„Sei Laber. Sei Rhabarber. Sei Berlin.“ Braucht Berlin einen neuen Slogan? (taz) #BeBerlin #Berlin #Slogan #Mietenwahnsinn #wirbleibenalle #Marketing #BerlinMarketing #Tourismus, #NYC #Paris #London #Wien #Widerstand #DWenteignen #ExpropriatonCity #CityofExpropriation #Expropriation #Municipality #Barcelona

In jenem Jahr, als wir nach Berlin zogen, hatte Berlin einen Slogan. Nein, es war nicht „Be Berlin“ oder „be Berlin“, wie es im Logo geschrieben wird. Nicht der Claim, der nun ersetzt werdne soll, die taz berichtet darüber.

Diese höchst simple Message wurde erst ein Jahr nach unserer Ankunft erfunden. Wir sind noch einfach so hergekommen, ohne Berlin sein zu wollen. Ich  verwende den taz-Beitrag aber zu einem Streifzug. Als wir eintrafen, galt der komplexere Spruch „Arm, aber sexy“.

Den Claim hatte sich der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit noch persönlich ausgedacht. Dafür und um festzustellen, wann er veraltet ist, brauchte es keine Marketingagentur, wie sie jetzt beauftragt wurde und deren Arbeit von der taz kritisch bewertet wird. Damals jedoch konnte die Politik Marketing noch selbst.

Mein Eindruck nach ein paar Jahren übrigens: Arm stimmte und stimmt immer noch, aber nicht mehr ganz so sexy. Aber bald gab es ja dann „Be Berlin“, das war so herrlich neutral. Ich dachte immer. Wie ist das eigentlich, Berlin zu sein? Bis heute steige ich nicht dahinter, wie es ist, eine Stadt zu sein.

Es existiert aber noch kein neuer Spruch, die Dissertation der Marketingexperten enthält eigentlich nur eine Zustandsbeschreibung. Marketing kein Rocket Science, aber schrittweise ist wichtig. Erst die Analyse, dann der Innovationsprozess. Es wurde also weitschweifig festgestellt, dass „Be Berlin nicht mehr das Zeitgefühl wiedergibt.“

Klar, bei den vielen Menschen, die nur hier sind, weil es woanders noch schrecklicher ist, oder? Oder die sich nicht als Stadt, sondern vor allem als sie selbst fühlen.

Was meint die taz?

Wir erlauben uns, einen Ausschnitt  zu zitieren, den wirklich schön geschriebenen Schlussabsatz:

Die DNA der Stadt, das sind ihre Menschen. Jene Menschen, die zunehmend aus der Innenstadt verdrängt werden; die keinen Yuppie-Bullshit-Job abkriegen und nicht angepasst aus Werbe­broschüren grinsen. Nur sie sind der Garant dafür, dass die Stadt anders ist, etwa wenn sie einen Google-Campus verhindern oder den Verbleib ihres Bäckers erstreiten. Das ist Berlin.

Alles andere ist Laber Rhabarber. LaberBerlin. Der Schlussabsatz der „taz“ trifft es und hat uns berührt.

Warum hat der Spruch ausgedient?

Das behaupten die „Marketingfuzzis“. Ich fand ihn immer schon inhaltsleer. Ich habe noch keinen Menschen getroffen, der Berlin darstellen kann. Außer, er zieht sich ein Bärenkostüm über.

Es ist die Summe einer großen Menge von Individuen ist, die den Geist einer Stadt ausmacht. Freilich – es gibt wichtige Aussagen, die man kurz zusammenfassen kann, in ein Wort gießen kann. Berlin bleibt. Berlinbleibt. Alle, die dieses Berlin ausmachen, sollen bleiben. Ist auch ein Teil von „Berlin bleibt stets Berlin“, da kann kommen, was will. Im Moment ist das bleiben dürfen ein ganz großes Thema.

Wenn Berlin tatsächlich unterscheidbar bleiben soll, dann eben nicht dadurch, dass es andere Städte imitiert, die im Rattenrennen um die meisten nicht nachhaltigen Investoren, die ein paar „Bullshit-Jobs“ mitbringen, vorne sein wollen. Eine andere Ebene: Diese Suche nach dem besten Angebot beschäftigt auch auch Nationalregierungen, die ebenfalls in Konkurrenz stehen. Da gibt es auch keine EU-Freunde mehr, wenn es um das beste Angebot für einen Investitions-Standort geht. Die Bundespolitik hat schon deswegen ein großes Interesse daran, dass die Hauptstadt ein gut vermarktbares Image verpasst bekommt, weil andere Hauptstädte das längst haben.

