Bombengeschäft – Tatort 1089 / Crimetime 262 // #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #Bombe #Geschäft #Tatort1089 #WDR

Crimetime 262 - Titelfoto © WDR, Martin Valentin Menke

Keine Bombenstimmung

Max Ballauf und Freddy Schenk wurden als Duo gleich mit einem Double Feature eingeführt: „Willkommen in Köln“ und „Bombenstimmung“. Explosiv war auch jener zweite Tatort aus dem Jahr 1997, aber dieses Mal kehrt man zurück in den Zweiten Weltkrieg. Es ist ja tatsächlich so, dass immer noch Fliegerbomben gefunden werden und entschärft werden müssen und dafür sogar die Bevölkerung in der Umgbung evakuiert werden muss. Ein Sprengteam, das auch Bodengutachten stellt, eine kleine Dienststelle, die sich nur um diese Belange kümmert und wie sie im Film gezeigt wird, ist also mindestens denkbar. Ob auch der Tatort bombig war, darüber klären wir in der -> Rezension auf.

Handlung 

+++ Bombenfund bei Bauarbeiten in Köln +++ Sprengmeister stirbt bei Explosion +++ Unfall ausgeschlossen? Die Kommissare Ballauf und Schenk ermitteln wegen Mordverdachts +++

Der Sprengmeister Peter Krämer wird bei der Explosion einer Fliegerbombe getötet. Ballauf und Schenk ermitteln wegen Mordes und finden eine Spur zu dem Unternehmer Gebel, der ein Bauprojekt plant, und zu Sascha Feichdinger, der wie Krämer ein Haus in dem Projekt kaufen wollte.

Es stellt sich heraus, dass Krämers Witwe Alena und sein Freund Haug den Bauunternehmer erpressen, weil dieser vorhandene Blindgänger auf seinem Areal nicht beseitigt hat. Deswegen musste Krämer sterben und auch Haug gerät in Lebensgefahr. 

Rezension

Der neueste Kölner Tatort wird die Ballauf-Schenk-Kurve, die wir unten abgebildet haben, nicht anheben. Das zeichnet sich auf der Plattform Tatort-Fundus bereits ab. Es liegt nicht hauptsächlich an der Kameraführung. Wir wollten schon ein Anbauteil für unseren Fernseher bestellen, da war der Tatort aber dann doch zu Ende. In Köln gab es schon öfters künstlerische Freiheiten im visuellen Bereich, wenn man so will, setzen die an- oder abgeschnittenen Gesichter eine Tradition fort, die man zuletzt vernachlässigt hatte. Back to the Kölle-Roots, auch durch den Anklang an den Titel eines Films aus 1997?

Ab hier mit Angaben zur Auflösung

Ja, doch. Das ist eine Linie, an der man diese Kritik entlangführen kann. Auch der Plot ist klassisch. Ein verzwickter Whodunit mit vielen Verdächtigen und Motiven, aber leider nicht ganz unvorhersehbar. Dass die Maiwalds etwas mit dem Tod des beliebten Sprengmeisters Peter zu tun haben mussten, das roch man relativ schnell. Vor allem, weil der Film mit der PC spielt: Der Versehrte im Rollstuhl kann es nicht gewesen sein. Auch nicht als Anstifter. Der Film ist nicht übermäßig rasant und auch nicht actionreich.

Nun folgt ein  Hinweis für diejenigen Menschen, die immer über die Gebühren für die öffentlichrechtichen Sender nörgeln, aber trotzdem Tatort schauen: Die Budgets steigen seit Jahren nicht mehr und das bedingt offenbar unter anderem, dass man keine Explosion mehr ins Bild setzen kann. Was geschieht, wird offscreen gezeigt und die Trümmerteile, die herumliegen, sind sehr, sehr spärlich und einen großen Bombenkrater kann man auch nicht feststellen. Die Explosion hätte viel größere Schäden auch an der Lagerhalle anrichten müssen, wie man auf dem alten Foto mit einem echten Bombeneinschlag in Köln sieht.

