Warum keine Vermögensstatistik stimmt (Jörg Gastmann, Telepolis) #Oben #Unten #Ungleichland #Vermögen #Vermögensteuer #Superreiche

Es gibt Momente, in denen es nicht so einfach ist, an Zufälle zu glauben.

Die Kommentierung eines aktuellen SPIEGEL-Beitrags zum Mietenwahnsinn und zum Reichtum in Deutschland und die Recherche von sinnvollen Empfehlungsbeiträgen, die vor mehr als 13 Tagen erschienen sind, führte uns zu einem sehr guten Telepolis-Beitrag bzw. einer Beitragsreihe, in der behauptet wird, alle Angaben zu Vermögen und damit auch zur Ungleichheit in Deutschland seien falsch. Darin wird exakt auf einen oder zwei Effekte hingewiesen, die wir heute morgen beschrieben haben, wenn es um Immobilienvermögen geht.

Wir folgen diesem Dreiteiler von Jörg Gastmann nun mit drei Empfehlungen und befassen uns heute mit dem Ausgangspunkt: Warum die drei in Deutschland hauptsächlich existierenden Vermögensstatistiken falsch sind: Weil sie auf Umfragen beruhen und weil komplette Kohorten nicht vorkommen beispielsweise. In Deutschland gibt es drei Quellen für diese Statistiken:

  • Das statistische Bundesamt,
  • die Bundesbank,
  • das DIW in Berlin (das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung), auf das sich auch wirtschaftspolitische Arbeitskreise unserer Partei bei ihren Analysen beziehen und dessen Publikationen wir regelmäßig zugesendet bekommen).

Auch das, was Destatis herausgibt, lassen wir uns regelmäßig per RSS-Feed melden. Wir müssen zugeben, dass wir verblüfft waren, wie wenig die Statistiken über die Vermögen in Deutschland verifizierbar sind und dass die Ungleichheit vermutlich weitaus größer ist als angenommen. Auf die Spur, dass etwas nicht stimmen kann, kamen wir aber schon dadurch, dass der Gini-Index, der die Ungleichheit in einem Land misst, in Deutschland zwischen 2014 und 2017 (leicht) abgenommen haben soll. Die einzige Möglichkeit, das so zu interpretieren, wäre, dass die Realeinkommen am unteren Rand durch den Mindestlohn stärker zugenommen haben als die Einkommen in den oberen Dezilen. So sollte es gewiss auch politisch gewollt interpretiert werden.

Wenn wir dann aber lesen, dass die oberen Einkommen in den den meisten Statistiken gar nicht korrekt erfasst werden, erhärtet sich die Skepsis. Denn in den letzten Jahren passiert neben der Einführung des Mindestlohns noch etwas: Die Immobilienpreise stiegen exorbitant an, ebenso die Mieten. Wie kann es sein, dass die Einkommen von nunmehr Mindestlöhner_innen stärker steigen als die von Vermieter_innen? Und vor allem: Wie kann es sein, dass die Mindestlöhner_innen, deren Vermögen in der Regel nach wie vor nicht weit über Null liegen dürfte, dafür sorgen, dass der Gini-Index sinkt, während die Immobilienvermögen noch viel stärker steigen als die Einkommen aus Immobilien? Kann das wirklich sein?

Oder werden wir, auf Deutsch geschrieben, ein wenig von denen verarscht, die ein Interesse daran haben, dass das Grummeln in der Bevölkerung über eine immer weiter ansteigende Ungleichheit nachlässt? Die Frage ist rhetorisch, denn selbstverständlich wissen die Politiker_innen, die sich solcher Statistiken bedienen, um das Land einigermaßen ruhig zu halten, um die Schwächen dieser Statistiken.

Wenn sie selbst keine Ahnung davon haben, wie Statistiken zustandekommen: Die Fachreferent_innen, deren sie sich bedienen, wissen es und haben die Pflicht, dieses Wissen an ihre Dienstherren weiterzugeben. Diese jedoch sind nicht an der Wahrheit, sondern an der politischen Auswertung interessiert. Schade ist das vor allem für die Opposition.

