Der scheidende Schupo – Tatort 1010 / Crimetime 233 // #Tatort #Weimar #Dorn #Lessing #Schupo #MDR

Crimetime 233 - Titelfoto (c) MDR / Neugebauer

Wer zum Schluss noch nicht geschieden, bleibt meist hienieden

Vier Fälle, vier besonders originelle Titel, zwei Hipster-Cops in Weimar. So der Stand am 05.02.2017, 21:45 Uhr. Die Cops heißen Lessing und Dorn und werden gespielt von Ulmen und Tschirner, der scheidende Schupo namens Lupo hingegen ist Arndt Schwering-Sohnrey, dessen famose Darstellung wir zuletzt in dem München-Tatort „Das verlorene Kind“ (2006) bewundert haben.

Wenn es nach der Meinung der Nutzer des Tatort-Fundus geht (Punktzahlen für die Dorn-Lessing-Tatorte), folgt die Qualität der Filme von Lessing-Dorn einer Zackenbewegung, und jedes Mal ist das Tal tiefer als das vorherige, die Spitze weniger hoch als die vorherige. Sicher ist das bei vier Tatorten noch kein Verdikt und die Wiedergabe der Tendenz eher pointiert als seriös, zumal der Erstling „Die fette Hoppe“ recht gut ankam, aber besonders gefährdet scheinen die Titel, in denen der männliche Artikel und dann zwei Wörter mit den gleichen Anfangsbuchstaben folgen („Der irre Iwan“ und jetzt „Der scheidende Schupo“). Ist diese gekünstelte Scheinwitzigkeit der Titel ein Indiz wirklich auch im Tatort 1010 ein Indiz für die Qualität des Inhalts? Wir klären das in der -> Rezension.

Handlung

Ludwig Maria Pohl, genannt Lupo, ist auf der Dienststelle der Weimarer Polizei nur ein von den meisten Kollegen unbeachteter Kollege. Das ändert sich schlagartig, als zuerst ein Bombenanschlag auf ihn verübt und kurz darauf eine tödliche Rizin-Vergiftung bei ihm festgestellt wird. Er hat nur noch zwei Tage zu leben – Kira Dorn und Lessing müssen seinen Mörder finden. Die Kommissare ermitteln, dass Lupo der bislang unbekannte Sohn des kürzlich verstorbenen Besitzers einer traditionsreichen Thüringer Porzellanmanufaktur ist. Lupo steht ein Drittel des beträchtlichen Erbes zu. Seine neugewonnenen Schwestern Amelie und Desiree Scholder sind davon alles andere als begeistert.

Beide hätten ein Mordmotiv. Ins Visier gerät auch Amelies Freund Ringo, der von Lupo vor fünf Jahren ins Gefängnis brachte wurde und der erst seit kurzem wieder auf freiem Fuß ist. Und welche Rolle spielt Ringos Mutter Olga Kruschwitz, die Lupos Erbschaftsanspruch mit einem Vaterschaftstest durchsetzte? Lupo hat sich in den letzten Jahren liebevoll um die alte Dame gekümmert. Als der Todgeweihte in seiner Verzweiflung den Kommissariatsleiter Kurt Stich als Geisel nimmt und so die Kommissare zwingen will, ihm seinen Mörder auszuhändigen, erfahren die Ermittlungen eine neue Dynamik.

Rezension

Wie verhält es sich also nun mit den Titeln und der Komik?

Man kann Humor auf mehrere Arten erzeugen und findet immer ein Publikum dafür, die Menschen sind unterschiedlich gestrickt und sprechen auf unterschiedliche Formen von Witzigkeit an. Dieses ebenso wahre wie banale Statement stelle ich auch deshalb an den Anfang, weil es einen gewissen Bezug zum Film hat: Man kann Lacher abgreifen, wenn jemand bereit dafür ist, weil er genau das erwartet, was er kriegt und es witzig findet: Die vollkommen schräge und gewollt die Handlung konternde Dialogführung und natürlich diese Sprache von Lessing und Dorn, die wirkt, als habe man Comicfiguren vor sich, keine Menschen.

