Das Monster von Kassel – Tatort 1094 / Crimetime 306 / #Tatort #Frankfurt #Kassel #Monster #HR #Brix #Janneke #Tatort1094

Crimetime Vorschau - Titelfoto © HR / ARD Degeto

Alle gegen das Monster

In der Vorschau haben wir darüber referiert, dass Brix und Janneke die hohen Maßstäbe bisher  nicht erfüllen können, die ihre Vorgänger Steier und Mey sowie Sänger und Dellwo gesetzt hatten.  Nach den ersten Eindrücken aus dem Tatort-Fundus, man sieht noch keine Gründe für die Bewertungen, können sich die beiden ein wenig verbessern – aber nicht so, dass sie wenigstens um einen Platz nach vorne kommen werden. Woran liegt’s? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Anna Janneke und Paul Brix, Hauptkommissare in Frankfurt, werden zu einem grausigen Fund gerufen: in Plastiksäcke gehüllte Leichenteile.

Rasch stellt sich heraus, dass das Opfer aus Kassel stammt. Es ist der 17-jährige Luke Rohde, Stiefsohn des Sonnyboys der Nation, des beliebten Fernsehtalkmasters Maarten Jansen. Mit seiner Ehefrau Kirsten und ihren beiden Söhnen aus erster Ehe hat Jansen bis dahin ein idyllisches Familienleben geführt. Janneke und Brix rätseln, wieso gerade Luke zum Opfer wurde.

Rezension

Margarita Broich und Wolfram Koch haben gut gespielt. Vielleicht am besten, in ihrer bisherigen Tatort-Karriere. Vor allem die intensiven Verhörszenen mit Janneke und dem Monster von Kassel zeigen sich viele Ausdrucksformen, mehr an Subtilität als in Tatorten üblich. Man hat sich auch getraut, die Szenen auszuspielen, also mehrere Sekunden nur das Gesicht von Broich zu filmen, dabei riskiert, dass die heutigen Medienrezipienten mal wieder zappelig werden. Fanden wir aber gut, weil schön illustriert wird, wie sie auf Jansens Versuche, sie mehrmals mit dem Ansprechen auf ihren eigenen Sohn zu manipulieren, reagiert, wie es ihm gelingt, sie zu emotionalisieren, sie aber am Ende doch professionell bleibt.

An den beiden maßgeblichen Darstellern liegt es nach unserer Ansicht nicht, dass der Frankfurt-Krimi der aktuellen Generation nicht vom Fleck kommt, so viel wie die Münchener oder Kölner haben sie gewiss drauf. Allerdings ist ihr Verhältnis anders: Es ist eines der wenigen Nicht-Verhältnisse und man hat es nicht weiterentwickelt, weil ja schon der Abstecher nach Kassel für eine Veränderung sorgt und weil Brix dort immerhin mit einer ortsansässigen Kommisarin ein gemeinsames Abendessen hat. Da konnte sich gar nichts tun, weil Janneke nämlich die Spontanidee, ebenfalls mit dem Kollegen auszugehen, mit Zurückweisung bezahlen muss. Brix ist nicht einfach. Man hat also die Annäherung der beiden sogar gebremst.

Wir hätten in dem Fall nach innen geseufzt, aber selbstverständlich vorgeschlagen, dass sie mitkommt und man zu dritt speist. So stellt die Kollegin aus Kassel allein fest, dass Brix nicht gerade ein Wunder an Empathie darstellt und Kassel auch eine Großstadt ist. Was zu beweisen war und ihm erspart geblieben wäre, wenn die so gelobte Kollegin  dabei gewesen wäre. Ob an jenem Abend auf der Kassel-Frankfurt-Schiene noch was passiert, wird nicht gezeigt, wir meinen: eher nicht.

