Mord hinterm Deich – Tatort 363 / Crimetime 315 // #Tatort #HH #Hamburg #NDR #Stoever #Brockmöller #Deich #Tatort363

Crimetime Vorschau - Titelfoto © NDR

In Biologie gut unterrichtet, in die Literatur verliebt

Innerhalb weniger Tage haben wir gleich zwei Stoever & Brockmöller-Lücken schließen können, zuletzt haben wir „Parteifreunde“ rezensiert und nun ist der Film mit dem Mord hinter dem Deich dran. Der NDR ist wieder mit den beiden Singing Cops zugange. Dass er diese so pflegt, ist angesichts der jüngsten Irrwege des Senders verständlich. Es liegt nicht daran, dass man nichts mehr investiert, aber möglicherweise sind es die falschen Investitionen. In der Stoever-Brockmöller-Ära hatte man sehr darauf geachtet, neben den beiden Polizeistars ein paar weitere einzusetzen, in „Parteifreunde“ war es der grandiose Rolf Hoppe und in „Mord hinterm Deich“ spielen Heiner Lauterbach, Gerd Baltus und Sophie Schütt in einer frühen Rolle mit. Und natürlich spielt immer „Reifezeugnis“ mit, der legendäre NDR-Tatort mit der Lehrer-Schülerin-Beziehung, an dem sich alle anderen Filme, die das Thema aufgreifen, messen lassen müssen. Was sich aus der Messung ergab, steht in der -> Rezension.

Handlung

Der Mord an der Gymnasiastin Dagmar führt die Kommissare ins Alte Land, ein Obstanbaugebiet bei Hamburg. Verzweifelt schildert der verwitwete Obstbauer, Vater der Tochter, das Leben des toten Mädchens; er kann sich überhaupt nicht vorstellen, wer seine brave Tochter ermordet haben könnte.

Die Kommissare ermitteln zunächst an der Schule, wo Dagmar im nächsten Jahr das Abitur machen sollte. Schon bald stoßen sie auf mögliche Motive und Ungereimtheiten in Dagmars Leben, denn der Kleinkrieg zwischen Dagmar und ihrer türkischen Mitschülerin Sevda war kein Geheimnis. Dagmar konnte nicht ertragen, daß Sevda, deren Eltern vor Jahren als Lohnarbeiter auf dem Hof Ihrer Eltern beschäftigt waren, fast Klassenerste war, während Dagmars Abitur gefährdet schien. Daher streute Dagmar das Gerücht, daß Sevda mit dem Deutschlehrer Warringa für ihre Abiturnoten ins Bett ginge. Der Bericht der Gerichtsmediziners gibt weitere Aufschlüsse, denn Dagmar war nicht so jungfräulich wie vermutet.

Stoever und Brockmöller ermitteln, daß zum Beispiel der arbeitslose Tomko einer ihrer zahlreichen Verehrer war, und er hat zur Tatzeit kein Alibi. Auf einmal gerät auch die Aussage des Vaters ins Wanken – könnte etwas an dem Inzest-Verdacht sein, den Brockmöller hat?

Ein bei Dagmars Sachen gefundenes Foto läßt jedoch zunächst den Deutschlehrer Warringa unter Mordverdacht geraten. Sevda ist außer sich und unternimmt eine verzweifelte Tat, um ihren geliebten Lehrer zu retten. Parallel zu diesem Fall beschäftigt die Kommissare die Identifizierung einer stark verwest aufgefundenen Wasserleiche. Nach einer mühevollen Gesichtsrekonstruktion ergibt ein Hinweis auf die Identität der Leiche, daß der Tote, Gründel, freier Journalist war, der im Alten Land Recherchen zu „Landpuffs“ anstellte. Über diese Verbindung kommen die Kommissare auf die entscheidende Spur im Mordfall Dagmar Holst, denn die beiden Ermordeten kannten sich und hatten offensichtlich ein Verhältnis miteinander. Brisant wird es, als auch noch eine Verbindung zwischen Gymnasiallehrer Dehart und Dagmar auftaucht. Der Kreis schließt sich.