Die Frage muss also gestellt werden, ob es sinnvoll ist, Plots zu bauen, die im Grunde aufwendige Szenen und Setgestaltungen erfordern, genau das aber nicht mehr leistbar ist. Wir beantworten diese Frage hier nicht, sondern plädieren dafür, für die Tatorte mehr Geld auszugeben und dafür den einen oder anderen sonstigen Unfug aus dem Programm zu streichen. Oder ein paar Tatorte weniger pro Jahr zu drehen. Wir hätten kein Problem damit, wenn im Schnitt nur jede zweite Woche eine Premiere anstünde. Dass das schwierig ist, versteht sich: Man hat mittlerweile 21 Teams aufgebaut und die Fernsehkommissar_innen wollen, wenn sie Verträge für drei oder zwei Filme pro Jahr haben, nicht bloß einen drehen. Es ist ja auch eine finanzielle Frage, wenn man sich darauf einlässt, sein Gesicht für die deutsche Premium-Krimireihe in die Kamera zu halten und vielleicht dafür auf andere Rollen verzichtet. Es gibt zu Recht wohl keinen Rabatt, wenn nur das halbe Gesicht gezeigt wird. Also Teams, die aufhören, vielleicht nicht mehr ersetzen. Es muss nicht zwingend so sein, dass der SWR, der WDR und der NDR jeweils drei Schienen haben. Der NDR sogar vier, wenn man das Tschiller-Irrlicht mitzählt. Da könnte man beispielsweise kürzen, ohne dass viele Fans entsetzt wären.

Manchmal bieten sich einzelne Tatorte für grundsätzliche Überlegungen an und das ist auch kein Aprilscherz.

Vielleich hat es in dem Fall auch damit zu tun, dass der Film selbst trotz vieler Konflikte und Spuren zwischenmenschlicher Fails sehr glatt geworden ist. Die Alltagshelden Freddy und Max ermitteln sich durch einen Plot, in dem man nur durch Befragungen vorankommen kann. Mit Glück wird noch das Opfer DNA-mäßig festgestellt, aber natürlich kann es bei gegebener Lage keine Spuren des Täters geben. Die menschlichen Verhaltensweisen sind nachvollziehbar und die vielen Figuren gut skizziert. Jeder von ihnen erhält eine gewisse Individualität. Trotzdem ist der Effekt gegeben, den wir oben erwähnt haben: Der Unsympathischste ist am Ende auch der Täter. Wenn man sich die Motivation anschaut: Alles klar, er wollte eben seinem Vater was beweisen und auch mal sein eigenes Ding machen, mit einem Gutachten unter dem Radar des Dienststellenleiters, also ebenfalls seines Vaters. Man kann viel über Abhängigkeiten nachdenken und unerfüllte Emotionen, auch zwischen dem getöteten Sprengmeister und seiner Frau und dem Kumpel, welcher glaubt, der bessere Mann für sie zu sein, aber kein Mann mehr ist, die Konstruktion mit dem Spielhallenbesitzer.

Aber plotmäßig ergibt sich dadurch auch eine Überkonstruktion: Das Durchreichen von ein paar Euro im Monat durch Manipulation des immer gleichen Spielautomaten. Was, wenn der Mann sein Glück mal an einer anderen Maschine versucht hätte? Und dass sich Peters Frau ausgerechnet auf das Haus im Florakiez versteifen musste, das ein Kumpel ihres Mannes schon zugesagt bekommen hatte, nämlch der Spielhallenbesitzer und sie dem Bauträger gesteckt hat, dass dieser keine reine Weste vorweist und wie der Bauträger dann reagiert. Man müsste mal ein Diagramm aller Kausalitäten und Beziehungen aufzeichnen, wie die Cops es regelmäßig und auch in diesem Fall tun, um zu überprüfen, ob die Motivationen alle stimmig sind und die Zeitabläufe ebenso.

