Verbrannte Spur – Polizeiruf 110 Fall 4 / Crimetime 322 / #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Fuchs #Arndt #VerbrannteSpur #DDR

Crimetime 322 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Verdeckung von Straftaten mit einer anderen

Vollkommen chronologisch wird also doch nicht gearbeitet. Der Hessische Rundfunk sendet derzeit Filme der Polizeiruf 110-Reihe aus der Anfangszeit, speziell aus dem Jahr 1972. Der bisher älteste, der gezeigt wurde, nachdem wir uns entschlossen hatten, auch diese heutige Parallelreihe  zum „Tatort“ zu bearbeiten, war die Nr. 5, „Das Haus an der Bahn“ (Rezension). „Verbrannte Spur“ ist die Nr. 4 auf der Liste. Wenn wir davon ausgehen, was man sich heute noch anschauen kann, ist es sogar der zweite Film der Reihe, denn die offizielle Nr. 2 „Die Schrottwaage“ ist nur in Fragmenten erhalten und der folgende „Die Maske“ ist komplett verschollen. Wir war es also mit diesem historischen, zweitältesten Polizeiruf 110? Darüber mehr in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Im Haus des Medizinalrats Dr. Loewen brennt es. Nachbar Exner will den Brand löschen, als die Wohnungstür von innen aufgebrochen wird und ein Mann in Ledermontur an ihm vorbeirennt und flieht. Wenig später erscheinen Oberleutnant Peter Fuchs und Leutnant Vera Arndt, die die Ermittlungen aufnehmen. Das Ehepaar Loewen ist im Ausland im Urlaub, die Tochter Ulrike weilt mit ihrem wohlhabenden Freund Achim 150 Kilometer entfernt ebenfalls im Urlaub. Das Feuer wurde gelegt und hat vor allem im Erdgeschoss gewütet. Eine Grafiksammlung in einem Schrank scheint verbrannt zu sein. Die Ermittler vermuten in dem flüchtigen Mann schon bald Hanno Hecht, den Ex-Freund von Ulrike, die sich auf Drängen ihrer Mutter von ihm trennen musste. Hanno fährt Motorrad, seine Fahrtmontur findet sich mit Brandlöchern im Müll. Er wird festgenommen, bricht jedoch beim Verhör zusammen und kommt mit Blutvergiftung aufgrund von Schnittwunden ins Krankenhaus.

Bald kommen den Ermittlern Zweifel. Anscheinend wurde das Haus über das Badfenster betreten, das eingeschlagen ist. Einstiegsspuren finden sich jedoch nicht. Auch scheint es unwahrscheinlich, dass ein Einbrecher nicht den gleichen Weg zum Ausstieg wählt, sondern stattdessen eine verschlossene Tür eintritt. Dies scheint eher eine Panikreaktion gewesen zu sein. Im Krankenhaus sagt Hanno aus, dass Ulrike ihm einen Brief geschrieben habe, in dem sie ihn wie früher bat, nachts heimlich durch die Hintertür ins Haus zu kommen. Diese sei unverschlossen. Er sei am Abend tatsächlich ins Haus gekommen, als es plötzlich gebrannt habe. Die Hintertür sei nun verschlossen gewesen, sodass er von innen die Haustür aufgestoßen habe. Den Brief jedoch hat er nicht mehr.

Als in Berlin Teile der angeblich verbrannten Grafiksammlung auftauchen, steht die Polizei vor einem Rätsel. Sie verdächtigen nun Dr. Loewen des Versicherungsbetrugs, der jedoch zu sehr in seine Arbeit vertieft ist, als dass er zu den Vorwürfen wirklich Stellung nehmen will.

