Waldlust – Tatort 1050 / Crimetime 272 // #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal # kein #Kopper #Stern #Waldlust #Wald #Tatort1050 #SWR #LU

Crimetime 272 - Titelfoto © SWR, Martin Furch

Nach Kopper ein Neuanfang?

Lena Odenthal, die dienstälteste Tatort-Kommissarin, geht wieder neue Wege. Das ist genau das, was hier lange gefordert wurde, als ihre Fälle im konservativen Mittelmaß stecken geblieben sind. Ist nun Regisseur Axel Ranischs zweiter Ludwigshafen-Tatort die richtige Richtung, Betagtes neu zu beleben, gar neu zu denken? Wir klären das in der -> Rezension.

Handlung

Zum Coachingwochenende mit Team-Trainer Simon Fröhlich fahren Lena Odenthal und ihre Kollegen Johanna Stern, Peter Becker und Frau Keller in ein abgelegenes Hotel mitten im Schwarzwald. Schon bei der Ankunft wird klar, warum Frau Keller das Hotel so günstig bekommen hat: Die guten Tage des „Lorenzhofs“ sind definitiv vorbei. Der eine Betreiber, Bert Lorenz genannt Humpe, wirkt ausgesprochen abweisend; die andere, seine Nichte Doro, dafür überaus beflissen.

Eine hauseigene Diva gibt es auch: die als Dauergast durchs Hotel geisternde alte Schauspielerin Lilo Viardot. Zwar lassen sich die Kommissare von den Seltsamkeiten erst mal nicht schrecken. Als sie aber im vegetarischen Abendessen einen menschlichen Knochen finden, ist ihre Ermittlerneugier geweckt. Von dem ortsansässigen Polizistenpärchen Jörn und Elli Brunner erfahren sie, dass Hotelbetreiber Humpe wegen Mordes an seiner Schwägerin zwölf Jahre Gefängnis abgesessen hat und seit seiner Rückkehr eine Privatfehde gegen Jörn Brunner führt.

Doro wiederum scheint überzeugt, dass ihr Onkel unschuldig im Gefängnis saß. Die Kommissare lassen das Coaching Coaching sein und konzentrieren sich auf die Suche nach Indizien. Hat jemand sie mit Absicht in den Lorenzhof gelockt? Und gibt es tatsächlich einen unaufgeklärten Mordfall? Während draußen ein Schneesturm das Hotel von der Welt abschneidet, ermitteln Lena Odenthal und ihr Team in einem Fall, der nicht nur immer mysteriöser, sondern auch gruseliger wird.

Mehr zum Film

Ein unheimliches altes Haus, Figuren, die offensichtlich etwas zu verbergen haben, im Keller vergrabene Knochen: Im „Tatort: Waldlust“ wird es lustvoll-schauerlich für die Ermittler und das Publikum. Mit einem Ensemble improvisationserfahrener Schauspieler drehte Regisseur Axel Ranisch einen Tatort, der die tödliche Familiengeschichte aus der Vergangenheit mitten in die gruselige Gegenwart holt. Filmkomponistin Martina Eisenreich schrieb auf der Grundlage des dialoglosen Drehbuchs von Sönke Andresen eine viersätzige Tatort-Symphonie für großes Orchester, die schon die Dreharbeiten begleitete und von der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz eingespielt wurde. (Werbetext der ARD)

Rezension

Mit der 97jährigen Ruth Bickelhaupt als Filmdiva Lilo Viadot hat man auf jeden Fall einer der ältesten Darstellerinnen eingesetzt, die je in einem Tatort mitgespielt haben. Vielleicht die älteste. Da war so ein Hauch von „Sunset Boulevard“ drin, aber vollkommen auf den Kopf gestellt durch die pfälzische Landatmosphäre im ehemaligen Promi-Hotel. Bereits unweigerliche Übertreibungen wie „Hier traf sich die deutsche Prominenz in den 1980ern“ weisen auf das Absurde hin. Und die Diva Viadot, die müsste ja eher in den späten 1930ern so richtig Karriere gemacht haben. Die Fotos von ihr, die eingeblendet werden, also von der Figur, die stammen aber eher aus den späten 1920ern. Das ist nur ein kurzer Blick auf das Ganze.