Der #Mietenwahnsinn, der außerdem nicht spezifisch berlinerisch ist, der Abwehrkampf von immer mehr Menschen, der verbunden ist mit Hashtags wie  #wirbleibenalle sind für Investoren nicht maximal attraktiv, die wollen ja was umwälzen. Standhaftigkeit  konnte noch nie gut vermarktet werden, das neoliberale Mantra heißt, Veränderung als Perpetuum mobile. Nicht also zu irgendeinem guten Ziel hin, nicht zu einer besseren Gesellschaft, sondern lediglich im Hier und Jetzt marktkonform, zu jedem Preis, um jeden Preis, in erster Linie mittlerweile, um die finanzwirtschaftliche Maschinerie am Laufen zu halten.

Wir sind ja auch mal hergekommen.

Nicht um andere zu verdrängen, im Gegenteil. Aber das ist eine persönliche Geschichte. Bis ich erkannt hatte, was es heißt, um diese Stadt, in ihr, mit ihr zu kämpfen, das hat  allerdings einige Jahre gedauert, verzögert durch ein ziemlich trubeliges eigenes Leben, das erst einmal nicht den großen Rundumblick zuließ.

Warum wird von der taz gerade eine Stadt wie Barcelona als abschreckendes Beispiel genannt?

Vielleicht sieht die taz Municipality, die von dort aus überall hin strahlt, auch bloß also einen Marketinggag an.

Doch immerhin wurde aber die Aktivistin Ada Colau dort zur Bürgermeisterin gewählt. Ich wollte, wir wären auf solch einem Weg, unabhängig davon, ob Barcelona, wenn man genauer hinschaut, nicht auch sehr kommerziell ist. Ich glaube aber nicht, dass die taz der Ada Colau bzw. Barcelona en Comú diskreditieren wollte.

ist man dort wirklich weiter?

Mental und administrativ vermutlich ja. Was auch damit zu tun hat, dass Barcelona Teil von Katalonien ist, das ohnehin anders sein will.

Wie Berlin im Vergleich mit Deutschland.

Aber viel ehrgeiziger, außerdem wäre Berlin schlecht beraten, sich für unabhängig zu erklären. denn Barcelona prosperiert anders als Berlin, man kann das nicht Eins zu Eins übertragen. Aber wenn man die Stadtregierungen vergleicht bzw. deren Köpfe … nun ja.

Also?

Bei uns ist ein Mann Regierender, der selbst für SPD-Verhältnisse bürokratisch und altbacken wirkt. Nein, ich will nicht den alten Wowi wieder haben, bei ihm war das Verhältnis zwischen substanzieller Werbegespür einerseits und substanzieller Politik andererseits doch zu unausgewogen: Während seiner Zeit wurden auch die großen Immobilienbestände privatisiert. Man kann nicht alles haben, aber mein Eindruck ist,  Michael Müller, obwohl gebürtiger Berliner, repräsentiert so gar nicht das, was die Stadt im Moment zeigt.

Was speziell nicht?

Ihre Rückkehr zu einer Form von Widerständigkeit, die sie zum Überleben schon mehrfach benötigt hat, die ist Müller eher suspekt. Dazu ist er zu kleinbürgerlich.

Eine Bewegung in Berlin löst immer eine Gegenbewegung aus, das macht es für mich so faszinierend, das erkennt man auch leicht, wenn man von außen kommt. Nichts kann hier jemals über alles andere dominieren. Auch nicht der Kapitalismus über alle Menschen. Der Widerstand kommt sehr spät, weil hier nicht ein Knall zu hören war, der ihn hätte auslösen können, sondern weil es um einen Prozess geht, den man erst einmal identifizieren und dessen Relevanz man erst einmal einschätzen musste.

Aber nun zeigt sich eine Substanz, um die man Berlin wirklich beneiden darf und auf die jene, die damit nicht klarkommen oder nichts damit anfangen können, auch sehr neidisch sind. Sie würden diese Substanz, diese Fähigkeit, Glück und Leid im Unvollkommenen, in nicht nur im Materiellen, sondern auch im Zwischenmenschlichen erleben zu können, gerne vernichten. Dabei handelt es sich hierbei um eine Überlebensstrategie, die sehr zukunftsfähig ist. Aber dieses Miteinander ,diese häufige Solidarität im Kleinen muss nach Meinung des Kapitals weg, Damit wir alle nur noch von hirnlosem, selbstbezogenem Konsum abhängig sind. Für eine Stadt von der Größe Berlins sind die Nachbarschaften enorm stark ausgeprägt. Immer noch. Und wenn man Veränderung einigermaßen vorsichtig zulässt und nicht mit dem Holzhammer betreibt, wird das so bleiben, weil neue Einwohner diese Mentalität aufnehmen und weitergeben können. Das neoliberale Kalkül, dass die Vereinsamung uns alle anfällig fürs rein Materielle machen wird, das müssen wir also durchkreuzen. Gruß an die Wohnungskonzerne mit ihrer neuesten Konsum- und Überwachungsidee namens „Smart Housing“.

