„Sei brav, Sklave“ / #Weltfrauentag #InternationalWomensDay

Der Weltfrauentag ist in Berlin zum arbeitsfreien Tag gemacht worden. Das heißt, auch Männer und alle anderen Gender müssen nicht arbeiten und können eventuell mehr schreiben.

Ist Femimnismus nicht für alle eine tolle Sache?

Nun aber zum Interview mit Virginie Despentes in „Der Freitag“, das wir uns für diesen Tag aufgehoben haben und das mit „Sei brav, Sklave“ überschrieben ist.

Nicht jeder hierzulande wird Virginie Despentes kennen, daher an dieser Stelle der bequeme Link zur Wikipedia.

Warum dieses Interview zum Weltfrauentag?

Weil so etwas in Deutschland nicht geschrieben wird, auch von Frauen leider nicht. Der Titel lädt übrigens ein bisschen zum Schmunzeln ein, das ist schön, bei allem Ernst der Lage. Er ist nicht so gemeint, aber er lässt sich in die Richtung des radikalen sexuellen Feminismus von Despentes deuten, der einst ihre künstlerische und politische Arbeit geprägt hat. Hier ist er aber klassenkämpferisch zu verstehen. Eine Feministin, die sich in erster Linie dem Klassenkampf zuwendet, ist immer interessant. Stil und Inhalt des Beitrags sind auf eine Weise radikal, das ist bei uns nicht üblich. Das muss man sich aus Frankreich abholen, dass eine Person Klartext spricht, der man das, was sie aussagt, zudem abnimmt.

Fangen wir oben an. Kann jemand glaubwürdig sein, der Emmanuel Macron gewählt hat?

Das hätte in einer Randbemerkung erklärt werden müssen. Dabei ging es gewiss um den zweiten Gang der Präsidentschaftswahlen 2017 in Frankreich, nicht um den ersten. In die Stichwahl kamen nur Macron und Marine Le Pen, kein_e linke_r Kanditat_in. Und da eine politisch denkende Person nicht abseits bleiben wollte, hat sie eben Macron gewählt und das sicher mit viel Wut im Bauch darüber, dass sie diesen Typ unterstützen musste, um Le Pen zu verhindern.

„Man will die europäischen Bevölkerungen auf das Armuts- und Elendslevel des 18. Jahrhunderts zurückfahren.“ Wirkt das nicht überzogen?

Wenn man das Kapital einfach machen lässt und ihm keinen Einhalt gebietet? Was an sozialen Errungenschaften in den letzten Jahrzehnten schon geschliffen wurde, spricht eine deutliche Sprache. Es gibt aber einen Unterschied: Die Sklaverei, die sich abzeichnet, ist Konsumsklaverei, nicht in erster Linie Arbeitssklaverei. Ohne, dass ein bedenkenloser, billiger Konsum der Massen aufrecht erhalten wird, funktioniert der heutige Kapitalismus nicht. Deswegen wird wohl auch ein Grundeinkommen realisiert werden, wenn die Maschinen die meiste Alltagsarbeit übernommen haben. Spätestens in dem Moment werden wir übrigens merken, wie obsolet der deutsche Mimimi-Feminimsus ist, der nur um sich selbst kreist – wie mehr oder weniger jedes Thema in diesem Land.

“ (…) Jetzt sollen wir für die letzten Jahrzehnte, als anständige Lebensbedingungen herrschten, teuer zahlen. Klar ist: Die Reichsten ertragen es nicht mehr, dass ihre Macht irgendeine Begrenzung erfährt – ökologisch, politisch oder ethisch.“

Das ist eine gigantische Formulierung von jemandem, der viel Zorn in sich trägt. Diese Subjektivität ist aber richtig. Es geht nicht nur darum, Tatbestände zu analysieren, wie wir das in Deutschland meistens tun, sondern die Haltung gleich mit auszudrücken. Despentes rechnet in diesen knappen Worten der herrschenden Klasse auch eine psychische Disposition, eine Mentalität zu: Eine Vernichtungsmentalität.

Und nun kommen wir mal zum Mietenwahnsinn in Deutschland und zu den höchst entlarvenden Statements der Immobilienlobby mit ihrem Herrenmenschen-Duktus, mit ihrem Verbalfaschismus, der sich ja auch in Taten ausdrückt. Da wird nicht nur geredet, da wird gehandelt. Mit einer unfassbaren Wucht wird gegen die Interessen der Mehrheit Front gemacht. Wir sind schon in dem Endkampf, den Warren Buffett, einer der reichsten Männer der Welt, unverhohlen angekündigt hat: Krieg von oben gegen unten und oben wird gewinnen. Der Mann ist kein Spinner, sondern weiß, wovon er redet und ist als einer der weltbesten Analytiker der Kapitalmärkte bekannt und dadurch so reich geworden.

