Blutschrift – Tatort 634 / Crimetime 273 // #Tatort #Leipzig #Sachsen #Blutschrift #Ehrlicher #Kain #Blutschrift

Crimetime 273 - Titelfoto © MDR, Hardy Spitz

Die Lässigkeit der späten Jahre

Wieder einmal ein Ehrlicher-Kain aus der späten Leipziger Phase – ist der Film so, wie man ihn aus dieser Zeit erwartet? Ein bisschen mehr als das. Die Lockerheit der späten Filme des Duos ist hier besonders ausgeprägt, außerdem ist „Blutschrift“ vom Milieu sehr interessant. Für Freunde des geschriebenen Wortes allemal. Buchrestauratoren, Antiquare, Archivare, Spekulanten. Alles sehr ähnlich der Welt der Bildenden Kunst, aber bei Büchern kann man trefflicher über die Inhalte witzeln. Witzeln wir mit oder wird es ernst in der -> Rezension?

Handlung

Die wohlhabende und leidenschaftliche Sammlerin antiquarischer Bücher Maximiliane Schlösser wird in ihrer Villa tot aufgefunden. Sie scheint wegen des Stichs mit einem Dolch verblutet zu sein. Für die Hauptkommissare Ehrlicher und Kain weist alles auf einen Raubmord hin. Doch Frau Schlössers Cousine und Assistentin Dr. Ursula Hertel geben an, dass in der Villa nichts entwendet wurde. Doch die Kommissare finden unter der Toten eine Farbkopie der verschollenen ?Blutschrift?.

Diese, so erfahren die Kommissare von Professor Berg, dem Chefbibliothekar der Deutschen Bücherei, ist ein etwa tausend Jahre altes Manuskript, das ein Benediktinermönch mit seinem eigenen Blut geschrieben haben soll. Dem alten und äußerst wertvollen Buch sagt man nach, dass es schon immer Tod und Verderben über seinen Besitzer gebracht habe. Die Obduktion ergibt, dass sich Frau Schlösser mit dem Dolch nur verletzte und durch Schläge auf den Kopf getötet wurde. Die Kommissare gehen davon aus, dass Lösung des Falls mit der begehrten ?Blutschrift? zusammenhängt. Kriminaltechniker Walter bringt die Kommissare auf die Spur von Jens Tegner, einem Buchrestaurator, mit dem die Sammlerin noch kurz vor ihrem Tod telefonierte.

In dessen Wohnung findet Ehrlicher jedoch nur dessen Ex-Freundin Silke Weinrich und eine gepackte Reisetasche. Silke vermutet, dass ihr Verflossener mit seiner neuen Liebe Martina Matussek – Prof. Bergs neuer Assistentin – verreisen will. Als sich die Wollfussel, die Ehrlicher einem Pullover Tegners entnimmt, als identisch mit denen erweisen, die am Tatort gefunden wurden, leiten die Kommissare eine Fahndung nach dem tatverdächtigen Tegner ein. Aus der Villa der Ermordeten werden zudem wertvolle Bücher gestohlen und es taucht eine mumifizierte Leiche auf. Die Kommissare finden heraus, dass Silkes Weinrichs Vater, der ein kleines Antiquariat betreibt, früher in der DDR mit Hilfe seiner damaligen Assistentin Dr. Hertel Bücher in den Westen verkaufte – seine Geschäftspartnerin damals war Maximiliane Schlösser. 

Rezension

Eine Fälschung kommt allerdings nicht vor, wird nicht einmal angedacht, und das ist sicher eine Schwäche des Films. Weitere Probleme liegen in der Handlungskontinuität. Man denkt nicht nur, der Tote müsste viel früher gestorben sein, als es sich später ergibt, es ist auch unverständlich, warum nicht früher ein DNA-Abgleich zwischen Mumie und Vermisstem gemacht wird, was ja offenbar möglich ist. Dann wäre die Identitätsfeststellung ziemlich schnell erledigt gewesen.

Dafür sind Figuren und Motive gut inszeniert, und die vielen mehr oder weniger skurrilen Ideen in dem Film tendieren Richtung Münster, und diese Schiene gab es ja 2006 nicht nur bereits, sie hatte damals auch in etwa ihren Höhepunkt erreicht. Klugerweise hat man dennoch etwas Abstand gehalten, denn Ehrlicher und Kain sind nicht Thiel und Boerne. Die Atmosphäre, die Farb- und Rauminszenierung, die Episoden-Charaktere haben allerdings schon einen Münster-Touch. Allerdings gab es bei den Frauenfiguren noch eine kleine Besonderheit.

Ich hatte schon auch einen persönlichen Bezug zu dem Film und mich gefragt, ob ich mich lieber von der eisheißen Blonden hätte stalken oder von der schwarzen Hexe hätte verhexen lassen. Gut, dass ich das nicht entscheiden musste, aber die Tochter des Antiquars rekurriert summarisch auf zwei oder drei Frauen, die ich in der Realität erleben durfte und diese Mischung aus ruppiger Kühle, Überspanntheit und verquer vorgetragenen Gefühlen, alles zusammen sehr unausgeglichen wirkend, aber sehr interessant, ist mir schon begegnet. Ich kann nur vor Frauen mit winzigen, nicht besonders gut ausgeformten Öhrchen warnen.

