Salzleiche – Tatort 711 / Crimetime 257 // #Tatort #Hannover #LKA #NDR #Lindholm #Salzleiche

Crimetime 257 - Titelfoto © NDR, Nik Konietzny / Carles Carabi Negueruela

Die Leiche, das Lager, das LKA und die Loyalität gegenüber der Sache

Ist es ein schlechtes Omen, dass „Salzleiche“ der 13. Lindholm-Tatort ist? Für uns schon, wir müssen den gesamten Gorleben-Komplex überprüfen. Stimmen alle Fakten, die im Film genannt wurden? Wehe, wenn nicht, hier geht es um Volksaufklärung!

Da vermutlich von den etwa 10 Millionen Zuschauern, die „Salzleiche“ bei der Erstausstrahlung genießen durften, nur 10 bis 20 Prozent schon vorher dank aktivem, möglicherweise durch eigene Aktion getragenem Interesse am Thema gut informiert waren, ist Richtig wichtig und man kann darüber lesen in der -> Rezension.

Handlung 

Charlotte Lindholm muss den Mord an dem Wachmann Sven Gutzkow aufklären, dessen Leiche seit einem halben Jahr in den Salzhalden des Erkundungsbergwerks Gorleben verschüttet lag. Schon bald ermittelt sie in einem brisanten Milieu. Der Leiter der Betreibergesellschaft des atomaren Zwischen- und Endlagers, Kasper, wird seit geraumer Zeit erpresst. Unter Verdacht stehen Gutzkows Kollegen Augenthaler, dessen Eigenheim im Rohbau steckt und der Geologe Sandmann, und was weiß die altgediente Anti-Atom-Aktivistin Welany?

Charlotte und der Kollege vor Ort, Polizeihauptmeister Jakob Halder, stellen mit ihren Ermittlungen das Wendland auf den Kopf. Dabei werden sie auf Schritt und Tritt beobachtet. Das Ergebnis: ein Schließfachschlüssel, eine vermeintliche Stimme aus dem Jenseits und eine weitere Leiche. Charlotte wird von ihrer Freundin Belinda gewarnt: Diese Sache sei eine Nummer zu groß für sie. Doch Charlotte lässt sich nicht beirren.

Als sie herausfindet, dass sich Gutzkow vor seinem Tod mit dem spanischen Terrorhelfer Ahmadin getroffen hat, führt sie diese heiße Spur nach Barcelona. Sie sticht dort in ein Wespennest und bringt sich selbst in höchste Gefahr. 

Rezension

Die Regisseurin Christine Balthasar hat in einem Interview kundgetan, dass es ihr vor allem um die Figuren ging. Frauen sind multifunktional, aber das heißt nicht, dass sie dazu aufgerufen sind, einen Plot so zu überfrachten, dass das halbe Deutschland, wie es zur Drehzeit gerade ist, . in einem einzigen Tatort verpackt sein muss; zum Beispiel mit zu wenigen Kitaplätzen ausgestattet, mit Salzleichen im Salz, keinem Atommüll im Salz, Atommüll in einer stinknormalen Lagerhalle, illegalem Atomhandel unter Beisein und Einsatz des BND, Altaktivisten und Jungbeziehungsgeschädigtenusw.

Nun treten wir auf die Bremse – die Inszenierung ist so schlecht nicht. Vor allem die Bildsprache wirkt flüssig, stellenweise edel. Die Rückblendenflashs hätten trotzdem einen Tick länger sein müssen. Sie ins Unterbewusstsein des Zuschauers einträufeln zu lassen, ohne dass er sie kognitiv-verstandesmäßig sofort erfassen kann, nützt nichts, denn keiner der  Zuschauer wird am Tag oder in der Woche darauf in den nächsten Supermarkt rennen, um einen verrosteten Eisenstab zu erstehen, so trefflich sich dieser als Waffe für alle möglicherweise kommenden Gelegenheiten eignen mag. Es ist das Drehbuch, das wieder einmal überquillt, und das ist von gleich zwei Männern geschrieben (Johannes W. Betz, Max Eipp). Da an diesem kleinen 90 Minuten-Kochtopf also zwei Köche standen, wollte jeder wohl so viel wie möglich von seinem Geschmack im Endgericht wiederfinden und die Zahl der Ingredienzien bewirkt leider genau das Gegenteil von einem scharf gewürzten, ideenreich wirkenden Gaumenschmaus für Krimifreunde. Da ist so viel drin, dass man nichts Relevantes herausschmeckt.

