Sony Music comes to Berlin just to get Promotion. /#BerlinPartner #Economy #Wirtschaftsförderung #Sony #Schöneberg #Schoeneberg #PotsdamerStraße #SonyMusic

2018-09-27 WirtschaftSony Music kommt nach Schöneberg. Das alte Commerzbankgebäude wird umgebaut, 300 Arbeitsplätze entstehen. Wie fühlt sich das für einen Kiezbewohner an?

Was mich ein bisschen wundert, ist, dass Schöneberg quasi wie ein Kiez behandelt wird. Dieser an der Grenze zu Kreuzberg und Mitte liegende Teil der Potsdamer Straße und wir sind nicht ein Kiez. Von uns sind es etwa 1,2  Kilometer Fahrweg bis zur neuen Sony-Zentrale. Und wenn von den 300 Mitarbeitenden ein paar tatsächlich in unseren Kiez und nicht ins  hippe Kreuzberg ziehen sollten, werden wir’s aushalten.

Dieser Beitrag gibt noch ein paar Zahlen über die Musikbranche in Berlin preis: 1.450 Unternehmen, 13.300 Mitarbeiter, 1,9 Milliarden Euro Umsatz.

Ist es also eine gute Sache, wenn Sony kommt?

Der Beitrag im Tagesspiegel ist sehr gelungen, weil er recht umfangreich und faktenreich ist und mehrere Seiten beleuchtet – zum Beispiel, ob sich das Projekt selbst integrieren will. Die Stadtteilbibliothek dorthin? Ich kenne sie, könnte einen Ausbau vertragen. Und Sponsoring hätte sie auch nötig. Aber sie geht dann auch ein Bündnis mit der Privatwirtschaft ein, womit wir bereits beim Kern der Kritik wären.

Warum bitte, muss ein properer Konzern wie Sony Music mit öffentlichen Geldern gefördert werden, damit er nach Berlin kommt und dort ca. 300 Arbeitsplätze schafft?

Das ist typische Standortpolitk à la „Berlin Partner“.

Was oder wer sind die „Berlin Partner?“

Eine öffentlich-private Partnerschaft, an der die IBB (Investitionsbank Berlin), die Kammern und Verbände, die Stadt und vor allem traditionelle, häufig nicht maximal innovative Berliner Unternehmen Anteile halten und bestimmen, wer hier erwünscht ist.

Die müssten doch wissen, was gut für die Stadt ist.

Ich habe vor zwei Jahren für eine Wirtschafts-Arbeitsgruppe meiner Partei die Grundzüge der Berlin Partner in einer Präsentation dargestellt und obwohl ich die grundsätzlichen Probleme der ÖPPen damals noch nicht in der Deutlichkeit wie heute auf dem Schirm hatte, kamen mir Zweifel daran, ob das, was die Berlin Partner machen, nachhaltig im Sinn einer ökonomisch-ökologischen Wende ist. Wenn es ihnen hilft und Zusatzgeschäft eröffnet – aber wenn dadurch echte, schlaue, nachhaltige und hochwertige Konkurrenz entsteht? Zweifel sind angebracht.

Viele „Startups“, die nicht wirklich zur Wertschöpfung beitragen und miserable Arbeitsbedingungen anbieten, die zum desorganisierten Digitalnomadentum aber sehr viel beitragen, gehen auf das Konto der Berlin Partner. Ein weiterer Kritikpunkt ist: Zunächst wird öffentlich gefördert und das Risiko ist ein gemeinsames, eines, an dem wir im Grunde alle teilhaben, aber wenn sich solche Firmen wirklich etablieren, werden die Gewinne privatisiert. Und nein, nicht alle Fördermittel, die aus verschiedenen Töpfen zusammenfließen, müssen zurückgezahlt werden.

Das wird Sony Music nicht nötig haben.

Eben deshalb. Eine solche Firma muss sich auch für Berlin entscheiden können, wenn sie nicht von vorne bis hinten gepampert wird. Und dann dieser Herr Schwenkow. Zunächst dachte ich beim Lesen, er wolle ebenfalls kritisieren, dass etablierte Konzerne nochmal eine finanzielle Extraeinladung brauchen, um nach Berlin zu kommen – aber gefehlt.

Ihm dauert die Hilfeleistung nicht lange genug. Als ob es in Berlin noch nicht schon zu vieles gäbe, was subventioniert werden muss, weil die Stadt ökonomisch nicht hinreichend grundiert ist. Um das zu ändern, sind Steuererleichterungen und Privilegien um die Ecke genau dort, wo sie nicht notwendig sein sollten, der falsche Weg. Außerdem: Szene-Musik, Kiezkneipen und andere, vor allem weniger kommerzielle Elemente, die Berlin ausmachen, weil eben hier das Geld nicht allen so locker sitzt, die also viel Idealismus voraussetzen, müssen ums Überleben kämpfen und werden verdrängt. Sie zu unterstützen, wäre viel günstiger und würde dazu beitragen, das zu bewahren, was Berlin doch so attraktiv macht.

Sowas könnten Sony und andere doch verhindern und Sponsoring betreiben.

Klingt verlockend, ist es aber nicht. Die Unabhängigkeit der Kleinen würde schwinden und der Staat lagert mal wieder seine Verantwortung für die Stadtgesellschaft an Private aus. Wie schon bei Teilen des Schulbauprojekts etc. etc.

Die Wirtschaftssenatorin freut sich.