Ein Scherz oder auch nicht. Wie viel sagen optische Merkmale über uns aus, jenseits und diesseits von Attraktivitätswerten – ein spannendes Thema, aber hier selbstverständlich keines mit Vorrang.  Viel wichtiger: Wie schade es im Nachgang ist, dass Ehrlicher und Kain kurz nach diesem Tatort aufgehört haben (es war der fünftletzte Film der beiden, die restlichen entstanden 2006-2007). Sie sind nun einmal Ost-Identifikationsfiguren in einem Westformat und haben uns die Befindlichkeit der Menschen, die 40 Jahre hinter dem Eisernen Vorhang gelebt haben, gut nähergebracht. Anfangs etwas sehr didaktisch, wenn man es auf Bruno Ehrlichers Ausführungen und auch auf die Abhandlung  von Ost-West-Themen bezieht, die vor allem in der ersten, der Dresdener Zeit der beiden zu bemerken war.

2006 hatte man weniger triste oder anklagende Varianten gefunden, deshalb wirkt Leipzig tatortmäßig weniger düster als Dresden: Auch in „Blutschrift“ gibt es wieder etwas aus den alten Zeiten, als im Osten Bücher in den Westen verhökert wurden, um Devisen zu beschaffen und dort raffgierige Menschen saßen, die aber immerhin auch einen Sinn für den Wert der Dinge hatten. Und so wird aus dem Verwalter des Zentralantiquariats ein privater Central-Antiquar. Das Ganze ist sogar recht differenziert dargeboten und auch die Engpässe der Wirklichkeit des Jahres 2006 kommen nicht zu kurz, nämlich, dass der Verwalter des Zentralarchivs quasi Bücher aus dem eigenen Bestand illegal weitervermittelt, damit sie wenigstens so aufwendig restauriert werden können, wie sie es verdienen.

Der Okkultismus ist mehr oder weniger ein Gag, wie sich in der Szene mit der Neonröhre zeigt, die Reaktion zeigt, wenn von der Blutschrift die Rede ist. Und dass alle, die mit dem Text zu tun haben oder bekommen, in Probleme geraten und dabei umkommen, erklärt sich auch ohne Hexerei, zumindest, soweit es die Vorkommnisse im Film angeht. Ob Bücher beim Restaurieren wirklich schockgefroren werden, entzieht sich meiner Kenntnis, aber die Idee ist nett. Die Mumie hingegen als Gegenstand der Ermittlungen hingegen eher tückisch, siehe oben.

Finale

Die Ermittler, denen ich beim Start der Anthologie und dem damaligen Zwang zur Prioritätensetzung eher wenig Beachtung schenkte, darunter Ehrlicher und Kain, haben sich gut gemacht und sind in meiner persönlichen Wertung ständig gestiegen. Ähnliches wie für die beiden Parade-Ossis gilt für den Parade-Schwaben Ernst Bienzle. Das Problem ist, dass diese Ermittler selten mit herausragenden Drehbüchern nach oben geschossen wurden und dass ihre Filme in der Regel nicht zu den Hits, den Klassikern des Dauerformats Tatort zählen, die man immer wieder zitiert, wenn es darum geht, die Besten aus mittlerweile 1000 Filmen herauszuheben. Das wirkt sich natürlich auch auf die Bewertung der Figuren aus, sodass die Ermittler in Ranglisten immer unter „ferner liefen“ bleiben müssen.

Gerade Ehrlicher und Kain haben aber einen wichtigen Beitrag geleistet, denn zu ihrer Zeit und noch lange danach war der Standort in Sachsen der einzige im Osten der Republik, während es im Westen schon mehr als ein Dutzend gab. Dass der Polizeiruf weitergeführt wurde, der in der DDR als Antwort auf den Tatort entstanden war, ist eine andere Sache, denn das Format erhält medial nicht ganz die Aufmerksamkeit wie die Schwesterreihe,  nach Zuschauern kommt es aber nah an den Tatort heran. „Blutschrift“ spiegelt auch wieder, wie sich die Dinge in 15 Jahren seit der Einheit „normalisiert“ hatten. Die harten Gegensätze und Thesen, die anfangs gängig waren, sind Mitte der 2000er hinter einen schon mehr gemeinsamen Horizont zurückgetreten und, wenn man es fortschreibt: Was uns heute betrifft, sind in der Regel Probleme, die erst nach der Wiedervereinigung entstanden sind, einige sicher auch aus ihr heraus. Aber sie werden doch schon eher als gemeinsame Angelegenheit begriffen, bei denen es keine Schuldzuweisungen in eine Richtung geben sollte.

In „Blutschrift“ trifft man sich genau mittig: Einst gab es zwei System, von denen eines nahm, das andere geben musste, weil es klamm war, das drückt sich in den beiden älteren Damen aus, die sich mit Büchern befassen, in der Stellung des Zentralantiquariats, und 15 Jahre später ist der Wert der Dinge zwar anerkannt und es gibt grundsätzlich eine angemessene Befassung mit alten Büchern, aber private Antiquare, besonders, wenn sie noch zu Ostzeiten sozialisiert sind, müssen hart ums Überleben kämpfen, während die schon im vereinten Deutschland geborenen Kinder das Kommerzielle besser können, und gleichzeitig ist das Geld immer noch nicht ausreichend, um allen Büchern eine ihrem historischen Wert gemäße Behandlung zukommen zu lassen. Das Kulturerbe hat’s nach wie vor nicht leicht.

7,5/10

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Alexander Platz

Hauptkommissar Ehrlicher – Peter Sodann
Hauptkommissar Kain – Bernd Michael Lade
Silke Weinrich – Bernadette Heerwagen
Professor Ernst Born – Hans-Werner Meyer
Dr. Ursula Hertel – Karin Gregorek
Maximiliane Schlösser – Doris Kunstmann
Frederike – Annekathrin Bürger
Techniker Walter – Walter Nickel
Jens Tegner – Julian Weigend
Martina Matussek – Mina Tander
Günter Weinrich – Gert Baltus
u.a.

Drehbuch – Holger Jancke
Regie – Hajo Gies
Kamera – Thomas Etzold
Musik – Günther Illi

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