Und er ist ein Mann.

Der Beweis, dass mehr Frauen in der Politik zu besserer Politik führen, ist keineswegs erbracht. Seit dem Amtsantritt von Angela Merkel werden immer mehr Menschen sozial abgehängt, ihre Nachfolgerin versucht, die Union ideologisch wieder ein Stück nach rechts zu rücken und grüne Frauen freuen sich schon auf eine Koalition mit der CDU, bloß, weil die CDU von zwei Frauen geführt wird. Ist diese Mentalität nun besser als Männerkumpanei? Deutschland war nach dem Zweiten Weltkrieg noch nie in so viele Zwiste und fragwürdige militärisch-industrielle Vorgänge verwickelt wie unter einer weiblichen Führung des Verteidigungsministeriums. Das alles rechnen wir nicht der Tatsache zu, dass Frauen dort führen, es bleibt aber auch nicht aus, obwohl Frauen dort führen.

Oder nehmen wir DIE LINKE, wo zwei Frauen einander richtiggehend hassen und damit die Partei blockieren, während ein Mann so ausgleichend wirkt, dass der Laden bisher nicht auseinandergefallen ist. Letztlich gilt: Je mehr Frauen in Führungspositionen gelangen, desto mehr zeigt sich auch, dass es zwischen ihnen ebenso große Unterschiede gibt wie zwischen Männern, was den Stil, die Haltung und die Arbeitsergebbnisse angeht.

Der Zweck, das Ziel, der Stil und die Mittel, all das spielt zusammen eine Rolle und lässt sich nur in der Gesamtschau  analysieren – dabei zeigt sich, es hängt nicht vom Gender ab.

Daher ist der Klassenkampf der richtige Ansatz. In ihm können Frauen und Männer und alle Gender beweisen, dass sie mehrere Identitäten haben und aus dem Bewusstsein für diese Identitäten ein starkes Selbstbewusstsein für ihre Klasse entwickeln. Eine Identität bewahren und fördern heißt nicht, dass man nicht eine andere im Sinn der Gemeinschaft in den Vordergrund stellen könnte.

Frauen und Männer in schwierigen, unterbezahlten Jobs haben viel mehr gemeinsame Interessen als Frauen in politischen oder wirtschaftlichen Spitzenpositionen oder leistungslose Milliardärinnen und Frauen in schwierigen, unterbezahlten Jobs. Wenn man das verstanden hat, ist es nicht mehr so schwierig, den logischen Weg zu gehen und gleichzeitig zu erkennen, dass es mittlerweile genug Frauen gibt, die ein großes Interesse daran haben und ihre ganze Macht oder Popularität einsetzen, um soziale Fortschritte nicht zu fördern, sondern zu verhindern.

Es ist aber für Frauen noch längst nicht alles gerichtet.

Niemand muss sich verleugnen, auch nicht seinen feministischen Ansatz. Aber das Bewusstsein für die Prioritäten und wie wir manipuliert werden, um uns gegeneinander zu stellen, anstatt gemeinsam gegen die Herrschaft des Kapitals zu kämpfen, die Erkenntnis, was durch dieses verengte Denken angerichtet wird, ist sehr gering verbreitet.

Daher oben der Begriff „Mimimi-Feminismus“, wie er sich durch vermeintlich super meinungsstarke Statements in Sozialen Netzwerken ausdrückt – und im Unterschied dazu das Faible für durchaus kontroverse Personen wie Despentes, das wir hier offenbaren, für jene also, die einen eigenständigen Weg gehen. Nicht nur für sich selbst, sondern gesamtpolitisch, sonst hätten wir heute zum Weltfrauentag kein Interiview mit Virginie Despentes ausgewählt. Es hätte genug Mimimi-Statements gegeben.

Dass uns das Mimimi mal nicht auf  den Kopf fällt.

Man muss es im Zusammenhang sehen. Wenn wir mal in den knackigen Kurznachrichtenmodus wechseln, dann, weil wir es für das richtige Mittel halten, um den Kampf mit erweiterten Mitteln zu führen – es bleibt aber derselbe Kampf für die Mehrheit.

Auf dem Foto wirkt Despentes sehr verbittert. Wir müssen das ansprechen, weil selten jemand für einen Pressezweck so abgelichtet wird.