Plötzlich verschwindet Hanno aus dem Krankenhaus. Er fährt von einem Arbeitskollegen gedeckt nach Thüringen, wo Ulrike und Achim Urlaub gemacht haben, und stellt Ermittlungen vor Ort an. Er findet heraus, dass man an einem Abend per Anhalter vom Hotel zu Loewens Wohnung und zurück fahren könnte. Peter Fuchs erfährt, dass ein Milchtransporter Achim am Tatabend aus dem Hotel mitgenommen hat. Achim wiederum hat im Hotel auf einem Einzelzimmer bestanden und vor Ulrike behauptet, er habe Schlaftabletten genommen. Achim wird als Täter verhaftet. Er hat sich seinen Lebensstil unter anderem durch den Verkauf von gestohlenen Gemälden aus Dr. Loewens Sammlung finanziert. Um seine Spur zu verwischen, brannte er das Haus ab und lockte Hanno mit einem alten Liebesbrief Ulrikes in das Haus, um ihn in Verdacht zu bringen.

Rezension

Oberleutnant Fuchs und Leutnant Arndt duzen sich hier auch schon, gemeinhin wird der Start ins nicht unbedingt vertrauliche, sondern genossenmäßige, sozialistische Du für einen späteren Film verortet. Außerdem hat uns der Film mit seinem derben Humor verblüfft. Erstaunlich, wie pointiert hier zu Werke gegangen wird. Zulasten der mittlerweile wieder komplett herrschenden Klasse allerdings, wenn man davon absieht, dass Leutnant Arndt für einen Moment versucht, weibliche Intuition (wörtlich, und das in einem Film aus den frühen 1970ern) für die Ermittlungsarbeit heranzuziehen und ihr Chef erklärt, so weit sei nicht einmal Agatha Christie gegangen. Dabei liegt sie richtig, der wackere Arbeiter war nicht der Täter.

Überhaupt geht es in diesem Film um einiges freier zu im Kommissariat als in den folgenden, wo man sehr betont sachlich agiert und es weder zu anzüglichem noch harmlosem Witz kommen lässt. Dass später, als Subras dabei ist, eine kumpelhafte Note zu bemerken ist, könnte also in einzelnen Filmen wie dem sehr guten „Heiße Münzen“ aus 1975 so sein, muss aber nicht, wie wir kürzlich in „Das letzte Wohenende“ aus demselben Jahr gesehen haben.

Das Lockere spiegelt sich im sketchartigen Dialog zwischen OL Fuchs und dem Rezeptionschef des Thüringer Berghotels, einem Mann namens Kleinweg, der sich, um gemäß dem dortigen Klientel gehoben zu wirken, Chemin-Petit nennt (eigentlich müsste es „Petitchemin“ heißen). Da Drehbuchautor und Darsteller dieser Rolle identisch sind, kann man davon ausgehen, dass er sich diese Momente auf den Leib geschrieben und genossen hat. Die Spiellaume von Peter Borgelt und Sigrid Göhler ist ohnehin bemekernswert. Letztere kann ja auch spröde im Sinn von kühl oder zurückgenommen, wie wir in anderen Filmen schon gesehen haben, Fuchs kommt in den frühen Filmen oft viel sachlicher rüber als hier.

Die Figuren sollen aber einen leicht satirischen Anstrich haben, wie man an der Familie Loewen feststellen kann. Eine Mutter, die vor allem aufs Prestige achtet, wenn es um den Umgang der Tochter geht, ein Vater, der Arzt und ganz alte Schule ist, komplett unempathisch, ein durchtriebener studierter Freund, der die Familie regelmäßig beklaut und dies durch einen Brandanschlag zu vertuschen sucht, der eine Art Raub-Brandstiftung darstellen soll. Der Film versucht allzu offensichtlich, den biederen Werkmann als integer und sozialismuskonform darzustellen, während die Bürgerlichen von Gestern oder charakterlich minderwertig sind. Nur darf man nicht so tun, als sei das komplett DDR-spezifisch. Auch in Westdeutschland haben Filmemacher immer versucht, die einfachen Menschen nicht zu negativ darzustellen, während das, was in den „Kreisen“ geschieht, gerne kritisch hinterleuchtet wird. Daran hat sich bis heute nichts geändert, das ist okay, allerdings mit einem Haken:

Proletarisierung ist auch keine Lösung, sofern damit der alltägliche Umgang miteinander bemeint ist. Was heute alles mit neuem Framing  wieder gelernt werden muss, hat im Wesentlichen zwei Gründe: Die Brutalisierung durch den Neoliberalismus auf der Gefühlsebene und die einstige Negierung jedweder Umgangsform, man hielt sie wohl für einen Ausdruck der alten, chauvinistischen Welt, auf der gesellschaftlichen Ebene.

