Schutzlos – Tatort 953 / Crimetime 230 // #Tatort #TatortSchweiz #Schweiz #Luzern #Flückiger #Ritschard #Tatort953 #Schutzlos

Crimetime 230 - Titelfoto © SRF, Daniel Winkler

Please don’t smile!

Nachdem das Schweizer Tatort-Team mit „Verfolgt“ im siebten Anlauf erstmalig einen beinahe einhellig gelobten Fall mit politischer Ansage auf den Bildschirm gebracht hat, wird diese Ausrichtung weiterverfolgt. Dieses Mal sind die „unbegleiteten minderjähigen Asylsuchenden“ Mittelpunkt des Films.

Gemäß einer Dokumentation zum Thema, die wir  neulich angeschaut haben, ist der Film sehr realistisch geworden, auch die Kausalkette von Herkunftsumständen bis hin zum tragischen Ende vieler Schicksale ist auf eine sehr klare Weise dargestellt. Allerdings sind die jungen Flüchtlinge im Film alle noch in ihren  Emotionen nachvollziehbar und damit als Charaktere für 90 Minuten Sozialkritik geeignet. Die Wirklichkeit ist bezüglich der Verwerfungen und Traumata, die Gewalt und Ausbeutung, Not und Verzweiflung von Kindesbeinen an bewirken, in vielen Fällen wohl noch drastischer.

Mehr zum Film in der -> Rezension.

Handlung

Ein nigerianischer Jugendlicher wird erstochen unter einer Brücke in Luzern aufgefunden. Die Kommissare Reto Flückiger und Liz Ritschard gehen aufgrund erster Indizien davon aus, dass es sich um eine Abrechnung im Drogenmilieu handelt. Der junge Mann war der Polizei bereits bestens bekannt: Ebi Osodi war ein sogenannter UMA – ein unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender.

Er war ohne Eltern in die Schweiz gekommen und wurde schon mehrfach beim Dealen erwischt. Für den neuen Polizeichef Mattmann ist klar, dass dieser Fall möglichst schnell zu den Akten gelegt werden soll. Schließlich wäre der straffällige Ebi bei Erreichung der Volljährigkeit sowieso sofort abgeschoben worden. Je mehr der Polizeichef aber auf Effizienz drängt, umso mehr interessieren sich Reto Flückiger und Liz Ritschard für das Schicksal des Jungen. Und als die dunkelhäutige Jola, eine ebenfalls minderjährige Asylsuchende aus Nigeria, in den Fokus der Ermittlungen gerät, wird Ritschard und Flückiger klar, dass die junge Frau der Schlüssel zum Fall sein muss.

Die Ermittlungen kommen aber immer wieder ins Stocken. Und mehr als einmal muss sich Flückinger fragen, ob das, was er sieht, wirklich ist oder nur Halluzination. Denn laut ärtzlichem Befund sind starke Migräneanfälle der Grund für seine zunehmend starken Kopfschmerzen und das bedingt auch partielle Wahrnehmungsverschiebungen. 

Rezension

Ein schwieriger Abend für die Ausstrahlung eines Flüchtlingstatorts. Über uns lässt Zeus es donnern, um uns klarzumachen, was in Europa gerade läuft. Wir mussten noch Günter Jauch schauen, bevor wir uns hier zum Schreiben einfanden, und was besagt es, dass das Donnern auch im Fernsehen hörbar war und beinahe gleichzeitig wie an unserem Wohnort? Dass dieser wohl nicht weit vom Ort des Talks entfernt liegen kann. Wir sind beinahe komplett in diesem Alptraum gefangen, aber einmal, nur ein einziges Mal wurde es kurz angesprochen: Wie können wir alle uns hier ständig mit der europäischen Nabelschau befassen, während die Themen, die uns die Welt stellt, nicht alle, sondern immer drängender werden? Dabei wurden sogar die Flüchtlingsströme nach Europa erwähnt, man soll’s kaum für möglich halten.

