Murot und das Murmeltier – Tatort 1084 / Crimetime 232 // #Tatort #Murot #Tukur #Tatort1084 #Murmeltiertag #Murmeltier #MurotunddasMurmeltiert #Tatort1084

Crimetime 232 - Titelfoto © HR, Bettina Müller

Es gibt keine drei Wünsche, nur so viele Versuche, wie es braucht, bis niemand stirbt

Der siebte Murot-Tatort war ein großer Spaß, das schreiben wir hier einfach mal Top Down schon rein. Dass Murot sich auf dem ersten Vokal akzentuiert, wissen wir jetzt auch, weil Murot sich selbst mit dieser Betonung vorstellt. Klar, wir tendieren immer dazu, bei Namen, die aus dem Französischen abgeleitet scheinen, sie auf der hinteren bzw. letzten Silbe zu betonen. Natürlich nur, falls sie nicht einsilbig sind.

Einsilbig ist Felix Murot in diesem Tatort gewiss nicht, Ulrich Tukur liefert ihn als eine grandiose Einmann-Show an uns als Publikum aus und eines merkt man schnell – ein Tatort wie dieser lässt sich nicht mit allzu vielen Darstellern machen. Denn die Variabilität des Ausdrucks ist wichtig, um uns durch die 90 Minuten hindurchzubringen – durch 90 Minuten Kunst oder Kappes oder keines von beidem? Das erörtern wir in der -> Rezension.

Handlung

Morgens um 7.30 Uhr klingelt das Telefon von LKA-Ermittler Felix Murot. Es ist seine Assistentin Magda Wächter, die ihm mitteilt, dass es eine Geiselnahme in einer Bank gibt, und dass er sofort kommen muss. „Wer überfällt denn heute noch eine Bank?“, murmelt Murot, und: „Wahrscheinlich wieder ein verzweifelter Amateur.“ Wächter soll schon einmal alles vorbereiten, das sei ja klassische Polizei-Routine. Waschen, rasieren, anziehen, jeden Morgen die gleiche Prozedur.

Murot fährt zum Tatort, legt sich eine Schutzweste an und begibt sich in die Bank, um den Bankräuber und Geiselnehmer zur Aufgabe zu überreden. Dank gelernter Polizeipsychologie kann er den Geiselnehmer überzeugen, sich zu stellen. Doch im letzten Moment geht irgendetwas schief. Murot wird erschossen und wacht schweißgebadet zu Hause wieder auf. Sein Telefon klingelt. Es ist Wächter. Sie ruft ihn zu einem bewaffneten Banküberfall mit Geiselnahme. Ein Routinefall – so scheint es. Murot fürchtet um seinen Verstand.

Etwas Werbung von der Anstalt

Beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen ist der „Tatort: Murot und das Murmeltier“ Anfang September 2018 mit dem Filmkunstpreis ausgezeichnet worden. Laut Jury lobe der Film „in überzeugender und raffinierter Weise die Zeitschleife, in der das Überangebot der Krimi-Produktion des Fernsehens steckt. Fantasiereich und klug inszeniert, dramaturgisch raffiniert, voller Witz und Abwechslung und immer wieder überraschend führt Dietrich Brüggemann seinen großartigen Hauptdarsteller Ulrich Tukur durch die Turbulenzen des Wahnsinns zu einem glücklichen Ausgang.“ 

Rezension

Ja, es wurde im Vorfeld viel darüber geschrieben, dass dieser Tatort ein Metafilm sei, der sich nicht nur mit der Tatort-Reihe auseinandersetzt, also Meta-Stufe eins, sondern gleich mit dem ganzen Krimigenre oder zumindest den Fernsehkrimis, die sich in den letzten Jahren fast so explosionsartig vermehrt haben, wie in Berlin die Mieten steigen.

