Der Hammer – Tatort 907 #Crimetime 260 #Tatort #Münster #Muenster #Thiel #Boerne #Hammer #Hammer

Crimetime 260 - Titelfoto © WDR, Martin Menke

Vorwort 2019

Zum zweiten Mal hintereinander bekommt eine aus dem Lager gezogene oder wiederveröffentlichte Rezension ein neues Vowort. Im Fall von der Hammer, weil wir hier inklusive eines Nachtrags zur Quote eine der ausführlichsten Kritiken vor uns haben, die bisher für einen Tatort geschrieben wurde. Die allerlängste wird es dadurch, dass wir den Austausch mit einer Person einbezogen haben, die unsere Beiträge zum Tatort Münster im „ersten Wahlberliner“ intensiv verfolgt hat. Der Nachtrag zur Quote beleuchtet auch, welche Sonderstellung Thiel, Boerne und die anderen vom Westfalen-Team innerhalb der Reihe einnehmen – obwohl ihre Filme längst nicht zu den Spitzenkrimis rechnen.

Oasen, Jäger, Tennisschläger

Ein Bauunternehmer wird erschlagen, ein Bordellbetreiber und ein Makler, also ist klar, dass die Morde zusammenhängen müssen, weil diese Branchen untrennbar verbunden sind, das wissen auch Thiel und Boerne, aber der Politiker kommt noch einmal davon und wir erfahren am Schluss die nicht logische, aber wahre Tatsache, dass Flucht immer nach oben führt, auch wenn’s dort nicht mehr weitergeht.

Wenn Professor Karl-Friedrich Boerne loszieht zum Recherchieren, weil ihm die enge Welt der Gerichtsmedizin mal wieder zu klein geworden ist, dann hat er garantiert wieder ein neues Cabrio und dermaßen viele Eingebungen und Ideen, dass Thiel manchmal wirkt wie eine Marionette. Und weil Thiel das weiß, knurrt er Boerne auch gerne mal an und wird dafür von einem Mörder angekettet.

Dieses Mal sind sie in Münster auf Nummer sicher gegangen und haben alles so gestaltet, dass es  nicht maximal anecken kann und außerdem ist es politisch megakorrekt – der Täter ist wirklich bedauernswert, und dass er drei Morde begangen hat, naja, bei den Typen kann man ein Auge zudrücken. Das rechtsstaatliche Auge zum Beispiel. Wie es sich mit zugedrücktem Auges schreibt, lesen Sie bitte in der -> Rezension nach.

Handlung

Diese Leiche fiel vom Himmel: Als Kommissar Thiel am Tatort eintrifft, steht der Busfahrer, der Dr. Wolfgang Öhrie beinahe überfahren hätte, noch unter Schock. Der einflussreiche Bauunternehmer war in seinem Büro mit einem Hammer erschlagen und aus dem Fenster auf die Straße gestürzt worden.

Öhries Firma ist verantwortlich für ein sehr umstrittenes Bauprojekt in Münster: Denn viele vermuten, dass es sich bei der geplanten Waikikioase nicht um ein herkömmliches Wellness- und Erlebnisbad, sondern um ein riesiges Bordell handeln wird. Es gibt auch bereits eine Bürgerbewegung, die massiv gegen den „Groß-Puff“ demonstriert. Besonders lautstark meldet sich bei dem Protest der Aktivist Gunnar Roth zu Wort. Da wird einem Münsteraner Parkhaus der Zuhälter Bruno Vogler erschlagen. Wieder ist ein Hammer die Mordwaffe, weiß der Rechtsmediziner Prof. Boerne.

Doch das von den Überwachungskameras im Parkhaus aufgezeichnete Video sorgt für eine Überraschung: Der Täter ist maskiert. Er tarnt sich als Superheld. Und es gibt Anzeichen dafür, dass ein dritter Mord unmittelbar bevorsteht. Inszeniert sich der Täter als Kämpfer für Gerechtigkeit? 

Rezension

Wie finden Sie Boerne mit Kurzhaarfrisur und Forsthammer? Wir haben uns königlich amüsiert. Endlich wieder.  Das kommt vor allem daher, weil der Humor dieses Mal anders inszeniert ist als zuletzt. Die Kritiken, die uns vorab „Der Hammer“ als wesentlich ernster verkaufen wollten, sozusagen als Münsteraner Neuausrichtung, können wir nicht nachvollziehen. Dummerweise waren wir deshalb auch gleich genervt, als Thiel den findigen Boerne mal wieder nach alter Proll-Manier angegangen ist und dachten: Die lernen nichts dazu. Die Kritik an dieser Banalisierung war doch wohl allseits deutlich genug.