Leider ist genau das typisch für diese NDR-Schiene. Wenn wir kritisieren, dass Tatorte sich keine ordentliche Handlungsführung mehr gönnen, weil die Zahl der Handlungselemente gegen unendlich tendiert und manche Autoren wohl immer wieder ganz vorne beim Wettbewerb „Wieviel kann man in einen Tatort stopfen?“ dabei sein und die Grenzen erweitern möchten, dann gehören die Hannover-Folgen zu denen, die wir besonders im Blick haben. Klar kann man auch eine schlichte Handlung für ihre Simplizität tadeln, aber gleich mehrere Tatorte um die Wende 2012-2013 herum haben bewiesen, es geht auch anders. Dass Reduktion Vertiefung mit sich bringen kann und damit auch Seriosität im Umgang mit dem Sujet und den Charakteren. Nun ist „Salzleiche“ schon über vier Jahre alt und der Trend zu immer mehr und mehr war damals noch ungebrochen. Die Systemkrise, die mittlerweile zu ersten Anzeichen von Bescheidenheit und Selbstbeschränkung führt, hatte den Tatort noch nicht erreicht. Hier gebietet sich eine Anmerkung: Die Rezension wurde bereits im Februar 2013 verfasst, bevor das laufende Jahr beinahe schockierend schlechte Tatorte brachte und wurde für die Publikation nur leicht überarbeitet.

Das Wendland ist eine der mysteriösesten Regionen der Republik, wenn nicht der Welt. Überall X-Zeichen am Wegesrand, eingeschworene Bewohner mit finsteren Mienen auf Treckern, mit alten VW-Bussen und gelbroten Anti-Atom-Aufklebern, symbolische Atommüll-Behälter überall zwischen Straßen und Feldern und Feldern und Wäldern. Sehr langsam fahrende Züge kommen hier an, sie transportieren seltsame, aber stabil wirkende Behälter. Immer, wenn diese Züge fahren, füllt sich das Wendland entlang der relevanten Bahnstrecke mit Bewohnern und Zugereisten und Polizisten, wobei die Gruppen eins und zwei zu einer zielgleichen Partei verschmelzen, die Gruppe drei hingegen verhindern will, dass die Gruppen eins und zwei den Transport durch allerlei Aktionen neben und auf den Schienen zum Erliegen bringen. Das ist ein Ritual geworden und doch Ausdruck eines der vielen Systemprobleme, die wir nicht lösen können. An kaum einer konkreten Tatsache zeigt sich so deutlich, dass wir ein Wirtschaftssystem betreiben, dessen Folgen wir nicht sinnvoll in Relation zum Nutzen zu stellen vermögen.

Im Film fliegt ein Flugzeug bedeutungsschwer über das aktuelle Zwischenlager von Gorleben hinweg, das behelfsmäßig für die Müllunterbringung zuständig ist, da das vorgesehene Endlager, der im Film ebenfalls gezeigte Salzstock, allerlei Tücken aufweist und es nach Jahrzehnten der Erkundungen und der Expertisen – eingeschlossen eine fast zehnjährige Pause, Moratorium genannt und während der Entstehung von „Salzleiche“ noch in Kraft – keineswegs sicher ist, dass Gorleben ein geeigneter Standort für die Endlagerung von Atommüll ist. Es ist nicht einmal klar, ob es überhaupt so etwas wie einen geeigneten Standort gibt. Wir schauen auf die Strompreiserhöhung von jetzt beinahe 50 %, die wir in den letzten vier Jahren zu verkraften hatten und denken – na gut. Wenn’s denn nützt und kein weiterer Atommüll mehr entsteht, irgendwann einmal … Importe natürlich nicht eingeschlossen. Wir kommen den unter ökologischen Gesichtspunkten realen Preisen für unsere bisher scheinbar so günstigen Wirtschaftsgüter ein Stück näher, zumindest auf dem Energiesektor.