Dass die Schweiz sich des Themas annimmt und dabei auch sich selbst kritisiert, zumindest tut der SRF dies, finden wir eine hervorragende Idee. Denn wir haben im Moment echt eine so andere Agenda, wir sind so absorbiert von unserem innereuropäischen Mumpitz.

Dabei liegt es an der Rosinenpickerei der Wohlstandsstaaten, die großzügig überall auf der Welt die Ressourcen für viel zu billiges Geld absahnen und sich dann, wenn die Probleme auf sie zurückfallen, gerne die verschlossene Auster geben, dass die Flüchtlingsströme überhaupt so virulent geworden sind. Das ist nicht der einzige Grund, auch religiös motivierte Bürgerkriegszustände spielen eine wichtige Rolle, aber letztlich geht es auch dabei um Macht, Einfluss, Geld. Die Schweiz ist eine direkte Demokratie, die Leute dort dürfen sich die Rosinenpickerei aufs Panier schreiben, und das tun sie ohne jede Scheu vor der eigenen miserablen Moral. Bei uns ist die aufgrund historischer Erfahrungen bewusst und zu Recht weniger vertrauensvolle Ausformung der Volksherrschaft dafür verantwortlich, dass es nicht ebenso läuft, nicht etwa die weniger selbstsüchtige oder gar humanere Einstellung der Deutschen. Dabei hat die Schweiz aber die Chance, sich dieser konzentrierter, fokussierter anzunehmen, weil sie sich nicht im Europa-Dauerreparaturbetrieb verausgaben muss. Immerhin haben sie dort auch das Rote Kreuz als erste humanistische Organisation überhaupt gegründet, das wollen wir nicht vergessen.

Schade, dass wir die Schweizer Tatorte nicht mit Originalton empfangen können, denn wir sind sicher, gerade solche sehr auf die Zwischentöne angewiesenen, leisen und intensiven Filme wie dieser profitieren enorm, auch wenn das Schweizer Idiom an sich auf uns nicht unbedingt feinfühliger wirkt als die deutsche Hochsprache. Aber diese abgekämpfte und gleichwohl zärtliche Form von Kumpelhaftigkeit, welche die Polizisten Flückiger und Ritschard leben, die gewinnt sicher durch den O-Ton noch an Präsenz. Wer sich mit den beiden Aufrechten und Ernsthaften nicht identifiziert, dem ist aber eh sozial und emotional nicht zu helfen. Dafür gibt es den einzigen ernsthaften Fehler des Tatorts auch im Sprachbereich: Wieso wird ein nigerianischer Übersetzer hinzugenommen, wenn Jola so gut Englisch kann? Nigerianer können normalerweise Englisch, so, wie die Bewohner vieler anderer afrikanischer Staaten des Französischen mächtig sind.

Das Ende des Films ist schrecklich und der erwähnten Einfühlsamkeit der Ermittler füreinander und Dritten gegenüber steht eine beachtliche Brutalität entgegen, die uns seltsamerweise gar nicht fremd vorkommt. Die Drogenszene in der Großstadt ist komplexer, als sie in einem Tatort dargestellt werden kann, aber es ist richtig, dass man sich auf eine einzige menschliche Situation und eine Ethnie konzentriert hat, auch auf die Gefahr hin, dass sich wieder Klischees bilden oder verstärken – denn das Einzelschicksal vor allem von Jola, die von Marie-Helene Boyd sehr gut gespielt wird, ist so gut ausgearbeitet, ihre Nöte werden so schlüssig dargestellt, dass ihr Tod uns berührt hat. Nicht, dass das Plötzliche und Unerklärliche nichts auslösen kann, aber der Schlüssel bei der Fiktionalisierung von Todesfällen, die uns meist nur als statistische Zahlen erreichen, liegt darin, das Einzelschicksal greifbar zu machen. Deswegen ist die im Grunde etwas übermotivierte Reise von Liz Ritschard nach Italien auch okay, weil sie das Bild von Jolas Weg durch Europa abrundet und uns vom Dasein als Zwangsprostituierter erzählt, das die meisten von uns sich nicht einmal vorstellen können, selbst wenn sie’s wollten, weil ihnen dazu die abrufbaren Bilder aus dem eigenen Erfahrungsbereich fehlen. Und die Fernsehbilder. Diese hat auch „Schutzlos“ nicht wirklich geliefert, und man ist im Grunde froh darüber, weil man sonst noch schlechter schlafen würde und sich vielleicht noch über das Spekulative richtig krasser Szenen ärgern würde. Der Tatort ist auch dadurch begrenzt, dass er zur Primetime gesendet wird, und seine Massentauglichkeit ist wichtig, um soziale Themen zu transportieren. „Schutzlos“ hat dabei die Grenzen in einzelnen Szenen bereits ausgelotet.

