Parteifreunde – Tatort 345 / Crimetime 309 / #Tatort #HH #NDR #Stoever #Brockmöller #Parteifreunde #Crimetime

Crimetime 309 - Titelfoto © NDR

Hinter den Kulissen der Partei …

… ist das Leben gar nicht mal so frei. Wenn Stoever und Brockmöller vor sich hinträllern, dürfen wir auch schlechte Verse schmieden. Oder ein schönes Malmot: Wer Parteifreunde hat, braucht keine Feinde. Dummerweise finden wir das gar nicht so abwegig, seit wir in eine Partei eingetreten sind. Einen Unterschied gibt es zu dem, was wir im Film sehen. Es wird nicht mit Dreck aus dem Privatleben geworfen, zumindest nicht so, dass das Fußvolk es mitbekommt. Die politischen Ränkespiele reichen vollkommen aus, um tektonische Verschiebungen beim Spitzenpersonal auszulösen. Klar interessiert uns ein Thema wie dieses. Aber wie wurde es umgesetzt? Darüber steht mehr zu lesen in der -> Rezension.

Handlung

Der machtbesessene und kühl kalkulierende Politiker Wolf Hancke ist zu Gast auf dem Landsitz des ehemaligen Parteichefs Eberhard Sudhoff, um sich dessen Zustimmung für die bevorstehende Wahl zum Landesvorsitzenden zu holen. Damit will er die Lücke des erst kürzlich zurückgetretenen Senators Priebeck wieder füllen.
Am selben Abend wird vor Hanckes Haus der zwielichtige Zeitschriftenvertreter Fred Schirmer erschossen.

Noch am Tatort befragen die Hauptkommissare Stoever und Brockmöller den eintreffenden Politiker nach dessen Beziehung zu Schirmer und erfahren, daß der Ermordete hin und wieder für ihn gearbeitet habe.

Am nächsten Tag verweigert Sudhoff Hancke überraschend das Alibi und macht ihn dadurch zum Hauptverdächtigen. Wer von beiden lügt und warum? Sudhoffs Verhalten demontiert Hanckes Parteiposition blitzartig: In den Zeitungen steht der Name des Parteikandidaten in Verbindung mit dem Mordfall sofort auf der Titelseite. Stoever und Brockmöller sind gezwungen, sich durch ein Netz von Beziehungen und politischen Intrigen zu kämpfen. Die Recherchen ergeben, daß Fred Schirmer ein Doppelleben führte. Auf der einen Seite lebte der Kleinkriminelle bei einer Freundin auf dem Lande, auf der anderen Seite hatte er ein luxuriöses Appartement gemietet, in dem er offenbar regelmäßig Frauenbesuch empfing. Wer war diese Frau?

Während es Brockmöller gelingt, Schirmer einen Einbruch in die Villa des zurückgetretenen Senators Priebeck nachzuweisen – dieser Einbruch löste damals bei Priebeck einen Herzanfall aus und war Grund für seinen Rücktritt – ermittelt Stoever, daß Hancke den aufwendigen Lebensstil seines „Angestellten“ finanziert hatte. Welche schmutzige Arbeiten mußte Schirmer dafür erledigen?
Stoever ist immer mehr von Hanckes Schuld überzeugt. Doch Brockmöller wird das Gefühl nicht los, daß Sudhoff die beiden Kommissare in einem Spiel um Macht und Parteimachenschaften nur benutzt.

Rezension

Noch heute morgen, im Rahmen der Rezension des neuen Tatorts von gestern Abend, welcher sich „Das Monster von Kassel“ nannte, beschwerten wir uns über die allzu platten Dialoge. Sollen wir jetzt sagen, das, was in „Parteifreunde“ geboten wird, ist vielleicht doch etwas zu sehr gestanzt? Dann lieber so. Leicht überphilosophisch, aber jeder Satz ein Treffer. Hanseatisch bräsig, gelassen, pointiert. Auf unterschiedliche Weise bei den Politikern, wenn sie miteinander reden und mit Stoever  und Brockmöller reden und bei den beiden untereinander. Unser Eindruck war, dass Letztere teilweise improvisiert hatten. Schon 1996 waren Sätze wie der mit den 17Jährigen, den Stoever ablässt, nicht mehr comme il faut. Waren sie eigentlich nie. Da kam der Macho in Krug durch, wir können uns beim besten Willen nicht vorstellen, dass das genau so im Drehbuch stand.