Das Genre wäre dann aber schon die dritte Ebene, über den Fernsehkrimi hinaus. Es gibt aber mindestens eine vierte, wir kommen noch darauf. Dieser Film ist eine Tatort-Matrioschka und, seltsam, wird dachten in dem Moment, als uns der Begriff in den Sinn kam, gar nicht an die Netflix-Serie, mit der „Murot und das Murmeltier“ u. a. verglichen wird. Und natürlich mit „Täglich grüßt das Murmeltier“, darauf spielten wir mit der vierten Ebene an.

Während aber z. B. der Mietenwahnsinn eine negative soziale Dynamik auslöst, wird den Krimis unterstellt, sie zeigen immer mehr vom Gleichen und langweilig, im Grunde statisch, bewahrend, konservativ. Genau so ist es auch, wenn man alles auf ein paar Grund-Plotmuster herunterbricht. Das ist aber nicht neu, der Rätselkrimi ist viel älter als das Fernsehen und der Thriller auch. Es kommt also darauf an, ob man immer wieder Figuren interessant machen und ein paar Varianten bringen kann, neue Technik einfließen lässt, Zeitumstände kommentiert, die sich immer wieder ändern, ein paar Gags erfindet, um das Genre frisch zu halten. Wie jedes andere Genre hat der Krimi ein paar uralte Muster, die, entkleidet von ihrer individuellen Bekleidung, ziemlich unkreativ wirken.

Aber das alles weist über Genres und Filme hinaus. Es ist der Song unseres Lebens, das klingt häufig genug an. Kaum jemand hat ein so exzeptionelles Dasein, dass er ständig Neues, grundlegend Neues erlebt. Nicht einmal ein Abenteurer, denn bei ihm wechseln irgendwann im Wesentlichen noch die Orte, die Situationen, in die er gerät, fangen auch an, sich zu wiederholen und ähneln immer häufiger dem bereits Dagewesenen. Alles gesehen, alles erlebt und zufrieden damit, das wär’s aber doch. Ist es bei den meisten Menschen jedoch nicht und deswegen ist ein Murmeltiertatort auch etwas nervig. Besonders in der Art, wie die Nr. 1084 ausgestaltet wurde.

Wir versuchen heute, unsere Haltung dazu vom eigenen Schreiben her zu erklären. Wir mögen es total, Geschichten mit einer Melodie auszustatten, die sich durch die Variation des Ähnlichen aufbaut. Heute ein Ort, in der Sonne, morgen der gleiche, es gießt, dann stürmt es, die Jahreszeit, die Tageszeit, die Geräusch wechseln doch während allem, was geschieht, wird ein bestimmter Ort als Anker und als Symbol verwendet, für den Song of Life, für das stets oder längerfristig Gleiche und auch für die Veränderungen. Das kann man mit einem gewissen Geschick beim Formulieren wunderbar abwechslungsreich gestalten. Murmeltierhandlungen sind das allerdings bisher nicht gewesen, weil wir noch nie auf die echte Wiederholung eingestiegen sind. Wir halten das seit 1993 für fast unmöglich, weil es dem Film so extrem eng nachgestaltet wird.

Einschub nachträglich: Das stimmt gar nicht. In unserem mit einem SF-Preis bedachten „Die Zeitmaschine“, der Titel ist natürlich H. G. Wells‘ berühmter Story nachempfunden, sind wir direkt darauf eingestiegen, wie ein Jura-Student seine Zeitmaschine besteigt, um Klausurnoten zu optimieren. Auch diese Figur nimmt also das Wissen, das sie sich erarbeitet hat, das Wissen um Fehler, mit in die Vergangenheit, um beim nächsten Versuch auf deren Vermeidung hinzuarbeiten.

Hier hat man es also getan und dabei eine sehr spielerische Variante bevorzugt: Mal ist Murot schneller tot, mal dauert es länger, mal passiert etwas mit den Menschen, denen er immer begegnet, mal nicht, in eine eher zufällig wirkende Anordnung wird die Dramaturgie gekonnt hineingeschachtelt – trotzdem haben wir’s lieber etwas straffer. In der Form, dass jeder neue Murmeltiertag ein dramatugisches Plus, eine Steigerung erbracht hätte: Die Erfahrung, als Zuschauer geliftet und beschleunigt zu werden, und zwar auf geschickte Weise kontinuierlich,  nicht mal so, mal so, erst wird der Spannungsbogen gestrafft, dann wieder gelockert, dann zieht es wieder an, bricht ab – das eine oder andere wirkt dadurch recht beliebig angeordnet.