Rezension

Den lyrischen, wunderbar differenzierten Ton von „Reifezeugnis“ hat „Mord hinterm Deich“ nicht, außerdem sieht man zu wenig vom Deich oder vom Meer. Es gibt Filmtitel, die eher dazu dienen, etwas zu kaschieren oder zu pointieren, aber hier hätte das Alte Land mehr eingebunden, eine eigene Rolle spielen dürfen. Diesen Film hätte man jedoch überall inszenieren können. Außer vielleicht in der Großtadt, weil es dort keine Bauernhöfe gibt. Die Inszenierungsweie von „Reifezeugnis“ hätte allerdings nicht zu den tätigen Ermittlern gepasst – Stoever und Brockmöller in einen Film zu stellen, in dem es teilweise richtig subtil zugeht, ist kaum vorstellbar. Das liegt vor allem daran, wie Stoever selbst Mitgefühl eher dröhnt als kundtut. Daher sehen wir ihn am liebsten in Filmen, in denen es, wie zuletzt, um politische Schweinereien oder richtige Verbrecher oder um Nazis geht, um alles, was einen robusten Umgang notwendig macht.

Bei Lehrer-Schüler-Dramen, in „Mord hinterm Deich“ gleich in zweifacher Ausführung zu besichtigen, in einer profanen und einer poetischen Version, wirkt Stoever nicht unbedingt wie derjenige, der sich dadurch ermittlungsseitig vorwärtsbewegt, dass er sich in die Charaktere hineinversetzen kann. Richtigerweise hat man diesen Part auch seinem Kollegen Brocki zugedacht, der sich allzu offensichtlichen Lösungen wieder einmal verweigert und seinem Kollegen zu Recht die Zunge rausstreckt. „Holz arbeitet, nimmt dir ein Beispiel“, auch solche Sätze darf er sagen oder sich darum streiten, wer den beschwerlichen Weg in die Asservatenkammer in Angriff nimmt. Die beiden sind eben herrlich eingespielt und das macht sie so wertvoll. Das Singen findet dieses Mal in Form der Inbetriebnahme eines Keyboards per Batterie statt. Jetzt verstehen wir auch, wie es im Abschiedstatort „Tod vor Scharhörn“ gelaufen ist. Bisher hatten wir uns darüber gewundert, dass ein Keyboard einen Auto-Adapter haben kann und dieses mit dem Schoßklavier begleitete Singen im großen Wagen für ein surrealistisches Element gehalten, würdige Krönung der Stilisierung, die Stoever und Brockmöller mit der Zeit erfahren haben.

Alle Figuren in „Mord hinterm Deich“ sind überzeichnet, darüber täuscht die übliche, ruhige Inszenierungsweise der 1990er hinweg. Die Cops kalauern etwas viel, aber im Rahmen des Üblichen. Die Mädchen jedoch sind megazickig oder megaliterarisch, die Lehrer vögeln oder saufen zu viel, ebenso wie der Vater des Mädchens, den man nie ohne Schluckvorgang sieht. Die beiden Schülerinnen werden, wie meist in solchen Produktionen, von Frauen dargestellt, die bereits 22 bzw. 26 Jahre alt waren, die Besetzung von Nastassja Kinski in „Reifezeugnis“ war auch deshalb eine Besonderheit, weil die Darstellerin tatsächlich das Alter ihrer minderjährigen Rollenfigur hatte.

Der Pädagoge mit dem filialisierten Bordellbetrieb, den seine Frau in die Ehe mitgebracht hat, obwohl sie selbst Naturschützerin ist und den Handlungsstrang mit dem Journalisten, dessen in monatelanger Kleinarbeit angefertigte Maske einfach erschossen wird, sind Konstruktionen, die man verknusen muss, wenn man Spaß an dem Film haben will. Im Grunde waren Stoever und Brockmöller die ersten Generealdialektiker. Nicht immer allerdings mit verbalisierter These und Gegenthese, wie in Köln häufig zu sehen, sondern etwa so: Einerseits unterschreiben sie für eine Petition gegen den Hafenausbau, andererseits wird die verschrobene Lehrergattin gezeigt, wie sie eine Ente nicht von einer Nachtigall unterscheiden kann. Kein Wunder, dass sie eine junge Frau umbringt, deren Verhältnis mit dem Ehemann schon beendet ist. Sklavische Liebe ist etwas, das sich im Film schwer darstellen lässt. Vielleicht empfinden wir das auch so, weil uns allzu asymmetrische Verhältnisse triggern und peinlich sind, denn es geht immer um Würde oder deren Nichtvorhandensein und um Macht und Ohnmacht.