Es gibt noch mehr grenzwertige oder übergriffige Bemerkungen, welche auf die Schiebermütze oder die polierte Platte der Freiheiten geht, welche die beiden sich wohl im Lauf der Zeit und besonders in diesem Film erarbeitet hatten.

Dabei werden sie sehr kenntlich, Paul immer das Alpha-Männchen (hoffentlich schreibt uns jetzt niemand, das Alphading sei längst out, wir wissen, dass es in Gruppenarbeit noch angewendet wird), Peter immer der pfiffige Underdog, der aber darauf eingerichtet ist, gegen den Big Dog den Kürzeren zu ziehen. Schon die Körperhaltung der beiden ist ja recht unterschiedlich, ebenso die Mimik – und genau so spiegelt es sich in den Sätzen, die sie sagen und wie sie diese Sätze sagen. Das wirkt ungeheuer authentisch und trägt maßgeblich zum Kultstatus der beiden bei, obwohl es unter ihren 41 Werken nur wenige gibt, die man als großartig bezeichnen kann. Allerdings eine ganze Reihe, die als überdurchschnittlich eingeschätzt wird. 

Wie auch „Parteifreunde“. In der internen Rangliste von Peter und Paul nimmt er Rang 20 von 41 ein, steht also ziemlich genau in der Mitte. In der Gesamtwertung von derzeit 1094 Filmen aber kommt er auf Rang 393, schließt also ans obere Drittel an.

Außerdem trägt Peter mit seiner etwas subtileren Art hier die Goldmedaille für die beste Spürnase nach Hause: Er merkt gleich, dass der alte Parteiwolf lügt, um den jüngeren Parteifuchs in die Bredouille zu bringen, während Paul mit seiner überaus selbstsicheren Art die Antenne für die Feinheiten in diesem Film gar nicht erst ausfährt. Es gibt Filme mit den beiden, da hat er die durchaus. Wir finden die Rollenverteilung klasse, weil eindeutig und dem Profil der beiden entsprechend, da sieht man so gut wie keine Wackler.

Dieses Stimmige setzt sich bei den übrigen Figuren fort. Rolf Hoppe ist als die wahrhaft graue Eminenz der Partei eine Klasse für sich und auch die übrigen Rollen sind gut ausgefüllt, besonders der pädophile Ex-Jugendsenator und seine Frau. Auch die „Bauernschlampe“ ist herrlich gespielt und der Name Ina Klops ist Programm. Nein, sie heißt Klopsch, aber es gibt Momente, in denen sich der stellenweise Mangel an politischer Korrektheit in diesem Film Bahn bricht bis und hinüberschwappt ins Rezensionswesen der späten 2010er. Das ist kein Mangel an Distanz, sondern das Vergnügen daran, dass es Zeiten mit echter Sprache gab. Die Impulssteuerung ist dann aber auch umgehend wieder intakt und führt aus den Niederungen der vorkorrekten Sprachvergangenheit hinaus.

Und die Partei? Vom Gepräge eindeutig CDU, wie man sie sich in der späten Kohl-Ära vorstellt, aber der engagierte Jugendsenator wirkt eher wie ein SPD-Mann, der in den falschen Film oder auch den falschen Apparat gelangt ist. Heute unterscheidet sich das alles ja nicht mehr groß, aber 1996 glaubten viele noch an den Kontrast, an die Alternative.

Der Plot wirkt auf den ersten Blick recht stimmig, aber wenn man genauer nachdenkt, bemerkt man ein ziemlich großes Problem. Der große Alte hat ja alles mitbekommen und teilweise auch mitbewirkt, was läuft. Er lässt es zu, dass der Jugendsenator, den er wol auch persönlich mag, auffliegt und den Vorsitz der Partei abgeben muss – weil er es nicht verhindern kann. Er weiß, wer die Triebfeder der Enthüllungen ist, nämlich der alerte Typ, der sich das ganze Büro mit Großfotografien und – Pappkameraden-Aufstellern von sich füllt, der Parteitechnokrat jüngerer Prägung, neoliberal geprägt, eine Konkurrenzmaschine. Ein Typ, der dann aber doch stolpert, weil er gar zu sehr am Stuhl des Kollegen Parteivorsitzenden sägt.

