Muttertag – Polizeiruf 110 Fall 364 / Crimetime 305 // #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Lenski #Raczek #Muttertag #Uckermark #Polen #Grenze #Stettin

Crimetime 305 - Titelfoto © RBB, Oliver Feist

Das kriminalistische Wort zum Muttertag

Alles staut sich bei uns derzeit hinter der Berichterstattung vom #Mietenwahnsinn und selbst innerhalb dieses Themas reduziert sich an manchen Tagen die Arbeit auf Ankündigungen zu und Berichte von Veranstaltungen. Aber heute ist ja auch noch Muttertag. Wenn unsere Mutter nicht bereits vor vielen Jahren verstorben wäre, hätten wir ihn sicher nicht beinahe vergessen oder verdrängt.

Die Erstausstrahlung der 364. Polizeiruf-Produktion fand vor zwei Jahren statt – am Muttertag natürlich. Wir haben mit der Erschließung der zweiten Hauptreihe im ARD-Krimi-Universum gerade erst begonnen. Bisher wussten wir nur, dass Maria Simon als Olga Lenski für den RBB ermittelt. Aber in Potsdam, das war unser Stand. Von ihren Potsdam-Filmen haben wir noch keinen gesehen – starten mit ihr stattdessen gleich bei der deutsch-polnischen Polizeibrigade und geraten dabei in die Uckermark, wo es nicht einmal Füchse gibt, die einander gute Nacht sagen können. Wie war’s denn so, in Ostbrandenburg und Westpolen, einer für uns ganz neuen Tatort … pardon, Polizeiruf-Welt? Darüber schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Spät in der Nacht werden Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek ins deutsch-polnische Kommissariat in Swiecko gerufen. Eine männliche Leiche wurde in der Nähe von Szczecin in einem bizarren Wald gefunden. Zeugen geben an, ein Auto mit deutschem Kennzeichen am Tatort gesehen zu haben. Adam ist schwer genervt, nicht zuletzt weil seine Kollegin mit ihrer vierjährigen Tochter Alma in der Dienststelle aufkreuzt. Olga Lenski hat keinen Babysitter gefunden.

Vor Ort ermitteln Lenski und Raczek, dass es sich bei dem Toten um den 45-jährigen Janusz Kubiak handelt, der Frau und zwei kleine Kinder hinterlässt. Kubiak hat als polnischer Kleinunternehmer eines Tischlereibetriebs gearbeitet. Er wurde offenbar erpresst und soll darüber hinaus ein enges Verhältnis zu Sabrina Uhl gehabt haben, einer jungen Frau aus dem nahe gelegenen Wüsterow auf deutscher Seite.

Dort meldet Liane Uhl, Sabrinas Mutter, ihre Tochter als vermisst. Ein guter Freund von Sabrina, Enrico Schoppe, hatte zum Schutz gegen Diebstahl einen GPS-Tracker an ihrem Auto angebracht, wodurch die Ortung ihres Wagens gelingt. Doch von ihr selbst fehlt jede Spur. Enrico Schoppe gerät unter Tatverdacht. Aber der junge Mann Anfang 20 schweigt beharrlich – genau wie seine Mutter Heidi. 

Bei ihrem dritten gemeinsamen Fall verbringen Lenski und Raczek mehr Zeit miteinander, als ihnen lieb ist. Sie müssen sogar in einem Zimmer übernachten und sich ein Bett teilen. Der im Spätherbst 2016 u. a. in Groß Ziethen (Schorfheide), in der Umgebung von Schwedt, in Szczecin und Gryfino gedrehte „Polizeiruf 110: Muttertag“ lebt von einer hohen Authentizität und Intensität. Das Drehbuch stammt von Anika Wangard und Eoin Moore, der auch Regie führte (ARD-Werbetext).

Rezension

Oh, diese Zimmerfrage. Kein Krimi, bei dem die Ermittler aufs Land müssen und übernachten, bei der dieser Uralt-Standard nicht eingebaut wird. Nie, aber wirklich nie sind mal zwei EZ frei, nicht einmal weit draußen in der Uckermark.

„In ‚Muttertag‘ […] setzt Moore die Uckermark als weltfernen Ort ins Bild. Krumme Bäume, windschiefe Katen, Krähenschwärme über Kohlfeldern, an dieser Uckermark scheint die Zeit vorbeigegangen zu sein.“, wird in der Wikipedia der bekannte Kritiker Christian Buß vom SPIEGEL  zitiert.

Ja, aber – genau so ist es. Die Krähen ziehen, die Katen sind windschief, die Zeit scheint diese Gegend vergessen zu haben. Und sie wird immer leerer. „Die Uckermark gilt als einer der strukturschwächsten und am dünnsten besiedelten Regionen der Bundesrepublik Deutschland“, kann man in der Wikipedia nachlesen.