Dabei ist es aber sinnig, wie Murot versucht, die Täter auszuchecken, um herauszubekommen, wie man den Banküberfall so löst, dass es keine Toten gibt. Am Ende, nachdem er das mit einem Trick geschafft hat, geht er seines Weges und wird wieder eintauchen in die Routine, die es bei Murot aber im Grunde nie gibt, alle seine Fälle sind ja nun einmal besonders.Und er weiß für die Zukunft, er ist unsterblich. Zumindest kann er nicht im Dienst getötet werden. Das ist vielleicht der Deal. Dafür, dass er viele Jahre Lilly, den Tumor, mit sich herumschleppen musste, ist er jetzt kugelsicher auf seine eigene Art, die nicht vom Typ der angelegten Schutzweste abhängt – und kann außerdem Fehler immer so lange bearbeiten, bis sie abgestellt sind.

Fazit

Ist es also das immer Gleiche oder das Streben nach einer Perfektionierung des Moments, das im Vordergrund steht? Es ist auf jeden Fall ein toller Film für Murot und seinen Darsteller Ulrich Tukur, es steckt eine Menge drin, aber man hätte an einige Details und der Dramaturgie noch feilen können. Der ganz große Wums, den die Musik suggeriert, fehlt manchmal. Die Idee, wenn man schon ein Sinfonieorchester hat, es auch zum Tatort aufspielen zu lassen, könnten andere Sender aber ruhig übernehmen – bisher ist das ein hessisches Alleinstellungsmerkmal, wenn wir’s richtig im Kopf haben. Vielleicht auch mal mit einer jazzigeren Note oder etwas mehr jammig, was ja auch stellenweise zu diesem Tatort gepasst hätte. Aber es ist ein guter, vor allem, weil er gut gespielt ist.

8/10

Vorschau

In seinem siebten Einsatz für den Hessischen Rundfunk spielt Felix Murot nun also „Und täglich grüßt das Murmeltier“ nach? Ist darin Medienkritik enthalten? Immerhin ist sie beim gleichnamigen Film auch ein Thema.

Es wäre nur eine von vielen ungewöhnlichen Ideen, die mit Ulrich Tukur als Sonderermittler umgesetzt werden. Ein Tumor namens Lilly, eine Mischung aus Novelle Vague und Shakespeare, ein Polizist, der gegen sich selbst antritt, ein Dorf im Stil von Edgar Wallace – wenn es eine Tatortschiene gibt, bei der das Ungewöhnliche nicht ab und zu vorkommt, sondern Programm ist, dann diese. Mit Felix Murot hat man neben dem Standard-Tatort aus Frankfurt, der jahrelang die Standards der Reihe mitbestimmte, noch etwas Exzeptionelles geschaffen. Für den Murot-Tatort „Im Schmerz geboren“ (dem mit dem Theater-und-Truffaut-Crush) haben wir die 10 gezückt, das gibt es bis heute nur ein weiteres Mal, der Klassiker „Reifezeugnis“ bekam ebenfalls die volle Punktzahl.

Ganz gewiss ist Felix Murot einer der Ermittler, die am weitesten von der Realität entfernt sind, aber nicht auf eine Art und Weise, die man als absurd bezeichnen kann, wie in Münster oder Weimar, wo die handelnden Personen im realen Dienstalltag nicht vorstellbar sind, sondern eher in der Form, dass man so viel Kunst einfach mit der Polizei zusammenbringt. Ulrich Tukur ist aber zu gut, um nicht auf diese Weise eingesetzt zu werden, sodass immer ein unwirkliches Szenario entstehen muss. Wenn also ein neuer Murot kommt, dann weiß  man, es ist ein sogenannter Experimental-Tatort. Und da die ARD sich dem – vermeintlichen – Willen der Mehrheit der Tatortzuschauer beugen und nur noch zwei Experimentaltatorte pro Jahr zeigen will, weiß man nun schon: 2019 wird nach „Murot und das Murmeltier“ avantgardemäßig schon halb vorbei sein. Schade. Aber wir haben ja auch gesehen, dass der Begriff Experiment bei der ARD nun weit ausgelegt wird. Was gestern noch Experiment war, wird heute zur Normalität deklariert und dabei entsteht Raum für weitere Vorstöße.