DIE LINKE zum Beispiel weist jeden Monat darauf hin, dass die Arbeitslosenzahlen geschönt sind. Das stimmt. Aber das, was DIE LINKE schreibt, erfasst noch bei weitem nicht die gesamte Unterbeschäftigung, die liegt noch einmal um mindestens 80 Prozent höher – freilich ist manches davon Definitionsfrage, zum Beispiel kann man dabei subjektive Kriterien einfließen lassen: Wer will alles mehr arbeiten, als ihm derzeit Arbeit angeboten wird?

Aber keine Partei, auch nicht die Partei der Sozialen Gerechtigkeit, hat bisher die Vermögensstatistiken ernsthaft in Zweifel gezogen. Daran käme sie aber nicht vorbei, wollte man ernsthaft die Vermögensteuer wieder erheben. Sie ist übrigens nicht, wie im Telepolis-Beitrag angegeben, abgeschafft, sondern ausgesetzt. Faktisch kommt das natürlich auf denselben Tatbestand: Die Reichen werden auffallend geschont und es war SPD-Kanzler Schröder, auch Opernball-Schröder oder Genosse der Bosse genannt, der das als Dauerzustand eingerichtet hat, Merkel hat es dann so beibehalten und es dank ihrer kaum wahrnehmbaren Wirtschaftskompetenz geschafft, sich als Mutter Theresa der Geflüchteten dieser Welt zu inszenieren, obwohl sie die Ungleichheit im Land und weltweit mit ihrer Politik erheblich fördert.

Aus dieser mangelhaften, das Gegenteil von nachhaltig darstellenden Politik, von denen wir schon seit Jahren behaupten, die Folgen werden uns bald auf den Kopf fallen, kann man also Imagevorteile generieren und so muss man auch verstehen, dass über den Wert von Statistiken nicht groß diskutiert wird. Vermutlich hätte Deutschland einen Gini-Index wie die statistisch korrekter arbeitenden und so furchtbar ungleichen USA, wenn die hiesigen Vermögen in tatsächlicher Höhe offengelegt würden.

Was alles bei der Betrachtung außen vor gelassen wird, erklärt Jörg Gastmann im ersten Teil des Telepolis-Beitrags, den wir hier dringend allen empfehlen, die meinen, Systemkritik sei nicht so wichtig, die Hauptsache man kommt selbst so irgendwie durch.

Und noch was: Gerechtigkeitsempfinden wird gerne als Neid diffamiert. Wollen wir uns wirklich diesem Framing beugen und uns des Neids schuldig bekennen, weil uns in der neoliberalen Welt, in der wir aufgewachsen sind, eingetrichtert wurde, wir, die Nichtreichen, seien eh selbst schuld daran, dass wir vermögensmäßig nicht zu den obersten zehn Prozent gehören – zum Beispiel, weil wir so blöd waren, uns keine reichen Eltern auszusuchen?

Niemand, den wir kennen, ist sauer darüber, dass er nicht reich genug ist, um die Welt zu zerstören, aber wir möchten, dass es fairer zugeht als bisher, denn die Welt wäre selbst dann noch ein Quell des Wohlstands für uns alle, wenn wir berücksichtigen würden, dass es nur eine gibt und wir ihre Ressourcen nachhaltig bewirtschaften müssen. So wäre es, wenn nicht der teilweise verdeckte, unfassbare Reichtum einzelner, der sich nicht vornehmlich in gesteigerten Konsummöglichkeiten, die ja für manche einfachen Gemüter wirklich einen Quell des Neids darstellen, sondern in gefährlicher Machtanhäufung in den Händen weniger und damit einhergehender Ausbeutung der Mehrheit manifestiert, es verhindern würde.

TH

EBA 31

Kritisch schauen und immer wieder Beiträge außerhalb des Mainstreams und vor allem jenseits unserer aktuellen Zentralthemen lesen, über die wir selbst schreiben – das ist eine Aufgabe, die der Wahlberliner sich gestellt hat. 

Wir empfehlen. in der Regel kommentieren wir die Empfehlungen kurz oder versuchen, die darin geäußerten Gedanken weiterzuführen. Unsere bisherigen Empfehlungsbeiträge der Serie „Jeden Tag ein Blick nach draußen“: 

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