Borowski und das Glück der Anderen – Tatort 1086 / Crimetime 240 // #Kiel #TatortKiel #Tatort #Borowski #Sahin #Tatort1086 #Glück #DieAnderen

Crimetime 240 - Titelfoto © NDR, Christine Schroeder

Die Rasenmäherfrau und wie sie die Welt wahrnimmt

Die Handlungsbeschreibung liest sich, als sei der Tatort 1086 ein möglicherweise recht humorvoller und hintersinniger Film. Möglicherweise ist es auch ein Howcatchem, die Täterperson ist also möglicherweis von Beginn an bekannt und Borowski und Sahin müssen herauskriegen, was der Zuschauer längst weiß – und das Drehbuch stammt dieses Mal wieder von Sascha Arango, für uns einer der besten Tatort-Autoren, der unter anderem „Borowski und die Frau am Fenster“ verfasst hat, der von vielen als bisher bester Borowski-Film angesehen wird. Klingt das vielversprechend? Wir finden: ja.

So schrieben wir in der Vorschau. Wie wir dann durch den Film gekommen sind, ist in der -> Rezension beschrieben.

Handlung

Neugierig schaut Supermarktkassiererin Peggy Stresemann ins Fenster des Nachbarhauses – das Ehepaar Victoria und Thomas Dell führt gerade einen Freudentanz auf. Offenbar sind sie Lottomillionäre geworden! Für Peggy bricht eine Welt zusammen: Warum haben sie und ihr Mann Micha niemals so ein Glück?!

Als sich die Nachbarn mit der Einlösung ihres Gewinns offensichtlich Zeit lassen, verschafft sich Peggy heimlich Zugang zu deren Haus und sucht den Lottoschein. Dabei wird sie vom Hausbesitzer überrascht. Als Kommissar Borowski und seine Kollegin Mila Sahin wenig später den Tatort betreten, bietet sich ihnen ein Bild wie in einem Gangsterfilm: Thomas Dell liegt blutüberströmt auf dem Ehebett.

Rezension

Es waren einmal ein Kommissar aus Kiel und ein Drehbuchautor, die haben zusammen wunderbar harmoniert, vor allem, wenn die Regie noch die passende Inszenierung lieferte. Der Kommissar, das war Klaus Borowski und der Drehbuchautor hieß Sascha Arango. Beide heißen immer noch so und nach einer Pause haben sie wieder zusammengearbeitet. Aber das Gefühl, etwas Besonderes gesehen zu haben, wie „Borowski  und der stille Gast“ und wie er zurückkehrt, der Engel, die Frau am Fenster, das wollte sich gestern Abend nicht einstellen. Entweder finden sie in Kiel nicht mehr den kräftigen und auf seine Weise stringenten Zugriff auf den Irrsinn des Alltags – oder sie sind für uns zu subtil geworden. Wir machen die unterschiedlichen Sichtweisen gleich dreier Parteien mal an der Szene fest, in der Peggy beobachtet, wie die Dells von gegenüber vorgeblich den Lottogewinn feiern. Wir fangen mal mit unserer Sicht an, denn wir sind als Zuschauer eine der drei Parteien, wir nennen sie jetzt und künftig a.), denn mit uns fängt es an und mit uns hört es auf, wie schon Karl Lagerfeld sagte, der kürzlich verschied und auf uns Zuschauer als – noch – unerlässlichen Faktor im Fernsehbusiness trifft das ganz sicher auch  zu.

Für uns war klar erkennbar, dass die Szene bei den Dells nicht mit dem Lottogewinn zu tun hatte, denn sie freuten sich schon vor der Bekanntgabe der Zahlen, auf jeden Fall aber vor Bekanntgabe der entscheidenden Zusatzzahl, die den Jackpotgewinn auslöste. Sie freuten sich nach dieser Zusatzzahl auch nicht erkennbar mehr als zuvor.

Nun kommen wir zu b.), das ist Peggy Stresemann. Sie glaubt trotzdem, die beiden gegenüber hätten gerade die 14,2 Millionen gewonnen. Das ist ja seltsam, dachte sich die Partei a.), also wir.