Sehr skeptisch ist eine weitere Deutungsmöglichkeit. Das ist eine Pose, selbstverständlich. Zum Vergleich das Wikipedia-Foto anschauen. Diese Pose passt aber perfekt zu dem Zorn, der sich in ihren Worten ausdrückt. Das ist ein Mensch, mit dem wir gerne mal persönlich ein paar Stunden am Stück diskutieren würden. Der Wunsch kommt im Moment selten auf. Aber nicht, weil wir glauben, dass wir in allem einer Meinung sein würden – und obwohl wir auch bisschen Schiss hätten, um es plan und ehrlich auszudrücken, dass wir überrollt werden. Echte Wut und echte Stärke sind nicht einfach zu handhaben und weit entfernt von diesem Surfen auf der Welle der gegenseitigen Ausschlüsse durch Überbetonung bestimmter Identitäten, die hierzulande den Blick fürs Wesentliche verstellt.

Also zum Klassenkampf: „Man erinnert sich, dass sich das französische Großbürgertum 1936 entschied, Hitler zu unterstützen; und es sieht aus, als würde es wieder so wählen.“

1936 war das Ende der Volksfrontregierung. Wir haben vor allem durch unsere Beschäftigung mit der Filmgeschichte ein Gefühl dafür, wie sich in Frankreich Mitte der 1930er die Stimmung unter den selbstredend linken Filmemachern wandelte und diese extrem düstere Form des poetischen Realismus entstand, die 1938, 1939 in Filmen wie „Der Tag bricht an“, „Bestie Mensch“ oder „Die Spiegelregel“ von Jean Renoir gipfelte, welcher die herrschende Klasse so direkt angreift wie sonst kaum ein Film seiner Zeit.

Wie sich jene wenig schmeichelhafte Sichtweise in den Jahren 1940 bis 1944 dann als wahr herausgestellt hat, wie eintraft, was kurz vor Kriegsausbruch hellsichtig beschrieben wird. Die weit überwiegende Kollaboration inklusive Auslieferung vieler Juden an die Nazis und dass die Résistance nicht allein ausgereicht hätte, um das Land zu befreien, ist eine offene Wunde, die bis heute die französische Politik mitbestimmt, deren revisionistischen, spättkolonialistischen und permanent nach Dominanz suchenden Charakter man  nicht unterschätzen darf.

Despentes kann, woher es kommt, wie es tradiert ist, was man heute sieht, aus ihrer linksfundamentalistischen Position heraus aber problemlos benennen und braucht nur einen Satz dazu. Dass sie antirassistisch und antinationalistisch denkt, versteht sich von selbst und muss nur am Rande erwähnt werden. Daher aber ihre differenzierte Sicht auf die Gelbwesten.

„Die Jungen werden mit einer imaginären Schuldenlast geboren. Man sagt ihnen: Du wirst sie dein Leben lang zurückzahlen als guter, unterworfener Sklave. Sei brav sozialisiert, akzeptiere das Inakzeptable, oder sei ausgeschlossen, und deine Misere wird schrecklich sein. Man lässt ihnen keine Wahl. Es ist, als predigten wir unseren Kindern: Ich krepiere vor dir, mir ist egal, unter was für Bedingungen du und die deinen dahinsiechen werden.“

Es ist grenzwertig, so viel zu zitieren, aber das Interview ist ja weitaus länger. Man kann das, was hier steht, ohne Probleme auf die Fridays for Future anwenden. Heute ist ja auch wieder Freitag. Die jungen Menschen haben ein Gefühl dafür, dass sie von uns verraten und verkauft werden. Das hatten wir übrigens auch, zumindest diejenigen, die in der Friedens- und / oder Anti-AKW-Bewegung engagiert waren. Das waren einige mehr, als sich gegenwärtig für „FfF“ auf die Straße bewegen.

Soll das heißen, auch die heutige Jugend wird den Weg aller Bequemlichkeit gehen, wenn sie erst richtig ins Geld verdienen und konsumieren kommt?

Das ist leider zu befürchten. Außerdem tut es die Mehrheit ohnehin. Was wir auf der Straße sehen, jeden Freitag, ist nur ein  kleiner Ausschnitt dieser Generation. Wir waren noch Hundetrttausende, allerdings nicht während der Unterrichtszeit. Das ist tatsächlich ein Unterschied. Das traut sich nicht jede_r und hätte sich auch damals nicht jede_r getraut. Den meisten war kurz vor dem Abi der Notenschnitt wichtiger als das politische Statement. Da hat man schon viele opportunistische Verhaltensweisen gesehen, die auf die Angepasstheit späterer Jahre hindeuteten.

Wie kann man verhindern, dass die Jugend den Weg aller bisherigen Generationen geht?

