Die chinesische Prinzessin – Tatort 883 / Crimetime 238 // #Tatort #Münster #Muenster #TatortMuenster #Thiel #Boerne #WDR #Tatort883

Titelfoto © WDR, Willi Weber

Die Chinesen sind geheimnisvolle Wesen

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Bei einer Vernissage lernt Karl-Friedrich Boerne die chinesische Kaisernachfahrin Songma kennen und als Kunstfreund zeigt er ihr sogleich seine Sammlung an kunstvoll eingelegten Menschenteilen in der Rechtsmedizin. Kurz darauf ist Songma tot, Boerne ist bewusstlos und Thiel ermittelt und versucht, seinen Freundfeind zu entlasten, wir lernen allerlei chinesische Mächtige kennen bzw. deren ausführende Organe, auch das Auswärtige Amt, das BKA und das LKA dürfen nicht fehlen.

Plusminus

+        Sehr gute Aufstellung von Thiel und Boerne. Gute Kumpels, weniger flache Witze, Alberich ist auserzählt und wird am Ende zu Frau Haller, Boerne wird beinahe erwachsen und Thiel schläft beinahe mit Nadeshda Krusenstern. Am Ende bleibt ein Sofa für zwei.

+        Inszenierung. Vergleichsweise schnörkellos, Dialoge sitzen meist gut, vergleichsweise unspektakuläre Bildgestaltung und Schnitttechnik, sparsame und deshalb effektvolle Humoranwendung.

–          Spannung. Zu viele chinesische und andere Mitspieler, die kaum unterscheidbar sind, ein altes Buch dient eher als McGuffin, als dass uns sein Wert wirklich erklärt wird.

–          Ermittlung. Fast alles wird durch „talking heads“ vorangetrieben, durch Zeugen, Verdächtige, durch Aufhebung der subjektiven Polizisten-Perspektive; technische oder detektivische Arbeit findet kaum statt, wenn man vom ein wenig entlastenden Boerne-Gutachten Frau Hallers absieht.

Mehr zu allem folgt in der -> Rezension.

Handlung

Münster steht Kopf. Songma (Chiu Huichi: „The Pelayos“, „Nobody´s Rose“), Künstlerin, Dissidentin, Prinzessin, stellt ihre vielbeachteten Werke im Westfälischen Landesmuseum aus! Doch jetzt ist sie tot. Ermordet mit einem Skalpell, wird sie am Morgen nach ihrer Vernissage in der Münsteraner Rechtsmedizin gefunden. Prof. Boerne (Jan Josef Liefers) steht nicht nur unter Schock, sondern auch unter dringendem Tatverdacht: Vollkommen hingerissen war er von der Anmut der letzten Nachfahrin der chinesischen Kaiserinnenwitwe Cixi. Und die wiederum sehr beeindruckt von ihm.

So hatte er sie in der Nacht zuvor in sein Allerheiligstes eingeladen. Und jetzt? Der sichtlich angeschlagene Rechtsmediziner hat keine Erinnerung mehr an die letzten Stunden. Offensichtlich waren bei dem Rendezvous am Sektionstisch auch Drogen im Spiel. Oder hat der Fall einen politischen Hintergrund? Laut Kurator Jürgen Martin (Tonio Arrango) wurden die Künstlerin und ihr Team vom chinesischen Geheimdienst überwacht.

Rezension

Wenn man im Kopf des Drehbuchautors drinsteckte, wär’s einfacher. Nicht nur bei diesem Tatort, auch bei vielen anderen. Irgendwer hat eine Idee und einen Plan für die Umsetzung, aber am Ende stellt man fest – da braucht man beinahe Insiderkenntnisse, muss sich in denjenigen hineinversetzen, der sich alles ausgedacht hat, damit man eine Ahnung davon erhält, wie es passieren konnte, dass Figuren und Handlungselemente so verschwommen rüberkommen wie im Tatort Nr. 883.