Ob es möglich ist, ein beinahe mehrheitsfähiges Krimiformat immer weiter in Richtung Kunst zu entwickeln, wird immer wieder neu diskutiert werden. Es gab in fast fünf Jahrzehnte Tatort mehrere progressive und konservative Phasen.

Die Murot-Filme sind auch deshalb kostbar, weil es so wenige davon gibt. Der erste kam 2010 und mehr als einen pro Jahr bekommen wir als Premiere nie zu sehen.  So ist es möglich, dass innerhalb von neun Jahren nur sieben Murots zustandekamen – die niedrigste Frequenz von allen Emittlern. Vielleicht muss das auch so sein, denn angesichts der existenziellen Erfahrungen, die der Mann bei seinen Einsätzen macht, braucht es wohl längere Erholungspausen. Der Tumor Lilly ist zwar besiegt, aber die Bedrohung lauert überall. Auf den erhältlichen Fotos zu „Murot und das Murmeltier“ ist das gut erkennbar. Erstmals trägt ein Film mit ihm seinen Namen im Titel, das gab es bisher nur bei Borowski und Bienzle, wo dies zum Standard wurde bzw. von Beginn an war.

Mancher neuere Tatort wurde als „Event-Tatort“ angekündigt, nach dem Anschauen hatten wir nicht das große Was’n-Ereignis-und-wir-waren-dabei-Gefühl, aber in Erwartung von Felix Murot stellt sich bereits eine Feststimmung ein und so wird dieses sonnige Vorfrühlings-Wochenende noch einmal etwas heller.

Dass ein Regisseur auch das Drehbuch schreibt, ist im deutschen Fernsehen nicht so außergewöhnlich wie mancher Murot-Krimi, aber dass die Musik ebenfalls von derselben Person komponiert wird, haben wir bisher bei einem Tatort noch nicht gesehen. Ein Gesamtkunstwerk von einem Gesamtkünstler? Aber wieso wird dann „Morgens um Sieben ist die Welt noch in Ordnung“ von James Last gespielt und Murot steht erst um 7:30 Uhr auf? Ach nein, es ist der andere Film mit Last-Musik, „Wenn süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft“. Pardon.

Musik

Slayer – „Cult“
James Last – „Wenn süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft“ (Impressionen)
Sonny & Cher – „I got you babe“

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Felix Murot – Ulrich Tukur
Assistentin Magda Wächter – Barbara Philipp
SEK-Beamter Backhaus – Felix Schönfuss
junger Schutzpolizist Dreher – Tom Lass
Schutzpolizist Brendel – Jörg Bundschuh
Schutzpolizistin Schreiner – Monika Anna Wojtyllo
Sanitäter Erik – Sascha Nathan
Geiselnehmer Stefan Gieseking – Christian Ehrich
Geiselnehmerin Nadja Eschenbach – Nadine Dubois
Murots joggende Nachbarin – Katharina Schlothauer
Murots musikliebender Nachbar – Daniel Zillmann
Mutter mit Kind – Anna Brüggemann
Scheibenputzerin – Desiree Klaeukens
Nadjas Nachbar – Jens Wawrczeck
Geisel – Danijel Stanic
u.a.

Drehbuch – Dietrich Brüggemann
Regie – Dietrich Brüggemann
Kamera – Alex Sass
Schnitt – Stefan Blau
Szenenbild – Theresia Anna Ficus
Musik – Dietrich Brüggemann, eingespielt vom HR-Sinfonieorchester

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