In dem wir endlich mitmachen und etwas einbringen, was 16jährige noch nicht haben können: Die Erfahrung, dass am Ende alles im Klassenkampf mündet. Auch und gerade der Kampf um die ökologische Zukunft. Wir müssen mit der Jugend diskutieren und deren Blick erweitern. Jede Generation kann etwas beisteuern, wenn sie es ernst meint.

Despentes benennt ja dann jedes der gegenwärtigen sozialen und ökologischen Hauptprobleme.

Nicht alle, aber im richtigen Zusammenhang. Umweltschutz ist eine Revolution gegen den Neoliberalismus und damit gegen das freidrehende Kapital. Mehr muss man nicht wissen, um zu verstehen. Die meisten versuchen, tatsächlich Ökologie und Systemaffinität zu vereinbaren ist Bequemlichkeit und neoliberale Indoktrinierung, wie sie auch bei vielen Grünen zu beobachten ist. Das wirkt auf die junge Generation unehrlich bis hilflos. Vollkommen zu Recht.

Gut, dass immer wieder Menschen nachwachsen, die Fragen stellen und aufbegehren, sonst wäre die Lage komplett trostlos. Vielleicht gibt es die Generation standhaft, weil die Probleme auch so drängend werden, dass man sie nicht mehr ignorieren kann – weil sie das eigene Leben doch irgendwann beeinträchtigen. So weit wird es wohl kommen müssen. Die Isolation der Milieus, der Gender, der Ethnien, der Stände oder Berufe und vieler anderer Identitäten, die zu wichtig genommen werden im Vergleich zur Klasse, führt leider dazu, dass erst persönliche Betroffenheit entschlossenes Handeln auslöst. Das sehen wir auch beim Mietenwahnsinn, dem wir uns in diesem Meinungsmagazin ausführlich widmen.

Es kommt aber auch noch ein feministischer Teil.

Das muss am 8. März auch so sein, finden wir. Die Hellsicht ist auch hier wieder bemerkenswert. Da ist eine gar nicht so verkappte Abneigung gegen religiösen Fundamentalismus drin, der die sexuelle Befreiung rückgängig machen will – sie sieht die Gefahr, die dem Feminismus dadurch droht. Deutschland so: „Influencerinnen“, die immer mal gerne die Scharia als grundgesetzkonform oder als dem Grundgesetz übergeordnet propagieren und am 8. März erklären, wie sie zu Feministinnen geworden sind, aus Einsicht in die unterdrückende Macht der Männer. Ist das zu fassen? Dafür bekommen sie unzählige Likes in den Sozialen Netzwerken. Bei so wenig Durchdrungenheit auf Seiten der Zustimmenden muss man nicht mehr erklären, warum Kulturpessimismus eine zulässige Haltung ist und die steilen Falten auf Despentes‘ Stirn ihre Berechtigung haben.

Die Dominanz restriktiver Rechtsvorstellungen steht logischerweise auch der Befreiung durch Klassenkampf entgegen: Hierarchie und gleich ob weltanschaulich oder ökonomisch fundiertes Patriarchat, meistens geht ja beides miteinander einher, begünstigen  den Kapitalismus und auch den Faschismus.

Unsere Skepsis gilt der überwiegend zu beobachtenden Variante des gegenwärtigen deutschen Feminismus, der sich in Parité-Gesetzen manifestiert, die vor allem politischen Karrieristinnen zugutekommen. Diese Skepsis hat nichts mit der Verteidigung des Patriarchats zu tun, sondern die Forderung nach Partizipation aller auf tatsächlich gleichberechtigter Basis im Blick, was auch die Möglichkeit einschließt, sich irgendwo nicht einzubringen. Dazu müssen aber Machtstrukturen verändert werden, an deren Erhalt im aktuellen Zustand alle Gender fleißig mitwirken. Eine bekannte deutsche Politikerin drückt es nicht zu Unrecht so aus: Formale Fortschritte bei der Diversität sind das Mittel, mit dem wir ruhiggestellt werden sollen, damit wir immer weitere ökonomische und ökologische Rückschritte klaglos ertragen.

Um es noch einmal an einem Beispiel klarzumachen: Wenn sich jemand erhebt, um über andere zu richten und z. B. Hartz IV-Sanktionen zu verhängen, spielt es in der Praxis keine Rolle, ob die ausfühernde Hand, die einem menschenunwürdigen System dient, einem Mann oder einer Frau gehört. Gerade in diesem Bereich sind sehr viele Frauen in Funktionen tätig, die Sozialstrukturen und Menschen vernichten. Dass ein Gender unter gleichen sachlichen Voraussetzungen, bei gleicher Aufgabenstellung gütiger ist als das andere, bedarf deshalb einer ernstzunehmenden wissenschaftlichen Darlegung, bevor wir überhaupt auf eine Diskussion darüber einsteigen. Bis dahin glauben wir nicht an eine solche Erzählung. Diese Ansicht hat den unbestreitbaren Vorzug, dass sie auf Gleichberechtigung abgestimmt ist: Sie möchte jede Person nach ihrem Tun, ihrem Verhalten, nicht nach ihrem Geschlecht bewerten und wird ihr damit als eigenständigem Individuum besser gerecht.