Es ist offenbar nicht so einfach, die Lücken vernünftig zu füllen, die innerhalb von 90 Minuten dadurch entstehen, dass man Thiel und Boerne mal etwas ernsthafter inszeniert. Vor allem Karl-Friedich Boerne hat uns aber auszgezeichnet gefallen. Dass sein Darsteller Jan Josef Liefers sehr variabel ist und die sachte Wandlung zu einem zwar immer noch etwas stenzhaften, aber doch als Mann unter Druck glaubwürdigen Rechtsmediziners gut hinbekommt, ist für uns keiner Diskussion würdig, dass man sich das aber traut, muss erwähnt werden.

Der Leitende Ermittler Frank Thiel hat das getan, was wir uns erhofft haben: Nämlich ohne Häme versucht, seinem letztlich doch besten Kumpel zur Seite zu stehen und er hat keine Sekunde daran geglaubt, dass Boerne die verführerische Songma tatsächlich umgebracht hat. Nicht wirklich.

Boernes Assistentin Haller ist am Anfang noch Albericht, aber es gibt keinen einzigen Witz mehr in diese Richtung  – und am Ende erhält sie ihren vollen Namen. Nach mehr als zehn Jahren eine echte Weiterentwicklung der Charaktere bzw. ihres Verhältnisses zueinander? Wir hoffen es mal. Es steckt in diesem Team so viel drin, dass man die Alberich-Witze nicht mehr braucht. In diesem Sinn war „Die chinesische Prinzessin“ so politisch korrekt wie kein Münster-Tatort zuvor.

Weniger zart geht man mit China, dem Geheimdienst, den Triaden um – und den Klischees, die mit diesem Land und seinen Mächten zusammenhängen. Alle sind hinter irgendwas her, und dazwischen stehen unterdrückte Volksgruppen und fingierte islamistische Terrorzellen. Gerade, wenn Letztere frei erfunden sind, ist das nicht so witzig und noch weniger, wenn eine Erfindung fingiert wird. Tatsache ist, dass in der Provinz Xinjiang eine ughurische (oder uigurische) Minderheit sich von der Mehrheit der Han-Chinesen unterdrückt fühlt und muslimischen Glaubens ist – und es daher in dieser Region Spannungen gibt oder gab. Das ist ein Teil des realpolitischen Hintergrundes einer Story, die wohl aber auch deshalb so undurchsichtig bleibt, weil die Nachrichten aus China selbst so dünn sind, dass sie kaum zu einem greifbaren Plot verdichtet werden können.

Eine weitere Schwäche dieses Themas ist, dass in Deutschland die meisten Menschen darüber noch weniger informiert sind als über die mysteriösen Triaden, die im Geschäftsleben des bevölkerungsreichsten Landes der Erde so mächtig sein sollen. Weiterhin dürfte die chinesische Regierung wohl kaum die Ausstellungen einer Dissidentin unterstützen, die sich aktiv für Menschenrechte einsetzt – mit welchen hintergründigen Zielen, wie sie in „Die chinesische Prinzessin“ suggeriert werden, auch immer.

Dadurch, dass uns schon beim Thema selbst die Fragezeichen auf der Stirn standen, litt das Gefühl von Spannung, das sich immer dann verstärkt, wenn man den Eindruck hat, man kann einer Sache zustimmen und mitgehen – oder sie konsequent ablehnen. Beides ist hier nicht möglich.

Dafür kann Thiel dank Nadeshdas technischer Hilfe gut über Auswirkungen des Diplomatenstatus referieren und das tut er korrekt. Nicht einmal eine vorläufige Festnahme von Diplomaten ist möglich, wohl aber das kurzfristige Festhalten, als welches Thiel seine Vernehmung des chinesischen Kulturattachés ausgibt. Die Aktion selbst bzw. deren Bewertung ist allerdings nicht diesen Ausführungen adäquat. Konsequenterweise hätte der Chefdiplomat, der mit den deutschen Vertretern vom Auswärtigen Amt und vom BKA in Thiels kleiner Polizeiwelt aufgetaucht ist, sich die Sachlage im Ganzen ansehen müssen und dann wäre herausgekommen, dass sehr wohl die Rechte des Attachés verletzt wurden. Letztlich schwimmt man auch hier wieder ein wenig in unklaren Gewässern. Freundlich interpretieren wir die Sache so, dass auch die chinesische Regierung kein Interesse an übertriebener Staubaufwirbelung haben kann und die Sache daher für gut gegeben wird.

