Freunde – Polizeiruf 110 Fall 93 / Crimetime 343 // #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Hübner #Schöpke #Freunde #Freundschaft

Crimetime 343 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Einmal der Traum, nicht der Weg

„Freunde“ ist der direkte Nachfolger von „Draußen am See“, den wir kürzlich rezeniert haben. Wir blicken noch nicht ganz durch die Schemata, mit denen die einzelnen ARD-Sender alte Polizeiruf-Filme ausstrahlen, aber offensichtlich gehen einige der Reihe nach vor. Anders als bei den Tatort-Wiederholungen, wo von bestimmten „Specials“ wie den restaurierten SFB-Tatorten, die vom RBB im Herbst 2017 und 2018 ausgestrahlt wurden, das Unregelmäßige die Regel darstellt. Über den Film an sich haben wir mehr in der -> Rezension geschrieben.

Handlung (Wikipedia)

Jens Pohle will mit seiner Verlobten Marion in den Urlaub fahren. Er hat ihr vorgelogen, Maschinenbauingenieur zu sein, arbeitet jedoch in Wirklichkeit als Schlosser. Geld für einen teuren Urlaub hat er keins, doch auch das verschweigt er seiner Freundin. Mit seinem besten Freund Erwin Sladowski hat er einen Plan entwickelt, wie beide schnell zu viel Geld kommen. Sie wollen den Hauptbuchhalter eines Baubetriebes überfallen und ihm die Lohngelder stehlen. Dabei hoffen sie auf zwei Fehler des Mannes, dessen Verhaltensweisen sie über mehrere Tage lang ausgekundschaftet haben: Er fährt entgegen den Anweisungen ohne Beifahrer und nimmt eine zeitsparende Abkürzung, weil er so länger ausschlafen kann.

Beide Vermutungen erweisen sich als wahr. Auf der wenig befahrenen Abkürzungsroute legt sich Jens neben sein Fahrrad auf die Straße und stellt sich tot. Buchhalter Walter Schubach steigt aus dem Wagen, um Jens zu helfen. Unterdessen nimmt Erwin den Geldkoffer an sich, verhakt sich jedoch an der Autotür. Walter greift ihn an, um den Koffer zurückzubekommen. Auf der winterglatten Fahrbahn rutscht Erwin aus, schlägt mit dem Kopf auf den Türrahmen und bleibt reglos liegen. Jens, der Erwins Namen gerufen hat, schlägt Walter daraufhin in Rage nieder. Er hebt den verletzten Erwin in Walters Auto und fährt davon. Beide fliehen über einen See zu ihrem wartenden Trabant. Ein Fischer sieht, wie Jens Erwin in den Wagen hebt, doch will Jens von ihm keine Hilfe.

Erwins Kopfwunde blutet stark, aber Jens bringt ihn aus Angst vor der Polizei zu seiner Wohnung. Neben seiner Mutter wartet hier überraschend auch Marion, die von ihren mit Jens nicht einverstandenen Eltern aus der Wohnung geworfen worden ist. Die Medizinstudentin versorgt Erwins Kopfwunde notdürftig, da sie glaubt, dass Jens ihn sofort ins Krankenhaus fahren wird. Jens bringt Erwin jedoch in seinen Betrieb, wo sie sich am Wachmann vorbei in die Umkleidekabine begeben. Erwin hat hier einen Spind und legt sich erschöpft nieder. Jens hilft ihm, so gut es geht. Er teilt das geraubte Geld – insgesamt rund 22.000 Mark – auf und verlässt Erwin schließlich auf dessen Drängen, da er mit Marion noch am Abend in den Urlaub fahren will.

Unterdessen suchen die Ermittler um Oberleutnant Jürgen Hübner fieberhaft nach Erwin, der wie sie ahnen so schwer verletzt ist, dass er ohne medizinische Hilfe sterben wird. Durch Spuren am Fluchtfahrzeug können sie konstruieren, dass einer der beiden Täter Schlosser und der andere Betonarbeiter sein muss. Erwin hat zudem mit Farbe zu tun, so färben einige Baubetriebe gefertigte Teile gleich vor Ort ein. Derartige Betriebe gibt es in der Gegend nur drei. Jürgen Hübner fährt zum ersten der drei Betriebe. Unterdessen hat sich Erwins schwangere Ehefrau Angelika Sladowski auf die Suche nach ihrem Mann gemacht.

