Der schwarze Skorpion – Tatort 456 / Crimetime 231 // #Tatort #TatortHamburg #Hamburg #Stoever #Brockmöller #NDR #DerschwarzeSkorpion #Skorpion #Tatort456

Crimetime 231 - Titelfoto © NDR, M. Sahwney

Ich brauche keine Millionen
mir fehlt kein Pfennig zum Glück
ich brauch nur Peter, Paul
und ihre Jazzmusik

(Volksgedicht aus dem Norden) 

Die Hamburger Kriminalhauptkommissare Paul Stoever (Manfred Krug) und Peter Brockmöller (Charles Brauer) lösen hier ihren vorletzten Fall am Tatort Hamburg. Das Ende einer Ära, der bis dahin längsten und folgenreichsten der gesamten Serie, ist in Sicht.

Kein Wunder, dass hauptsächliche Gesprächsthemen der verdienstvollen Kriminaler solche wie Fitneß für Senioren, Hautalterungsprozesse und deren Relation zum Körpergewicht sind.

Da könnte ein Mittel namens KHK 2112 Abhilfe schaffen, welches an einem Hamburger Institut von einem Professor entwickelt wird, den wir zuletzt als Kommissar Flückiger in Luzern gesehen haben. Assistiert wird ihm dabei von einer jungen Dame, der wir bereits als Ermittlerin Charlotte Sänger in Frankfurt begegnet sind.

Nehmen wir an, das Mittel sei trotz mancher Wirrungen noch zur Anwendung gekommen, dann hatte es ganz andere Folgen als erwartet. Wie wir inzwischen anhand von Professor Sterndorff alias Hauptmann Flückiger (Stefan Gubser) und in geringerem Maß auch an Dr. Severin / Kommissarin Sänger (Andrea Sawatzki) feststellen konnten, ist der Alterungsprozess der Haut mitnichten durch KHK 2112 zu stoppen und schon gar nicht reversibel zu machen. Vielmehr führt die Einnahme dazu, dass man endlich dem drögen Unibetrieb entkommt, einige Gehaltseinbußen hinnimmt, weil die Gelder fehlen, die aus der Fütterung der Forschung durch die Wirtschaft herrührten – und endlich raus ins Leben und an den Ort des Verbrechens darf. Günstigenfalls jahrelang und mit der Lösung von beachtlichen Fällen betraut.

Aber wie geht es Peter und Paul, kurz vor dem Abschied nun? Dazu mehr in der -> Rezension?

Handlung

In seinem Forschungslabor wird der renommierte Wissenschaftler Professor Arthur Sterndorff eines Morgens tot aufgefunden. Zunächst deutet alles auf einen Arbeitsunfall hin, denn der Professor experimentierte mit Skorpiongift, gegen das er selbst hoch allergisch war. Die Kommissare Stoever und Brockmöller ermitteln mit der Hoffnung, dass der Fall bald abgeschlossen sein könnte. Doch dann stellt sich heraus, dass Sterndorff nicht von einem seiner eigenen Skorpione gestochen wurde, sondern von einem besonders giftigen Exemplar, das es nur einmal im Spinnenhaus des Zoos gibt. Justus Brandt, der dortige Tierpfleger, kümmert sich auch um die Skorpione des Professors… Hat er etwas mit der Beschaffung des mörderischen Skorpions zu tun?

Stoever und Brockmöller finden heraus, dass die Forschungen des Professors hochbrisant waren, da er mit Hilfe des Skorpiongiftes eine Rezeptur entwickelt hatte, die möglicherweise die Hautalterung stoppen kann. Jetzt ist der Kreis der Verdächtigen groß: Viele hatten Interesse an der „Superformel“, die der Professor auch gegenüber seinen engsten Mitarbeitern an der Universität, Dr. Natascha Severin und Dr. Karl Becker, unter Verschluss hielt. Der Kampf um die Formel, die in einer Passwort-gesicherten Datei in Sterndorffs Computer verborgen ist, beginnt: Karl Becker bricht nachts in Sterndorffs Labor ein, um das Passwort zu knacken. Als die Kommissare ihn verhaften, behauptet er, die Formel für eine wissenschaftlich-medizinische Nutzung retten zu wollen; einen Zweck, den seine ehrgeizige Kollegin Natascha Severin nicht wirklich nachvollziehen kann. Sie macht gemeinsame Sache mit Pharmahersteller Frederic Lohner, der ihr für die Beschaffung der Formel eine glänzende Zukunft in seinem Konzern in Aussicht stellt.

