Abschaum – Tatort 562 / Crimetime 308 // #Tatort #Bremen #Lürsen #Stedefreund #RB #Abschaum #Tatort562

Crimetime 308 - Titelfoto © RB, Jörg Landsberg

Der beste Bremer von allen?

Jetzt ist es mir endlich gelungen, den gemäß Wertungen des Tatort-Fundus (Rangliste) mit einigem Abstand besten Lürsen-Stedefreund-Tatort anzuschauen und wie kann man dieses Team bewerten ohne den Tatort, der 13 Jahre nach seiner Erstausstrahlung immer noch in den Top 20 von weit über 1000 Filmen verortet ist? Anmerkung 2019: Der Film ist mittlerweile auf Rang 31 zurückgefallen. Weniger Listenkram und mehr zum Inhaltlichen in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia, dort mehr zum Inhalt)

Die zwölfjährige Miriam Meinfeld wird tot im Bremer Stadtteil Tenever aufgefunden. Zwischen Daumen und Zeigefinger hat sie ein seltsames Zeichen. Das Mädchen hatte auffällige Substanzen im Blut, außerdem fallen dem obduzierenden Arzt unerklärlich viele Knochenbrüche auf, Miriam ist in der Vergangenheit darüber hinaus mehrfach sexuell missbraucht worden. Miriams Mutter, Sigrid Meinfeld, äußert sich gegenüber den Kommissaren Lürsen und Stedefreund abfällig gegenüber den geistig Behinderten, die in einem Heim in der Nähe untergebracht sind und meint, dort sollten sie nach dem Täter suchen. Miriams Hausarzt führt aus, dass er Misshandlungen so gut wie ausschließen könne, sie sähen anders aus. Miriams Lehrerin erzählt Inga Lürsen, dass sie sehr verschlossen gewesen sei und sehr oft verletzt war, der Verdacht auf Misshandlungen sei ihr zwar gekommen, aber es habe nichts Konkretes gegeben. Sie zeigt der Kommissarin Bilder Miriams. Alle sind in dunklen Farben gehalten und wirken bedrohlich.

Als Lürsen und Stedefreund weitere Ermittlungen in einer nahen Kneipe anstellen, gibt es Ärger. Die dort versammelten Anwohner empören sich lautstark gegen die Behinderten, die ihrer Meinung nach „Abschaum“ seien. Stedefreund sucht unterdessen nach dem Zeichen, das Miriam zwischen Daumen und Zeigefinger hatte. Er stößt dabei auf die Bibliothekarin Karin Melzer, die sich wundert, warum er erst jetzt komme. Sie dachte, Stedefreund käme wegen der Journalistin Waltraud Löbing, die vor zwei Jahren bei einem Autounfall umgekommen sei, weil sie zu viel von diesen Leuten wusste. Man habe sie umgebracht. Dieses Zeichen gehöre zur Kirche des Satans. Sie glaubt nicht daran, dass die Polizei tatsächlich etwas gegen diese Leute ausrichten könne, es seien Leute mit Einfluss von ganz oben. Sie meint, dass kaum einer bereit sei, den Opfern zu glauben, weil das, was sie erzählen, zu ungeheuerlich sei. Waltraud Löbing habe die Kopie eines Videobandes ihrer Recherchen bei ihr hinterlegt. Sie werde sie ihm geben, wenn er vergessen würde, von wem er sie habe.

Ein Gespräch Inga Lürsens mit Miriams Schwester Svenja in ihrer Schule wird unterbrochen, da ihr Vater mit einem Anwalt erscheint. Dieser wirkt insistierend auf die Kleine ein, so dass sie nur noch schweigt. Die Medikamente, die man in Miriams Körper gefunden hatte, sollen von einem Bewohner des Behindertenheims gekauft worden sein. Daraufhin wird das Heim durchsucht. Im Zimmer von Harald Markwart finden die Beamten Zeichnungen ähnlich denen aus Miriams Schule, die alle das Zeichen des Satans enthalten. Als sie weitere Dinge in einem Kästchen finden, versuchen Stedefreund und Lürsen mit Harald zu reden. Er hat eine Nahkampfausbildung und war Offizier beim KSK, einer Sondereinheit der Bundeswehr. Eine schwere Kopfverletzung beendete seine Karriere. Obwohl Lürsen ihm bedeutet, dass sie nicht glaube, dass er Miriam etwas getan habe, muss sie ihn vorläufig festnehmen.