Fazit

Eine Frage, die sich beinahe nicht gehört, stellen wir trotzdem, weil wir die Filme, anders als viele Kritiker des Feuilletons, immer auch aus der Sicht des Krimifans sehen: Wie wenig Krimi darf sein, ohne dass das Genre verlassen wird, ohne dass der berechtigte Wunsch des Zuschauers nach einem spannenden Fernsehabend zugunsten der Sozialproblematik geopfert wird? Wir stellen uns in diesem Fall klar auf die Seite der Problembehandlung – weil wir die Ernsthaftigkeit schätzen, mit der hier gearbeitet wird und die vom Team Flückiger-Ritschard auch besonders unterstützt wird.

Da sehen wir auch darüber hinweg, dass mancher soziale Tatbestand nur mit einem Bauerntrick so richtig deutlich ausgesprochen werden durfte: Reto Flückiger muss Migräne haben, damit er das sieht, was wir sehen sollen und nicht das, was er wirklich sehen kann. Wir müssen uns mal bei den Bekannten oder Freunden, die auch mit diesem Phänomen geschlagen sind, erkundigen, ob diese Wahrnehmungsverschiebung, die zu einer Wahrnehmungsschärfung führt, bei ihnen auch wirkt. Bisher ist uns derlei nicht berichtet worden.

Der Kopfschmerz ist leider kein Scherz, daran besteht kein Zweifel, und bei Reto ist er nicht etwa überwiegend durch Alpenföhn verursacht, was in der Schweiz nahe liegen könnte, sondern durch den Stress, den der Job ihm bereitet. Oder besser: Die Pein, die Menschen mit Gewissen verspüren, wenn sie in ihren Jobs mit Vorgesetzten wie dem (ziemlich drastisch überpointierten) Chef Mattmann zu tun haben, der sie immer wieder ermittlungsseitig ausbremst und zu denen gehört, die das Schweizer Asylrecht garantiert gerne noch schärfer hätten, als es ist.

So, der Beitrag ist fertig, wenn auch spät in der Nacht. Wir fühlen uns besser, weil wir wieder einmal besser eduziert sind, und morgen bzw. heute, später am Tag, geht’s weiter mit dem binneneuropäischen Trauerspiel. Welch eine Wahrnehmungsverschiebung ganz ohne Migräne als rechtfertigende Ursache. Welch eine Schande.

8/10

© 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissarin Liz Ritschard – Delia Mayer
Kommissar Reto Flückiger – Stefan Gubser
Adibe – Davis O. Nejo
Elsa Giger – Suly Röthlisberger
Ebi Osodi – Charles Mnene
Eugen Mattmann – Jean-Pierre Cornu
Jola – Marie-Helene Boyd
Dr. Valentin Hess – Thomas Douglas

Regie: Manuel Flurin Hendry
Drehbuch: Manuel Flurin Hendry
Kamera: Felix Novo de Oliveira

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