Als ich kurz in die Wikipedia geschaut habe, las ich, Hans-Georg Rodek in seiner Kritik in „Die Welt“ das Wort Dekonstruktivismus verwendete. Das hatte ich vor dem Lesen dieses Auszugs auch im Kopf. Aber nicht nur Lena Odenthals Kommissarinnen-Figur betreffend, sondern das gesamte Krimi-Szenario. Dass die Dialoge improvisiert sind, darauf kann man kommen, muss man aber nicht. Es hätte auch eine Zwischenform sein können: Die Dialoge sind sehr wohl vorgegeben, aber bezüglich der Tonlage und der Wortwahl herrscht eine gewisse Freiheit. So ist „Improvisation“ in solchen Fällen wohl auch gemeint, denn der Film hat sehr wohl ein Drehbuch und ein Tatort funktioniert nicht als Spontantheater.

Aber hat nun die Erweckung der Ludwigshafen-Schiene funktioniert?

Das ist wieder ein Love-it-or-leave-it-Film geworden. Unglaublich skurril, der traditionelle Tatortgucker lässt durchblicken, sowas hätt’s früher nicht gegeben. Und dafür so viele Gebühren. Und dann noch ein sinfonischer Score, das ist ja schon sehr besonders. Hat mir übrigens gefallen, ich mag es füllig, auch mal bisschen bombastisch, wenn es zum Konzept passt oder, wie hier, einen Verfremdungseffekt hat.

Aber es ist eben doch ein deutscher Tatort, kein Hollywoodfilm. Die Musik hat nicht so viele verschiedene Melodien, dass man daraus ein tolles Album machen und damit das Tatort-Merchandising richtig in Schwung bringen könnte. Trotzdem für mich eine gute Idee. Eigentlich wünsche ich mir sowas schon lange, weil mir die deutschen Krimis oft zu sparsam unterlegt sind. Der Tiefpunkt waren sicher die mit einem Synthesizer bespielten Tatorte der 1980er oder frühen 1990er. Aber ich hätte gerne mal ein richtiges Krimi-Melodram, in dem alle Emotionen ihre eigene Musik bekommen. Das kann auch gerne wieder als ironische Brechung angelegt sein. Muss es eigentlich, in unseren Zeiten, wir haben ja nicht die 1950er. Nachtrag 2019: Mittlerweile ist die Komposition eigener sinfonischer Musik für einen Tatort und der Einsatz des sendereigenen Orchesters ein kleiner Trend geworden, jüngst sehr eindrucksvoll bestätigt im Hessen-Tatort „Murot und das Murmeltier„. Für „Die Musik stirbt zuletzt“ aus der Schweiz wurde zwar kein eigener sinfonischer Score komponiert, aber die Stimmung wurde stark beeinflusst durch die sinfonische Musik, die von KZ-Insassen komponiert wurde und hier zur Aufführung kam.

Und jenseits der Musik?

Ich mochte den rüden Umgang mit fast allem, was immer noch einen deutschen Fernsehkrimi ausmacht, habe mich natürlich gefragt, ob dies einer der Experimentaltatorte ist, von denen es ja künftig nur noch etwa zwei pro Jahr geben soll. Ich glaube, man muss die Definition dann sehr eng setzen, dann geht das Meiste auch unterhalb des Experiments durch, was noch vor ein paar Jahren wohl jeder als ein solches angesehen hätte, der dieses Premium-Krimiformat in seiner Entwicklung verfolgt hat. Aber grundsätzlich ist es sinnvoll, auf diesem Weg weiterzugehen, denn es gibt mittlerweile mehr als genug traditionell gestrickte Fernsehkrimis in Deutschland und der Tatort war immer schon vergleichsweise innovativ. Den Zeiten angepasst, also in den 1980ern und frühen 1990ern weniger als in der Anfangszeit und in den letzten Jahren.. Entweder erhält er sich diese Position als Schrittmacher oder er wird austauschbar.

Im Grunde ist auch die Richtung des Experiments frei wählbar. Berlin hat sich neulich mit einem Film-im-Film-im-Film Tatort hervorgetan („Meta“ mit einer Mise en abyme), in Frankfurt gab es 2017 einen richtigen Horrorgrusel-Krimi. Im Grunde sind auch viele Teams experimentell, denn jeder, der sie arbeiten und als Personen agieren sieht, kann sich denken, dass sie nicht die Polizeiwirklichkeit reflektieren. Das muss man eben zulassen, es an sich heranlassen. Wer nicht über diese Schwelle zum Irrealen steigt, der wird sich über die erwähnte Verschwendung von Rundfunkgebühren ärgern. Mir gelingt der Zugang zu Filmen wie „Waldlust“ eher als zu dem Kinderkram, wie er zum Beispiel für den MDR in Weimar produziert wird. Nicht, dass die Skurrilität des neuen LU-Films nicht auch etwas Kindliches und Naives hätte, aber da macht das Team viel aus.