Rezension

Meine Haltung dem Team gegenüber wird sich nicht grundsätzlich ändern. Dafür hat mich Inga Lürsen mit ihrem moralisch-hysterischen Überdrüber zu oft genervt. In den neuesten Tatort-Filmen aus Bremen und auch in „Abschaum“ tritt diese Tendenz allerdings deutlich weniger hervor.

Es ist auch keine Zeit für Geplänkel mit Ingas Tochter, obwohl diese ein Praktikum genau dort machen muss, wo alle, die andere und sich selbst für Abschaum halten und wo demgemäß die Wut und der Frust schäumen. Trotz des Zufallsfaktors 10/10 immer noch glaubwürdiger als die spätere Rolle der Tochter als pragmatische Vorgesetzte einer idealistisch hyperventilierenden Mutter. Auch das Verhältnis Lürsen-Stedefreund ist in „Abschaum“ recht ausgewogen und Lürsen düpiert ihren Partner-Ermittler ausnahmsweise nicht mit Alleingängen und damit, dass sie ihm Informationen vorenthält.

Daraus folgt: Der Film konzentriert sich voll auf den Fall, und der hat es in sich. Satanisten suchen sich in prekären Milieus Kinder zum Quälen, und das seit Jahrzehnten, sozusagen in Generationenfolge, denn die Satanisten, die wir sehen, sind außer dem Arzt noch nicht so alt, dass sie schon die Eltern des getöteten Mädchens malträtiert und vielleicht zu Tode gebracht haben können.

14 Tote gibt es am Ende, dies wurde erst 8 Jahre später vom Wiener Tatort „Kein Entkommen“ egalisiert, natürlich von Schweiger-Tschiller-Rambo übertroffen und auf eine sehr ironische Art von „Im Schmerz geboren“ pulverisiert (ca. 40mal klingelte der Postman etwas zu früh). Aber dieser Hang zu Großem ist ja den RB-Tatorten auch  eigen. Wenn man von den Futterneid-Filmen aus Hamburg absieht, gibt es wohl keine andere Schiene, in der das ganz große OK-Ding und die Staatsverwicklung via Ex-Terroristen, der Staatsschutz als Staatsschmutz und Ähnliches so  zelebriert werden wie an der Weser.

Klein macht viel, um Aufmerksamkeit zu erregen. Nicht alle Filme, die dabei herauskommen, sind schlecht, vor allem hat mir in den jüngeren OK-Thrillern gefallen, dass man sich endlich traute, No-Go-Areas darzustellen und dass die Lösung eines Falles und die Ergreifung einzelner Täter rein gar nichts am Fortbestehen der Organisationen ändern, denen sie angehören. Pessimismus ist das richtige Maß an Realismus.

Hingegen wird in „Abschaum“ am Ende eindrucksvoll  tabula rasa gemacht. Das ist insofern konsequent, als der Schluss genauso überzogen ist wie der ganze Film. Es ist eben ein Unterschied, ob man die OK porträtiert, die es wirklich gibt oder ob man sich auf solche Abwege begibt wie mit diesem hochspekulativen und hochgradig unglaubwürdigen Thriller, in dem Kindesmisshandlung schwerster Art als Aufhänger für eine ziemlich bekloppte Story hergenommen wird.

Der Film soll ja auch ein Sozialdrama sein, ist es aber aber nur nebenbei, weil nicht, wie z. B. in Frankfurt, Ära Dellwo / Sänger oder manchmal in Köln behutsam in die Mileus eingestiegen wird, sondern die Milieus ihrerseits missbraucht werden, um einen der unglaubwürdigsten Tatorte aller bisherigen Zeiten zu basteln. Klar ist der Film spannend, ich hatte keinerlei Probleme, Lürsen auszuhalten, und das sagt einiges.

