Der Tod des Professors – Polizeiruf 110 Fall 28 / Crimetime 328 // #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Geschonnek

Crimetime 328 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Der Mann, der nicht nur diesen Film trägt

Auch die Hauptdarsteller werden in den DDR-Polizeirufen erst im Abspann genannt und weil wir nicht so genau damit vertraut waren, wie Erwin Geschonnek im Jahr 1974 als Professor aussehen könnte, hatten wir zunächst gar nicht auf dem Schirm, dass es sich um ihn handelte, de den Mann spielt, der im Lauf des Films verstirbt – an einem mehr oder weniger provozierten Herzinfarkt. Geschonnek lebte derweil noch 34 Jahre weiter und hat noch manche großartige Rolle gespielt. Er beherrscht auch diesen 28. Polizeiruf und macht ihn so zu etwas Besonderem.

Handlung (Wikipedia)

Der Arzt Dr. Günter Harms fährt nachts angetrunken von einer Besprechung nach Hause. Er übersieht den plötzlich auf die Straße tretenden Herrn Kiefholz und fährt ihn an. In einer Baustelle kommt der Wagen zum Stehen. Günter kümmert sich um Herrn Kiefholz, der ihn als Arzt wiedererkennt: Günter hat einst Kiefholz’ Tochter operiert. Günter vergewissert sich, dass es Herrn Kiefholz gutgeht, bringt ihn jedoch ins Krankenhaus, als er einen Schwindelanfall erleidet. Beide einigen sich darauf, den Unfall als einen unglücklichen Sturz von einem Wasserturm auszugeben.

Günter beichtet den Unfall seinem Vater Wolf. Der ist leitender Professor an dem Klinikum, an dem auch Günter arbeitet. Wolf macht Günter Vorwürfe und besteht darauf, dass er sich der Polizei stellt. Es sei alles eine Frage der Moral, insistiert Wolf, doch Günter reagiert ironisch: Gerade im Haus des Professors ist Moral ein schlechtes Argument, ahnt Wolf doch von der Affäre seiner 24 Jahre jüngeren Ehefrau Carolin mit dem Schauspieler Hendrik Grabeleit. Wolf, der an Diabetes mellitus und Angina pectoris leidet und sich in den nächsten Tagen zur Ruhe setzen will, plant nun, endlich Ordnung in sein Leben zu bringen. Er lädt Freunde und Bekannte zur großen Abschiedsfeier, darunter auch Hendrik. Er will sich mit ihm aussprechen und eine Lösung für sich und seine Frau finden.

Die Verletzung von Herrn Kiefholz erweist sich als schwerer als vermutet: Aufgrund einer Milzverletzung muss Wolf eine Splenektomie durchführen, die gleichzeitig die letzte Operation seiner langen Arztkarriere ist. Erneut drängt er Günter dazu, sich der Polizei zu stellen. Auch die Kollegen von Herrn Kiefholz werden misstrauisch. Die baufällige Treppe am Wasserturm, von der er vorgibt gefallen zu sein, gibt es schon seit längerer Zeit nicht mehr. Einer der Kollegen alarmiert Oberleutnant Peter Fuchs und Leutnant Vera Arndt. Beide wurden bereits wegen der Unfallspuren an der Baustelle informiert, die Günter mit seinem Wagen hinterlassen hatte.

Im Hause Harms – Wolf und Günter leben mit ihren Ehefrauen im selben Gebäude – kommt es zu Spannungen. Günters Frau Irene will verhindern, dass sich ihr Mann der Polizei stellt. Wolf stellt fest, dass im Ernstfall er selbst seinen Sohn anzeigen werde. Am nächsten Tag, dem Morgen nach seiner Abschiedsfeier, ist Wolf tot. Peter Fuchs und Vera Arndt befragen die Anwesenden, erfahren von Carolins Beziehung zu Hendrik und auch, dass Hendrik und Wolf kurz vor dem Tod zusammen im Gartenhaus verschwunden waren. Nachher wurde Wolf nicht mehr gesehen. Wolfs Freund Dr. Ewald Mersburg fand Wolfs Leiche kurz nach Mitternacht. Irene sagt aus, dass sie kurz nach dem Gespräch von Wolf und Hendrik nach ihrem Schwiegervater sehen wollte, die Tür zum Gartenhaus jedoch verschlossen war. Ewald wiederum konnte die Tür problemlos öffnen. Der Schlüssel findet sich an ungewohnter Stelle an einem Kleiderhaken im Haus wieder.