Es stimmt demnach alles, was in „Salzleiche“ zu Gorleben pointiert und aufgrund des ausufernden Plots etwas zu verkürzt gesagt wird, das gibt einen Info-Extrapunkt. Einige Fakten sind sogar recht verhalten dargestellt, und auch das ist richtig so, denn die Expertise ist nicht ganz eindeutig und manches lässt man besser Meinung sein, als es zu einer objektiven Wahrheit zu erheben – zum Beispiel darf Charlotte Lindholm sarkastisch andeuten, dass das Radioaktive wohl im Salz genauso sicher eingeschlossen sei wie diese Leiche, die nach starken Regenfällen ausgewaschen wird. Dass Salz nicht gegen Wasser resistent ist, wissen wohl auch Laien.

Es ist klar, dass die im letzten Drittel des Films für echtes Bond-Feeling sorgende Spanien-Story mit den Geheimdienstlern sich vom Faktischen im Gorleben-Teil durch ihre Fiktionalität absetzt und da geht auch prompt einiges in Richtung fragwürdig und klaut den eben erwirtschafteten Info-Extrapunkt wieder. Warum illegales Plutonium und Unterlagen zu falschen Messungen im Salzstock Gorleben in einem einzigen Koffer in ein spanisches Bahnhofsschließfach gesperrt werden, erschließt sich nicht, denn die Daten und der Stoff dienten verschiedenen Zwecken und waren nicht für dieselben Leute bestimmt. Oder doch? Klar wird das nicht und verwischt sich am Ende ganz, als Lindholm durch einen anonymen Insidertipp die BND-Leute auffliegen lässt, die am Uranhandel beteiligt sind. Dass sie das sind, wird vorher keineswegs klar dargelegt, sondern ist ein aufgesetzter Kniff, das letzte Drittel des Films ist ohnehin rein spekulativ und mal wieder übertrieben. Natürlich wissen wir heute, dass die Leute da gar nicht so schlau sind, sie kriegen nicht mal die NSU auf die Reihe (wir tun jetzt, als wollten wir einen Hannover-Tatort schreiben und leisten uns jetzt eine Vermengung bezüglich der Staatsschutz-Gliederungen). Dass die Leute nicht mit der Sonderagentin im Dienst ihrer Kanzlerin – oder doch nur des LKA? – Charlotte Lindholm Bond gerechnet haben, kann man ihnen nicht verübeln.

Immerhin, sie hatten die Ermittlerin in ihrer Gewalt und hätten sie in Spanien verschwinden lassen können, ohne dass ein Nachweis möglich gewesen wäre. Das muss man beim BND drauf haben, lästige Leute so um die Ecke bringen, dass die Chefs zuhause, die eh doof sind (siehe die Behandlung des Vorgesetzten durch Lindholm), das als Unfall nach Deutschland gemeldet bekommen. Hätten sie’s getan, dann hätte Lindholm nicht der Presse in Form eines Magazins namens „Fakt“ etwas stecken können, was eine die Republik erschütternde Titelgeschichte zum BND-Atomdealer-Skandal auslöst. Ja, die Charlotte, die gibt sich nicht mit Kleinkram ab, auch das macht sie kenntlich und das ist ja im Sinn der sie darstellenden Maria Furtwängler. Außerdem hat sie eine Mutter, die schon 1979 bei der Anti-AKW-Bewegung war und Charlotte zu den Demos mitgenommen hat. Das gibt der Lindholm-Biografie eine beinahe einzigartige Tiefe und man weiß – damals schon wurde an einem großen Charakter gearbeitet. Im RAF-Umfeld, wie die Kollegin Lürsen aus Bremen (enttarnt in „Schatten“) nebenan hat sie sich nach bisherigen Erkenntnissen nicht bewegt.