Aber dann legte sich dieses Standard-Element des Boerne-Bashings, aber auch der Drive des Tatorts nahm zum Ende hin spürbar ab, Gleiches trifft auf die Relation zwischen Qualität und Dichte der Komik-Elemente zu. Die Schlussszene mit demThiel und Boerne-Comic ist allerdings wieder erstklassig, darauf muss man kommen und dafür gibt’s, sagen wir mal, einen halben Punkt extra. Gäbe es eine solche Vermarktungsform der beiden als Zeichentrickfiguren tatsächlich, die ARD könnte die Gebühren für uns alle kürzen, denn die Hefte mit den witzigen Verbrecherjägern würden reißenden Absatz finden.

Aber zur Komik. Man hat einen logischen Schritt getan, der natürlich auch nicht über weitere 20 Filme hinweg gleichermaßen funktionieren kann, aber deutlich den Willen zeigt, die Münsteraner aus der Krise zu führen.

Der Dialog zwischen Boerne und Thiel tritt zurück hinter eine wirklich gut getimte Situationskomik. Das haben wir in dieser Qualität in Münster selten gesehen, da stimmt beinahe alles und es ist auch wirklich witzig. Für Fans des klassischen Slapsticks ist „Der Hammer“ ein besonderer Tatort-Leckerbissen. Inszenierung und Bildgestaltung haben natürlich viel beigetragen, diese kurzen, trockenen, manchal ganz kleinen Sachen, da mal ein halb gemurmeltes Wort, hier ein Seufzer, mal ein schadenfrohes Kichern, das sich gleich wieder einkriegt, dort eine Geste oder Demo-Szene  oder eine Anti-Puff-Szene, die jeden gestandenen Wutbürger vor Lachen umfallen lassen – wenn er Sinn für Ironie und Humor hat, der in Details liegt. Ziemlich groß raus kommt in diesem Kontext Vaddern Thiel als dieses Mal besonders lebensfroher Senior und macht viel Spaß.

Es lässt sich im gegebenen Format nicht aufzählen, was wir da alles gut fanden, aber wir heben mal die Thiel-ans-Bett-gekettet-mit-Handschelle-Szene heraus, obwohl sie eine der eher vordergründigen ist, nicht der feinhunorigen. Oder wie Boerne den Hammer kauft und dabei die eine oder andere Baumarkt-Werbung persifliert wird.

An diesem Tatort hat auf jeden Fall jemand gearbeitet, der Sinn für Gags hat, die nicht jeder sofort erkennt – oder Kleinigkeiten innerhalb der Szenen. Es gibt mehrere Ebenen, die Menschen mit verschiedenen kognitiven Fähigkeiten ansprechen. Dass insbesondere Jan Josef Liefers auch diesen etwas anders als bisher üblich gestalteten Humor gut umsetzen und jeden Zwischenton zu gestalten in der Lage ist – ein Glücksfall. Münster kann immer wieder etwas anders ausgerichtet werden, ohne dass es zu diesem wandelbaren Schauspieler nicht passen würde. Ob auch seine Boerne-Figur immer als authentisch empfunden würde, ist eine andere Frage – die sich in „Der Hammer“ nicht stellt. Alles okay, er ist ganz der Alte und noch sympathischer als in manch anderem Tatort. Und durch seine neue Frisur wirkt er auch älter. Die Fast-Glatze ist bis in die Münsteraner High Society vorgedrungen. Dass ein paar dumme Sprüche zwischen ihm und Thiel auch sein müssen – am Anfang waren gerade die das weniger Erfrischende, beinahe so, als hätte die Regie das Publikum täuschen wollen. Man hat schon das Gefühl, nicht schon wieder diese nunmehr abgenutzten Frotzeleien, aber nach 90 Minuten wirken sie mehr wie ein Echo auf das, was Münster mal nach oben gebracht hat, als diese Art von gegenseitigem Ans-Bein-Pinkeln noch neu war.

Sicherlich kann man immer noch den Kommissar oder den Gerichtsmediziner herabsetzende Bemerkungen erfinden, aber die Varianz hat Grenzen, sofern die Dialoge funktionieren und frisch wirken sollen. Über das grundsätzliche Problem, das Komikertruppen nach einer mehr oder weniger großen Anzahl von Filmen einholt, weil die Gags ausgehen, haben wir uns bereits an anderer Stelle geäußert, als wir dem Niedergang des Münster-Tatorts auf die Spur kommen wollten. Aber die frohe Botschaft ist: Thiel und Boerne haben erstmal die Kurve gekriegt, mit diesem Wiesmann-Cabrio in der aktuellen Modefarbe Weiß. Boerne sogar so gut, dass er mit dem Auto in der Lage ist, ein Motorrad zu stoppen. Der Motorradfahrer fährt dann lieber ins Gebüsch, als das Auto zu beschädigen, denn so viel Materialzerstörungs-Action an neuwertigen Objekten ist im Tatortbudget nicht drin.