Stoever und Brockmöller haben alle Hände voll zu tun, um die Vertuschungsaktionen der Beteiligten zu durchschauen – und auch über den ermordeten Professor erfahren sie durch seine geschiedene Frau und den gemeinsamen Sohn, dass er nicht nur für die heilige Wissenschaft gearbeitet hat. Als ein zweiter Mord geschieht, wissen die Kommissare, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt. Sie erfahren, dass Natascha die Formel hat. 

Rezension

Jeder, der einen guten Krimi machen oder ein gutes Drehbuch für einen guten Krimi schreiben will, sollte ebenfalls von KHK 2112 profitieren. Leider war das geniale Medikament erst in der Entwicklung, als „Der schwarze Skorpion“ gedreht wurde, sodass dieser Film noch nicht von der ohnehin vom Plan abweichenden Wirkung profitieren konnte. Ein wenig merkt man das auch, denn das Thema ist zwar trendig, das ausgerechnet der Routinier Felix Huby hier zu einer Handlung aus dem Reich der Arachniden versponnen hat und in der sinnigerweise auch eine Menge Leute vorkommen, die wie die Spinnen im Netz der Beziehungen sitzen und darauf warten, dass sich in diesem Netz fette Geldsummen verfangen. Leider bleibt dies ein Hirngespinst, soweit es die Charaktere des Films betrifft.

In den letzten Jahren sind Wissenschaftskrimis in Mode gekommen, zum Beispiel am Tatortstandort Berlin. „Der schwarze Skorpion“ ist wohl einer der ersten – und gewiss einer der skurrilsten, spielt in Hamburg und ist nicht ganz ernst zu nehmen.

Der Flow, den Stoever und Brockmöller im Verlauf ihrer Zusammenarbeit entwickelt hatten, wurde am Ende der langjährigen Polizisten-Ehe auch gerne mal dazu genutzt, das Ganze ein wenig auf die Schippe zu nehmen. Dazu eignet sich die Welt der ehrgeizigen Wissenschaftler um einiges besser als ein Sozialdrama und so sehen wir hier, wie jeder versucht, an die Formel KHK 2112 zu kommen, ein Medikament, dessen Kernbestandteil Skorpiongift ist. Dieser Stoff kann zur Heilung eingesetzt werden, aber auch in der Kosmetikindustrie. Die erste wunderbare Übertreibung ist die Wirkung: Endlich, endlich das ultimative Mittel gegen die optischen Folgen des alt werdens. Nicht die Japaner, nicht die Leute an den hochgezüchteten US-Forschungsinstituten, nicht die aufsteigenden Wissenschaftsstandorte in Südostasien haben diesen Stoff, aus dem die Sehnsüchte von ewiger Jugend sind, entwickelt, sondern die Hamburger. Federführend allerdings ein Professor, der eigentlich aus der Schweiz kommt und dort gibt’s auch einiger der möglichen Abnehmer in Form von Pharmakonzernen.

Nacheinander setzen sich nach Sterndorffs Tod in den Besitz der Formel:

– Dr. Becker, sein Assistent und Nachfolger als Laborleiter. Er knackt Sterndorffs Passwort am Uni-Computer. Keiner weiß, warum er das zuerst bei Sterndorff zuhause versucht hat.
– Sterndorffs Sohn, der passenderweise Arachnologie studiert sowie im Verein mit diesem dessen Exfrau. Die beiden knacken Sterndorffs Passwort am Heimcomputer von Sterndorff. Das ist nur möglich, weil die Polizei den Inhalt des Computers sichert, das Teil selbst aber vor Ort belässt.
– Dr. Severin. Sie knackt Dr. Beckers neues Passwort. Es ist ihr Vorname Natascha.

Gerne hätte auch der mittelständische Pharma-Unternehmer Lohner die Formel gehabt. Er bringt Natascha in seine Gewalt, aber da erscheinen auch schon Stoever und Brockmöller, denen ein Licht aufgegangen ist. Stoever stellt sich vor, wie er bei gegebener Sachlage als Lohner handeln würde und das treibt ihn zur Eile an. Zwei Dinge lassen sich feststellen. Erstens: Auch zu früheren Zeiten und ganz lässig, ohne dabei an den Rand des Wahnsinns zu geraten wie zum Beispiel der Neukommissar Faber aus Dortmund („Mein Revier“, „Alter Ego“) war es möglich, sich in die Psychologie eines Tatverdächtigen zu denken. Zweitens: Wie den ganzen Film über spielt Stoever hier eindeutig die erste Geige und beim gemeinsamen Singen das Klavier. Brockmöller darf assistieren, Mundharmonika und eine Körpersprache, die schon signalisiert, dass er nicht der Chef von den beiden ist.