Wir waren zuletzt 2012 in der Uckermark, da war es dort stellenweise schon einsam und es gab Dörfer, die regelrecht oder auch ungerechterweise verfielen, die Tendenz hat sich bis heute nicht gedreht. Bis auf ein paar Sonderprojekte vielleicht, wenn tatsächlich Berliner sich so ein altes Bauernhaus gekrallt haben und es renovieren. Auch sowas haben wir schon gesehen, aber es ist halt verdammt weit mit dem Hin- und Zurückfahren.

Und die polnische Seite, wie entwickelt die sich? Immerhin ist die Uckermark mit Stettin jetzt eine Wirtschaftsregion und Stettin hat immerhin über 400.000 Einwohner, dreimal mehr als die gesamte Uckermark, und gilt für polnische Verhältnisse als wohlhabend.

Wenn man also die deutsch-polnische Polizeieinheit, die in Polen angesiedelt ist, mal eher großstädtisch aktiv werden lassen wollte, müsste man in Stettin drehen, einige Minuten des Films zeigen ja die Stadt ja auch und für die vielen Übersetzungen von Dialogpassagen geht ganz hübsch Spielzeit drauf. Vielleicht doch besser mit gut lesbaren Untertiteln. Jemand, der nicht Polnisch kann, wird ohnehin kaum bei der deutsch-polnischen Polizeieinheit arbeiten, Frau Lenski.

Aber dieses Ding, wenn Polizisten aufs Land fahren und man den Eindruck hat, sie fühlen sich selbst wie Wesen aus einer höheren Welt, die einem Freigehege unterwegs sind, in dem vor allem Grobzeug herumläuft – besonders ausgeprägt bei Charlotte Lindholms Exkursion ins niedere Niedersachsen – transzendiert sich hier in eine Trostlosigkeit, die schon wieder mitleiderregend ist. Wie soll sich in so einer Umgebung ein Typ wie Enrico auch anders entwickeln als zum impulssteuerungsschwachen Grobian?

Der Vater ist schon lange irgendwie weg, vielleicht hat der Junge ihn nie kennengelernt, die Mutter putzt im einzigen Autohaus der Umgebung, wo der Luxus steht, den sich in ihrem Wohnort eh niemand leisten kann und singt dabei vor sich hin. Sie liebt ihren Sohn und am Ende, ja, was hat sie falsch gemacht? Was hat die Gegend mit allen, die darin leben, falsch gemacht oder was machen sie falsch, dass sie da nicht wegkommen?

Es ist das Land, das die Menschen prägt, das ist die Metaebene, die über dem Umfeld steht, das sie prägt, weil es ja auch das Umfeld prägt. Familien sieht man gar nicht, auch die Mutter der Getöteten macht so allein vor sich hin ihr Ding, ein bisschen polenfeindlich, manchmal auch mit Freundin Heike, der Mutter von Enrico.

Es ist ein Leben ohne die tollen Großstadtgettos, in denen Typen wie Enrico zwar nicht auf andere Gedanken kommen, aber unendlich viele Möglichkeiten haben, sich abzureagieren. Deswegen bitten wir um einen Ausgleichs-Polizeiruf, der zeigt, dass in Marzahn das Gleiche herauskommen kann.

Das Land jedoch, das Land ist deshalb feindlich, weil die Menschen es nicht schätzen und die meisten eben doch abhauen, zum sich in die Städte zu drängeln und dann zu jammern, dass der Wohnraum knapp ist. Die Poesie der Einsamkeit, der Land- und Krummwald-Einsamkeit, die mag demjenigen, der in solcher Gegend aufgewachsen ist, gar nicht aufgehen. Wir haben ja zu unserer freien und weiträumig ausgerichteten Kindheit vor allem deshalb ein nostalgisches Verhältnis, weil wir das alles hinter uns gelassen haben und weil wir ja auch in einer doch etwas größeren Stadt geboren wurden und ein Vorort mit „Wildnis“ dahinter ist nicht die Uckermark, wenn der Vorort eben an eine größere Stadt angebunden ist. Es gibt keine solchen Städter-die-gebaut-haben-Milieus dort.

Keine Ahnung im Grunde, wie es ist, in so einem kleinen Dorf der Prügelknabe für alle zu sein, wie eben der Enrico Schoppe. Ein glänzend gewählter Name übrigens, daran führt nichts vorbei. Es gibt auch keine Gleichhaltrigen, offensichtlich, sodass er nicht wenigstens in einer Clique von Dorfjugend soziale Anbindung finden kann. Nur die Mutter und ihr Sohn, ein Gespann in Kollusion. Mindestens ein solchermaßen schräges Mutter-Sohn-Verhältnis, in dem sich zwei gegen alles klammern, fällt uns aus dem richtigen Leben ein. Die Gegend, in der es so wenige Menschen gibt, fördert sowas sicher, aber ist nicht konstitutiv.

Die meisten Menschen, die den Film am 14. Mai 2017 oder heute gesehen haben, werden ihre Familienaufstellung darin sicher nicht wiedererkennen, aber wir hatten gerade einen Traum, der auf erstaunliche Weise in letzter Zeit wiederkehrt und auf die Zeit verweist, als wir etwa 6, 7 Jahre alt waren und der ein winterliches Gepräge hat, der Film wurde ja im Herbst gedreht.