Sie kann ja nicht sagen, haut ab. Wahrscheinlich freut sie sich auch wirklich und wir haben auch nichts gegen Sony, wir sind u. a. mit Musikhör-Hardware von ihnen aufgewachsen, sowas verbindet immer noch ein wenig und  hat sogar zuletzt einen Gerätekauf beeinflusst, obwohl es nicht mehr so cool ist mit Sony wie früher. Aber ich bin ja auch kein Hipster.

Wie mit dem Musikbusiness generell?

Solange Künstler mit ihren Rechten als Kreative geschützt sind, ist Kunst ein echter Wert, der nicht verramscht werden sollte, dafür versuchen Sony, Warner, Universal & Co. zu sorgen. Das ist schon okay, auch wenn es die große, kommerzielle Seite der Medaille ist. Es geht nicht gegen die Branche und auch nicht dagegen, dass 300 Arbeitsplätze nach Schöneberg kommen, die mal nicht von der Hauptstraße ausgehend nach Westen, also zu uns hin drängend, vor allem in der Untergrundwirtschaft angesiedelt sind, um es dezent auszudrücken. Ist doch ein Ausgleich, dass es auch mal was anderes Neues gibt.

Aber der Ansiedlungshype wegen 300 Arbeitsplätzen, die zudem noch subventioniert werden, drückt auch aus, wie nötig die Berliner Wirtschaftspolitik echte Erfolge hat. Da hallt wohl aus unserer Ecke auch der verlorene Google-Campus nach.

Aber Berlin ist doch die Innovation City an sich.

In Deutschland stimmt das noch gerade, aber im Weltvergleich ist viel Luft nach oben und es muss viel mehr darüber diskutiert werden, welche Innovation wir wollen. Eine immer weitere Ausbreitung der Plattformökonomie, der auch die Musikkonzerne notgedrungen verbunden sind, die der lokalen Wirtschaft aber massiv schadet, kann’s nicht sein.

Wird sich der eigene Kiez verändern?

Nichts dagegen, wenn man abends in der Akazienstraße mal ein paar Menschen sieht, die bei Sony arbeiten. Sie werden sich die Umgebung anschauen und was Nettes finden, dieses Ding mit der Abschottung kommt mir immer ein bisschen modellhaft vor, sofern es um Personen geht, die doch ihre eigenen Wege wählen und nicht genormt sind – anders bei der Einbindung einer solchen Firma als Institution und gewerblicher Faktor, da sehe ich durchaus Plausibilität in dem, was die Gemeinschaft der Gewerbetreibenden der Potsdamer Straße zu bedenken gibt.

Wenn es mitten in Kiezlage um Tausende von Arbeitsplätzen ginge, wäre das eine andere Dimension, die man stadtpolitisch angehen müsste, aber besonders die nördliche Potsdamer Straße ist im Grunde gut für eine solche Unternehmung geeignet, die Lage mit Ausrichtung mehr zum Potsdamer Platz als nach Süden, also in unsere Kieze hinein, ist eine sinnvolle Wahl.

Also überwiegend positiv?

Was mich eben stört, ist, dass die Politik offenbar glaubt, der Wirtschaft ihr Hiersein teuer bezahlen zu müssen. Wenn Berlin wirklich der Place to be ist, dann muss es doch diese Ausstrahlung sein, die Unternehmen anzieht und nicht der ewige Förderpool.

Es ist doch peinlich, dass weiterhin ähnlich verfahren wird wie in der einstmals geteilten Stadt, wo man mit Riesenzuschüssen dafür sorgen musste, dass die West-Insel nicht ausblutete. Den Unternehmen ist es nicht peinlich, die nehmen das gerne mit. Aber bezahlen tut es die Stadtgesellschaft – schon ansässige Steuerzahlende finanzieren die neuen. In Kiezlagen dürfen sie so ihre eigene Verdrängung unterstützen. Wenigstens dieser Effekt dürfte bei Sony Music nicht so ausgeprägt sein.

Es gibt aber auch landesübergreifende Konkurrenz, Stichwort Ansiedlung durch Steuervorteile.

Das müssen z. B. diejenigen bearbeiten, welche die EU in ihrer jetzigen, neoliberalen Verfassung komplett okay finden und auch nicht gegen weltweit höchst unterschiedliche Standorbedingungen kämpfen. Die gegenwärtige Lage beinhaltet es, dass völlig ohne echten Grund bestimmte Länder haufenweise Firmen durch Nullsteuerpolitik anziehen können. Da ist die Bundespolitik wieder mal gefordert, aber Gerechtigkeit anzustreben, ist in vieler Hinsicht nicht deren Ding.

Wir meinen aber, ein Unternehmen, das am Place to be sein möchte, darf es nicht jucken, dass es woanders etwas billiger wäre, alle Beihilfen und Erleichterungen eingerechnet. Das ist echte Marktwirtschaft: Premium wird genommen, auch wenn es etwas mehr kostet. Premium ist zum Vorzeigen, nicht für Sparfüchse. Oder es stimmt eben nicht. Dann ist der Place to be eine nette Marketing-Fiktion, die uns alle teuer zu stehen komm und falsche Akzente setzt, anstatt dass wir uns über basisökonomische Notwendigkeiten und den Aufbau einer krisensicheren, zukunftsorientierten Wirtschaft down-top unterhalten.

Der Titel des Beitrags ist aber trotzdem etwas zugespitzt.

Einer der besten Tricks des heutigen Kapitalismus: Die Selbstausbeutung als alternativloses Mindset zu etablieren. In Berlin gerne mithilfe einer Stadtregierung, die jeden Mini-Erfolg mit Subventions-Kreislaufeffekt als Weltsensation der freien Wirtschaft verkauft.

Dagegen hilft vielleicht nur guter, alter Rock’n Roll, © Sony Music.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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