Die Münsteraner sind doch auch Comic-Figuren.

Mit Münster werden die MDR-Scherzkekse ja auch hin und wieder verglichen. Wobei die Vergleiche unterschiedlich ausfallen. Aber mal im Ernst, so kann man nicht mit Komik umgehen. Das Potenzial, das in Münster steckt, ist um ein Mehrfaches höher, auch wenn die ganz tollen Zeiten vorbei sind. Münster ist ein Panoptikum, Weimar bietet zwei Mickymäuse oder einen Micky und eine Minnie auf Verbrecherjagd. Die gewollte Unterminierung der PoC in Münster, die auf allen möglichen Diskriminierungen herumreitet, kann man nicht mit diesem kindischen Umgang mit Geschehnissen kombinieren, die für sich viel tragischer sind als die Münster-Fälle. In Münster wird der Klüngel veralbert, hier aber wird mit Schicksalen rotzig umgegangen. Ob das einem Zeittrend entspricht? Sicher auch das, aber komischerweise gibt es Unterschiede in der Wahrnehmung. In meiner Wahrnehmung, versteht sich.

Der Trend geht zur Verzweiflungstat in Sachen Komik?

Nicht nur in Sachen Komik. Ich habe mich zuletzt tatsächlich auch ein wenig dem Studium von Thrillern gewidmet. Der Trend geht in Richtung geistige Nulllinie. Das ist ein Halbzitat, und das Übernommene stammt von einem Buchkritiker, der sich mit seiner Art der im wörtlichen Sinn Kritik am Fließband durchaus ebenfalls der Zeit angepasst hat, aber da steckt ja auch Ironie drin. Die Plots gewisser Thriller sind absolut bescheuert, die Cliffhanger lächerlich dumm, aber man liest so ein Buch in einer Nacht. Ohne Witz. Wir sind mittlerweile komplett durchschaut, zurückgeführt auf unsere Atavismen und von allen zivilisatorischen Ansprüchen befreit. Und genau auf dieser Ebene funktioniert auch der Kinder-Humor von Filmen wie „Der scheidende Schupo“. Kein Wunder, dass ein Kinder-Film in Super 8, der die miteinander Verstrickten alle zusammen in einer Kita zeigt, die wirklich witzige Sequenz in dem Film ist. Sie wirkt nur im Zusammenhang mit der Gegenwartshandlung. Diese übertifft sie aber deutlich, denn in dem Kinderfilm sind die dieses Mal wieder sehr nervigen Lessing und Dorn nicht zu sehen.

Und der Plot, wieder eine Ansammlung von Löchern?

Das Thema, so frei von den Moll-Tönen der vielen Sozialtatorte der letzten Zeit, hätte einiges hergegeben. Die Zusammenhänge, die Tatsache, dass alle handelnden Personen vom selben Vater stammen, der gemäß dem Ausdruck auf seiner Porzellanbüste um die Ecke schauen muss, um seine vielen Frauen im Blick zu behalten, hätte wirklich eine Satire abgeben können, die Motive sind simpel, aber nicht so weit hergeholt, aber dann wieder solcher Mumpitz wie das Syndrom, in entscheidenden Situationen nur noch Unsinn zustande zu bringen. Dieses Symptom zeigen die meisten Menschen, wenn sie in Panik versetzt wurden. Auf der anderen Seite hätte man einen schönen Psychothriller inszenieren können, und warum soll darin nicht schwarzer Humor verortet sein?

Schwarzer Humor ist doch nicht durch seine Gepflegtheit gekennzeichnet.

Heute geht es wirklich viel um Humor. Nein, ist er nicht. Ich denke zum Beispiel an die Monty Pythons. Aber dann doch an die Edgar Wallace-Verfilmungen aus Deutschland, die so schön schräg sind. Einige davon jedenfalls. Und die sehr mit Übertreibungen arbeiten. Aber „Der scheidende Schupo“ ist im Grunde in die andere Richtung gepolt. Er zieht alles auf ein hip sein wollendes Geplapper herunter, weil die Hauptdarsteller eben bisher als Plappermäuler bekannt geworden sind und die Ausrichtung der Polizistenfiguren in Weimar dieser Herkunft ganz unbedarft Rechnung tragen will. Sicher ist das ein Sich-Fügen in die Grenzen ebenjener Darsteller, aber man könnte es ja mal mit Erweiterung versuchen.