Von Jens’ Mutter erfährt sie, dass er verletzt ins Krankenhaus gekommen ist. Nachdem er in keinem der Krankenhäuser zu finden ist, stellt Angelika eine Vermisstenanzeige bei der Polizei. Die weiß, dass der gesuchte Mann Erwin heißt, da Walter Schubach inzwischen zum Tathergang befragt werden konnte. Erwin wiederum arbeitet in demselben Betrieb, zu dem Jürgen Hübner gerade unterwegs ist. Der Wachmann berichtet den Ermittlern, dass in der Umkleidekabine Licht gebrannt habe. Die Ermittler finden vor Ort Blutspuren, doch konnte Erwin trotz seiner Verletzung erfolgreich durch ein Fenster fliehen. Jens hat die Sorge um Erwin zurück zum Betrieb geführt, wobei er unterwegs Marion getroffen und mitgenommen hat. Unweit des Betriebs finden beide den im Schnee zusammengebrochenen Erwin. Auf Marions Drängen hin bringt Jens ihn ins Krankenhaus. Die Ermittler konnten unterdessen mit Spürhunden Erwins Weg nachvollziehen, der an frischen Wagenspuren endet. Wenig später wird Erwins Ankunft im Krankenhaus gemeldet. Die Ermittler erscheinen und nehmen Jens fest, der sich von seiner Verlobten Marion verabschiedet.

Rezension

Vermutlich liegt es an der Betrachtung aus der räumlichen und zeitlichen Ferne, dass wir beim Anschauen von „Freunde“ gedacht haben, ist ja kaum zu glauben, dass der Film nach „Draußen am See“ produziert wurde – weil er bezüglich seiner Machart viel älter wirkt. So, wie „Draußen am See“* aber einen Ausschnitt aus der DDR-Wirklichkeit zeigt, der geradezu elitär oder dekadent wirkt, ist bei „Freunde“ ein so furchtbarer Mief dominant, dass wir bloß hoffen können, dass dies nicht der alltägliche Alltag war, in dem die Zeit, bis auf die Kleidung der jungen Leute, stehen geblieben scheint.

Von den Ansichten der Eltern bis zu den Wohnungen und den Werken – gemäß diesem Film hat sich seit den 1960ern nicht viel verändert. Heute muss die Frage erlaubt sein, ob sowohl die eine Welt zu zeigen wie auch die andere, programmatisch war und man das als zwei Seiten derselben Medaille ansehen kann: Kritik am großen Loch, in das die DDR in den 1980ern gefallen war.

Allerdings müssen wir an dieser Stelle einen Stopp machen und ein paar Zeilen einfügen, denn die vorliegende Rezension gehört zu denen, die wir erst einmal  zurückgehalten haben, weil wir zum Zeitpunkt ihrer Entstehung noch nicht sicher waren, wie ein Film einzuordnen ist. Nachdem wir nun einige weitere Polizeirufe aus den 1980ern kennen: Es zeigt sich ein recht differenziertes Bild, manche der Filme sind individueller und präziser inszeniert als viele Tatorte, bei denen sich in den 1980ern eine ziemliche Routine breitmachte, visuell und bezüglich einer modernen, achronologischen Handlungsführung sind sie teilweise den Westpendants ebenfalls überlegen.

Im Westen bekam man von der Wirklichkeit nicht so viel mit, wenn man keine Ostverwandten hatte, die ein Bereisen des Landes jenseits der Berlin-Transits möglich machten. Man sah die sportlichen Erfolge und bekam Luftschlösser von der DDR als aufstrebendes Land der Mikroelektronik verkauft, aber als wir 1990 zum ersten Mal drüben waren, da sah es eher aus wie in diesem Polizeiruf als wie in einigen anderen, etwa dem erwähnten „Draußen am See“: Von einigen gepflegten Hotspots abgesehen sehr trist.