Es geht also nicht, ohne dass wir uns über Partei c.) Gedanken machen und wir nahmen mal im Moment Autor und Regisseur hier zusammen als Partei an. Was war los mit c.), denn diese Diskrepanz war deutlich erkennbar. Es kann nur zwei Lösungen geben: Die erste ist die, dass c.) beim Filmen etwas lasch drauf waren und geschlampt haben, die Szene also einfach nicht so glaubwürdig wurde, wie sie vielleicht sein sollte. Nun handelt sich sich um erfahrene Tatortmacher und wir sind ja erklärtermaßen Fans der Werke von Sasche Arango, also gehen wir zur zweite Möglichkeit über, die aber nur dadurch in unseren Fokus kommt, weil wir wissen, dass hier gute Kräfte zugange waren: Es war genau so gedacht. Der Zuschauer sollte darüber instruiert werden, wie schräg Peggys Weltsicht ist, wie hochgradig subjektiv sie alles wahrnimmt. „Neid frisst Gehirn“, hat auf „Tatort-Fundus“ jemand treffend kommentiert. Diesen Satz müssen wir ohnehin im Kopf behalten. Nehmen wir also Lösung 2 an, dann müssen wir sagen, so sicher-satirisch ist das nicht gemacht, dass man als Zuschauer auf einer sicheren Linie geführt würde. Kann so sein, muss aber nicht.  In Momenten wie diesem finden wir aber Eindeutigkeit besser. Natürlich hat die Annahme von Lösung 2 einen sehr großen Vorteil:

Das gesamte irrationale Verhalten von Peggy, die um ihre Enttarnung als Mörderin geradezu bettelt, wird auf diese Weise noch recht dezent an uns, die Partei a.), vermittelt. Spätestens, als Peggy mit ihren Einkäufen ins Haus gegenüber geht und ein bisschen als Tatorreinigerin arbeitet und dabei die Hausherrin provoziert, wissen wir, dass wir eine Figur vor uns haben, die von ihren Erfindern in die Tradition der schrägen Vögel gestellt wurde, die schon häufig durch Kiel-Tatorte geflattert sind. Aber die Frau Stresemann, die eher Opfer des Systems ist als Mörderin, wirkt einerseits sehr dezidiert und auch versiert, andererseits wirklich doof. Das ist also nicht nur eine Behauptung der anderen. Die Figur ist schon interessant gestrickt, aber doch etwas zu divergent. Vieles darf man vielleicht hier nicht zu strikt sehen, aber die Tendenz, einfach jedweden Quatsch ins Drehbuch zu schreibe, um nicht einmal bezüglich des satirischen Ansatzes ernst genommen zu werden, hat auch Sascha Arango ergriffen.

Das Fenster im Erdgeschoss eines Vorort-Einfamilienhauses, dass sich nicht öffnen lässt, ist eine solche Sache. Vermutlich so konstruiert, damit niemand sich vom Erdgeschoss auf den Rasen stürzt. Und nur das Schlafzimmerfenster ist verspiegelt, denn sonst hätte Peggy ja die Dells nicht beim Feiern beobachten können. Man musste zu Potte kommen, die Spielzeit war zu Ende. Dass die KTU nichts findet, was auf eine andere Täterin als die Ehefrau hinweist, wird durch den Schuhwechsel von Peggy und die Handschuhe erklärt, die sie trägt. Nun gut. Aber es muss auf eine schon wieder sehr aufgesetzt wirkende Weise der Kommissar sein, dem tatsächlich auffällt, dass Frau Dell sich ganz anders verhält als eine Täterin. Das war aufgrund des Handy-Mittschnitts der Auffindeszene doch früh klar und Borowski hätte sich nicht von einer zierlichen Frau quer durch die Rechtsmedizin ziehen lassen müssen. Aber wir verstehen, das sollte eine Faber-Karikatur sein, denn dessen Merkmal war es ja vor allem in seinen ersten Tatorten, dass er Tatszenen mit Martina Böhnisch nachzustellen versuchte.

Wir greifen für eine weitere Szene auf a.) und b.) und c.)  zurück.