Erinnert alles ein wenig an Friedrich Merz und ähnliche als sie jung waren alerte Typen, oder? Und was ist nun das große Problem? Der Alte rettet die Partei zwar vor dem Mann, der ihr die Seele rauben will, aber dann? Dann kommt das große Nichts oder das Mittelmaß, das heute das Maß der Dinge ist. Wenn Sudhoff gewusst hätte, wie die Basis seiner Partei, sei es die CDU oder die SPD, in den kommenden Jahrzehnten erodieren wird, hätte er vielleicht anders gehandelt. Aber was weiß man schon, denn man so tut, also ob man zynisch sei wie sonstwas und in Wirklichkeit die letzte Seele in einer Welt, in der bei näherer Betrachtung ersichtlich wird, dass bereits die Roboter das Sagen übernommen haben. Und seien es die seelenlosen Karriere-Roboter. Der Film hat ein wirklich gutes Gespür für das Schicksal, das die beiden großen Parteien in den kommenden beiden Jahrzehnten ereilen wird. Die CDU wirkt ja nur deshalb vergleichsweise stabil, weil die SPD noch stärker von ihren Fellen weggeschwommen ist.

Finale

Dieses Politik-Sittengemälde, das natürlich auch ein allgemeines ist, kann nicht mit rasender Geschwindigkeit gefilmt werden, das wäre auch ganz unhanseatisch, da gehört ein leicht statisches Gepräge dazu, es blubbert, wabert und rumpelt nicht so wie beispielsweise in Berlin. So gesehen, ist Hamburg heute tatortmäßig komplett gegen den Strich gebürstet, fühlt sich vermutlich mit den eigenen Tatorten fremd. Vor allem Tschiller passt zu dieser Stadt wie die Faust aufs Auge und man kann nur hoffen, dass nach seiner Ära, wenn man seine krawalligen Gastspiele als eine solche bezeichnen kann, beim NDR eine Besinnung stattfindet und bloß ein Veilchen zurückbleibt, das irgendwann verschwindet.

Jeder kann sich mal irren und in falsche Gesellschaft geraten. Uns hat die langsame Filmeweise nicht gestört. Sie war damals üblich und der Humor von Stoever und Brockmöller braucht Raum, braucht Zeit, denn er lebt, anders als in Münster, auch vom exzellenten Timing, nicht nur von den Sprüchen an sich, die dort auch  mehr mit Slapstick kombiniert werden. Außerdem hatte es sich in den 1990ern eingebürgert, dass noch zwei, drei Minuten fürs Singen der Singing Cops abgezweigt werden musste. Wir mögen es meistens, schließlich nennen sich die beiden nicht die zwei Tenöre oder ein Tenor und ein Bariton, deren stimmliche Fähigkeiten für gepflegten Smooth Jazz noch gerade ausreichen. Haben wir schon erzählt, dass Manfred Krug in der Frühphase seiner Karriere, in der DDR natürlich, in mindestens einem Musical mitgespielt und darin gesungen und getanzt hat? Wirklich wahr und so eine schlechte Performance lieferte er dabei nicht. Wir empfehlen den Parteifreundefilm nicht nur Stoever-Brockmöller-Fans, sondern allen, die einfach mal Spaß am Krimi haben wollen und nicht permanent auf billigen neutatortlichen Nervenkitzel angewiesen sind. Älter Menschen wie du und ich könnten die typische Zielgruppe für Filme wie diesen sein. Am spannendsten ist für uns gerade die Frage, ob wir für die teilweise grobe Sprache doch einen Abzug geben. Wir tun es nicht. Es ist vorbei, es ist historisch. Und wir sind nicht bei den klassischen Kinderbüchern, die sprachlich den aktuellen pädagogischen Trends angepasst werden müssen. Wir verstehen schon, dass man heute nicht mehr mit der Zigarre im Friseurgeschäft sitzt, wir rechnen uns die dazu erforderliche geistige Spannkraft zu – und es gibt auch kaum noch Menschen mit polierter Platte.

8/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Stoever Manfred Krug
Kommissar Brockmöller Charles Brauer
Eberhard Sudhoff Rolf Hoppe
Dr. Hancke Sven-Eric Bechtolf
Priebek Christoph Bantzer
Hella Priebek Angela Stresemann
Ina Klopsch Marion Breckwoldt
Jan Nils Kasiske
Stefan Struve Kurt Hart
Doris Scholte Charlotte Schwab
Wöring Dietmar Mues
Regie: Ulrich Stark
Buch: Detlef Müller
Kamera: Manfred Ensinger

 

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