Das Team ist nicht kindlich und naiv?

Bis auf Lisa Bitter als Johanna Stern sind ja alle schon lange dabei, richtige Urgesteine, Kopper ging allerdings im letzten LU-Fall, der auch seinen Namen trug.

Was wir sehen, sind also keine Newbies, die sich als Schauspieler versuchen und deren Art, deren Gepräge erbarmungslos unempathisch wirkt, sondern wir sehen bewährte Darsteller_innen, die auf neue Wege geschickt werden – und doch die sind, die wir kennen, nur etwas mehr sie selbst als bisher. Sie können ihre Rollen besser ausleben und auch ein wenig satirisch damit umgehen. Das ist ein großer Unterschied, weil da auch ein wenig Staunen, manchmal ein wenig Mitleid dabei ist, darüber, was die jetzt alles durchmachen. Und wie sie mitmachen und vielleicht sogar Spaß dabei haben. Das Titelfoto lässt darauf schließen. Es handelt sich nicht um einen Szenenausschnitt, sondern um ein „Still“ zu Promotionzwecken.

Sogar Ulrike Folkerts, die ja ein sehr strikter und sicher auch eher ernster Typ ist, lässt sich auf den Fez ein und kommt – meistens – gut dabei weg. Bei Lisa Bitter merkt man an einigen Stellen, dass sie noch nicht die Erfahrung hat wie die anderen, aber sie könnte einer der wichtigen Darstellerinnen für die Tatort-Zukunft werden, weil sie von allen jüngeren Frauen, die wir mittlerweile sehen, für mich die realistischste und ihre Rollenfigur die zugänglichste ist – ohne sich anzubiedern oder zu glatt zu wirken. Viele andere sind so abgedreht, dass sie die Identifikation des Zuschauers kaum zulassen, und finden wir doch wichtig, wenn ein Format nicht nur ein Statement sein, sondern auch weiterhin breite Akzeptanz finden soll. Sicher auch ein Grund, warum z. B. der Grenzgänger Faber in Dortmund mittlerweile viel  mehr emotionale Punkte sammeln darf als in seinen ersten Fällen.

Funktioniert denn die Identifikation hier?

Das Team erleichtert sie. Da viele Tatortzuschauer Lena Odenthal schon abgeschrieben haben, kommen sie natürlich nicht mehr so leicht aus dieser Ecke, aber ich finde das, was hier inszeniert wurde, mutig und begrüßenswert. Auch wichtig ist, dass Odenthal und Stern plötzlich ein beinahe zärtliches Verhältnis zueinander haben; in einem solchen Film auch ein Element von vertrauter Zugewandtheit zu entdecken, sorgt für  Entspannung.

Das Gezicke zwischen den beiden hat mit dazu geführt, dass die LU-Tatorte der letzten Jahre als nervig empfunden wurden, vor allem war es eine der sinnlosesten, durch die handelnden Typen im Grunde nicht unterlegten Frontstellungen dieser Art, die man bei insgesamt 21 Teams beobachten konnte. Lena Odenthal hätte sich zum Beispiel, als Stern kam, viel mehr daran erinnern müssen, wie es bei ihr damals war, als sie unter Männern angefangen hat, mehr sich selbst als junge Frau wiedererkennen dürfen. Und Stern war zu kapriziös angelegt. Für mich hat das wie eine sehr künstliche Würze für ein mittlerweile etwas fades Konzept gewirkt.

Vieles läuft eben doch auf einer sehr subjektiven Ebene.

Je weniger es „Mainstream“ ist, desto weiter gehen die Meinungen auseinander, das ist ganz natürlich. Ich nahm beispielsweise viele nette Bezüge wahr, die auch zum klassischen Krimi leiten und natürlich zum Coaching. Im Grunde ist es ein Bootcamp, was wir hier sehen, nur weniger physisch orientiert und gerade dadurch, dass alles aus dem Ruder läuft, besonders das Coaching, bekommt das Team die Gelegenheit, sich auf eine großartige Weise als solches zu bewähren. Ich bin gespannt, wie sich das dann zeigen wird, wenn alle wieder auf der Dienststelle in Ludwigshafen sind. Wäre schade, wenn die hier gelegte Spur zu eine echt tollen Zusammenarbeit sich wieder verlieren würde.

