Tatort 1053 – Zeit der Frösche / Crimetime 228 // #Tatort #TatortMainz #SWR #Berlinger #ZeitderFrösche #Mainz #Tatort1053

Crimetime 228 - Titelfoto © SWR, Julia Terjung

Der ganz normale Event-Tatort

Wie Tatorte gelabelt werden, das ist durchaus tückisch. Da kommen Filme ganz normal daher, von einem der üblichen Teams sind dann aber ganz exorbitante Fälle zu bearbeiten, die bis hin zu um Grusel oder zum Film im Film im Film oder im Theater reichen. Und dann ein Event-Tatort vom SWR, der in Mainz spielt. Und komplett normal ist. Sehr traditionell, ernst, persönliches Drama, kein Quatsch, kein Hype, kaum filmische Selbstdarstellung.

Und was passiert?  Das bitten wir im Anschluss an diesen ebenfalls traditionellen Cliffhanger in der -> Rezension nachzulesen.

Handlung

Auslöser für Ellen Berlingers neue Ermittlungen ist der Fund eines blutdurchdrängten Kapuzenpullis in einem Altkleidercontainer. Ellens Mainzer Kollege Martin Rascher ist sofort überzeugt, dass dieser Fund einen weiteren toten Jugendlichen in einer bisher unaufgeklärten Mordserie bedeutet, die ihm seit Jahren schwer auf der Seele liegt.

In Ellens Augen gibt es für diese These nicht genügend Übereinstimmungen, doch auch sie ist beunruhigt: Der Pullover könnte Jonas gehören, dem Sohn ihrer Cousine, die in Mainz lebt und auf Ellens kleine Tochter aufpasst. Jonas sollte auf einem Ausflug mit Freunden sein, doch dort ist er nicht aufgetaucht. Vermisst wird aber auch die 16-jährige Marie Blixen, die vor ihrem Verschwinden auf demselben Schulfest war wie Jonas. Als Maries Leiche gefunden wird, finden sich auch Indizien, die auf Jonas weisen.

Ellen muss sich nun fragen, wie der Junge, zu dem sie einen besonderen Draht hat, in den Mord verwickelt ist. Eine Mordserie unter Schülern?

Rezension

Ich finde nicht in diesen Film hinein. Mein, sagen wir mal, nicht vollkommen ereignisloses Leben bietet mir fast in jedem Tatort eine Identifikationsfigur und ich kenne immerhin Menschen, die – leichte – Formen von Autismus aufweisen, diverse alleinerziehende Mütter und stille Kollegen, Jugendliche, die sich erst einmal ins Leben als Interaktion mit dem oder einem anderen oder demselben Geschlecht einfädeln müssen, sind mir ebenfalls bekannt.

Die offenbar etwas platte Art heutiger Jugendlicher, an die Dinge des Lebens heranzugehen, kann es nicht allein gewesen sein, die mir das emotionale Einfädeln verwehrt hat. War es die Regie von Markus Imboden, die den Film recht schwerfällig wirken lässt? 2015 wurde er nach vielen Jahren, in denen er andere Formate gemacht hat, urplötzlich für den Tatort entdeckt und ist seitdem fast pausenlos im Einsatz. Eher nicht, denn seine Filme haben keine erkennbare Handschrift, sondern stellen sich in den Dienst der Drehbücher.

Und diese als Grundlage seiner bisherigen Werke waren mehrheitlich kritisch bis verunglückt. Er reißt es dann aber nicht heraus,  wie einige  Regisseure, die richtig aufdrehen, um alle möglichen Plotlöcher und psychologischen Unstimmigkeiten mit visueller Pracht so gut wie möglich zu überdecken. „Wendehammer“ von ihm hat mir aber beispielsweise ganz gut gefallen, weil eben die Regie von Imboden dort genau diese Funktion übernommen und am Ende einen ansehnlichen Film hervorgebracht hat.

Trotzdem bräuchte es auch in diesem Format mal einen Grimme-Preis, um mich zu überzeugen, dass alles eine Frage der guten Show ist. Das Drehbuch selbst hat einen Ideengeber und einen Schreiber, was vermuten lässt, dass der Ideengeber nicht schreiben kann, bewiesen ist hingegen nach dem Anschauen von „Zeit der Frösche“, dass der Schreibende keine guten Dialoge kann. Und leider trägt das Hölzerne der Sprache viel dazu bei, dass auch die Figuren Probleme haben, lebendig und individuell zu wirken.

Ich  mag Heike Makatsch insofern, als sie einen wiederkennbaren und, wie ein Nutzer des Tatort-Fundus schreibt, „auf ihre Weise attraktiven Typ“ darstellt und sie hat sich zu einer richtigen Schauspielerin entwickelt, mit beinahe normaler Stimme.

Doch ihre Figur Ellen Berlinger geht mir ebenso wenig nah wie die übrigen in diesem Film. Vielleicht, weil sie an Charlotte Lindholm angelehnt ist, was das Lebensmodell angeht? Nein, ich glaube nicht, denn Berliner wirkt manchmal hastig oder überfordert, aber das, was die Lindholm für mich zum einzigen echten No-Go unter allen Tatort-Figuren macht, ihre maßlose Arroganz und die autoritären Tendenzen ihrer Figur, zeigt Berlinger nicht.