Hingegen sehen wir alles, was an außerehelichen und vielleicht auch vorehelichen – er hat seine aktuelle Frau offenbar recht spät geheiratet – Sexnächten jemals im Leben des Herrn Jansen passiert ist wie eine Armee der Anklage, eine Zombie Nation der Entrechteten oder Gedemütigten, sexuell Genötigten, Vergewaltigten auf dem Kommissariat auftauchen – und doch kann man ihm am Ende des Films noch nichts nachweisen. Diese Szene hätte man weitaus intensiver inszenieren können, in der Form, dass er ein regelrechtes Spießrutenlaufen verpasst bekommt. Immerhin hat er im Wege dieses Schauspiels seine Rolle als Vergewaltiger ins „Haben alle so gewollt“ erklärt. Und der Mord? Wer muss dafür alles auftreten, damit er den auch zugibt?

Open Endings werden nicht von allen Fans gerne gesehen, aber die Botschaft, dass hier kein Monster im Sinne eines Serienkillers, sondern ein narzisstisches Arschloch unterwegs war, das Stress mit seinem Stiefsohn hatte, ist angekommen. Nach den Ärzten und den Rechtsanwälten werden nun auch die Showmaster ins Visier genommen. Das Logo zur Maarten-Jansen-Show soll übrigens einem aus den 1990ern und von Margarete Schreinemakers ähneln, aus ihrer wenig erfolgreichen RTL-Zeit. Sehr hintergründig, fürwahr.

Wir können es nicht ändern, die Handlung ist wieder einmal furchtbar. Was der Showmaster da anstellt, um so zu tun, als handele es sich eventuell um das sogenannte Monster von Straßburg oder einen anderen Serientäter, ist reichlich albern. Dass er dazu sogar in aller Seelenruhe nach Frankfurt fährt, dort Leichenteile platziert und die Ermittler_innen dadurch Zeit verplempern lässt, ist schon aus einem ganz einfachen Grund komplett neben der Spur: Warum will er, dass Leichenteile überhaupt gefunden werden, anstatt die Leiche, wenn er schon so einen Schlachtplan aufstellt, so zu entsorgen, dass eben niemand sie findet, und wenn doch, dass der Täter nicht zu ermitteln ist. Und wieso wird niemals ernsthaft nach seinem Alibi gefragt und es reicht den Ermittlern, dass ein Dienstwagen von Frankfurt nach Kassel und zurück genutzt wurde – in Aktion sieht man nur, dass Jansen seinen eigenen Landrover verwendet. Hat er also Teile der Leiche umgeladen? Sieht man nichts von. Und wie dann der Kopf da auf dem Grab auftaucht, weil es mitten im Hitzesommer ein bisschen schauert – ernsthaft, so weit oben im Erdhaufen, ausgerechnet das soll nicht entdeckt werden. Das wäre spätestens der Fall gewesen, wenn dieser eingeebnet und das Grab angelegt wird. Man könnte diesen Fail höchstens so erklären, dass der Moment, in dem Jansen aus der Kontrolle gerät, noch nicht beendet ist, als er den Kopf seines Stiefsohns so dilettantisch platziert. Aber irgendwie musste er bzw. musste die schwarze Plastiktüte, in welche er eingewickelt ist, ja ans Tageslicht kommen.

Auf einer anderen Ebene funktioniert der Fall auch nicht besonders gut. Dass ein solcher Narzisst wie Maarten Jansen dermaßen außer Kontrolle geht und dabei das Motiv für einen Mord, der ungeheuer grausam ist, egal ob kalkuliert oder aus Triebhaftigkeit so ausgeführt, ziemlich überschießend wirkt, ist höchst unwahrscheinlich. Soll das eine intellektuelle Hybris sein, die sich in dieser Ausführungsart zeigt? Jemanden, der in einem persönlichkeitsbildbedingten Anfall von Grandiosität glaubt, er könne das Monster von Straßburg nachahmen und die Polizei merkt es nicht? So muss man es interpretieren, wenn man sich nicht bloß noch am Kopf kratzen will. Wir sind aus Frankfurt mittlerweile schräge Filme gewöhnt, also bloß nicht so lange kratzen, bis eine wunde Stelle entsteht. Wie etwa die Schürfwunden an den Knien des Opfers – und damit bleiben wir bei der Tatausführung.