In einer ganz schwierigen Rolle sehen wir die tolle Monica Bleibtreu. Sie muss so tun, als ob das, was sie dem Stedefreund da beibiegt, auch nur ansatzweise stimmen kann, und sie tut es mit Bravour – und es bleibt doch Mumpitz. Nicht nur, dass das Sozialdrama der Menschen in den Großsiedlungen als Vorwand genommen wird, wir erfahren auch nicht wirklich etwas über Satanismus, weil – tja, weil der ja nur als Vorwand für die sadistischen Neigungen der Kirche dient, die es übrigens tatsächlich gibt – gemeint ist die Church of Satan in den USA.

Die Grundsätze dieser Glaubensgemeinschaft, und in den USA gilt ja alles, was sich selbst so nennt, als eine solche, mögen diskutabel sein, besonders der  Sozialdarwinismus, aber ganz sicher machen die Angehörigen keine Menschen zu Opfern und quälen sie auch nicht in der Form, wie es ihnen um die Ecke unterstellt wird.

Der Lohn für einen der am schlimmsten zusammengewürfelten Tatorte ist, dass die Leute, die bekanntlich etwas an Orientierungslosigkeit – nicht einmal leiden, sondern sie nicht bemerken – das Ganze himmlisch teuflisch finden. Die Bilder sind düster, die Menschen ziemlich böse, auch die Großwohnanlagenbewohner, wie sie die Behindertenwerkstatt stürmen und natürlich ist auch der Oberstaatsanwalt mit von der Partie. Geradezu verwunderlich angesichts des Sittenbildes, das Tatorte immer wieder von Ärzten und Juristen zeichnen, dass nicht auch der jüngere Noch-nicht-Oberstaatsanwalt im Zirkel ist. Dafür sieht man aber den netten Hausarzt als einen von jenen, die sich ausgehöhlte Tierköpfe aufsetzen anstatt Kapuzen. Man denke daran, dass das über Jahrzehnte so funktioniert und dass sich nie jemand wehrt, weil ja die Eltern schon im System waren und dass es trotzdem keine große Organisation geben darf, weil die ja doch auffallen würden, man sich hingegen internetweise weltweit vernetzt.

Sicher war das damals eher ohne Überwachung möglich als heute. Aber es war wohl auch schon ein echtes Darknet mit besonders dunklen Praktiken, gewaltreich-pädophilem Austausch anstatt Waffenverkauf und was sonst alles.

Und die mühsame Konstruktion der kleinen, aber sehr durablen Zelle von Sadisten-Satanisten wird noch bombastisch über den Haufen geworfen durch die Markierung aller Opfer auf die gleiche Weise durch ein Satanszeichen. Da bleibt kein Auge trocken, das zum Weinen neigt, wenn die Logik gar zu sehr misshandelt wird.

Wir wissen ja alle längst, dass coole Szenen wichtiger sind als Plausibilität, und von denen gibt es in „Abschaum“ einige. Vor allem eben das Ende. Und, ja, man wird als Zuschauer verführt, diesen bis dahin größten Fall von Selbstjustiz im deutschen Krimi für voll gut zu halten, weil diese Menschen, die in der alten Villa vom Ex-KSK-Mann erledigt und erlegt werden, ja so megaböse sind. Deswegen, und das ist auch wieder Frau Bleibtreu vorbehalten, geht es auch nicht um das Nachvollziehbare, sondern um das Böse. Gemeint ist, dass es keine der üblichen Motive haben muss, um einfach kleine Kinder umzubringen, auch keine psychische Störung. Es schwingt aber auch mit, dass man bitte keine Ansprüche an die Idee von der Organisation dieser Satanisten haben soll, weil das Böse sich ja jeder nachvollziehbaren Grundlage zu entziehen weiß.