Vielleicht wäre uns ohne diesen Zwischenstopp die Doppelung im Verhältnis zwischen Olga Lenski und ihrer kleinen Tochter nicht aufgefallen, die aus beruflichen Gründen oft das Nachsehen hat und offenbar auch ohne Vater aufwächst. Möglich, dass uns das deshalb so spät auffällt, weil es sich in Olgas Verhalten diese Doppelung nicht zeigt, sie reflektiert nicht darüber, dass es eine Ähnlichkeit geben könnte. Außer vielleicht am Schluss, als sie Frau Schoppe noch einmal zu ihrem festgenommenen Sohn lässt. Wir kennen Lenski noch nicht, müssen uns erstmal einfuchsen. Ihr Start als Ermittlerin in Brandenburg war 2010, die Tochter ist aber erst drei oder vier Jahre alt. Damit ist sie unseres Wissens die zweite Kommissarin in Polizeiruf und Tatort nach Charlotte Lindholm, die während ihrer Dienstzeit ein Kind bekommen hat.

Finale

Jetzt ist die Rezension ziemlich muttertagslastig geworden, wir haben noch gar nicht darüber geschrieben, wie der Fall war und wie wir die Ermittler finden: Letztere – angenehm, wenn auch ihr Verhältnis wieder mal ein ziemliches Klischee ist, nicht nur als fremde Bettgesellen, sondern auch das Ding um die Positionierung zueinander ist arg konventionell. Als Merker: Duzen wir uns nun oder nicht? Als Krimi war der Film natürlich sehr einfach gestrickt, weil es im Grunde nur einen Verdächtigen gab. Das Schlingern um die Wahrheit, bis sich eine Schlinge um Enrico zusammenzo, war trotzdem nett anzuschauen und Ulrike Krumbiegel als Heidi Schoppe gibt alles – manchmal bis an unsere Schmerzgrenze und leicht darüber hinaus, es hat also geschmerzt, wenn sie immer wieder versucht hat, die Polizisten von der Spur abzubringen. Selbstverständlich kam das auch daher, weil man den Zuschauer in eine interessante Position versetzt hat: Er weiß zwar den genauen Tatablauf nicht, weiß auch nicht genau, ob es nun Enrico war, der sogar einen Doppelmord begangen hat, aber wie sollte es nach der Leiche im Schuppen von Schoppes anders sein? Das wissen zu dem  Zeitpunkt die Kommissaare aber noch nicht, sie suchen noch nach der Toten, außerdem ist für die Zuschauenden offensichtlicher, dass die Mutter versucht, den Verdacht von ihrem Sohn abzulenken.

Der Film ist nicht sehr schnell, nicht sehr komplex, erlaubt sich aber auch keine größeren Mätzchen, doch das Team fanden wir beim ersten Anschauen kapabel und das dichte Spiel von Mutter und Sohn mag Geschmacksache sein, dass es Verhältnisse dieser Art gib,t glauben wir aber sehr wohl. Was man noch aus diesem Setting in Ostbrandenburg wird herausholen können? Sehr klug gemacht, dass Olga Lenski sich wieder zurück in die Nähe von Berlin versetzen lassen kann, wenn die Landschaft mit ihren abgeschieden wirkenden Bewohner_innen oder die grenzüberschreitende Arbeit keinen Stoff mehr liefert. Aus Gründen der politischen Korrektheit dürfen Vorurteile, wenn überhaupt, nur einseitig dargestellt werden und eine echte Grenze, deren Überschreitung jeweils registriert wird, gibt es auch nicht mehr, die für interessante Plots sorgen könnte. Auf jeden Fall freuen wir uns aber auf den nächsten Polizeiruf mit Olga Lenski bzw. Maria Simon – vielleicht ist es eine Premiere, eher aber wohl eine Wiederholung. Bei den Wiederholungen gibt es ja noch so viel zu entdecken. Dass wir jetzt, zwei Jahre später, gerade bei Nr. 376 sind, sagt auch, dass es in Relation zu den Tatorten zu wenige neue Polizeirufe gibt. Das Verhältnis sollte, geografisch und gemäß den Bevölkerungsanteilen, die durch die Filme repräsentiert werden, etwa bei 3:1 bis 4:1 liegen, derzeit ist aber eher 6:1 die Realität.

7,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski Maria Simon
Kriminalhauptkommissar Adam Raczek Lucas Gregorowicz
Inspektor Karol Pawlak Robert Gonera
Komisarz Wiktor Krol Klaudiusz Kaufmann
Edyta Wisniewski Katharina Bellena
Polizeihauptmeister Wolfgang Neumann „Wolle“ Fritz Roth
Heidi Schoppe Ulrike Krumbiegel
Enrico Schoppe Anton Spieker
Liane Uhl Kathleen Gallego Zapata
Melanie Opitz Anjorka Strechel
Oberkommissar Kopp Jörg Westphal
Musik: Warner Poland
Kamera: Florian Foest
Buch: Eoin Moore
Anika Wangard
Regie: Eoin Moore

 

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