Der Polizistinnenmörder – Tatort 753 / Crimetime 237 // #Tatort #Konstanz #TatortKonstanz #Blum #Perlmann #Flückiger #Polizistinnenmöder #SWR #Tatort753

Titelfoto  © SWR, Peter Hollenbach

Isch sexy mit dir

Bei einem Sondereinsatz gegen einen Waffenhändler wird eine junge Polizistin erschossen. Klara Blum, die den Einsatz geleitet hat, macht sich Vorwürfe und gerät in Kompetenzgerangel mit den Schweizer Kollegen, die hinter dem Waffenhändler her sind, lernt Reto Flückiger kennen und ermittelt sich durch ein verzwicktes Netzwerk von Gaunern, Maulwürfen und Unwägbarkeiten beim Fahren im ländlichen Raum hindurch bis zu einem furiosen Finale, bei dem es im stillen Wald knallt. Alles dazu in der -> Rezension.

Handlung

Klara Blum ist auf der Jagd nach dem Waffenhändler Meiners. Er wird verdächtigt, eine junge Polizistin erschossen zu haben. Auch die Schweizer Kollegen um Reto Flückiger von der Thurgauer Kantonspolizei sind interessiert an Meiners, denn er ist ein Verbindungsmann zum Schweizer Waffenhändler Hutter.

Bei der Überführung des Verdächtigen nach Deutschland geraten Klara und ihr Schweizer Kollege in einen Hinterhalt. Offenbar wurde den Verfolgern ein Tipp aus den Reihen der Polizei gegeben. Von der Begleitmannschaft getrennt, ohne Auto und verfolgt von Hutters Leuten, versuchen Klara und Reto Flückiger ihren Verdächtigen in Sicherheit zu bringen.

Während Perlmann in Konstanz daran arbeitet, den Maulwurf in den Reihen der Polizei ausfindig zu machen, werden nicht nur die Kommissare, sondern auch ihr Gefangener zu Gejagten. Denn bei der ersten Konfrontation mit ihren Verfolgern stellt sich heraus, dass diese Meiners nicht etwa befreien, sondern umbringen wollen.

Während Klara Blum das Leben ihres Gefangenen schützt, ist sie plötzlich nicht mehr sicher, ob sie in dem Waffenhändler den Polizistinnenmörder gefasst hat oder nicht.

Rezension

Der Eindruck nach dem Tatort? Klara Blum und ihr Kai Perlmann machen das, was wir sonst in Konstanz recht gerne vermissen, nämlich recht viel Action. Spannend ist es, aber nicht so rasant gefilmt, dass man nicht feststellen könnte, dass die Dynamik vor allem mit Logikschwächen und vielen Unstimmigkeiten erzeugt wird, die eine schnellere Abfolge der Handlungselement erlauben. Deswegen ist es nicht einfach, diesen Tatort zu bewerten. Angesichts der neuesten Entwicklungen in der Reihe, die bezeugen, dass Spannung und Stringenz kein Widerspruch sein müssen, werden wir den zwischenzeitlich angedachten Paradigmenwechsel nicht vornehmen.

Paradigmenwechsel? Dass wir uns von unserer beständigen Kritik an den Logikschwächen der Tatorte verabschieden und sagen, spannende Unterhaltung, vielleicht noch mit etwas Emotionen oder / und Sozialkritik und okay. Gerade, seit wichtige Schienen wie Köln sich erkennbar einen Ruck gegeben haben und wieder echte Krimis machen (Anm.: Stand Mitte 2014), bei denen man sich nicht alle zwei Minuten fragt, was das nun wieder sollte, halten wir’s für richtig, dass wir immer wieder den Finger in die Wunde der problematischen Drehbuchstellen legen. Fällt uns bei Blum  nicht leicht, aber zum Glück lassen sich die Stolpersteine kaum vollständig wiedergeben, sodass am Ende ein rasantes Werk bleibt, das im Verlauf immer mehr Spaß gemacht hat, obwohl sich die Probleme häufen.