„Verbrannte Spur“ dauert nur 58 Minuten und diese Kürze steht ihm gut. Es ist ein klassischer Whodunit, der gar nicht so einfach zu entschlüsseln ist. Man kann sich zwar denken, dass nicht der brave Arbeiter das Feuer gelegt hat, aber wir waren nicht sicher, wer von den Familienmitgliedern Loewen bzw. deren Umfeld nun infrage kommt. Selbstverständlich hat man zuerst die Tochter oder deren Freund im Blick, weil man in drei Stunden eben doch von Thüringen dorthin gelangen kann, wo das Haus Loewen steht, offenbar in der Gegend von Leipzig. Per Anhalter durch die DDR, so hat es der Herr Ingenieur ja auch gemacht. Was für ein Glück, dass man ihn passgenau mitgenommen hat. Oder hatte er die Mitnahme bereits vorher verabredet, wie er ja alles genau geplant hat, bis auf die Tatsache, dass Hanno Hecht aus unerfindlichen Gründen im Haus war und mit einem Hechtsprung durch die Terrassentür dem Brand entkommen konnte. Nein, es gab ja den Liebesbrief, der ihn genau zum richtigen Zeitpunkt anlockte.

Die Eltern Loewen waren im Ausland, die könnten es im Grund nicht gewesen sein, auch nicht in der Form, dass Versicherungsbetrug vorliegt. Es sei denn, man rechnet ihnen solche künstlerischen Fähigkeiten zu, wie wir sie in Tatorten zuweilen sehen: Jemand reist mit einer Linienmaschine ab und chartert ein Flugzeug, um unerkannt einen Abstecher zurück zu machen. Mit „Ausland“ ist sicher das kapitalitische Ausland gemeint, ansonsten hätte es einen Namen gehabt, aber eine unerkannte Einreise hätte kein gutes Licht auf die Kontrollen an DDR-Flughäfen geworfen.

Finale

Es gibt Standards des Krimis, in diesem kurzen und recht kurzweiligen Film: Verdächtiger entweicht vom Krankenbett, um selbst zu ermitteln, fährt in den Wald, hat einen Unfall, der Kellner fährt ihm mit seinem alten, vorsozialistischen Pkw hinterher und verunglückt ebenfalls. Amateure unter sich. Immerhin helfen sie Oberleutnant Fuchs auf die Sprünge, denn der wäre nicht ohne Weiteres darauf gekommen, wie man sich ohne eigenes Auto innerhalb von drei Stunden vom Ort A in Thüringen zum Ort X bewegen konnte. Schon aus historischen Gründen muss man sich diesen zweitältesten noch erhaltenen Polizeiruf 110 unbedingt ansehen, wenn  man über die Genese und die Traditionen der heutigen Premiumreihen wirklich Bescheid wissen will. Die frühen Polizeiuf-Filme waren wohl stilistisch eher von „Stahlnetz“, hin und wieder von „Der Kommissar“ beeinflusst als von den zeitgleich produzierten Tatorten, aber ohne das westdeutsche Vorbild wäre „Polizeiruf 110“ wohl nicht entstanden.

6,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Heinz Seibert
Drehbuch Hans Lucke
Produktion Hans W. Reichel
Gerd Klisch
Musik Wolfgang Pietsch
Kamera Tilmann Dähn
Schnitt Margrit Schulz
Besetzung

 

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