Fazit

Auf der guten Seite kann „Salzleiche“ verbuchen, dass der Film schön gemacht ist. Schön und überladen ist immer noch besser als überladen und dann auch noch einfallslos gefilmt. Dank des kleinen Kindes, das Charlotte jetzt hat, hat sie so etwas Emotionales bekommen, das macht uns manchmal wuschig und wirkt irgendwie aufgesetzt. Sei’s drum. Wir wissen nun auch, dass der Sohnemann David nicht von dem verstorbenen Journalisten Enders stammt, sondern aus einem spanischen Abenteuer, und da staunen wir schon ziemlich. Auch das wirkt nicht etwa die Figur Lindholm in einem authentischen Sinn erweiternd, sondern beigefügt, um sie aufzulockern. Sei’s drum. Kapriolen sind ja auch ein Mittel, um Interesse zu wecken. Ach, gäb’s doch wirklich mal eine Bond-Figur unter den Ermittlerinnen, nicht nur eine halbe, die sich ganz undeutsch mit einem Kind befrachtet.

Eine Frau, die Bond so selbstironisch und elegant spielen kann, wie Sean Connery es konnte, sehen wir allerdings nicht. Das wäre der Himmel auf Erden für uns, die wir von zu viel prätentiösem Gehabe einerseits und Halbherzigkeit andererseits genervt sind. Einen solchen, gerne weiblichen Bond dann noch  mit moderner Ethik auszustatten und mit einem Sinn für die richtigen Zeichen an die Welt, welche sich nicht in launigem Umgang mit den Dienstvorschriften erschöpfen (an solche ist ein 00-Agent ohnehin kaum gebunden), das könnte der Gipfel der Figurenentwicklung sein. In Hannover werden wir den Gipfel aber in aktueller Konstellation nicht erklimmen, so viel steht in allen denkbaren Lindholm-Drehbüchern bereits geschrieben. Wer war eine Frau im Film, die selbstironisch, die intensiv sein mit Distanz konnte? Katherine Hepburn? Zum Beispiel. Ach ja. Damals und in den USA mit ihren unzähligen Talenten.

Wie nun bewerten? Wegen des Themas, das trotz der mittlerweile zweimal gewendeten Energiewende aktuell bleibt und weil man in 2008 nur zeigen konnte, was Stand der Dinge war und trotz der angesprochenen Schwächen – 7,0/10. Das ist nicht schlecht, nicht so richtig gut. Angesichts dessen, was uns das LKA Hannover immer wieder mal und besonders in den letzten Rezensionen an Nerven abverlangt hat, haben wir uns echt sehr stark um Objektivität bemüht und bleiben zu jeder neuen Erkenntnis bereit.

Zu einem Aspekt der Lindholm-Figur, den wir dieses Mal nicht in den Vordergrund gestellt haben, wohl auch, weil er hier weniger auffällig ist, haben wir uns in der Rezension zu „Schwarzes Herz“ ausführlich geäußert und belassen es an dieser Stelle beim Verweis, denn auch diese Rezension hat die Obergrenze der vorgesehenen Feature-Länge schon beinahe wieder erreicht.

© 2019, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissarin Charlotte Lindholm – Maria Furtwängler
Stefan Bitomsky – Torsten Michaelis
Martin Felser – Ingo Naujoks
Belinda – Catrin Striebeck
Sören Kasper – Stephan Grossmann
Jakob Halder – Matthias Bundschuh
Augenthaler – Rainer Bock
u.a.

Regie – Christiane Balthasar
Kamera – Hannes Hubach
Buch – Johannes W. Betz und Max Eipp
Musik – Johannes Kobilke

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