Was wäre gewesen, wenn jemand anderes zuerst die Straße mit dem gespannten Seil passiert hätte? Und es muss ja ein unverkleidetes, also glänzendes Drahtseil gewesen sein, wenn es an den Geländerstäben solche scharfen Spuren hinterlässt. Sieht man nicht? Weil so wild die Fahrrad-Hatz? Außerdem wären diese Spuren in dem Moment, in dem das Seil maximal gespannt wird, also jemand dagegen stößt, eher an den hinteren, der Straße abgewandten Ecken der Geländerstäbe entstanden. Falls überhaupt.

Zurück zu den besseren Momenten des Films, etwa den erwähnten Verhörszenen, die zwar nicht schlüssig, aber spannend aufgebaut sind. Wie gut Margarita Broich da ihren Job macht, merkt man besonders, wenn man bedenkt, wie flach die Dialoge sind. Leider ist das im gesamten Film ein Negativkennzeichen: Es ist noch schwieriger,  Typen glaubwürdig zu machen, wenn sie so banal daherreden, dass man das Charisma, das so ein Fernseh-Guru haben sollte, durch seine platte Sprache von Beginn an begräbt, und zwar besser als den Kopf von Stiefsohn Luke, denn es kommt bis zum Ende nicht recht zum Vorschein. Dass der Mann attraktiv ist, reicht nicht aus, um seine Anziehung auf viele Frauen zu erklären, die ihm zumindest die Eröffnung, die Anbahnung leicht gemacht haben müssen, denn wäre von Beginn an Gewalt im Spiel gewesen, wäre er  irgendwann einmal angezeigt worden. Schon bei der Nachbarstochter wirkt es etwas schräg, aber noch gerade so nachvollziehbar – wie aber bei den vielen erwachsenen, gutaussehenden Frauen, die man immerhin schemenhaft erkennen kann, als es auf dem Gang der „Polizeidirektion Hessen Nord“ zur Konfrontation kommt? Anders als z. B. bei Filmproduzenten steht hier auch kein Karriereaspekt hinter dem Sich-Einlassen auf sexuelle Handlungen, das am Ende als Nötigung eingeordnet wird.

Schon der inszenierte Talkshow-Moment mit dem schlussendlich Nicht-Model ist so sprachlich unterambitioniert, dass man das Dämonische, das Manipulative an diesem Talkmaster kaum herausfiltern kann.

Finale

Stellenweise hat der Film eine Gänsehaut-Atmosphäre, etwas, das großes  Unwohlsein auslöst, da ist also auch etwas gelungen, außerdem haben uns Janneke und Brix, vor allem Erstere, sehr gut gefallen, die Inszenierung hat wieder einmal versucht zu retten, was dem Skript fehlt: Sprachliche Qualität, Figurenlogik, Handlungslogik. Aber Momentchen: „Es hat etwas Beschämendes, Mensch gewesen zu sein, ohne das Menschlichste kennengelernt zu haben“, Fosco Cariddi, der Chef in Frankfurt, zitiert Frank Wedekind, damit er a.) trotz Kassel-Setting einen Vetrag mit der ARD erfüllen kann und b.)  haben sie sich anscheinend beim Verfassen des Drehbuchs darauf konzentriert, alles so aufzubauen, dass dieser erleuchtete Augenblick geschehen kann. Dafür, dass Cariddi diesen Satz aufsagen darf, durfte Luke mit 17 noch keinen Sex gehabt haben. Kann ja auch heute noch vorkommen – aber doch nicht, wenn der Vater ein Promi ist, dem groupierende Frauen echte Briefe von Hand schreiben. 

Darauf eine Rumba mit Fanny, Kopf an Brust, du Gefühlsmensch von einem Vorgesetzten. 

6/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Keine Monster mehr in Frankfurt?

Dass man schon nach Kassel ausweichen muss, um in Hessen ein Monster zu finden, zeigt, dass die Banker auch nicht mehr das sind, was sie mal waren. Dabei liefe ohne sie auch die monströseste Wirtschaftsverwerfung unserer Zeit, die Immobilienblase, nicht ohne ihr Mitwirken ab.