Wir, die Partei a.) haben die Tötungsszene so wahrgenommen: Herr Dell kommt unverhofft nach Hause, während Fau Stresemann im Schlafzimmer zugange ist, sie merkt es nicht, bis er in der Tür steht. Sie hat die Waffe gerade gefunden, wie passend. Zunächst deeskaliert er, alles scheint gut zu werden. Doch von einer auf die andere Sekunde wird er aggressiv und herablassend und Peggys über viele Jahre angestaute  Neid löst sich auf in einem Massaker. Sieben Schüsse! Nicht, dass wir glauben, eine Supermarktkassiererin könnte das prinzipiell nicht, kein Problem also mit dem Verhalten von b.), sie war eben einfach wütend. Was aber haben c.) sich dabei gedacht, Dell von einem auf den anderen Moment so unvernünftig wirken zu lassen? Entweder man darf das wieder nicht zu eng sehen oder es ist besonders hintersinnig: Der Typ, der die Welt kennt und das Framing beherrscht, wird zu früh übermütig, als er merkt, dass er die Frau gegenüber schon gut manipuliert hat. Und / oder seine Ratio löst sich auf, weil auch er wütend ist und ebenfalls ein paar Aggressionskörner mit sich herumschleppt und sich natürlich auch für jemand Besseren hält. Alles möglich, wir können nie in die Köpfe anderer sehen, das merken wir immer wieder. Leider nicht nur bei Filmcharakteren. Es gibt für diese aber sowas wie eine Bauanleitung, damit wir sie super finden.

Fazit

Peggy merkt hingegen nicht, dass ihr Mann mit der drallen Kollegin fremdgeht, weil sie so vernörgelt und abweisend ist, obwohl er doch die Mütze so schön auf die Garderobe  werfen kann wie James Bond den Hut an den Haken. Kein Blick mehr für die schönen Details des Lebens. Der ohne Liebe lebende Elektromechaniker will  mit jener Kollegin sogar mit dieser das Land verlassen und nach Wien gehen, wo auch die Kassiererinnen bestimmt mehr verdienen, jedenfalls wirken sie so. Dafür hebt er sein gesamtes Erspartes ab und damit Peggy wenigstens einmal glücklich ist, darf sie damit shoppen gehen – oder doch mit einem Teil davon. Und läuft schnurstracks in und mit den neuen Klamotten zu Frau Dell, wo doch draußen Borowski im roten Volvo sitzt und beide Häuser im Blick hat. Nehmen wir nun als Partei a.) den ganzen Fall in den Blick, können uns dabei nicht in b.) versetzen, vielleicht diese so extrem und dabei auch manchmal angestrengt agiert, weil ihr Verhalten so schwierig darzustellen ist, müssen wir sagen, wir sind von c.) leise enttäuscht. Es ist nicht schlimm, es ist immer noch ein mittlerer Tatort mit einigen sehr nett ausgedachten Momenten und Details, aber es kommt eben auch auf den Vergleich an. Kiel wartet schon seit einiger Zeit wieder auf einen richtigen Kracher und dem Team hätten wir einen solchen eben zugetraut.

7/10

Aus der Vorschau

40 Tatorte hat die Stadt Kiel nun zu verzeichnen, die Nr. 1086 auf der Gesamtliste inbegriffen. 32 davon gehen auf das Konto von Klaus Borowski und 8 auf das jenes legendären Kommissars Finke, der im ebenso legendären Fall „Reifezeugnis“ ermittelt hat. So zurückhaltend wie Finke ist heute keine Ermittlerperson mehr, aber Borowski ist auf seine leicht kauzige Art ein würdiger Nachfolger für diesen ersten Tatort-Kommissar aus Schleswig-Holstein und zählt zu den beliebtesten aktuellen Kriminalern, unabhängig davon, mit wem er zusammen auf Tätersuche geht. Mit Mila Sahin hat er nun die dritte Teampartnerin, nach Frieda Jung und Sarah Brandt – wobei erstere keine Polizistin, sondern Polizeipsychologin war und sie alt genug und Borowski, als dies geschah, noch jung genug, dass zwischen beiden eine Affäre entstehen konnte. Unseres Wissens die einzige Liebesgeschichte in bisher 49 Tatortjahren, die sich auf einer Polizeidienststelle entwickelt hat.