Nun sind wir über Despentes‘ Aussagen hinausgegangen und haben die  Lage bei uns und allgemeiner in den Blick genommen. Despentes ist aber gar nicht kulturpessimistisch und glaubt, die heute 15jährigen könnten eine Revolution machen. 

Ob sie den Part ernst gemeint hat oder nicht allzu pessimistisch wirken wollte, lassen wir dahingestellt. Dass die heutige Jugend von ihren Eltern nicht auf den Klassenkampf vorbereitet wurde, ist sehr misslich, weil dadurch unter anderem der neuen Klimabewegung der lange Atem fehlen könnte. Wenn Frau Angela Merkel die Schüler_innen schon  lobt, die sie kürzlich noch für fremdgesteuert hielt, weil sie sich mit dem Zustandekommen heutiger Bewegungen nicht auskennt, dann verheißt das nichts Gutes, sondern deutet darauf hin, dass man ihr das mittlerweile erklärt hat und auch dies nicht zu erwähnen vergaß: Die Kids werden sich bin bisschen austoben und nächstes Jahr ist wieder ein anderes Hashtag dran.

Eine über das Eigenidentität stiftende Genießen eines kurzfristigen Hypes, der dazu noch den Hauch des Verbotenen hat hinausgehende Sichtweise als Grundlage aller anderen Überlegungen und Kämpfe muss man sich als Kind einer weitgehend unpolitischen und neoliberal erzogenen Elterngeneration erst mühsam erarbeiten.

Einschneidende eigene Erfahrungen können diesen Prozess beschleunigen. Zum Beispiel, wenn die materiellen Glücksverheißungen und Karrieresprünge im Kapitalismus sich nicht wie geplant realisieren. Viel leichter aber, als diesen doch recht schmerzhaften Weg zu gehen, ist es, sich frühzeitig in die falschen Kämpfe und das Verfolgen von Partikularinteressen als Lebensaufgabe hineinziehen zu lassen und zu glauben, man sei Opfer einer bestimmten Diskriminierung geworden, in Wirklichkeit war es aber eine andere Diskriminierung, die aufgrund verkürzter Sichtweise nicht zu erkennen war.

Am Weltfrauentag muss aber auch eine Aussage darüber sein, was tatsächlich  zwischen den Geschlechtern nicht auf gleich steht. 

Unabhängig vom besprochenen Beitrag, denn der ist nicht auf den Weltfrauentag ausgerichtet, sondern wir haben ihn als Beispiel für eine radikale Sicht herangezogen, die man als Frau äußern kann oder sogar sollte. Die vielen weltweiten Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten können wir hier nicht besprechen – aber wir nehmen eine Stellung im Sinn der um ihren Erhalt kämpfenden Sozialen Stadt ein: Jede Person kann bei diesem Kampf mitmachen.

Wenn jedoch der Eindruck entsteht, es kommt zu Disparitäten zwischen den Geschlechtern bezüglich ihrer Repräsentanz z. B. in stadtpolitischen Bewegungen, also dort, wo es nicht an ungleichen Zugangsvoraussetzungen liegen sollte, kommen wir vielleicht zu einer Diskussion, die ein tieferes, nicht durch formale Aspekte bestimmtes Verständnis ermöglicht und wir meinen, das müsste uns zusammenführen, nicht auseinandertreiben. Wir haben einen gemeinsamen Gegner, das sollten wir bei allem Partikularismus und auch bei allen berechtigten Minderheitenansprüchen und allen Aspekten von Diskriminierung, die sich finden lassen und beseitigt werden müssen, nicht vergessen.

Wir wissen nicht, ob Virginie Despentes dieses Fazit unterschreiben würde, aber sie hat  vor allem in den ersten beiden Dritteln des Interviews die Dinge mit einer Sprache ins rechte Licht gerückt, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt und Schlüsse gezogen, die an Richtigkeit ebenfalls nichts zu wünschen übrig lassen. Am Weltfrauentag sgaen wir: Wir bräuchten mehr Frauen, die alles dies sehen, es sagen und dabei auch radikal wirken.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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