Eines ist uns auf jeden Fall fragwürdig erschienen: Der junge Maiwald hat ja kein Gefälligkeitsgutachten gemacht, sondern etwas übersehen. Dafür ist der Bauträger nicht verantwortlich zu machen. Nur hat Peter dann nachgearbeitet und festgestellt, dass im Gelände wirklich zwei Bomben liegen. Wie will er denn die Bombe unter dem bereits bestehenden Haus ermittelt haben? Okay, durch eine Sonde, die den Gegenstand unter der Erde irgendwie erfasst, durch die Bodenplatte des  Hauses offensichtlich. Geht das? Und warum hatte der Bauträger nur 24 Stunden Zeit, eine Bombenfreiheitsbescheinigung einzureichen, ansonsten wäre ein anderer zum Zug gekommen? Solche Fristen bei schon erfolgter Vergabe und weil etwas korrigiert oder nachgereicht werden muss, sind Quatsch und natürlich hätte man bei der Größe des Baugebiets ein Haus wieder abreißen lassen können, um die Bombe darunter zu entfernen, ohne dass gleich eine geschäftliche Schieflage entstanden wäre.

Bei dem Stapel von Interessenten, den der Bauträger immer wieder betont, hätte er Bauträger auf durch Rücktritt zustandegekommene Neuverträge verträge oder beim nächste Projekt etwas draufschlagen können, um die Verluste wieder rauszuholen, die dadurch entstanden sind. Außerdem dürfte ein Areal, das 400 Menschen ein  Heim bieten soll, wie im Film erwähnt wird, über 100 Häuser umfassen, da kann beim gegenwärtigen Immobilienhype die Kalkulation nicht durch ein einziges kippen, das ersetzt werden muss. Eine Rückstellung für eventuelle Baumängel und Nacharbeiten sollte es auch geben und möglicherweise sind solche Fälle auch zu versichern, nicht nur Rechtsstreitigeiten wegen Rücktritts-Abstandszahlungen. Und der Rücktritt selbst – war denn die Bombe genau unter dem Haus, das Peter kaufen wollte?

Finale

Wenn wir  mehr Zeit hätten, würden wir uns den Film nochmal anschauen, um die Sachfragen zu klären, die wir eben aufgelistet haben. So bleibt das Gefühl, dass das Bombengeschäft mit den vielen Blindgängern ein bisschen überstrapaziert hat, um nach 70 Jahren noch mit den Angriffen im Zweiten Weltkrieg hantieren zu können. Die Figuren und ihre Beziehungen sind aber mit viel Sinn für Schwingungen, Sehnsüchte, Fehlentwicklungen, die daraus resultieren und das viele Unerfüllte im Leben der meisten Menschen ausgearbeitet und warum nicht mal wieder ein klassischer Whodunit, bis auf die Halbgesichter klassisch gefilmt?

7/10

Vorwort – Die Bewertungskurve kehrt zurück

Heute rufen wir wieder einen Service zurück ins Leben, der einmal eine Spezialität des Wahlberliners war – in seiner ersten Erscheinung von 2011 bis 2016. Wir untersuchen die Tatort-Teams danach, wie sie mit ihren Filmen abschneiden. Geht das? Ja, es geht. Wir zeigen die aktuellen Durchschnittsbewertungen aller Fälle – und greifen dabei auf die Datenbank des Tatort-Fundus zu. Warum nehmen wir nicht die eigenen Bewertungen? Weil wir von den meisten Tatort-Teams noch nicht alle Filme rezensiert und vor allem hier noch nicht alle Kritiken, die über die Jahre entstanden sind, gezeigt haben – haben und weil es noch keine Tabelle über alle Rezensionen in „Crimetime“ seit Juni 2018 gibt, als der neue Wahlberliner gestartet war, in der man diese Bewertungen übersichtlich nachlesen könnte. Derzeit sind wir gerade dabei, das Filmarchiv und das Archiv „TatortAnthologie“ des „alten“ Wahlberliners zu leeren, nachdem wir den gleichen Vorgang für das von 2017 bis 2018 bestehende „Zwischenblog“ Rote Sonne 17 vor etwa einem Monat abgeschlossen haben.

