Dr. Ulrich Hesse, Ausländerbehörde – Christian Intorp
seine Ehefrau Karin Hesse – Stella Denis
der Sohn Laurenz Hesse – Ben Jost
Sharifis Anwalt Marquardt – Christoph Bautz
Dr. Annemarie Bindra – Franziska Schubert
Hausmeister Lutz Grabbe – Thomas Bastkowski
Pfleger Rico – Benjamin Kelm
Merima Suljagic – Michaela Kis
Alexej Wolkow – Mark Ortel

Drehbuch – Michael Vershinin, Zoltan Spirandelli
Regie – Zoltan Spirandelli
Kamera – Wolf Siegelmann
Schnitt – Magdolna Rokob
Szenenbild – Bärbel Menzel
Musik – Vincent Stein, Konstantin Scherer


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