Ordnung im Lot – Tatort 828 / Crimetime 251 //#Tatort #Bremen #Lürsen #Stedefreund #Lot #Tatort828 #RB

Crimetime 251 - Titelfoto © Radio Bremen, Jörg Landsberg

Da ist auch das Fachpublikum gefragt

Wenn wir einen Sonntags-Tatorterstling erst einen Tag später rezensieren – dann haben wir entweder am Sonntagabend gar keine Zeit gehabt, was selten vorkommt, weil wir uns die Zeit eigentlich immer nehmen, um sofort eine Meinung abzugeben. Oder aber wir lassen einen Tag verstreichen, weil wir uns schwer tun mit so einem Film.

Bei „Ordnung im Lot“ war’s letzterer Grund, warum die Rezension erst heute kommt.  Unbefriedigend allerdings: So richtig klar sind wir uns noch nicht über das, was wir gesehen haben.  Ist die schizophrene Zeugin Sylvia Lange (Mira Partecke) als psychisch Kranke gut dargestellt? Wir tasten uns aber in der -> Rezension näher heran.

Uns hat die Figur fasziniert und wir trösten uns damit, dass es sicher viele Spielarten von Schizophrenie gibt – und natürlich auch Entwicklungsphasen. Das, was Sylvia Lange als Figur hier zeigt, dürfte schon eine ziemlich fortgeschrittene Phase sein. Wir machen es jetzt so: Wir gehen davon aus, dass in dieser ganz wichtigen Angelegenheit, eine mental abweichende Persönlichkeit glaubwürdig rüberzubringen, genug Fachkompetenz eingesammelt und bei der Verfassung des Drehbuchs und zur Unterstützung der Regie herangezogen wurde.

Unter dieser Prämisse tut man sich mit dem Rest leichter. Großartig gefilmt, keine Frage und selbst für heutige Verhältnisse, also in Zeiten, in denen qualitativ hochwertige Bildsprache manchmal den guten Inhalt esetzen muss. War aber der Inhalt von „Ordnung im Lot“ gut? Nicht als Krimi, soviel steht felsenfest. Die Handlung war sehr überschaubar und hätte es nicht diese verwirrende, flirrende Zeugin Sylvia Lange gegeben, hätte man sie als unterirdisch unterentwickelt bezeichnen müssen.

Da es diese Zeugin aber gab und die Ermittlungsarbeit von Lürsen und Stedefreund sich weitgehend darauf beschränkt, dieser Zeugin erstmal keinen Glauben zu schenken, kommt man über die 90 Minuten hinweg und darf Mira Partecke bei ihrem schauspielerischen Grenzgang zusehen. Allein der Mut, diese Figur zu sein und sie ganz auszuspielen, ist so viel wert, dass es nicht zu einer ganz niedrigen Einschätzung des Films kommen kann. Das Übriges beleuchten wir in der Rezension.

Handlung

Ein Tankstellenbesitzer liegt erschossen in seinem Verkaufsraum. Hauptkommissarin Inga Lürsen und ihr Kollege Stedefreund wissen schnell, dass es sich hier um keinen Raubmord handelt, denn in der Kasse befindet sich ein hoher Geldbetrag. Zudem hat der Täter dem Toten post mortem die Augen geschlossen.

Zum Erstaunen der Kommissare wirkt die Familie des Opfers sehr gefasst. Hat sie etwas mit dem Mord zu tun? Auch der 16-jährige Max, der das Opfer gefunden hat, verstrickt sich zunehmend in Widersprüche. Und warum hat seine Mutter bloß solche Panik? Die Kommissare geraten bei ihren Ermittlungen tiefer in Familiengeheimnisse als ihnen lieb ist.

Rezension

Uns hat die Figur fasziniert und wir trösten uns damit, dass es sicher viele Spielarten von Schizophrenie gibt – und natürlich auch Entwicklungsphasen. Das, was Sylvia Lange als Figur hier zeigt, dürfte schon eine ziemlich fortgeschrittene Phase sein. Wir machen es jetzt so: Wir gehen davon aus, dass in dieser ganz wichtigen Angelegenheit, eine mental abweichende Persönlichkeit glaubwürdig rüberzubringen, genug Fachkompetenz eingesammelt und bei der Verfassung des Drehbuchs und zur Unterstützung der Regie herangezogen wurde.

Unter dieser Prämisse tut man sich mit dem Rest leichter. Großartig gefilmt, keine Frage und selbst für heutige Verhältnisse, also in Zeiten, in denen qualitativ hochwertige Bildsprache manchmal den guten Inhalt esetzen muss. War aber der Inhalt von „Ordnung im Lot“ gut? Nicht als Krimi, soviel steht felsenfest. Die Handlung war sehr überschaubar und hätte es nicht diese verwirrende, flirrende Zeugin Sylvia Lange gegeben, hätte man sie als unterirdisch unterentwickelt bezeichnen müssen.

