Der Wüstensohn – Tatort 916 / Crimetime 336 // #Tatort #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #Wüste #Wueste #Sohn #Tatort916 #BR

Crimetime 336 - Titelfoto © BR, Heike Ulrich

Tausendundeine Nacht und 1001 PS

Mit 180 Sachen durch München geht. Viel Koksen und Party machen und ein geiles Haus bewohnen: ist normal. Mit afghanischen Seidenteppichen handeln gehört zur Folklore. Hinter dem Tresor Steuergeräte für Lenkraketen: nix gepeilt. Die Politiker kommen mal wieder davon: Nicht in München.

In ihrem 68. Fall und im 23. Dienstjahr sind der Batic Ivo und der Leitmayr Franz auf dem Posten wie eh und je, ermitteln wie die Falken, was dem sympathischen Ivo das Angebot des Prinzen Nasir einbringt, fürs Zehnfache des Gehalts eines deutschen Kriminalkommissars Polizeichef eines mystischen Wüstenemirats namens Kumar zu werden. Riskioprämie für abgehackte Hände im Fall des Gunstentzuges seitens des herrschenden Emirs eingeschlossen. Was sonst noch so vorkommt in „Wüstensöhne“, darüber schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Ein Sportwagen rast durch München, überfährt alle roten Ampeln und durchbricht eine Polizeisperre. Am Steuer sitzt Nasir Al Yasaf, der 5. Sohn des Emir von Kumar. Auf dem Beifahrersitz liegt die Leiche seines Freundes Karim.

Als Wirtschaftsattaché genießt Nasir vollen diplomatischen Schutz. Daher sind Batic und Leitmayr für ihre Ermittlungen zunächst die Hände gebunden. Sie dürfen nichts. Nicht einmal Nasir als Hauptverdächtigen befragen, wenn der nicht will.

Geschweige denn den Wagen polizeilich untersuchen. Als Diplomatenfahrzeug ist der Fundort der Leiche exterritoriales Gebiet. Batic und Leitmayr stoßen in diesem Fall an die Grenzen ihrer polizeilichen Möglichkeiten. 

Informationen zum Film (Tatort-Fundus)

Rainer Kaufmann inszeniert seinen ersten TATORT nach einem Drehbuch von Alex Buresch und Matthias Pacht. Gedreht wird in München und Umgebung bis zum 11. April 2014. Die Ausstrahlung von Der Wüstensohn ist für den Dezember 2014 geplant.

Dann ist neben Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl auch Ferdinand Hofer zu sehen, der zum zweiten Mal in die Rolle des Assistenten Kalli Hammermann schlüpft. Ob auf dieser Position damit Ruhe einkehrt, bleibt abzuwarten. Weiter spielen Yasin el Harrouk, Janbaz Masoud, Samir Fuchs und Wilson Gonzales Ochsenknecht.

Rezension

Trotz aller finanziellen Verlockungen entstand bei uns nicht nach dem Anschauen von „Wüstensöhne“ nicht der Wunsch, in so einem Wüstenstaat zu leben. Das liegt zum einen daran, dass die Zeiten, in denen man viel Risiko eingeht, vermutlich doch vorbei sind, und weil sich herausstellt, dass auch der reiche Prinz nur eine arme Sau ist, im goldenen Käfig gefangen und gezwungen, billigen Spaß mit teuren Autos zu haben.

Es wirkt alles genau so, wie es gedacht ist: Länder, deren Reichtum sich nur auf Bodenschätze gründet, sind besonders gute Beispiele für alles, was in dem Film mitgedacht werden muss: Die Übersteigerungen unserer Zeit und der philosophische Witz hinter vordergründiger Ungerechtigkeit.

Welches der arabischen Staatsgebilde nun Vorbild für das fiktive Kumar sein soll, ist gleich, es ist eine Art Sammelsurium aus den schlimmsten denkbaren Möglichkeiten, das man für „Der Wüstensohn“ zusammengetragen hat, wobei der Wüstensohn selbst sich ja im Verlauf des Films als nicht so unsympathisch herausstellt.

Das Blöde ist nur, dass er anfangs auf arabisch die Staatsanwältin beschimpft, die ihn nicht versteht, und das bleibt leider doch hängen: Es ist eine Welt vor unserer Zeit, so modern oder over the top sie auch gestylt sein mag. Eine Welt, die kein normal denkender Mensch mit der eigenen tauschen möchte. Selbst dann nicht, wenn er ein Mann ist und plötzlich alle Privilegien zurückbekommt. Es ist aber auch eine Welt, die uns sehr nah vorkommt, je nachdem, wo wir in Berlin unterwegs sind.