Atmosphäre aber kostet nichts, und die ist in diesem Tatort besonders. Das sind richtig heimelige Momente drin, bewusst ausgespielte Szenen, die natürlich auf Kosten der Geschwindigkeit gehen, aber die so etwas wie eine echte Arbeitsatmosphäre entstehen lassen. Es ist beinahe, als befände man sich selbst im Büro und am Arbeitsplatz und wäre Teil einer durch kleine Gesten, Blicke, Ausdrücke belebten Geschäftigkeit, die in „Der Hammer“ echter wirkt als in fast allen anderen Münster-Tatorten.

Wir wissen nicht, ob Gagschreiber hinzugezogen wurde oder jemand, der sich um nichts anderes gekümmert hat als um die präzise Umsetzung ebenjener witzigen Szenen, jedenfalls wirkt es gekonnt – und manchmal auch tragikomisch. Vor allem, wenn der eigentliche Held ins Spiel kommt, der lungenkranke Ex-Chemiker, der den Rächer gibt. Ach, über diese Figur ließe sich auch so viel schreiben, weil sie so zum Erbarmen ist, selbst wenn sie tötet. Man hätte ihm diesen Husten nicht mitgegeben, wenn man ihn hätte vorwiegend böse und gefährlich darstellen wollten, obwohl er natürlicherweise gefährlich für die Baumafia, die Menschenhandel-Mafia und die Polit-Mafia ist, die mit den beiden Branchen vorzugsweise zusammenarbeitet, bei denen es am meisten Geld abzusahnen gibt. Alles schon böse und klischeehaft, aber warum soll man sich nicht manipulieren lassen? Die gegenwärtige Agenda der Flatrate-Bordelle hat man ebenso eingearbeitet wie das Dauerthema Korruption im Umfeld des Bauens.

Dass die Figur des Mörders dadurch an Glaubwürdigkeit verliert, dass er so krank wirkt, andererseits aber geistig und körperlich sehr fit sein muss, um immer beim Fotografieren, Ermitteln, morden absolut präsent zu sein, also mehr Action im Leben hat als Thiel und Boerne zusammen, ist leider nicht von der Hand zu weisen, ebenso ist die Art und Weise, in der Thiel dem Landrat eine Falle stellen will, wirklich eine der schwächsten Szenen des Films darstellt. Klar, er soll so ungelenk wirken, weil er ja eine grundehrliche Haut ist, die einen korrupten Beamten nicht überzeugend darstellen kann, aber dass ein halbwegs versierter Politiker das nicht einfach hinnimmt, ist wohl klar. Vorwärtsverteidigung lernt man auf dem harten und den Charakter negativ verändernden Weg nach oben, wie so viele andere Tricks. Dass Thiel sich über seine Suspendierung wundert, darüber haben wir uns gewundert. Hätte der Landrat nicht so gehandelt, dass Thiel für dieses freche Angebot, das man ablehnen muss, eins auf die Mütze bekommt, hätte er sich erst recht verdächtig gemacht. Und dass Thiel die Kollegen von der Wirtschaftskriminalität behindert, steht wohl auch außer Frage. Die Einfachheit eines Plots geht manchmal doch zu Lasten der Authentizität.

Positiv heben wir vor dem Fazit hervor, dass Nadeshda Krusenstern wieder viel Spielzeit bekommen hat, dank der Suspendierung von Thiel, weniger schön: Dass sie als plötzlich Leitende Ermittlerin kaum etwas Eigenständiges beitragen darf. Dass Staatsanwältin Klemm am Tatort auftaucht, ist nicht nur für die Darstellerin Mechthild Großmann schön, sondern auch realistisch. In Berlin ist es z. B. mittlerweile üblich, dass bei Leichenfunden, die auf ein Gewaltverbrechen schließen lassen, ein(e) Vertreter(in) der StA dabei ist. Dafür kam Alberich dieses Mal etwas zu … kurz. Hüstel.

Glückwunsch zum 25. Fall!