Da es diese Zeugin aber gab und die Ermittlungsarbeit von Lürsen und Stedefreund sich weitgehend darauf beschränkt, dieser Zeugin erstmal keinen Glauben zu schenken, kommt man über die 90 Minuten hinweg und darf Mira Partecke bei ihrem schauspielerischen Grenzgang zusehen. Allein der Mut, diese Figur zu sein und sie ganz auszuspielen, ist so viel wert, dass es nicht zu einer ganz niedrigen Einschätzung des Films kommen kann. Das Übriges beleuchten wir in der Rezension.

Die Sehnsucht der Krimiliebhaber

Man muss es zugeben, diese Sehnsucht wird von „Ordnung im Lot“ nicht erfüllt. Für den Liebhaber des klassischen Krimis waren das vermutlich vertane 90 Minuten, gestern abend. Klar, dass das Selbstmordmotiv des Tankstellenbesitzers Jure Tomic (Mirsad Dzombic) sehr wenig beleuchtet wird, sonst wäre alles zu früh offensichtlich gewesen. Ja, die Geldsorgen. Da kann man sich schonmal selbst umbringen lassen und auf diese Weise die Familie retten. Schwamm drüber.

„Ordnung im Lot“ macht deutlich, warum Polizeiruf-Folgen mittlerweile in der Krimigemeinde ein so hohes Ansehen genießen. Sie sind alltagsnäher, derb, nicht so gewaltig überambitioniert wie mancher Tatort. Der Tatort hingegen hat es ganz klar zugewiesen bekommen, in immer neue Sphären vorzustoßen und immer neue Experimente ans Publikum zu bringen. Wir rechnen auch „Ordnung im Lot“, wie zuletzt „Verschleppt“ und „Das Dorf“ zu den Experimentaltatorten. Man merkt gleich, es gibt eine Menge von dieser Kategorie, in jüngerer Zeit.

Aber war es nicht immer so, dass es immer wieder Neues in diesem Format gab? Ist der heutige Klassiker „Reifeprüfung“ in den 70ern nicht polarisierend gewesen? Für manche Beurteilung braucht man mehr Abstand als einen Tag. Damit können wir im Moment nicht dienen, sondern müssen mit den noch immer recht unmittelbaren Eindrücken von gestern klarkommen.

Wenn es stimmt, dass der Krimi ein konservatives Genre ist, dann ist es nur logisch, dass progressive Tatorte wie „Ordnung im Lot“ ihre Stärken nicht gerade auf der kriminalistischen Seite haben. Über die Berechtigung dieser Ausrichtung in einem Krimiformat zu streiten, ist müßig. Wir haben es schon einmal bei einer anderen Rezension geschrieben: Der Tatort hat ein viel größeres Publikum als die Fernsehspiele und ist das Vehikel, mit dem die Sender ihre Botschaften am besten unter die Massen bringen können. Ob die Massen davon immer begeistert sind, ist eine andere Frage, aber zuschauen werden sie am Sonntag darauf wieder – schon, um sich schlau darüber zu machen, ob es besser oder schlechter wird, ob man sich wieder aufregen darf oder auch mal laut in die Hände klatschen.

Die Sehnsucht der Krimiliebhaber nach dem Klatschen ist verständlich, wir schätzen die experimentell und außergewöhnlich angelegten Tatorte aber auch.

Ein Parforceritt und ein Abwurf

Wir haben’s nicht so mit Inga Lürsen, diese Meinung haben wir uns redlich erarbeitet, sind ganz vorurteilsfrei an sie herangegangen, als wir mit der TatortAnthologie begannen, wie an alle anderen Ermittler(innen). In „Ordnung im Lot“ wirkt sie zwar rau und polternd wie immer, aber wenigstens bleibt die Politik mal draußen. Dass Lürsen zwischenzeitlich etwas derb über die psychisch kranke Frau Lange spricht, dann aber auf ebenso mitreißende wie unglaubwürdige Art aus deren Gekritzel die Lösung des Falles ermittelt, das hat nun einmal so im Drehbuch gestanden. Dafür kann Frau Lürsen nichts und auch nicht Sabine Postel, welche der Figur ihre Prägnanz verleiht (prägnant ist sie und das ist ja auch schon ein Wort und hat einen Wert für sich).

Trotzdem geht der Daumen ermittlungsseitig nach unten. Die beiden Kommissare bringen einfach zu wenig in den Fall ein. Das hätte man anders bringen können, trotz der Dominanz des Psychodramas um Sylvia Lange. So sind die beiden Polizisten darauf angewiesen, dass es ewig dauert, bis mal ein Videorekorder aufgetrieben wird. Wir hätten da aushelfen können, wegen der langen Kassettenlaufzeit zeichenen wir manchmal immer noch mit VHS auf. Lürsen und Stedefreund stochern zwischen Ameisen herum und sind mit Frau Lange und ihrer Familie beschäftigt, von der man im Grunde früh weiß, dass keines ihrer Mitglieder für den Tod von Jure Tomic verantwortlich ist – und die Forschung nach Alternativen und Verdächtigen bleibt auf  der Strecke. Das ist eben der mangelhafte Krimipart. Wenn man sich dafür entscheidet, experimentelle Tatorte grundsätzlich okay zu finden, darf man sich eben doch fragen, was wäre noch drin gewesen an Kriminalistik, ohne das Experiment zu beschädigen. Wir meinen: einiges.