Nach meiner Auffassung darf das nicht der Großtrend werden. Wir müssen darum kämpfen, darum kämpfen, die zwischenmenschliche Substanz zu erhalten, die so zukunftsfähig ist wie nichts anderes. Noch ein Gruß, dieses Mal an den Herrn Zahn von der Deutsche Wohnen persönlich, von den lauten, hässlichen, unseriösen, weil menschlichen, aber sowas von lebendigen und nicht nur in toten Zahlen denkenden Berliner_innen.

Ein neuer Slogan für Berlin, wenn es denn wirklich einen geben muss, kann nur ein kämpferischer und auch mitnehmender sein, nicht eine Worthülse, die uns von Stadtmarketingfuzzis aufoktroyiert wird. Über „Be Berlin“ hat sich zwar niemand groß aufgeregt, glaube ich, aber wie soll man sich damit andererseits identifizieren? Die Logik wird mit diesem Spruch umgekehrt: Sei Berlin. Sei wie Berlin. Nein, Berlin, das ist wie wir sind.

Stehen Immobilienpreise wie in New York oder wenigstens wie in London wirklich in Aussicht? Berlin hat nicht einmal die Wirtschaftskraft von München oder Frankfurt.

Bis vor ein paar Jahren wäre ich dieser Logik gefolgt. Bis die Nullzinspolitik alles über den Haufen geschmissen hat und das nun offenbar ein Dauerzustand werden soll. In Berlin gibt es kaum noch Unterschiede zwischen den einfachen und den guten Lagen, die Miet- und Kaufpreise betreffend. Alles hat sich im Rekordtempo eingeebnet und spricht von einer ungesunden, unausgewogenen Marktlage. Von einer Verstopfung, die keineswegs vorrangig zuzugsbedingt ist bzw. verursacht durch zu wenig Baubaubau nach kapitalistischem Gusto, in Relation zu den Zuzügen.

Wie in den Bezirken und Lagen, ist es auch mit den Städten. Wenn einige einfach unbezahlbar geworden sind, rücken frühere „Metropolen zweiter Wahl“ wie Berlin in den Fokus und die Kaufpreise entkoppeln sich komplett von der regionalen Wirtschaftsleistung. So, wie Neukölln heute Charlottenburger Preise hat, obwohl das durch die Sozialstruktur der Einwohner nicht unterfüttert ist.

NYC ist eine eigene Nummer, aber den Vergleich zu London oder Paris kann man sehr wohl ziehen, seit es fast wurscht ist, ob die Menschen sich das, was aufgerufen wird, auch leisten können. Da kann noch einiges kommen, wenn die makroökonomischen Bedingungen sich nicht ändern. Das das weltweit vagabundierende Kapital ist an Masse und Aggressivität nicht hoch genug einzuschätzen. Dieses Kapital steht unter gewaltigem Akkumulationsdruck, da werden auch geringere Renditemargen gerne genommen.

Das wäre doch ein super Slogan für das neue Berlin: Bauen, bauen, bauen, damit das Kapital sich in Beton gießen lässt.

Den kann man höchstens ironisch verkürzen, wie wir das hier tun, mit „baubaubau“.

Bauberlin. Es gibt schon BuyBerlin und ähnliche Heuschrecken, da ist der Name schon Symbol für die Mentalität. Die Stadt, die Bewohner, alles käuflich bzw. Ware. Will jemand eine solche antidemokratische Soße, in der ganz Berlin ersäuft? Ist die nicht irgendwie braun?

Nein, Berlin muss rot sein. Flammend rot. Und natürlich Pflanzgrün, aber das wird es nur, wenn Rot den Weg dafür frei macht.

Wir haben doch nun eine rot-rot-grüne Stadtregierung, wenn auch vielleicht mit der falschen Person an der Spitze.

Das ist immerhin ein Anfang, auch wenn vieles nicht zufriedenstellend läuft. Unter anderem deshalb nicht, weil jener Antiberliner an der Spitze der Stadtregierung steht. Er ist kein genuiner Teil der seinem Wesen zuwiderlaufenden, widerspenstigen und chaotischen Stadt.

Er geht lieber zu Grundsteinlegungen mit Investoren, die weitgehend am Bedarf vorbei bauen und eine bisher in Berlin kaum gekannte Dunkelverdichtung, Hasenkästen für das bedrückende Einsamhousing der Arbeitssklavenzukunft einrichten wollen, als zu Mieter_innen, die in Bedrängnis sind.

Er mag dieses bunte Kiezberlin etwa so sehr, wie sein Parteigenosse Schröder seine sozial nicht privilegierte Herkunft gemocht hat. Das führte dazu, dass jener rüde Aufsteiger Millionen von Menschen verächtlich in die Armut trieb, die es nicht zu Brioni-Anzügen gebracht hatten. Müller wäre es nach meiner Ansicht am liebsten, dass alle, die weniger verdienen als er jetzt einnimmt, raus müssen. Nicht, weil er so egozentrisch wäre wie sein alter Parteifreund, sondern eher, weil er’s lieber sauber, also clean, und übersichtlich hat und – die Steuereinnahmen! Seine Idee war es vermutlich nicht, dass Investoren überhaupt mal ein bisschen preisgebundenen Wohnraum nebenbei mitbauen müssen. Dreißig Prozent werden als Hammer verkauft. Wien jetzt: Das Doppelte, wenn überhaupt privat gebaut werden darf.

Habe ich schon erwähnt, dass der eigentliche Regierungschef von Berlin Matthias Kollatz heißt?

Der Finanzsenator. Berlin macht weltweit Schlagzeilen als City of Expropriation, das klingt aber nicht nach Stadtmarketing.

Berlin verkauft sich nicht, durch die neuen Ansätze von Widerstand, im Gegenteil. Es kann mitreißen, es kann die Vorstellung von einer besseren, sozialeren Welt wecken, das ist schon sehr groß und erhebend. Es muss aber erst einmal in der Stadt selbst wirken.  Aber es ist keine billige, kapitalistische Verkaufsmasche. Klar müssen auch die Kämpfenden in der Stadt Marketingstrategien beherrschen, so ist die Welt heute eben. War sie eigentlich immer schon, nur war das Marketing anders strukturiert. Der Zweck ist nicht jener, den sich abgehobene Marketingfuzzis so vorstellen, deswegen darf man ihnen auch das Sprüche finden nicht überlassen.

Müsste es nicht doch einen Schlachtruf geben?

„No pasarán 2.0“? Bezogen auf die Miethaie? Von vielen guten Hashtags, die derzeit umlaufen, wir haben oben welche genannt, könnte sich eines herausschälen, welches das Zeug dazu hat. Das ist heute schwierig, weil die Medien so vielfältig sind, die Verwender so zahlreich. An Ideen mangelt es nicht, eher daran, sie zu koordinieren und dadurch wirksam zu machen, die beste zu finden. Trotzdem: Ich war nie für Begriffe, die von irgendwelchen findigen Organisator_innen für Events kreiert wurden und oft genauso leer und nichtssagend wirken wie „Be Berlin“. Und zudem Dinge suggerieren, die einfach unwahr sind oder sich nicht verifizieren lassen. Es muss sein Kern drin sein, von dem jeder spürt, der ist real, der hat was mit uns, unserem Leben hier zu tun.

Das will also eine Regierung nicht, die lieber dirigieren als Selbstbestimmung zulassen will?

Die Staatsmacht ist der Selbstbestimmung natürlicher Feind, wenn sie sich eben als Macht sieht und nicht nur als Gewährleisterin von Rahmenbedingungen, innerhalb derer Entfaltung möglich ist. Man kann aber positiv formulieren: Stadt der Partizipation, der Mitbestimmung, der Selbstermächtigung. Wir nehmen es selbst in die Hand, wir verlassen uns nicht auf die Politik. Wenn man wirklich solch einen Slogan macht, ist man ihm aber auch verpflichtet, sonst wird’s lächerlich. Sowas ist viel anspruchsvoller, als einfach „Be Berlin“ zu plappern.

Aber doch lieber sowas. Etwas, das eine Selbstverpflichtung sein sollte: Ein positives Bild für die Stadt von morgen. Genau. Ich muss noch mal eine Nacht drüber schlafen. Morgen reiche ich ein paar gute Vorschläge ein. Nicht.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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