Jetzt aber Butter bei die Fisch und wenigstens zehn Schwachstellen aufgezählt. Auch noch chronologisch? Hätten die Rezension doch besser gestern Abend direkt nach dem Anschauen geschrieben …:

  1. Zwei Maulwürfe bei der Polizei, einer davon beim LKA in Deutschland und der Staatsanwalt in Konschtanz. Richter zu bestechen, nachdem ein Fall bereits anhängig ist, und Polizisten vor Ort, ist möglicherweise sinnvoll, aber Staatsanwälte, über Jahre? Präventiv, damit sie immer wieder die Ermittlungen gegen eine bestimmte Person im Fall eines Falles behindern. Einsatzkräfte an den falschen Ort schicken, wie hier? Was normalerweise eh nicht Sache der StA ist, aber in Konstanz ist man offenbar etwas familiärer. Dann würde Blum sich normalerweise problemlos an den OStA wenden können, der ja am Ende auch eingreift. Wir merken uns aber, wo ein neuer Staatsanwalt auftritt, der sich dazu noch so arschlochmäßig verhält, da ist etwas faul mit ebenjenem. Gezielt den LKA-Ermittler zu bestechen, der, wie die Schweizer, gegen den illegalen Waffenhandel ermittelt, ist Mumpitz, da müsste man schon das ganze LKA schmieren.
  2. Der Bodensee scheint auch Löcher zu haben, jedenfalls kann doch ein Boot nicht so rasch außer Sichtweite kommen wie hier das des Waffenhändler-Kompagnons, auch wenn es ein recht schnelles Boot ist. Flückiger hat ja nur höchstens eine halbe Minute mit der deutschen Wasserschutzpolizei zu tun gehabt.
  3. Die Verfolgungsjagd mit Meiners muss man im Grunde in viele kleine Abschnitte unterteilen, um ihr Herr zu werden.
    • Der Schluss mit dem Krankenwagen stach heraus – wieso setzt sich ein LKA-Ermittler, der einigen der vor Ort anwesenden Personen bekannt sein musste, als Fahrer in einen Krankenwagen, um diesen zu entführen? Normalerweise hätte das sofort auffallen müssen, nicht erst, nachdem Perlmann bekannt gegeben hat, dass der Mann versuchte, die Tochter von Meiners von gewissen Unterlagen zu befreien.
    • Polizisten können besser Motorrad fahren als Auto? Der Unfall mit dem schwarzen Mercedes war Unsinn. Da eine neue C-Klasse ernsthaft zu beschädigen nicht zur Disposition stand, negiert man die Physik und das Auto steht nach Überschlag, abgesehen von ein paar kaputten Lampengläsern, wie neu da. Ein echter Mercedes, oder? Leider kennen wir das Modell und so stabil ist es nun auch wieder nicht – und wenn doch, vielleicht wenn es die gepanzerte Vesion ist, hätte man auch weiterfahren können, anstatt zu Fuß in die nächste Unmöglichkeit der Scheunensituation zu traben, wo tatsächlich ein uraltes Motorrad zum Leben erweckt wird, als sei das gar nichts.
    • Für Profis, welche die Waffenhändler und ihre Helfer sein sollten, wirken sie im Häuserkampf eher unbedarft. Abgesehen davon, dass Blum und Flückiger sich mit der Art, wie der Transport von Meiners organisiert wurde, unnötigen Risiken ausgesetzt haben, sie hätten sich nie so leicht halten können und irgendwer hätte auch mal ernsthaft verletzt werden müssen (außer Meiners, der dafür zum Tierarzt darf, was wir aber ganz witzig fanden, insbesondere das anschließende Davonpreschen mit dem Motorrad mit Beiwagen („Aua!“).