Finale

Die übrigen Tatorte mit sehr hohem Bodycount, sagen wir, im zweistelligen Bereich, gehen entweder ironisch bis satirische damit um („Kein Entkommen“; „Im Schmerz geboren“) oder sie sind einfach bescheuert und haben den geistigen Anspruch von US-Actionserien, kommen jedoch bei der Ausführung nicht ganz mit.

„Abschaum“ ist ein Sonderfall, weil hier ein sehr ernstes Thema mit einem sehr absurden Handlungsaufbau verbunden wird. Die Bilder und die dräuende Musik tun ein übriges, um keinen Zweifel daran zu lassen, dass hier wirklich das Böse am Werk ist. Dieses überfällt in Bremen auch manchmal die Tatortmacher und trotz teilweise guter Schauspielleistungen und ansehnlicher Spannungskurve mag ich gerade diese Manipulation nicht, dass neben allen handlungsseitigen Schwächen auch noch die Selbstjustiz-Orgie am Ende als das einzige Mittel der Wahl erscheint.

Und wer meint, es sei subtil, uns dadurch vor Augen zu führen, wie böse wir denken können, wenn wir nur entsprechend angestachtelt werden: geschenkt. Jeder weiß, dass wir zwei Seiten in uns haben, die je nach Persönlichkeit unterschiedlich stark ausgeprägt sind und dass Menschen sich so entwickeln können, dass fast nur noch die negative oder destruktive Seite aktiv ist – ohne dass eine psychische Krankheit vorliegen muss, die ja gerade dazu führt, dass „böse“ keine zulässige Kategorie ist. Unsere Geschichte lehrt uns, dass es das gibt. Aber so nicht heute in der Form und hierzulande in der Art, wie es hier vorgeführt wird.

Schlussanmerkung 2019: Wir diskutieren gerade darüber, ob es „Das Böse“ von Geburt an gibt, aber der Stand der Dinge hat sich seit 2017 nicht wesentlich verändert. Das Problem kommt dadurch auf, dass immer mehr Filme dazu übergehen, ein Mörder-Gen oder Ähnliches als gegeben vorauszusetzen, auch da folgt man den US-Vorbildern. Das zweite Konfliktfeld ist, wie man die Abwesenheit von Plausibilität bewertet. Bei genauerem Hinsehen haben beide Phänomen etwas miteinander zu tun. Anders als bei der Veranlagung eines Menschen tendieren wir allerdings bei den Handlungen jetzt dazu, mehr Raum zu geben, weil wir sonst nur noch schlechte Bewertungen verteilen müssten. Man kann auch sagen, wir beugen uns der Realität, weil wir sonst Probleme mit denen bekommen, die nicht permanent Verrisse lesen möchten. Die Punktezahl für „Abschaum“ würde heute nicht wesentlich anders ausfallen, sonst hätten wir sie für die Veröffentlichung der etwa zwei Jahre alten Rezension angehoben. Daraus geht hervor, dass wir „Abschaum“ nicht für den besten Bremer Tatort halten. In jüngerer Zeit haben wir meist deutlich höhere Punktzahlen vergeben.

6,5/10

© 2019, 2017 Rote Sonne 17, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Kommissar Stedefreund – Oliver Mommsen
Karin Melzer – Monica Bleibtreu
Helen – Camilla Renschke
Staatsanwalt Dr. Berger – Helmut Zhuber
Oberstaatsanwalt Mertens – Christoph Bantzer
Bodo Meinfeld – Michael Lott
Svenja Meinfeld – Luisa Sappelt
Björn Meinfeld – Philip Stölken
Sigrid Meinfeld – Martina Schiesser
Walter – Christian Bruhn
Dr. Wulf – Rainer Luxem
Lohmann – Peter Rühring
Harald Markwart – Hans Uwe Bauer

Drehbuch – Thorsten Näter
Regie – Thorsten Näter
Szenenbild – Alexander Liebler
Kostüme – Astrid Karras
Kamera – Achim Hasse

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