Weiterhin ist der Film ein typischer Agatha-Christie-Plot: Eine Reihe von Menschen sind in einer zusammen, von der Welt abgeschnitten, in der natürlich kein Telefon funktioniert, es nicht mal ein Handynetz gibt oder die Handys eingesammelt werden, GPS scheint auch nicht zu funktionieren und nach dem Sturm soll der Ort nicht mehr erreichbar sein. Ist heutzutage grenzglaubwürdig, aber z. B. auf Nordseeinseln immer noch gut zu inszenieren. Letzte Woche wurde im Kiel-Tatort „Borowski und das Land zwischen den Meeren“ daraus zu wenig gemacht, in „Waldlust“ wird es dafür schön überdreht und das Absurde daran kommt gut rüber.

Wie war der Film dramaturgisch?

Ebenfalls wichtig, wenn auch nicht zentral. Die Rahmenhandlung fand ich etwas überkonstruiert und das waren auch die Momente, in denen Lisa Bitter für mich ein bisschen mehr hätte zeigen, durch ihren Ton und Art der Verhörführung etwas mehr Spannung hätte aufbauen dürfen. Mich haben diese Momente jedes Mal etwas gestört, wenn sie aus der Binnenhandlung herausgeführt haben. Natürlich ein guter Trick, die niedergeschossene Kollegin, denn niedergeschossen heißt, wie wir am Ende erfahren, nicht erschossen. Allerdings, warum hat der bisher Unschuldige das denn getan? Weil er halt leicht hochgeht, okay. Das hat man ja an anderen Stellen auch gesehen. Im Film wird die Frage gestellt und nicht beantwortet, aber natürlich hat er es aus dramaturgischen Gründen getan, nicht vor allem, weil es bei diesem Charakter zwingend gewesen wäre. „Waldlust“ hat eine richtige Dramaturgie und ein cooles, fast Tarantino-haftes Finale.

Finale

Der Ludwigshafen-Tatort wirkte eine Zeitlang sehr festgefahren, das kann man in Bezug auf und nach „Waldlust“ nicht mehr behaupten. Das ist gut, weil die Figuren mit Filmen wie „Waldlust“ gestärkt werden, und zwar alle.

Die Inszenierungen der Tatorte, so mein Gefühl, entwickeln sich in den letzten Jahren geradezu im Zeitraffer. Sehr spannend, wo das hinführen wird. Aber es gibt auf internationaler Ebene Bewegung und wenn das deutsche Krimi-Premiumformat nicht zurückfallen will, muss es Filme wie „Waldlust“ wagen und dabei etwas Eigenes, auch Landestypisches auf die Beine stellen – ähnlich wie in den frühen 1960er mit den Edgar-Wallace-Filmen, die ja echt deutsch waren, auch wenn sie in England spielten. Erst im Lauf der Zeit hat man verstanden, wie exploitativ, überdreht, ironisch sie waren. Ich habe gerade in den Tatort-Fundus geschaut, derzeit wird „Waldlust“ leider sehr niedrig bewertet. Ich würde gerne schreiben, die Zeit wird es richten, aber erfahrungsgemäß schreiben sich solche Bewertungen langfristig fest. Ich bin jedoch schon jetzt anderer Ansicht als die Mehrzahl der Fans.

8/10

© 2019, 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Ermittlerin Johanna Stern – Lisa Bitter
Kriminaltechniker Peter Becker – Peter Espeloer
Sekretärin Edith Keller – Annalena Schmidt
Hotelbetreiber Bert „Humpe“ Lorenz – Heiko Pinkowski
Dorothee „Doro“ Lorenz, Nichte von Bert – Eva Bay
Trainer Simon Fröhlich – Peter Trabner
Polizist Jörn Brunner – Jürgen Maurer
Polizistin Elli Brunner – Christina Grosse
Tänzerin Lieselotte „Lilo“ Viardot – Ruth Bickelhaupt
u.a.

Drehbuch (Konzept) – Sönke Andresen
Regie – Axel Ranisch
Kamera – Stefan Sommer
Schnitt – Susanne Heller
Szenenbild – Lena Moritzen
Ton – Robin Hörrmann
Musik – Martina Eisenreich

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