Die Obduktion ergibt, dass Wolf an einem Herzinfarkt gestorben ist, der auch durch Aufregung oder Schock verursacht worden sein kann. Hendrik gibt zu, mit Wolf eine heftige Auseinandersetzung gehabt zu haben. Er habe ihm gesagt, dass seine Frau ihn verlassen werde und dass er ein alter, kranker Mann sei. Wolf sei daraufhin fast zusammengebrochen und habe ihn weggeschickt. Der Schlüssel habe in der Tür gesteckt. Hendrik berichtet weiter, dass er Carolin vom schlechten Zustand ihres Mannes berichtet habe. Sie wird schließlich von den Ermittlern überführt und gibt zu, kurz darauf ins Gartenhaus gegangen zu sein. Sie wollte Wolf eine Insulinspritze geben, die er sich schon zurechtgelegt hatte. Er habe ihr jedoch gesagt, dass er sich von ihr scheiden lassen will. Sie habe ihn beschimpft und die Insulinspritze zerstört. Beim Einsetzen seines Anfalls sei sie gegangen und habe das Gartenhaus wütend abgeschlossen. Als sie nach kurzer Zeit zu ihm zurückkehrte, sei Wolf bereits tot gewesen. Sie wird verhaftet, weil sie den Tod ihres Mannes verursacht hat. Günter wiederum hat der Tod seines Vaters zum Handeln bewegt: Er zeigt sich selbst wegen des Unfalls mit Herrn Kiefholz an.

Rezension

Die Wikipedia erzählt weiterhin, Geschonneks Auftritt und das Ärzte-Milieu hätten besonders viel Zuschauer angezogen, die Quote lag bei 60,5 Prozent. Diese war bei Tatorten damals allerdings ebenfalls üblich und bei nur zwei Programmen hatte die Vorstellung einer neuen Produktion der jeweiligen Premium-Krimireihe natürlich die Nase im Rennen um die Zuschauer vorne.

„Die Kritik nannte den Film „wenig aufwendig realisiert“, wobei gerade das Ende mit dem Geständnis der Ehefrau „formal strukturell an traditionelle Kriminalspiele“ erinnert.“[4] 

So heißt es dann noch in der Wikipedia. Natürlich, der technische Aufwand hält sich in Grenzen, das ist bei den meisten alten Polizeirufen so, deswegen fallen Filme wie „Per Anhalter“ auch so auf, den wir kürzlich rezensiert haben; der Beitrag wird demnächst veröffentlicht. Immerhin hat „Der Tod des Professors“ schon über 70 Minuten Spielzeit und davon vergehen bis zu dessen Tod immerhin ca. 45. Erwin Geschonnek erhält noch einmal eine zusätzliche Szene durch eine Rückblende, die dem  Zuschauer illustriert, wie es tatsächlich zu seinem Tod kam. Man hat also den Luxus eines Gständnisses und einer Szene, die man mit dem Geständnis vergleichen kann. Wie aber hat man es geschafft, dass die Star-Ermittler Fuchs und Arndt nicht erst am Ende des Films aktiv werden konnten?

Indem man sie zuvor schon in einem Fall ermitteln lässt, in dem gar nicht viel passiert ist, der aber schon an die Familie Harms heranführt und der die moralische Diskussion einleitet, die vom Professor mit einer Härte sich selbst und anderen gegenüber geführt wird, die man nicht nur in DDR-Produktionen selten sieht. Keine Frage, auch in diesem Polizeiruf kann man gut erkennen, warum Erwin Geschonnek nach deren Ende zum besten Schauspieler der DDR gewählt wurde, ähnlich wie Jean Gabin zum bedeutendsten französischen Schauspieler des 20. Jahrhunderts.

Man konnte auch sozialistische Kritik unterbringen, die gilt vor allem der Frau des Professors, die sich einen Geliebten hält und gleichzeitig die kommode Stellung als Arztgattin nicht verlassen möchte. Man versteht ihre sexuell intendierte Flucht, weil der Mann so krank ist, aber der unterlegte Materialismus setzt einen klaren Akzent, der dieses Mal, anders als im kürzlich rezensierten „Verbrannte Spur“ nicht dem gesamten großbürgerlichen Milieu, wenn auch weit unterhalb des Merz-Mittelstands angesiedelt, sondern nur der Einstellung einzelner Personen gibt, die offenbar nicht im Sozialismus angekommen sind und immer noch an Privilegien wie dem titel „Frau Doktor“ und Klamotten und Schmuck und derlei Nachrangigkeiten hängen. Dass dieser Faktor nicht dominiert, ist eben Geschonneks mächtigem Spiel zu verdanken.