Die beiden geben in einer Kneipe einen Spontangig, in dem „Money, Money“ und „Ich brauche keine Millionen“ nacheinander gesungen werden. Ist das nicht süß? Doch, die beiden sind wirklich knuddelig geworden, auf den letzten Metern ihrer langen Tatortstrecke. Als Stoever noch allein ermittelte, kam er viel härter rüber und auch zu Beginn der gemeinsamen Zeit mit Brocki war die Gangart ein wenig rauer. „Ich brauche keine Millionen“ wurde von Joseph Schmidt sehr viel stimmgewaltiger interpretiert und  ein paar Jahre später von Marika Rökk getanzt, das waren andere Zeiten.

Nicht nur die Stimmen der sympathischen Cops sind etwas dünner, sondern auch der wissenschaftliche Hintergrund des Falles hinkt. Das fängt schon bei den Skorpionen an. Pandinus Imperator existiert tatsächlich, und zwar in Zentralafrika. Aber gerade er ist vergleichsweise ungiftig, anders als im Film. Vielleicht dachte man sich, so ein Giftzwerg von einem Skorpion gibt optisch zu wenig her, da macht sich der Große Schwarze besser – wenn man schon eine solche ziemlich extravagante Tötungsmethode wählt. Sie liegt allerdings näher, als wenn das Mordopfer gar nichts mit diesen Gliederfüßern zu tun gehabt hätte.

Dass der Fall keine Emotionen freisetzt, nicht einmal für oder gegen Skorpione, dass er eher langsam gefilmt ist, wenn auch schon mit heutigen optischen Standards, kann man sagen, ohne dass es großen Widerspruch geben dürfte.

Von den Nebenrollen hat uns am besten Andrea Sawatzki als Natascha Severin gefallen, gewinnt durch das Gespräch mit ihrer Mutter Konturen, aber, wie die anderen Charkatere keine große Sympathie. Sie spielt aber um einiges prägnanter als zum Beispiel Stefan Gubser und bei Dr. Becker, dargestellt von Ulrich Bähnk, fällt vor allem sein bayerischer Akzent auf und dass er ziemlich naiv ist – ein echter Wissenschaftler, der nur für die Wissenschaft lebt und sich der Kommerzialisierung verweigert. Damit von der Anlage eine positive Figur, aber wie er sich von Natascha weichgucken lässt und dann ihren Namen als Kennwort verwendet – naja. Mit Augenzwinkern, halt.

Fazit

„Der schwarze Skorpion“ ist nicht der Abschiedstatort von Stoever und Brockmöller, sondern der nachfolgende „Tod vor Scharhörn“, in welchem der Abschied richtig zelebriert wird. Wenn man die Dramatik heutiger Tatorte zugrunde legt, ist „Der schwarze Skorpion“ aber eher eine Light-Ausgabe und singt und swingt ein wenig vor sich hin. Die Idee mit den Skorpionen ist ungewöhnlich, aber im Laufe von nun beinahe 900 Tatortfolgen muss nicht nur jedes Milieu beleuchtet, jeder denkbare Typ oder Stereotyp gezeigt werden, sondern auch jede Todesart, die nicht gänzlich unmöglich ist. Man hätte die Skorpione drastischer ins Bild setzen können und eine Handlung für sie basteln, die vielleicht auch Bezüge zur kulturgeschichtlichen Symbolik der Skorpione hat – eine solche ist uns im Film zumindest nicht aufgefallen.

Es gab bislang keinen wirklich schwachen Stoever-Brockmöller, den wir für den Wahlberliner rezensiert hätten, aber „Der schwarze Skorpion“ ist sicher keiner der besseren. Während der letzte Hamburg-Ermittler Cenk Batu einen krachenden Abgang erhielt („Die Ballade von Cenk und Valerie“), lassen es die langgedienten Vor-Vorgänger eher langsam ausklingen.

Wir geben 6,5/10 für „Der schwarze Skorpion“.

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Paul Stoever – Manfred Krug
Peter Brockmöller – Charles Brauer
Dr. Natascha Severin – Andrea Sawatzki
Stefan Struve – Kurt Hart
Dr. Karl Becker – Ulrich Bähnk
Frederic Lohner – Sven Eric Bechtholf
Justus Brandt – Gottfried Vollmer
Professor Arthur Sterndorff – Stefan Gubser
Professor Riegiebel – Karl Knaup

Buch – Felix Huby, Matthias Schultheiss
Regie – Helmut Förnbacher

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