Und darüber, ob sie typisch ist als Alleinerziehende oder eher underperformt in ihrer Rolle als Mutter und Kommissarin, darüber will ich mir kein Urteil erlauben. Einzig ihr Umgang mit dem freundlichen Kindergärtner wirkt unangenehm und natürlich schlüpfe ich in diesen Momenten in dessen Rolle, als männlicher Zuschauer – nicht ganz. Jeder hat ein anderes Herangehen und stellenweise hat mich seine allzu insistierende auch genervt und ich konnte Berlinger vertehen. Ich hatte sogar zwischenzeitlich den Verdacht, er sei der Mörder, weil es keinen anderen Erwachsenen gab, der in Frage kam.

Warum muss es aber ein Erwachsener sein? Wegen der Serie. Ein Kind als Serienmörder ist nicht vorstellbar. Diese Serie wird am Ende ganz lapidar fallen gelassen. Der länger vor Ort ermittelnde Kollege von Berlinger, Martin Rascher, ist mit einer solchen Serie konfrontiert und kommt nicht weiter und nicht mit ihr klar. Aber schließlich ist klar, die Täterperson, die wir hier sehen, kann es nicht gewesen sein, weil sie den Beginn der Serie aufgrund zu geringen Alters nicht ausgelöst haben kann.

Gibt es dazu noch irgendeine Bemerkung? Nein. Hat man vergessen. So, wie man vergessen hat, den Film dynamisch oder wenigstens psychodynamisch anzulegen. Figuren wie Rascher oder Maja Ginori, die Mutter des Autisten und Berlingers Schwester, werden zu mindestens fünfzig Prozent verschenkt. Dem Jungen selbst, der von Luis Kurecki gut gespielt wird, konnte man aber nicht mehr zumuten, weil eben ein Kinderdarsteller geschont werden muss; wir sind ja nicht im alten Hollywood, wo schon Kleinkinder hemmungslos ausgebeutet wurden. Die allerdings auch riesiges Talent hatten und Biografien und familiäre Umfelder, die es heute in Deutschland nicht gibt – zumindest stammen Kinderdarsteller_innen in der Regel eher aus behüteten Verhältnissen.

Finale

Der gesamte Film hat etwas Zurückgenommenes und wenig Aufregendes. Ich bin keineswegs auf verrückte Wendungen angewiesen, die jeder Logik entbehren, um einen Krimi gut zu finden, eher im Gegenteil. Psychologische Momente auszufeilen und Figuren einen starken Drive zu geben, ist eine Kunst, die ich besonders schätze.  Aber in heutigen Tatorten hat selbst das Schräge oft etwas Konfektioniertes – und Abstraktes. Natürlich, die veränderte Medienrezeption lädt die Medienmacher eher dazu ein, Figuren und Handlungen von der Stange zu schaffen, aber die Zuschauer, die sich auf 90 Minuten Tatort einlassen, haben noch den gewissen langen Atem und ein Gespür dafür, ob unter der Oberfläche von Figuren ein Feuer lodert oder ob da nur Oberfläche ist und darunter alles in etwa so kalt wie in den meisten heutigen Tatorten die Farben.

Der Titel ist übrigens der Gipfel von alldem: Die Froschmetapher bezieht sich ja auf „Schläfer“ unter den Serienmödern, die nur alle ein, zwei Jahre zuschlagen – aber die wirkliche Täterperson passt gar nicht in dieses Profil, sodass der Titel wirkt wie ein übrig gebliebener Arbeitstitel, der noch aus einer Zeit stammt, in der das Drehbuch vielleicht eine andere Auflösung vorsah.

6/10

© 2019, 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissarin Ellen Berlinger – Heike Makatsch
Hauptkommissar Martin Rascher – Sebastian Blomberg
Rechtsmediziner Dr. Neuhaus – Christoph Glaubacker
Max Linner – Paul Michael Stiehler
Enzo Ginori – Jan Messutat
Maja Ginori, Cousine von Berlinger – Jule Böwe
der Sohn Jonas Ginori – Luis Kurecki
Gemüsehändler Sergio Cammerieri – Roberto Guerra
Armin Blixen – Robert Schupp
Olivia Blixen – Kathleen Morgeneyer
ihre Tochter Marie Blixen – Aniya Wendel
Susa Wagner – Anna Grisebach
Finn Wagner – Noah Lakmes
Bernd Hartl – Karsten Antonio Mielke
Vanessa – Stella Hilb
Richard – Nicolai Despot
Chrystal – Livia Matthes
Bassi Mahler, Kita-Mitarbeiter – Lucas Prisor
u.a.

Drehbuch – Marco Wiersch, Idee von Florian Oeller
Regie – Markus Imboden
Kamera – Martin Farkas
Schnitt – Ursula Höf
Szenenbild – Marion Strohschein
Ton – Ralf Herrmann
Musik – Florian Tessloff

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