Fazit

Der Versuch, die Münsteraner ein wenig erwachsener und gleichzeitig sympathisch wirken zu lassen, indem sie vor eine ernsthafte Herausforderung gestellt werden, ist aller Ehren wert und entspricht dem, was wir seit längerer Zeit als richtigen Weg für deren Weiterentwicklung propagieren. Dass sowohl Thiel als auch Boerne, die ja bisher unseres Wissens nicht zu Potte gekommen sind, beinahe gleichzeitig ein sexuelles Beinahe-Abenteuer erleben und am Ende gemeinsam und ohne Frauen auf Thiels Couch sitzen, wo sie wortlos Boernes Musik hören, ist reizend und geradezu rührend. Karikaturen werden zu Männern.

Von den übrigen Mitgliedern des Teams wird Nadeshda Krusenstern alias Friederike Kempter dieses Mal herausgehoben und Frau Staatsanwältin Klemm raucht eine Zigarette, ohne dass das irgendwie kommentiert wird.

An einem glaubwürdigen und konsistenten Krimiplot darf aber weiterhin geübt werden. Weniger Klaumauk muss nicht unbedingt heißen, dass die Handlung nun mit zu vielen Chinesen, mit kryptischen Büchern und USB-Sticks überladen und dadurch schwammig werden muss. Das Drehbuch macht sich an der Stelle, an der Thiel die ganzen Mitspieler als unglaubwürdig empfindet, über sich selbst gekonnt lustig, wenn man es so interpretieren will. Gerade in der Sequenz „Long-Import-Export“ gibt es auch ein paar Logikfehler wie das Liegenlassen des angeblich so wertvollen Buches durch seine neuen Besitzer oder die Tatsache, dass das Rolltor beim Ausstieg ganz ohne die Verrenkungen von Thiel & Boerne passiert werden kann, die beim Einstieg für einen der wenigen physischen Gags des Films sorgen.

Besser wär’s auch, ein Drehbuch zu schreiben, das echte Ermittlungsarbeit erlaubt. Gerne darf Boernes Kunst als Rechtsmediziner dann auch wieder mehr eine Rolle spielen als in „Die chinesische Prinzessin“.  Im Maximalfall darf es dann noch was sein, das wirklich zur Erhellung des Themas beiträgt. Hier wird eher für Verwirrung hinsichtlich der chinesischen Verhältnisse gesorgt und dieses unbestimmte Bedrohungsgefühl animiert, das wir gegenüber diesem Riesenvolk haben, das sich gerade zur wirtschaftlichen Weltmacht erhebt.

Trotzdem und wegen des Teams kein schlechter Tatort und die Magie der Münsteraner funktioniert hier wieder recht gut, ohne dass sie zu sehr strapaziert wird.

Schön, dass das geht: 7,0/10.

© 2019, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Prof. Karl-Friedrich Boerne Jan Josef Liefers
Frank Thiel Axel Prahl
Nadeshda Krusenstern Friederike Kempter
Wilhelmine Klemm Mechthild Großmann
Silke Haller Christine Urspruch
Herbert Thiel Claus D. Clausnitzer
Songma Huichi Chiu
Zhao Yu-Tang Aaron Le
Xia Miao Yvonne Yung Hee
Jürgen Martin Tonio Arango
Wang Yijaian Maverick Quek
Yu Jianzheng Yu Fang
Dr. Müller Bernhard Marsch
Regie Lars Jessen
Kamera Jana Marsik
Drehbuch Orkun Ertener
Musik Stefan Wulff

 

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