Spannend ist das also nicht?

Wo soll bei der extremen Dialoglastigkeit Raum für Spannungsaufbau sein? Schade, dass es keinen Wortzähler für Filme gibt, das wäre mal eine sinnvolle App für Kritiker. Aber „Der scheidende Schupo“ liegt sicher nicht in der unteren Hälfte aller bisherigen Filme der Reihe, das Niveau ist allerdings überschaubar, die Wortspiele sollen ja dilettantisch wirken (man beachte das Gedicht von Lupo an Kira Dorn), aber sie wirken tatsächlich so.

Man bemerkt auch an diesem Interview, dass das große Thema fehlt, über das man philosophieren könnte.

Wir haben uns an die großen Themen gewöhnt und vermissen sie und die Tatorte, die damit angemessen umgehen, und davon gab es in den letzten ein, zwei Jahren einige, die sind mir allemal lieber als unreifes Geblödel. Ich befürchte aber, dass sie es beim NDR noch schaffen werden, selbst die wirklich bedrückenden Themen noch zu einer Schein-Krimikomödie zu verwursten. Einen Wurst-Krimi gab es ja schon, und der war auch nicht so schrecklich, aber vielleicht liegt der Tatort 1010 doch nicht im Trend, denn der geht eher ins Ernste, auch, weil so viele politische Witzfiguren in der Welt unterwegs sind, die viele Menschen in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Vielleicht ist das Ende der Blödelei erreicht.

Vielleicht ist auch das Ende der Tatort-Reihe erreicht?

Nach 1010 Beiträgen könnte wohl jedes größere Format auserzählt sein, aber der Tatort ist es nicht. Ganz sicher nicht. Nur die Typen Lessing und Dorn, die passen nach meiner Ansicht nicht mehr in unsere Zeit. Für sie gab es in den späten 1990ern eine Art Zeugungs-Zeitfenster, sie haben sich über die Einschläge der letzten Jahre gerettet, sind nicht so weit weg von dem, was in Deutschland unter Comedy verstanden wird, aber etwas wirkt an Filmen wie „Der scheidende Schupo“ falsch. Ich glaube, das Gespür für die Nuancen fehlt, die manchmal zwischen gutem Humor und Klamauk liegen. Oder ich bin heute Abend anspruchsvoll.

Wirklich nur beim Kinderfilm gelacht?

Nein. Nicht nur. Aber ich hab mich auch ein wenig dafür geschämt, dass ich über so billige Witzchen lache, und das tue ich nicht so gerne. Ich will mich in einer Reihe mit Leuten wissen, die nur über wirklich gute Witze lachen, über Situationen und Dialoge, die auf der ganzen Welt und zu allen Zeiten funktionieren, die Millionen, Milliarden von Menschen immer wieder neu verzücken. Auch deshalb, weil sie tiefe Einblicke ins Menschliche an sich zulassen. Davon kann angesichts der Oberflächlichkeit von „Der scheidende Schupo“ keine Rede sein.

5,5/10

© 2019, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Nora Tschirner (Kriminalkommissarin Kira Dorn), Christian Ulmen (Kriminalkommissar Lessing), Thorsten Merten (Kriminalhauptkommissar Kurt Stich), Arndt Schwering-Sohnrey (Ludwig Maria Pohl), Laura Tonke (Amelie Scholder), Katharina Heyer (Desiree Scholder), Florian Panzner (Ringo Kruschwitz), Carmen-Maja Antoni (Olga Kruschwitz), Rüdiger Klink (Lothar Brack), Florentine Schara (Andrea Münzer), Ute Wieckhorst (Dr. Seelenbinder), Fridolin Sandmeyer (Kollege Tobi)

Regie: Sebastian Marka, Drehbuch: Murmel Clausen, Andreas Pflüger

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