  4. Perlmann ermittelt an sich als einziger in diesem Tatort wirklich, aber ausgerechnet, als ihm die Tochter von Meiners wichtige Unterlagen geben will, verhält er sich so ungeschickt, dass sie davon absieht. Als sie es spätere doch tut, kommt, ei der Daus, ausgerechnet in dem Moment der fiese Staatsanwalt vorbei und sie entgegen. Gut, dass gerade Perlmann um die Ecke kommt und zufälligerweise auch einen Schlüssel für das Büro des Staatsanwaltes mit sich führt, sodass er diesem die schon teilweise vernichteten Unterlagen wieder abluchsen kann. Dass man nur längsseitig geschreddertes Papier wieder zusammenfügen kann, auch wenn’s mühsam ist, sollte der Staatsanwalt auch wissen. Nur Verbrennen oder ein richtig guter Aktenvernichter, der alles zu ganz kleinen Konfetti macht, hätten hier für Endgültigkeit gesorgt. Dann ist da noch dieser Unfall Perlmanns mit der Tochter von Meiners, auch genau richtig getimt. Stunts machen doch erst Spaß, wenn sie zielsicher genau dann erforderlich sind, wenn die Handlung angeschoben werden muss.
  5. Wieso leitet Blum überhaupt den ersten Einsatz? Ist die Mordkommission dort auch für die OK, Sektion Waffenhandel, zuständig, weil mit den Waffen anderswo auf der Welt Leute umgebracht werden?
  6. Immer, wenn die Kommunikation nicht sein darf, ist gerade ein Handy verlegt, kaputt oder es gibt Funklöcher. Spätestens nach dem dritten Mal ist das nur noch doof. Klar kann einer der Umstände vorkommen, in diesem bergigen Grenzgebiet, aber es häuft sich und – wenn ein Mobiltelefon so zerstört ist wie hier das von Flückiger nach dem Autounfall, dann kann dessen Besitzer wohl kaum heil geblieben sein. Nicht nur der Mercedes, auch dessen Insassen sind wirklich äußerst robust, im Vergleich zum Gehäuse eines Mobiltelefons. Dabei hielten die Handys in der Vor-Glasdisplay-Zeit doch ganz schön was aus. Erst die Smartphones heutiger Prägung haben schnell diese teuren Risse. Funktionieren tun sie dann aber meist immer noch. Man merkt, dass das letzte Drittel der Handlung auf einer ganz altmodischen, wunderbar wechselhaften Verfolgungsjagd fußt, aber immer wieder kommt die moderne Technik in die Quere und muss rausgeschrieben werden. Das ist so lästig. Dafür gibt’s einen echten Peilsender à la James Bond, den wohl der Staatsanwalt am Wagenboden angebracht hat.
  7. Schon der Titel des Films ist im Grunde falsch. Es wurde nur eine Polizistin ermordet, suggeriert wird aber, es handele sich um einen psychopathischen Serienmörder, der reihenweise Polizistinnen erschießt. Die Handlung dreht sich aber um etwas ganz anderes, wobei der Mord an der jungen Beamtin nur Ergebnis unglücklicher Umstände war. Man wird also schon durch den Titel auf eine falsche Erwartungshaltung hin manipuliert, cool …