„Das Besondere an diesem Tatort ist, ähnlich dem erst kürzlich im März 2019 erstgesendeten Kieler Tatort „Borowski und das Glück der Anderen“ (Tatort-Folge 1086)die in Columbo-Manier erzählte Geschichte:Der Tatort-Zuschauer ist den Kriminalisten einen entscheidenden Schritt voraus, denn gleich zu Beginn der Story gibt der Mörder dem Publikum seine Identität preis. Die Spannung dieses Krimis ergibt sich demnach aus der Umsetzung der Frage: Wie gelingt es den Profi-Ermittlern, den Täter zu überführen?“, heißt es auf der Plattform Tatort Fans, die sich, wie immer, ausführlich vorab mit dem Film befasst hat. Es handelt sich also um einen Howcatchem bzw. Howcatchhim.

Die aktuellen etatmäßigen Ermittler des  HR in Frankfurt haben die Bürde zu tragen, dass sie hervorragende Vorgängerpaare hatten (Steier / Mey und Sänger / Dellwo) und dass der Übergang zu Janneke / Brix ein ungeplanter war, ausgelöst durch den Abgang von Nina Kunzendorf und weil Joachim Król alleine oder mit einer anderen Partnerin nicht unbegrenzt weitermachen wollte. In der Tat sind Brix und Janneke „normaler“, wirken weniger exponiert und daran muss man sich in einem Umfeld von Ausnahmepersönlichkeiten, die mittlerweile als Ermittelnde für die ARD-Premiumreihe tätig sind, erst wieder gewöhnen. Damit es etwas leichter wird, hat man zuletzt auch im Schwarzwald Typen auf Blum / Perlmann (Konstanz) folgen lassen, die nicht schwierig sind wegen ihrer extremen Macken, sondern, weil sie solche weitgehend vermissen lassen.

Bei Brix und Janneke versucht man mittlerweile, dies durch schräge Filme auszugleichen, die manche, gewöhnt ans Exploitative heutiger Inszenierungen, langweilig finden oder eben doch nicht mitgehen, wenn es zu sehr in Richtung Phantastik geht („Fürchte dich“, Tatort 1033). So richtig angekommen sind die beiden in den Herzen der Fans noch nicht. Platz 17 in der Rangliste des Tatort-Fundus, in der alle aktuellen Teams zu finden sind, zudem mit mehr Luft nach oben als nach unten, ist angesichts der Reputation, welche die Frankfurt-Schiene noch vor wenigen Jahren hatte, doch sehr schade. Wir haben die Liste auf heutigem Stand abgebildet, weil sie sich permanent verändert.

Nr Ermittler Bewertung
1 Lannert 7.10504
2 Borowski 6.91641
3 Batic 6.82992
4 Ballauf 6.79716
5 Murot 6.76037
6 Faber 6.74009
7 Thiel 6.70309
8 Eisner 6.65916
9 Voss 6.56247
10 Lindholm 6.44523
11 Lürsen 6.35726
12 Karow 6.28380
13 Falke 6.18158
14 Odenthal 6.13063
15 Berg 6.09477
16 Flückiger 6.02857
17 Brix (+ Janneke) 5.76459
18 Lessing 5.73361
19 Stellbrink 5.66016
20 Berlinger 5.07932
21 Tschiller 4.90977

 

Stab und Besetzung

Paul Brix Wolfram Koch
Anna Janneke Margarita Broich
Fosco Cariddi Bruno Cathomas
Maarten Jansen Barry Atsma
Constanze Lauritzen Christina Große
Kirsten Rohde-Jansen Stephanie Eidt
Max Rohde Justus Johanssen
Therese Sofie Eifertinger
Mira Herbold Anabel Möbius
KTU Beamte Barbara Stollhans
Fanny Zazie de Paris
Kollege Jonas Isaak Dentler
Gerichtsmediziner Michael Stange
Mühlbeck Michael Benthin
Journalist Helmut Reitze
Regie Umut Dag
Komposition Iva Zabkar
Kamera Carol Burandt von Kameke
Buch Stephan Brüggenthies und Andrea Heller

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s