„Der Hammer“ ist ein gelungener Jubiläumsfall, zu dem wir mit einer gewissen Erleichterung gratulieren. Wir verschenken fürs Jubiläum keine Punkte, aber wir kommen auch so auf eine Wertung, die leicht über dem Gesamtdurchschnitt aus fast 300 Rezensionen liegt.

Kriminalistisch wieder mit einigen Fragezeichen, aber die Synthese von klasse Plot und klasse Humor erwarten wir im Moment nicht und sind froh, wenn wenigstens eine Seite wieder dafür steht, dass man sagen kann, man freut sich richtig auf den Sonntagabend, wenn ein Münster-Tatort angesagt ist. Wir haben es neulich in einem anderen Tatort-Zusammenhang geschrieben: Wir verreißen Tatorte nicht gerne und wenn es geschieht, dann aus dem tief empfundenen Gefühl heraus, dass man uns als Zuschauer nicht wichtig genug nimmt und sich zu wenig Mühe gibt – oder Schlimmeres, wie Manipulationen in die falsche Richtung inszeniert.

Manipulativ ist Münster dieses Mal auch ein wenig, die Hemmschwelle zur Nachachmungstat an Baufuzzis, Zuhältern und Politikern wird immer weiter abgesenkt. Hätte der arme Täter überlebt, hätten wir vermutlich bei der Weiterbearbeitung des Falles im Internet den einen oder anderen Flashmob erlebt, der zu seinen Gunsten die Gerichtsverhandlung aus den Angeln gehoben und ein mildes Urteil bewirkt hätte.

Die Darsteller mussten einiges zeigen, aber das ist ihnen durchweg gelungen – was auf eine Regie deutet, die genau weiß, was sie will und die Wirkung kleiner Momente kennt. Wir haben mal nachgeschaut – Lars Kraume hat auch den weithin unterschätzten „Sag nichts“ vor gut zehn Jahren mit den Münsteranern gemacht. Wir mochten diesen Fall aber und ein ähnliches Gefühl von Stimmigkeit und vielen  netten Schmunzelstellen stellte sich auch heute Abend ein und aus der Vielzahl solcher Momente entstand ein Wohlfühl-Swing, der Kennzeichen der besseren Westfalen-Tatorte ist. Richtig losgelacht haben wir auch immer wieder mal, vor allem während der ersten Hälfte des Films. Wir geben 7,5/10 für „Der Hammer.“

© 2019, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke  

Hauptkommissar Frank Thiel – Axel Prahl
Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Nadeshda Krusenstern – Friederike Kempter
Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Silke Haller „Alberich“ – Christine Urspruch
Herbert Thiel – Claus D. Clausnitzer
Gunnar Roth – Rolf Peter Kahl
Hausmeister – Yusuf Erdugan
Obdachloser – Carsten Dittert
Busfahrer – Ernst Reimann
Baumarktchef – Rolf Dennemann
Bruno Vogler – Frank Zander
u.a.

Drehbuch – Lars Kraume
Regie – Lars Kraume
Kamera – Jens Harant
Musik – Christoph M. Kaiser, Julian Maas

Nachtrag zur Quote: Mehr als ein Drittel

Heute sind die Quoten für den gestrigen Münster-Tatort „Der Hammer“ bekanntgegeben worden (Rezension in der TatortAnthologie).

Mit 12,78 Millionen Zuschauern haben Thiel und Boerne sich beinahe selbst geschlagen („Summ, summ, summ“ brachte vor über eine Jahr 12,81 Millionen). Der Marktanteil lag aber mit 35 % noch besser als damals (34 %) – und der ist genauso aussagekräftig wie die nominelle Zuschauerzahl (Quelle: SPIEGEL online).

Wenn man die Qualität der beiden Tatorte vergleicht, hätte „Der Hammer“ noch ein Stück besser liegen müssen – oder „Summ, summ, summ“ schlechter. Aber so einfach liegen die Dinge ja nicht, das Zuschauerinteresse betreffend. Bestes Beispiel ist die neue Hamburger Schiene, die den Münsteranern zwischenzeitlich den Rekord abgejagt hatte.

Die Rekordzahlen beziehen sich allerdings auf etwa die letzten 20 Jahre. Die letzte deutlich bessere Zuschauerzahl fuhren Stoever und Brockmöller 1992 ein (fast 16 Millionen Zuschauer). Aber das waren andere Zeiten. Es gab auch Marktanteile von bis zu 70 % für Tatorte, aber damals mit zwei Sendern, nicht mit Hunderten, die um den deutschen Fernsehzuschauer ringen. Lange Zeit jagten die Privaten den Öffentlichrechtlichen immer mehr von diesen Zuschauern ab. Der Trend ist allerdings seit einiger Zeit gestoppt, und der Tatort hat daran einen nicht geringen Anteil. Obwohl wir die Inflation, die uns dieses Jahr vermutlich 40 neue Filme der Reihe einbringen wird, nicht unkritisch sehen, gibt die Auffächerung des Konzepts in immer mehr verschiedene Typen von Ermittlern den ARD-Machern recht.