Und hier die aktuelle Bewertungskurve für die Kölner Ballauf und Schenk, über die wir im Anschluss referieren werden.

2019-03-30 Bewertungskurve Tatorte Ballauf Schenk WDR KölnEs ist interessant zu sehen, wie die User mit der Zeit die Tatorte der beiden Kölner immer in kleinen Stufen abgewertet haben. Die neue, nach einer Pause von zweieinhalb Jahren erstellte Kurve zeigt das besonders deutlich – doch pro Zeiteinheit dürfte der Abwärtstrend nicht stärker ausgefallen sein als in den Jahren zuvor. Außerdem vermuten wir, dass es bei anderen Teams ähnlich aussieht, denn ihren guten Platz in der Rangfolge aller Tator-Ermittler_innen haben die Kölner ja gehalten.

Ein bisschen erstaunt uns dieser Trend insofern, als in den letzten Jahren Spitzentatorte eher weiter in in der Bewertung aufgestiegen sind. Bei den Kölnern sieht man das an „Franziska“ und „Ohnmacht“ – und wenn man genau hinschaut, auch an der Kurve, denn die neue Linie aus 2019 schließt nach diesen beiden Filmen etwas mehr zu den früheren auf. Nach diesen beiden Ausnahmefilmen wurde es wieder ruhiger, bei den Kölnern. Es gibt weiterhin eine, wenn auch nicht mehr steile, Abwärtsbewegung. Es läuft nicht schlecht für die Kölner, würden wir sagen. Diese Einschätzung mag angesichts des Verlaufs der Kurve oder der Kurven zunächst verwundern. Aber was die Leser_innen im neuen Wahlberliner noch nicht sehen können: Andere Teams zeigen ähnliche Entwicklungen, aber einige davon sehr viel stärkere Ausschläge und andere Verläufe – ein gutes  Beispiel dafür sind die WDR-Kolleg_innen aus Münster, die auch sehr hoch gestartet sind, aber dann eine Schwächephase hatten, die sie in der Ermittlerwertung hinter die Kölner zurückfallen ließ. Es ist so, dass man mit nunmehr über 70 Filmen nicht immer Volltreffer landen kann, das sieht man auch bei den Münchenern, die ähnlich hoch bewertet werden wie die Domstädter vom Rhein. Der Durchschnitt liegt bei 6,83/10 bzw. 6,81/10, Stand 30. März 2019.

Wir hatten lange darüber nachgedacht, ob wir diese aufwendige Art der Vorschaugestaltung reaktivieren, aber der Begriff Alleinstellungsmerkmal ist uns nicht fremd und nach 9 Monaten Nachdenken nun die Wiedergeburt der Ermittler-Bewertungstabellen. Was es bisher nie gab, nämlich eine Zusammenschau aller aktiven Teams in einem solchen Diagramm, hatten wir bereits angedacht, aber das ist wegen der unterschiedlich langen Dienstzeiten nochmal etwas anspruchsvoller darzustellen. Wie früher, werden diese Tabbellen etwas im Jahresrhythmus updaten, nicht nach jedem neuen Film eines Teams.

Und wie ist der neue Film? Was macht er für die Bewertungskurve? Wir werden es am morgigen Abend erfahren.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Titel Komponist Interpret
Enola Gay Andy Mc Cluskey OMD

Die übrige Filmmusik wurde eigens für den Tatort von Fabian Römer komponiert und ist nicht im Handel erhältlich. Vor- und Abspannmusik stammt von Klaus Doldinger.

Rolle Darsteller
Max Ballauf Klaus J. Behrendt
Freddy Schenk Dietmar Bär
Norbert Jütte Roland Riebeling
Dr. Roth Joe Bausch
Alena Krämer Alessija Lause
Alexander Haug Sascha Alexander Geršak
Maiwald senior Ralph Herforth
Joachim Maiwald Adrian Topol
Musik: Fabian Römer
Kamera: Marc Liesendahl
Buch: Thomas Stiller
Regie: Thomas Stiller

 

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