Finale

„Das Drehbuch von Raimund Weber basiert auf dem Roman „Tödliche Teestunde“ von Theodor J. Reisdorf, der ursprünglich in Ostfriesland spielte und von Weber ins Alte Land „verlegt“ wurde. Die Erstausstrahlung erfolgte bereits am ersten Weihnachtstag 1996 im NDR, in der ARD folgte der Tatort am 8. Juni 1997. Die ARD-Sendung erreichte mit 8,68 Millionen Zuschauern einen Marktanteil von 28,08 Prozent.“[1]

In der Tat ist „Mord hinterm Deich“ einer der wenigen Fälle, deren Vorspann die Nennung einer Romanvorlage enthält. Allerdings kommt Tee trinken nicht vor, vielleicht ist diese Beschäftigung der Verlegung vom teereichen Ostfriesland hintern Deich zum Opfer gefallen. Dieser klassische Whodunit, in dem viele Verdächtige hintereinander das – sic! – Opfer besuchen, endet ein wenig unbefriedigend, weil nicht die Figur, die man sich als Täter gewünscht hätte, Dagmar Holst getötet hat. Auf dem Gewissen hat er sie schon, aber vielleicht hatte Heiner Lauterbach sich ausbedungen, nicht in einem Tatort mitspielen zu müssen, in dem er schlussendlich in Handschellen abgeführt wird. „Mord hinterm Deich“ ist sehenswert, wie die meisten Stoever-Brockmöller-Filme, aber nicht herausragend.

7/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

Morgen Abend (18.05.2019) kommt es tatortmäßig so dicke wie seit Monaten nicht mehr. Beginnend um 20:15 beim WDR mit dem Faber-Film „Hundstage„. Man kann nach dessen Ende sofort umschalten zu „Mord hinterm Deich“, einem Stoever-Brockmöller-Fall aus 1997 und dranbleiben, denn im Anschluss wird der sechs Jahre ältere Film „Finale am Rothenbaum“ gesendet, ebenfalls mit den Singing Cops, wenn wir uns richtig erinnern, haben sie zu der Zeit noch nicht Jazz im Film gemacht. Allerdings grätscht der WDR dazwischen und sendet einen nochmals zwei Jahre älteren Schimanski-Tatort namens Blutspur (23:15 Uhr). Unser Media Receiver läuft ohnehin über, seit wir uns entschlossen haben, die Reihe Polizeiruf ebenfalls zu rezensieren, aber es ist tatsächlich so, dass wir zwei von den vier morgigen Tatorten noch nicht gesehen haben – den Schimanski und „Mord hinterm Deich“. Daher gibt es zu Letzterem auch nur diese Vorschau, eine Rezension folgt so bald wie möglich nach dem Anschauen.

Der NDR kümmert sich wieder um Stoever und Brockmöller und sendet auch Filme, die wir bisher noch nicht gesehen haben (zuletzt „Parteifreunde„, den wir ziemlich gut fanden). In der Vorschau bringen wir daher nicht jedes Mal eine Hommage, sondern fassen uns heute kurz. Dafür beglückt uns die ARD mit einer recht langen Inhaltsangabe.

TH

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Stoever Manfred Krug
Kommissar Brockmöller Charles Brauer
Hanno Dehart Heiner Lauterbach
Britta Dehart Brigitte Janner
Warringa Gerd Baltus
Sevda Yilmar Vijak Bayjani
Dagmar Holst Sophie Schütt
Bauer Holst Wolfgang Schenk
Bongers Reinhard Krökel
Maria Susanne Deraickchani
Sandmann Werner Berndt
Regie: Olaf Kreinsen
Buch: Raimund Weber
Kamera: Randolf Scherraus

 

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