Wer will schon eine U-Bahn in der Wüste? Oder ein ganzes Rudel von Fußballstadien,  miserable bis tödliche Arbeitsbedingungen beim Bau für die importierten Werktätigen? Hätte man das wirkliche Projekt benannt, wär’s zu auffällig gewesen: Es handelt sich um eine Chiffre für die Fußball-WM 2022 in Katar, dem größten Fußballstaat unter der heißen Sonne, die vermutlich zehnmal mehr kosten wird als jede WM zuvor, weil die Stadien komplett neu gebaut und komplett klimatisiert werden müssen. Die Schätzungen für die Kosten dieser WM werden nach unseren Informationen bei etwa 200 Milliarden Euro liegen. Dagegen ist so ein U-Bahn-Bau eine Dose voller Peanuts.

Und freilich wird darüber spekuliert, welche Hand welche Hand gewaschen hat, damit die WM tatsächlich in ein so absurdes Land kommt – alles schön verklauselt und mit der Waffen-U-Bahn-Kombination noch einmal verwischt, die Spuren zur Realität ein wenig im Wüstensand verbuddelt. Aber dann und wann kommt ein Sandsturm und danach ist liegt mit etwas Pech alles blank. Nicht, dass es bei uns keine Korruption gibt, besonders bei der Vergabe von Sportereignissen, aber es wirkt eben doch relativ logisch, wenn sie wo stattfinden, wo es auch Fans gibt und eine Infrastruktur für eine bestimmte Sportart, vielleicht eine Tradition und was man noch alles anführen könnte.

Die erzählerisch-visuelle Kraft des Films ist enorm, an schwelgerische Märchen des Orients angepasst, als Kriminalfall allerdings ein Konstrukt, das dem zeitweise politisch inkorrekten, aber sehr humorvollen Aufttitt aller Beteiligten untergeordnet wird. Man hätte diesen Fall bezüglich seiner Botschaft mit vielen Staaten durchexzerzieren können, aber da die Araber sich in den Zeiten des Islamismus und überhaupt der großen Unruhe im Vorderen Orient und wegen ihrer Prachtentfaltung besonders plakativ darstellen lassen, hat man sie gewählt.

Diplomatenautos aus aller Welt fahren täglich durch Berlin und man fragt sich durchaus manchmal, in welcher Mission die Insassen gerade unterwegs sind. Zur Ehre der Diplomaten sei gesagt, so auffällig wie die Karossen im Film sind die meisten dieser Wagen nicht. Ganz sicher haben die Scheichs privat Fuhrparks mit Lamborhinis, Bentleys etc. Dafür darf die Staatsanwältin im neuesten i-BMW kommen, das ist doch auch was und, ganz ehrlich, so schlecht geht’s den Münchener Polizisten ebenfalls nicht, sie fahren immer Fünfer-BMWs, die aussehen wie gerade ausgeliefert und seit einiger Zeit dürfen die Wagen auch nicht mehr verschmutzt gezeigt werden. Marketing rules.

Der Trend zum geschniegelten Tatort erreicht immer neue Gipfel, wir wollen gar nicht wissen, was alles digital nachbearbeitet wurde, damit München selbst schon fast wie ein steriles, aus Ölgeld errichtetes Wüstenparadies ausschaut. Immerhin ist es ein Aufstieg, von Paris dorthin zu kommen, wie wir jetzt aufgrund Aussage Leitmayr auch wissen. Es gibt eine halb versteckte gegenteilige Aussage, der Lieblingssohn des Emirs lebt in Paris, vielleicht guckt der auch nicht immer so übertrieben wild wie der jüngere Sohn, der in Bayern ansässig ist und sich ein wenig ausnutzen lässt.

Die Münchener Ermittler hingegen sind variabel, das beweisen sie auch dieses Mal wieder. Sie gehören zu den wenigen Teams, die in humorvollen und übersteigerten Tatorten wie diesem  ebenso funktionieren wie bei ernsthaft ausgespielten Sozialthemen. Wer 68 Tatorte übersteht, ohne dem Publikum langweilig zu werden und im Dienst ehrenvoll ergraut, weiß wird und immer noch so viel Kraft ausstrahlt wie Batic, der Falke, und Leitmayr, der Prinzenflüsterer, dem kann jeder Regisseur und jeder Drehbuchautor dankbar sein, denn es geht nie ganz dahin, auch wenn viele Details so kurios wirken wie in „Der Wüstensohn“.

Was uns trotz aller parodistischen Elemente ein wenig nervt, gerade an diesem Tag, wo in unserer Stadt gegen Antisemitismus demonstriert wurde: Niemals würde jemand eine solche Darstellung mit jüdischen Klischees wagen, was gute Gründe hat – aber der Gerechtigkeit wegen sollte man auch bei den Arabern ein wenig auf die Bremse treten.

Mag ja sein, dass sie glauben, sie können die Welt kaufen, aber der Orient war schon ein wohlhabender Kulturkreis, als die Teutonen in den Wäldern hausten und nicht in der Lage waren, wie heute, gute Geschäfte mit den neureich wirkenden Wüstensöhnen machen zu können. Ja, damals, im Zweistromland, wenn man es doch etwas eingrenzen möchte. Woher die Märchen aus tausendundeiner Nacht stammen.

Finale

Bunt, grell und pointiert und mit Humor, kriminalistisch eher von bescheidener Qualität, so kann man „Der Wüstensohn“ in etwa zusammenfassen. Es wird eine Geschichte erzählt, die den Vorzug hat, nicht halbgar zu sein, sondern kräftig in die Klischeekiste zu langen, was es uns ermöglicht, ein wenig den Zeigefinger zu heben und daran zu erinnern, dass schlichte Naturen sich in ihren Bildern von gewissen islamischen Gesellschaften bestätigt fühlen könnten.

Die Story, dass ein Konsul, der mal Botschafter in Frankreich war, Waffengeschäfte an der parlamentarischen Kontrolle vorbei einfädelt, zusammen mit einem Staatssekretär, wobei der Staatssekretär über die Klinge springt, der Konsul natürlich nicht, ist nicht kompliziert und in dieser versimpelten Form eher unwahrscheinlich, das Prinzip, wie’s läuft, ist ganz okay dargestellt und passt in den Trend, dass Tatorte immer mehr mit riesigen Geschäften umgehen und mit Mächten, gegen die kein Ermittlungskraut gewachsen ist.

Dass der Konsul davonkommt, dank seiner Immunität, ist allerdings klar. Und, ehrlich, es ist wie mit den Drogen: Gäbe es keine süchtigen oder proftigierigen Abnehmer und Partner in einem aus dem Tritt gekommenen System, dann gäbe es auch keinen Raum für die Entfaltung solcher Deals. Das kann man auf weniger diplomatisch angehauchte Tatbestände aus dem hiesigen Alltagsleben übertragen.

Einen Fehler gibt es allerdings: Wenn man es ins Witzige  ziehen will, sollte man die offensichtliche Frauenfeindlichkeit, die anfangs gezeigt wird und dann wie weggeblasen scheint, rauslassen. Entweder oder, aber nicht hintenrum denjenigen unter den Tatortguckern entgegenkommen, die ihre Frau auch gerne mal Schlampe nennen würden. Hinzu kommt, dass man nicht so richtig weiß, wie man das Verhalten der Geliebten zweier arabischer Freunde bewerten soll, was diesen Aspekt noch etwas schräger wirken lässt. Und wenn man darüber zu genau nachdenkt, besteht die Gefahr, dass man in eine ernste Stimmung kommt, die der 916. Tatort doch gar nicht hervorrufen will.

Für Münchener Verhältnisse und trotz aller Schauwerte und der guten Sprüche ist „Der Wüstensohn“ Durchschnitt

7/10  

© 2019, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke  

Chauffeur – Sohel Altan G.
Direktorin – Katarina Klaffs
Ginger Ali – Karim Chamlali
Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Henk – Wilson Gonzales Ochsenknecht
Jochen – Michael Glantschnig
Karim – Janbaz Masoud
Karl Heinz Lange – Thomas Limpinsel
Konsul Abdel Saleh – Samir Fuchs
Kriminalassistent Kalli Hammermann – Ferdinand Hofer
Michaela – Morgane Ferru
Nasir Al Yasaf – Yasin el Harrouk
Oberstaatsanwalt Kysela – Götz Schulte
Staatsanwältin Berger – Christina Hecke
Staatssekretär Baum – Philipp Moog
Studentin – Kim Bormann

Buch – Alexander Buresch und Matthias Pacht
Regie – Rainer Kaufmann
Kamera – Klaus Eichhammer
Musik – Martin Probst


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