Okay, reicht. Ja, uns auch. Bodensee funktioniert besser, wenn die Handlungen übersichtlich bleiben und nicht den Eindruck erwecken, weder die Verbrecher noch die Polizisten sind weit über das Niveau der Keystone Cops und ihrer Gegner hinausgekommen. Außerdem ist da noch die Sache Blum und Flückiger.

Die Annäherung der beiden mit dem berühmten Satz? „Isch sexy mit dir“ oder so ähnlich lautete er – also, mit dir durch dick und dünn und einige herzhafte Feuergefechte zu gehen. Wer sagt so etwas in einem solchen Moment nach überstandener Lebensgefahr in einem so launigen Ton? Und vor allem wirkt die Formulierung peinlich. Passt nicht zu den beiden und vor allem nicht zu Klara Blum, die den Satz äußert. Ort, Zeit, Personen, da ist ein bisschen was außer Kontrolle geraten, wie zuvor beim Handlungsablauf. Aber es hat auch damit zu tun, dass wir sowohl Flückiger als auch Blum zwar als Ermittler mögen, aber sie als sexy zu apostrophieren, wäre uns nicht in den Sinn gekommen. Das ist Ansichtssache, klar.

Ist es nicht auch zu würdigen, dass man mal was anderes versucht hat? Doch. 2010, als der Film herauskam, gab es die Räuberpistolen aus Wien und Hamburg noch nicht, mit ihren Dutzenden von Toten, zuletzt sogar mit Maschinengewehren, wie jeder Kommissar sie heute in der Hosentasche mitführt – insofern ist „Der Polizistinnenmörder“ einer der aktionsreichsten Tatorte nach dem Millenniumswechsel. Wir verstehen auch die Idee, mal eine echte Schnitzeljagd filmen zu wollen. Sowas zu schreiben, ist übrigens auch reizvoll, aber kennen wir auch die Problematik, die Glaubwürdigkeit nicht über Bord zu schmeißen, gerade, was heutige Technik angeht. Offenbar hat nämlich, das fällt uns gerade ein, der Mercedes Baujahr 2010 auch kein Navigationsgerät, und GPS funktioniert bekanntlich nie im dunklen Wald. Dann dieses Unterholz-Manöver anstatt eine möglichst belebte Straße nehmen, wegen der Transportsicherheit.

Jetzt ist es aber gut.  Wer die bisherige Rezension gelesen hat, wird befürchten, dass wir nun 5/10 vergeben, aber dem ist nicht so. Erstens gibt es sehr wohl ein gesellschaftliches Thema, das ist vielen Fans der Serie offenbar entgangen, denn hier steht nicht nur der illegale Waffenhandel, sondern das Geschäft mit Kriegsgerät insgesamt am Pranger, denn die Verwendung dieses Materials lässt sich nie wirklich kontrollieren, vor allem nicht, wenn man in Krisenregionen liefert, wie etwa nach Arabien – ganz aktuelles Thema.

Das Schauspiel der Schweizer wirkt ein wenig hölzern, aber das liegt wohl wieder einmal an der Synchronisation, vor allem Flückiger kommt recht dröge. Im Grunde auch wieder eine Seltsamkeit – Stefan Gubser, der Flückiger spielt, wird ja wohl Hochdeutsch können, wenn auch mit Färbung. Warum lässt man ihn nicht so sprechen, sondern synchronisiert ihn? Die Österreicher verstehen wir ja auch, wenn sie sich ein wenig in der Mitte zwischen Dialekt und Hochsprache halten.

Vielleicht doch zum Fazit, sonst endet die Kritik nie. „Der Polizistinnenmörder“ ist gut gefilmt, spannend, die Aktion macht Spaß, wie man sie aufbaut, ohne sich alle drei Minuten in Fragwürdigkeiten zu verfangen, könnte man nochmal üben. Wir haben noch nicht alle …

Und das tun wir jetzt auch nicht mehr. Die Bewertung also? Für den Versuch, am Bodensee eine heiße Rille zu fahren, und das mitten im Winter, wo es in Deutschland keinen Schnee hat, direkt aber hinter der Grenze zur Schweiz schon (es geht da nicht um die Tatsache, nur um einen misslungen Dialog), müssen wir Respekt zollen. Das Drama um die junge Polizistin gerät durch die Handlungsentwicklung leider in den Hintergrund. Auch schon wieder ein Kritikpunkt, weil der Krimi nur anfangs ein wenig ernst wirkt und sich danach atmosphärisch ganz anders entwickelt, bis hin zu der Tatsache, dass man den Meiners am Ende ganz sympathisch findet – so als Typ und weil er nicht die Polizistin ermordet hat. Ob das so gedacht war?

 7/10.

© 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Klara Blum – Eva Mattes
Hauptkommissar Kai Perlmann – Sebastian Bezzel
Kommissar Bachofen [Kripo Schaffhausen] – Martin Rapold
Marcel Steiner [Seepolizist] – Ralph Gassmann
Dr. Moosbach [Tierarzt] – Andrea Zogg
Dr. Kurt Wehmut [Pathologe] – Benjamin Morik
Meiners [Waffenhändler] – Michael Brandner
Hutter [Geschäftsmann] – Tschudi Gilles
Norbert Deingruber – Matthias Matz
Annika Beck [„Beckchen“] – Justine Hauer
Sabrina Meiners – Alissa Jung
Gerni – Daniel Bill
Staatsanwalt Ratinger – Hans-Jörg Assmann
Reto Flückiger – Stefan Gubser
Spengle – Sebastian Arenas Schmid

Regie – Florian Froschmayer
Kamera – Christoph Schmitz
Buch – Leo P. Ard
Szenenbild – Andreas C. Schmid

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