Was hatten wir schon für einen Spaß mit den Borowski-Filmen, vor allem, wenn sie als Howcatchems angelegt waren und man dadurch wunderbar schräge Täter_innenfiguren zeigen konnte. Die Frau am Fenster, der Engel, der stille Gast, auch als Rückkehrer, aber auch ältere Werke mit Mädchen im Moor mit ihrer wundervollen Atmosphäre, ihrer zuweilen feingesponnenen Ironie – die Filme von Borowski sind manchmal ungewöhnlich intensiv und das ist auch dem Ermittler zu verdanken, der zwar präsent ist, aber selten mit Mätzchen die Konzentration auf Stimmung und Täter_in verhindert.

Leider spiegeln die Quoten die Qualität der Kiel-Tatorte diese Vorzüge nicht wieder und in  letzter Zeit kam auch kein großer, bedeutender Tatort mehr hinzu. Es ist eben nicht einfach, dreieinhalb Schienen mit guten Drehbüchern zu versorgen, wie der NDR das tun muss, der bekanntlich weitere Tatort-Standorte in Hannover, bei der Bundespolizei und immer wieder mal in Hamburg hat. Schade übrigens, dass die Tatort- und Krimi-Traditionsstadt Hamburg mit Nick Tschillers ebenso sporadischen wie umstrittenen Einsätzen in die Sackgasse geraten ist.

Playlist

Titel Komponist Interpret
Breathe ( IN THE AIR) Waters, Roger Pink Floyd
Khachaturian: Gayaneh – Sabre Dance Wiener Philharmoniker, Aram il`yich Khachaturian Wiener Philharmoniker, Aram il`yich Khachaturian

 Besetzung und Stab

Klaus Borowski Axel Milberg
Mila Sahin Almila Bagriacik
Peggy Stresemann Katrin Wichmann
Micha Stresemann Aljoscha Stadelmann
Victoria Dell Sarah Hostettler
Ilona Schmidt Stefanie Reinsperger
Roland Schladitz Thomas Kügel
Gerichtsmedizinerin Kroll Anja Antonowicz
Thomas Dell Volkram Zschiesche
Esterhaz Jens Weisser

 

Musik: Daniel Kaiser
Kamera: Johann Feindt
Buch: Sascha Arango
Regie: Andreas Kleinert

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

Voyager Verlag

Literatur über Astronomie und Reisen

Der Dosenöffner an der Sardinenbüchse der Gerechtigkeit

endlich: ehrliche und seriöse Nachrichten

HashtagBuch

Ehrliche Buchrezensionen

Gentrification Blog

Nachrichten zur Stärkung von Stadtteilmobilisierungen und Mieter/innenkämpfen

- Sascha Iwanows Welt -

„Wir können die Gegenwart nur verstehen, wenn wir die Vergangenheit studiert haben, die in einer Klassengesellschaft vorhandenen Gesetzmäßigkeiten kennen, den Klassenkampf ehrlich führen und unser Handeln darauf ausrichten. Um die Zukunft gestalten zu können, muss man also die Vergangenheit und die Gegenwart kennen!“

AutismusJournal

Perspektiven und Reflexionen

Carolin Schnelle

Jungjournalistin

thomas post

Alternativen

Telepolis

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

ScienceFiles

Kritische Sozialwissenschaften

Gemeinsam gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

DU PHAM

Unternehmensanwältin & Jalousinen-Co-Workerin

KuBra Consult

Acta, non verba

Nachrichten: ZEIT ONLINE Newsfeed

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Meike K.-Fehrmann (Autorin)

Frieda - Ein Demenz-Krimi / Warum Herr Hagebeck sterben muss / Kakerlaken-Schach / Die Rache stirbt zuletzt

SPIEGEL ONLINE - Politik

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Testkammer

Testen macht süchtig: Filme, Spiele, Bücher etc. im Fokus

%d Bloggern gefällt das: