Lohn der Arbeit – Tatort 807 #Crimetime 291 #Tatort #Wien #Eisner #ORF #Arbeit #Lohn

Crimetime 291 - Titelfoto © ORF, Bernhard Berger

 Ins Gesicht geschrieben und dann der Solizuschlag

Diese Einleitungsüberschrift müssen die Ösis sich jetzt gefallen lassen, für das schreckliche Ost-West-Klischee mit Gruß Richtung Norden. Schade, dass man in einer Rezension keine Grinser setzet.

So schlecht, wie es sich nach den ersten Bewertungen im Tatort-Fundus abzeichnet, war „Lohn der Arbeit“ jedoch nicht, trotz der dummen Sächsin, die mit Bergkulisse im Hintergrund Klischees bedient. Es war halt ein sehr konventioneller Film, ein bis zum Ende langsam aufgebauter und ausgereizter Whodunnit.

Eisner hat uns gut gefallen, gewisse Ähnlichkeiten mit der Mimik von Freddy Schenk haben wir erstmalig bemerkt. Vielleicht hat der Gegensatz zu Bibi Fellner gefehlt, obwohl der ja in der letzten Folge aus Österreich noch ganz neu war. Ob er in diese Alpenwelt gepasst hätte, ist eine andere Frage. Der Eisner passt überall, das ist sicher einer seiner großen Vorzüge. Mehr darüber  und überhaupt steht in der -> Rezension.

Auffällig ist trotzdem, dass die letzten neuen Tatorte alles keine Kracher waren. Dieses Mal hängt es an dem sehr konventionellen Strickmuster und einer Auflösung, die wieder einmal ein wenig herbeizitiert wirkt, dass es zu einer Spitzenwertung nicht reicht..

Und auch ein wenig am Thema selbst, bei dem kein Klischee ausgelassen wird. Selbst wenn es stimmt, und der Bau ist eine harte Branche, dann liegt es nicht nur an den Bauunternehmern, sondern auch an denen, welche die Ausschreibungen auf den Weg bringen, dafür zu sorgen, dass nicht nur der Preis zählt und die Arbeiter anständig bezahlt werden können. Außerdem sind die Zustände schon häufig gezeigt worden, auch dokumentarisch. Dito der Pflegenotstand und die Spiegelung der illegalen Beschäftigung in dieser Branche (im Tatortformat beschäftigte sich zuletzt „Gestern war kein Tag“ damit).

Handlung

Der Mord am Bauunternehmer Kogl, der über Subunternehmen Schwarzarbeiter beschäftigt hat, gibt Kommissar Eisner Rätsel auf. Die illegale Beschäftigung wurde bei der Finanzbehörde angezeigt, der Subunternehmer ging in den Konkurs, die Schwarzarbeiter – es waren Mazedonier – wurden ohne Bezahlung in ihre Heimat abgeschoben. Einer der ehemaligen Schwarzarbeiter ist mit seinem Vaterzurückgekehrt, um den vorenthaltenen Lohn einzutreiben.

Der Verdacht fällt aber nicht nur auf die beiden. Auch der flüchtige Subunternehmer, selbst betrogen vom Großunternehmer, hätte jeden Grund gehabt, Kogl umzubringen. Doch auch ein vom Dienst suspendierter Finanzbeamter und ein umtriebiger Aufdeckungsjournalist sind in den Fall verwickelt und scheinen verdächtig. Und auch die private Situation des Mordopfers birgt ein weiteres Motiv. 

Rezension

Auffällig ist trotzdem, dass die letzten neuen Tatorte alles keine Kracher waren. Dieses Mal hängt es an dem sehr konventionellen Strickmuster und einer Auflösung, die wieder einmal ein wenig herbeizitiert wirkt, dass es zu einer Spitzenwertung nicht reicht..

Und auch ein wenig am Thema selbst, bei dem kein Klischee ausgelassen wird. Selbst wenn es stimmt, und der Bau ist eine harte Branche, dann liegt es nicht nur an den Bauunternehmern, sondern auch an denen, welche die Ausschreibungen auf den Weg bringen, dafür zu sorgen, dass nicht nur der Preis zählt und die Arbeiter anständig bezahlt werden können. Außerdem sind die Zustände schon häufig gezeigt worden, auch dokumentarisch. Dito der Pflegenotstand und die Spiegelung der illegalen Beschäftigung in dieser Branche (im Tatortformat beschäftigte sich zuletzt „Gestern war kein Tag“ damit).

Dass der Film etwas langsam wirkt, ist sicher auch der Tatsache zu verdanken, dass Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), der überall in Österreich einsetzbare Sonderermittler, erst einmal von Wien anreisen muss. Nein, war Spaß. Aber eine Rolle spielt in „Lohn der Arbeit“, dass er mit Krücke gehen muss. Das frisst sich ins Unterbewusstsein, dieses physisch Eingeschränkte. Damit hat man aber eine gute Gelegenheit gehabt, sich auf die Figuren zu konzentrieren und dazu eine besonders gute Handlung zu bauen, im Sinn von logisch und nachvollziehbar.

Mit den Effekten, auf die in deutschen Tatorten gesetzt wird, und die, ähnlich amerikanischen Serien, manchmal den Verstand auch der versierten Tatort-Zuschauer etwas vernebeln, hat „Lohn der Arbeit“ nichts am Hut.

Es gibt eine Reihe von Verdächtigen, die abwechselnd im Vordergrund stehen und wir müssen zugeben, den übereifrigen Journalist Feyersinger (George Lenz), den hatten wir anfangs schon einmal auf dem Schirm, sind dann ein wenig von ihm abgekommen, als sich nach und nach herausstellte, was für ein perfides Weiberl die Conny Kogl ist. Die Schauspielerin heißt Hilde Dalik. Das mögen wir auch an Österreich, dort schert man sich überhaupt nicht darum, ob Namen altmodisch sind, was dazu führt, dass man nicht, wie bei uns, anhand des Vornamens schon in etwa das Alter des Menschen voraussagen kann, ohne ihn gesehen zu haben oder sein Geburtsdatum zu kennen.

Wir haben uns gefragt, ob der Bauunternehmer Kogl (Michael König) ein reales Vorbild haben könnte, etwa jemanden wie den bekannten Wiener Bauunternehmer und Opernballbesucher Lugner, aber dazu sind wir leider nicht genug involviert.

Moritz Eisner und die anderen. Für uns ist eindeutig, dass der Sonderermittler den Fall trägt. Wer ihm das nicht zubilligt, der wird „Lohn der Arbeit“ erheblich schwächer bewerten müssen, denn die übrigen Rollen sind bestenfalls mittelmäßig ausgeformt. Harald Krassnitzer hat aber diese Präsenz, die wir einem Top-Polizisten zurechnen und in die manches deutsche Tatort-Team, das in den letzten Jahren gestartet ist, erst hineinwachsen muss. Dass jeder Ermittler noch jemanden braucht, mit dem er über den Fall diskutieren und damit dem Zuschauer etwas über seine Gedanken mitteilen kann, dafür ist in „Lohn der Arbeit“ der örtliche, also Tiroler Kriminalkommissar Pfurtschaller (Alexander Mitterer, wohl der Bruder des Drehbuchschreibers) zuständig.

Der nervt ein wenig, wie eben diese Running Gags oft etwas Gekünsteltes haben, auch wenn seine ständige Telefoniererei mit der Mutter wegen der Pflegekraft Yacinta oder Hyazinthen, die auch wieder auf ein soziales Problem rekurriert, mit dem Fall noch einigermaßen korrespondiert und nicht ganz in der Luft hängt.

Ansonsten sind die Figuren leider zu skizzenhaft, auch wenn der Dialekt, der uns immer zur Aufmerksamkeit zwingt, das ein wenig verdeckt. Natürlich, Lokalkolorit ist etwas, das wir bei unseren Tatorten zuweilen bemängeln, was die Figuren angeht. Und da hier alle mehr oder weniger österreichisch sprechen und das immer charaktervoll wirkt, wenn man’s nicht gewöhnt ist, muss man den wirklichen Gehalt der Figuren davon erst einmal abtrennen. Und der ist eben vergleichsweise dürftig.

Der Bauunternehmer ist böse, handelt sich deshalb eine böse junge Frau ein, weil er nochmal einen bösen zweiten Frühling erleben will, versteht sich aber mit der ersten Frau besser, war früher gar nicht übel, hat sich aber, wie man vor allem in der Auflösungszene sieht, zum Oberarschloch entwickelt. Da provoziert er den Journalisten auf die ganz billige Tour und bekommt eins auf die Rübe oder vor die Stirn. Dass die Auflösungen oft so makaber überzogen wirken. Das hat aber damit zu tun, dass man so viele Schlenker fahren muss und den Täter nicht zu früh offenbar werden lassen darf.

Also muss noch irgendetwas passieren, womit man kaum rechnen konnte, damit genau dieser Mensch, der eigentlich sozial-investigative Feyersinger, sich so aus der Reserve bringen lässt. Nach unserem Gefühl macht ein Journalist so etwas nicht, auch wenn er beschimpft wird. Das gehört für ihn zum Alltagsgeschäft, wenn er wirklich guten Journalismus macht, bei dem er den Großkopferten auf die Füße tritt. Dafür ist der Reporter überall. Wo dieser Feyersinger sich rumtreibt, das ist exorbitant. Von denen, die er bloßstellen will, abgesehen, muss er alle anderen als Informanten haben, sonst wäre er nicht solchermaßen omnipräsent.

Am Ende findet man’s etwas schade, dass er der Täter ist, nicht schade, dass der Kogl sterben musste und dass die Blonde leer ausgeht. Dass die Rechtslage für eine Enterbung richtig recherchiert ist, davon gehen wir aus.

Ein Hauch von Fatalismus. Was Eisner für uns so gut macht, ist, dass er seinen Job stoisch wahrnimmt, obwohl im – nein, kein Mord – aber die Haltung zuweilen ins Gesicht geschrieben sieht, dass er mehr weiß, als er manchmal wissen will und es nimmt, wie es kommt. Wie er am Ende beinahe routinemäßig den Pfurtscheller fragt, ob die Pflegekraft angemeldet ist, der dann eine schön eindeutige und auch hilflose Geste macht, nach dem Motto, du weißt selbst, was eine angemeldete Frau kosten würde, das geht in diese Richtung.

Auch bei der Szene in der Firma Kogl, wo der Sohn dann übernimmt, von der Mutter unterstützt, haben wir einen seltsamen Eindruck. Man mag ihm  zubilligen, dass er’s besser machen will. Aber die Branche ist die Branche, das System ist das System, und auch sein Vater hat ja nach Aussagen seiner langjährigen Frau einmal eine andere Haltung gehabt, die eine Beauftragung von Subunternehmern Filzer (Alexander Strobele) ausgeschlossen hätte; also von Ausbeutern, welche Illegale beschäftigen, die dann auch noch um den ohnehin geringen Lohn ihrer Arbeit betrogen werden und sich wegen der Illegalität nicht an die Polizei wenden können.

Man sollte meinen, das sei mittlerweile abgestellt, aber deswegen lässt man die Arbeiter wohl auch von außerhalb des mittlerweile großen Freizügigkeitsraumes der EU anrücken.

Der Fall ist also gelöst, aber soziale Probleme bleiben, das Wissen darum merkt man Eisner an. Der regt sich aber nicht auf wie ein Rumpelstilzchen, sondern weiß, dass seine Mittel begrenzt sind und dass sein Job die Ermittlungsarbeit ist. Wie die süddeutschen Tatorte, zeigen auch die österreichischen die Dinge, ohne dass man sich moralisch so fühlt wie der Bauunternehmer Kogl physisch: mit der Eisenstange erschlagen.

Was wir uns wünschen. Ob’s einer hört und tatsächlich umsetzt, wissen wir nicht – aber wir hätten gerne einen Tatort aus Österreich, der wirklich mitreißt. Dazu muss man nicht auf Show setzen, gerade die ruhigen, süddeutschen Tatorte haben oft Tiefgang und emotionale Höhepunkte. Aber hier gibt es, von Eisner selbst abgesehen, niemanden, mit dem man sich ein wenig identifzieren könnte, auch der Journalist, der am Ende als Täter dasteht, ist jetzt keine Figur, deren Verhaftung uns wahnsinnig betroffen macht.

Schon gar nicht die anderen, wie die Frauen und Herren Kogl. Manchmal wird einfach vergessen, dass  zu einem großen Tatort auch eine große Story oder ein besonderes Schicksal gehört und dadurch wirkt das Ganze sehr nüchtern und ein wenig oberflächlich. Vielleicht gelingt es uns nicht, über die Grenzen hinweg allen Subtext zu entschlüsseln, aber etwas kennen wir uns ja mit dem Nachbarland aus und meinen, so viel übersehen wir da nicht. Aber manchmal stellt sich die Frage, ob kleine Länder große Filme machen können. Aber wenn man es weiterdenkt, hätte Deutschland gegenüber den USA keine Chance und die wiederum nicht gegen China. Vor allem an letzterem Vergleich merkt man, diese Denkweise ist falsch. Man muss eben mal aus der Ecke kommen.

Der Tatort „Ausgelöscht“ hatte schon etwas von dem gezeigt, was wir meinen und gerne häufiger hätten. Der hatte mehr emotionale Momente (dafür war der Plot stellenweise problematisch, aber man kann wohl nicht alles haben). Natürlich gibt es hier die betrogenen Mazedonier, die buchstäblich ums Überleben kämpfen und am Ende zu stolz sind, ein paar Euro von den Ermittlern anzunehmen und denen Eisner rät, künftig in ihrem Heimatland zu bleiben. Das ist keine rechte Haltung von ihm, sondern das Gegenteil. Die Art, wie Leute im fortgeschrittenen Europa ausgenutzt und beschissen werden, die findet er schlimmer als die relative Armut in einigen Ländern, die noch nicht zur  EU gehören.

Finale

Eisner gut, Handlung weitgehend fehlerfrei, aber zu linear und zu konventionell gestrickt, zu viele Klischees, auch wenn auf dem Ticket ein soziales Thema reist, das einfach und anschaulich genau mit diesen Klischees darstellbar ist. Das mag sogar realistisch sein, fesselnd ist es in „Lohn der Arbeit“ nicht. Entsprechend sind die Figuren nicht sehr ausgeformt. Eine Wertung ist immer relativ, und nachdem wir nun einige Spitzentatorte rezensieren durften, sind wir gerade bei neuen Filmen, von denen wir Weiterentwicklung erwarten, etwas strenger als vielleicht zum Beginn der Arbeit an der Anthologie. So gesehen: „Lohn der Arbeit“ ist weder ein schlechter noch ein guter Tatort.

6,5/10

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Sonderermittler Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Kriminalkommissar Pfurtscheller – Alexander Mitterer
Markus Feyersinger [Journalist] – George Lenz
Flamur [Mazedonier] – Mustafa Nadarevic
Dimitar Besad [Flamurs Sohn] – Branko Tomovic
Jakob Wiesner – Martin Zauner
Bauunternehmer Wolfgang Kogl – Michael König
Cornelia Kogl – Hilde Dalik
Hubert Kogl – Max von Thun
Helga Brugger [Kogls Ex-Frau] – Krista Posch
Kassiererin – Katharina Welser
Pfarrer – Christoph Leczszinsky
Erwin Filzer [Subunternehmer] – Alexander Strobele
Pfurtschellers Chef – Reinhard Forcher
Notar – Joseph Holzknecht
Sepp [Filialleiter] – Michael Pascher
Hyacinta [Pflegerin] – Sabine Brlozanovic
Kellnerin – Wanda Worch
albanischer Arbeiter – Mesut Onay

Regie: Erich Hörtnagel
Buch: Felix Mitterer

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