Man versucht das alles wett zu machen, indem Inga Lürsen schlagartig erleuchtet wird und mit Hilfe der griechischen Mythologie der verqueren Logik der um den Hergang der Tat wissenden Frau Lange und damit dem Ablauf derselben auf die Schliche kommt, wie sie die psychologische Fachkenntnis mit einem Mal selbst besitzt, als  sei sie vom hinzugezogenen Polizeipsychologen übergesprungen, und sich außerdem noch als auf eine Weise altgriechisch gebildet erweist, die man ihr gar nicht zugetraut hätte. Diese Sequenz ist leider so absurd, dass man sich nicht damit herausreden kann, es sei alles satirisch gemeint. Dafür kommt Frau Lürsen immer viel zu ernst und emotional zu distanzlos daher – und mit ihr die Bremer Tatorte. Dieses Dingens mit dem Achilles und dem Griff in die Kiste der griechischen Mythologie war richtig ernst gemeint (falls nicht, war’s ein absoluter Insider-Gag).

Am Schluss erweist sich diese Art von Lösung als trojanisches Pferd für den Fall und auch für seine Bewertung und dieses Pferd wirft die Glaubwürdigkeit zusammen mit Inga Lürsen in den Staub. Schade, es hätte ein Hochpunkter werden können, wenn man nur die schauspielerische Leistung von Mira Partecke als Sylvia Lange zugrunde legt.

Nach einem Abwurf kann man liegen bleiben oder sich wieder aufrappeln, das Pferd einfangen und weiterreiten, falls die Gräten noch ganz sind. Der Tatort insgesamt kommt noch einigermaßen durchs Ziel, auch wenn die Knochen schmerzen, aus denen das dramaturgische Gerüst eines Kriminalfilms zusammengebaut sein sollte. Wirklich schlecht ist „Ordnung im Lot“ nicht. Die Handlung muss gedrückt und gequetscht werden, damit sie sich der Figur Sylvia Lange unterordnen lässt, aber diese Unterordnung ist das Opfer, das man bringen musste, weil man den großen Wurf, die Synthese, nicht konnte.

Finale

Man fühlt zuweilen den Mangel, wenn Tatorte zu dezidiert persönlich und auf ungewöhnliche Figuren konzentriert werden. Es geht dabei um die Präzision, die sich durch Minimierung ausdrückt. Mancher Drehbuchautor sollte mal ein Seminar in „fiction writing“ machen. Das würde nicht nur viele Füllwörter vermeiden, sondern auch die Redundanzen, die inhaltlich manchen Tatort zäher machen, als er bei gehöriger Straffung und schlanker Dialogführung wäre. Dieses leicht Aufgeblasene spürt man zuweilen auch in „Ordnung im Lot“. So eindringlich die Figur der Sylvia Lange wirkt, so wenig hätte es geschadet, ihre Dialoge um 20 Prozent aufs Wichtige zu kürzen und dafür Lürsen und Stedefreund mehr arbeiten zu lassen. Nicht die Idee ist schlecht, nicht die Schauspielleistungen sind es, aber die Proportionen des Films sind unausgewogen.

Und, ja, das ist ein technischer Mangel, wenn sich ein Krimi in seinen Ideen verliert, anstatt sie konsequent voranzutreiben und auf maximale Wirkung durch gezielten, mithin sparsamen Einsatz der Mittel zu trimmen. Das hat auch nichts damit  zu tun, wie experimentell oder fortschrittlich ein Krimi ist. Der wirklich progressive Film war manchmal viel artifizieller als jeder bisherige Tatort. Aber er war gnadenlos durchkomponiert. Das fehlt zum Beispiel bei „Ordnung im Lot“, damit aus einem überwiegenden Psychodrama ein grandioser Psychothriller hätte werden können.

Daher gibt es nur eine knapp durchschnittliche Bewertung von 7,0/10, die Pluspunkte vorwiegend für die mutige und alles, was das Drehbuch hergibt soweit wie möglich ins Lot bringende Darstellung von Mira Partecke.

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Hauptkommissar Nils Stedefreund – Oliver Mommsen
Max Lange – Vincent Göhre
Kriminalassistent Karlsen – Winfried Hammelmann
Ole Lange – Wolfgang Koch
Sylvia Lange – Mira Partecke
Elke Tomic – Irene Rindje
Ruben Tomic – Fabian Busch
Psychologe – Robert Schupp
Ermittler Gerd – Christian Beermann
Frau Haberland – Heidi Ecks
Rade Loncar – Luca Maric
Polizist Walter – Jörg Witte
Nachrichtensprecher – Michail Paweletz
Lieferwagenfahrer – Christian Bergmann
u.a.

Drehbuch – Peter Henning, Claudia Prietzel
Regie – Peter Henning

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