Wir glauben sogar, dass die Beliebtheit des Münster-Team zu einem nicht geringen Teil für den Gesamt-Aufschwung der Tatorte verantwortlich ist, denn beinahe alle Tatort-Städte konnten im letzten Betrachtungszeitraum ihr Ergebnis verbessern (Kontinuität beim Personal vorausgesetzt, manchmal, wie in Hamburg, war es aber gerade der Wechsel, der Zuschauer vor die Bildschirme brachte).

Lange Zeit waren Marktanteile von etwa 20 bis 25 % für den Tatort das Maß der Dinge, man konnte nach der Attacke von Seiten des Privatfernsehens von einer Stabilisierung sprechen. Eine selbst produzierte Reihe mit diesem Aufwand und dieser Vielfalt werden die Privaten aber niemals anbieten können. Das ist ein absolutes Pfund, mit dem die ARD wuchern kann, Ergebnis jahrzehntelanger, kontinuierlicher Arbeit und ein Schatz, dessen Wert sich immer mehr zeigt. In den Zeiten der Unsicherheit und des Wandels ist der Tatort, auch wenn er sich selbst wandelt, ein Kontinuum, dauerhafter als die meisten Ehen und fast alle Jobs.

Umso sorgfältiger sollten die einzelnen Filme gemacht sein, denn es gibt auch immer mehr Menschen wie uns, die sich von diesem Faszinosum Tatort angezogen fühlen – es aber auch kritisch betrachten und sich entsprechend äußern, wenn sie den Eindruck haben, ihre Gebühren werden nicht sorgsam genug behandelt.

Denn diese sind es, welche die Öffentlichrechtlichen in die Lage versetzen, den Privaten letztlich den Finger zu zeigen, wenn sie es wollen und die richtige Produktpolitik betreiben. Die Werbeeinahmen der auf diese Gelder angewiesenen Sender stagnieren in einem immer mehr fragmentierten Markt, in dem neue Formen wie das Internet und dort wiederum Social Media etc. Budgetanteile der Werbung treibenden Firmen und Agenturen für sich abzweigen, aber die Gebühren von ARD und ZDF können stets so festgesetzt werden, dass das Angebot qualitativ hochwertig bleibt. Das ist im Grunde eine Wettbewerbserzerrung. Diese Ungleichheit trägt dazu bei, das geben wir gerne zu, dass wir von Tatorten mehr erwarten als von x-beliebigen Angeboten der Privatsender. Nicht so viel wie von Kinofilmen allerdings, das wäre wiederum nicht gerecht. Deswegen gibt es auch getrennte Bewertungsschemata für die Tatort- und die FilmAnthologie.

Was wir von der ARD erhoffen, nicht erwarten, ist der eine, der große Tatort, dem wir erstmalig eine 9,5 oder 10/10 schenken würden. Dieser Tatort könnte sogar aus Münster kommen, wenn sie es dort schaffen, die in „Der Hammer“ eingesetzte Humorkonzeption noch stringenter durchzuziehen und dazu einen makellosen Fall mit Figuren zu schreiben, die uns berühren, nicht nur, wie in „Der Hammer“, interessieren. Ein Tatort, so humorvoll, dramatisch und tragisch, dass man in raschem Wechsel Tränen lacht, das Atmen beinahe vergisst und sich die Spannung in heftigem Taschentüchergebrauch auflöst. Ein Film mit einem Lachen, mit Suspense und zum Heulen schön. So richtig ins Volle greifen, das ist ja ohnehin die klar erkennbare Tendenz, bei diesen einst bewusst karg und zurüchaltend inszenierten Krimis.

Träumen darf man ja mal, wenn man an Münster denkt, wo das Team das Zeug zu einem Mega-Tatort hat. Vielleicht mal den einen oder anderen Drehbuchautor ranlassen, der sonst hauptsächlich für Borowski tätig ist. Naja, dast nur so ein Gedanke. Eine Idee.

© 2019, 2014 Der Wahlberliner. Thomas Hocke 

2019-03-28 Tatort 907 Der Hammer Kommentare Altrezension üa

2019-03-28 Tatort 907 Der Hammer Kommentare Nachtrag zur Altrezension üa

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