Wie ist es, wenn man gar strenge Maßstäbe anlegt, die eines Professors der Medizin von alter Schule würdig sind, daher den Sohn sehr tadelt für eine nicht sehr schreckliche Tat, sich selbst aber nicht dagegen stemmt, dass man von der Frau ausgenutzt wird. An diesem Film kann man gut sehen, dass Moral etwas Absolutes sein muss, soll sie sich nicht selbst diskreditieren: Dann ist es auch gleichgültig, ob die Handlungen vergleichbar sind, die gegenübergestellt werden. Eine Nicht-einmal-Fahrerflucht des Sohns ist in fast jeder Hinsicht etwas anderes als die Tolerierung eines unhaltbaren Ehezustandes. Nicht nur, weil das eine ad hoc geschieht, eine schnelle Entscheidung fordert, die man nur wenige Tage lang korrigieren kann, das andere hingegen ein quälender, den Verfall einer Familie verursachender Dauerzustand ist, sondern weil das eine ein Vergehen, ein Delikt sein kann, das andere  hingegen rein sozialethisch zu betrachten ist. Damit solche Unterschiede keine Rolle spielen, ist kein Vertun, nichts kann relativiert oder in verschiedene Schubladen gesteckt werden.

Für uns hat da auch eine Zeit durchgeschimmert, in der jener Arzt aufwuchs, eine sehr preußische, vornationalsozialistische Zeit. Geschonnek war, als der Film gedreht wurde, tatsächlich 68 Jahre alt , sein Filmsohn über 30 Jahre jünger, wir empfanden den Altersunterschied als nicht so groß. Es ist aber alles realistisch – obwohl Geschonnek theaterhaft spielt, versteht man sehr wohl, warum diese pointierte und etwas stilisierte Darstellung gewählt wurde. Auch der Sozialismus könnte Menschen gut vertragen, die keine Kompromisse bei der Ethik machen. Gar nicht so einfach zu ermitteln, ob unterschwellige Kritik am damaligen Ist-Zstand der DDR unterhalb der deutlich wahrnehmbaren Materialismus-Anprangerung angelegt werden sollte: Wo die Grundsätze nicht mehr denselben Stellenwert haben wie in der idealistischen Anfangsphase, da braucht man sich über die Flucht in den Konsum nicht zu wundern. Diesen Subtext würden wir auch dem Kommunisten Geschonnek zutrauen, der in der DDR eine oftmals nicht bequeme Haltung einnahm. Da er aber als Antifaschist, der jahrelang in einem KZ inhaftiert war, einige Freiheiten hatte, könnte man ihm auch dann eine etwas subversive Rolle zugestanden haben, wenn man denn den von uns unterstellten doppelten Boden bemerkte. Es war bei der Zensur aller Länder jedoch nicht immer so, dass sie eine geschickt verkapselte Missbilligung aufdecken konnte.

Die Figur des Professors ist spannend genug, um eine ansonsten eher schlichte Konstruktion von einem Krimi zu einem überdurchschnittlichen Polizeiruf der ersten Jahre zu machen. Am Ende verplappert sich seine Frau und damit ist der Fall gelöst. Immerhin wird hier ein Finale inszeniert, das an die gute englische Krimi-Tradition erinnert, die uns von Agatha Christie besonders nah gebracht wurde. Die Ermittler rufen alle, die beteiligt sind und als Täterpersonen infrage kommen, in einem Raum zusammen und nehmen sich alle einzeln vor. Wer es war, der wird dabei innerlich schon weich, weil sich die auch psychologisch geschickten Spürnasen natürlich zuerst die anderen besprechen – und wenn nur noch ein_e Anwesende_r übrigbleibt, gesteht er  vor lauter Nervenflattern, auch wenn die Beweislage nicht eindeutig ist.

Finale

Auf diese eher unterambitionierte Weise werden aber bis heute Krimis aufgelöst, also sollte man dafür einen Polizeiruf 110, der 45 Jahre auf dem Buckel hat und eben doch mit relativ wenig Spieldauer auskommen muss, nicht zu sehr tadeln. Schlicht inszeniert oder nicht, der Film weist keine größeren Macken auf  und wir empfehlen ihn wegen des einzigen Auftritts in der Reihe, den Ewin Gschonnek hatte.

7,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hans Joachim Hildebrandt
Thomas Jacob
Drehbuch Hans Joachim Hildebrandt
Gerhard Jäckel
Produktion Hans W. Reichel
Musik Peter Gotthardt
Kamera Walter Laaß
Schnitt Brigitte Bergmann
Besetzung

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