Löhne wurden 1984 noch in bar ausgezahlt. Ob das üblich war, wissen wir ebenfalls nicht, aber es reizt zu Überfällen, zumal der Lohnbuchhalter unerlaubterweise allein und in einem ganz normalen Pkw von der Sparkasse zum Betrieb fährt, um die 22.000 Mark an die Mitarbeitenden auszukehren. Wenn man jetzt noch einen Anhalt hätte, was in dort für ein Durchschnittslohn gezahlt wurde, könnte man die Betriebsgröße bestimmen. Wir schätzen den Durchschnittslohn damals auf etwa 500 bis 600 Mark Ost monatlich.

Genauso verblüffend wie die Einfachheit der Dekors ist die der Handlung. Der Film ist 74 Minuten lang, beim Polizeiruf arbeitete man sich also vom anfänglichen 60-Minuten-Format langsam in Richtung Tatort vor, es gibt aber aus den 1980ern schon Filme mit über 80 Minuten Länge, vermutlich war „Freunde“ tatsächlich in vieler Hinsicht eine kleine, gar minimalistische Produktion.

Es ist gut erkennbar, dass der Zuschauer in diesem Film nicht rätselraten soll, sondern sich auf die Figuren und ihr Leben konzentrieren darf – und natürlich auf das leicht nervige Drama des verletzten Erwin Sladowski. Der Regisseur Klaus Grabowsky, der Darsteller von Erwin wie auch der seines Freundes Jens Pohle haben keine Einträge in der Wikipedia, anders als die Darstellerinnen der wichtigeren weiblichen Rollen, auch dass man keine hochrangige Besetzung gewählt hatte, weist darauf hin, dass „Freunde“ schlicht gehalten werden sollte.

Dieser Polizeiruf, wie einige andere, vor allem aus den 1970ern, denen er stilistisch auch zuzurechnen ist, leben zu einem guten Teil von den sympathischen Ermittlern, die deutlich sozialer wirken als die westdeutschen Kollegen, die in der Frühzeit der Tatorte entweder sehr auf den Fall konzentriert waren oder bei denen das Charakterliche sehr persönliche Züge hatte, während es zum Beispiel bei Oberleutnant Hübner (Jürgen Frohriep) oder bei Oberleutnant bzw. Hauptmann Fuchs (Peter Borgelt) erkennbar in den Rahmen der sozialistischen Gesellschaft gestellt wurde. Allerdings schwächte sich diese Tendenz in den 1980ern allgemein ab.

Es ist erstaunlich, dass es in den Polizeirufen fast immer um Geld, mithin um Habgier, geht, aber geradezu rührend, wie die Polizei den Erwin vor allem deshalb finden will, weil er verletzt ist und behandelt werden muss, nicht, weil er mit seinem Freund Jens zusammen die Lohnkasse geklaut hat. Hingegen wird dem Lohnbuchhalter, weil er unvorschriftsmäßig allein unterwegs war, eine Mitschuld daran gegeben, dass er überfallen wurde und es wirkt sogar, als ob seine Robustheit, also sein Widerstand und der Versuch, den Koffer zu behalten, Anlass zur kritischen Betrachtung geben.

Ob das in der DDR die übliche Haltung der Polizei war? Wir wagen Zweifel anzumelden. Aber die Jugendlichen, die Täter, wie werden sie kommentiert? Das ist gar nicht so einfach zu ermitteln. Wir hatten den Eindruck, die Macher des Films zeigen ein gewisses Verständnis dafür, dass die Jungs mal was erleben, mal raus, mal ein anderes Ding machen wollten als immer nur in so einer Bruchbude zu malochen, mal einen Traum leben, ohne erkennbare Perspektive, aber die Zeit ihres Lebens zu haben. Eltern sind entweder verständnislos, wie bei Marion, oder blind für die Fehler der Kinder, wie bei Jens und insgesamt entsteht das Bild einer von sich selbst entfremdeten Gruppe von Menschen in einer befremdlich kalten Welt. Einer Welt, in der es ganz leicht passieren kann, dass jemand Fluchtgedanken entwickelt. Das Verhältnis der beiden Freunde hat noch eine gewisse überzeitliche Intensität, alles andere wirkt sehr zurückgenommen, Gefühle werden in schlichte Worte gesetzt und kaum gezeigt. Da war „Draußen am See“ ein anderes Kaliber – allerdings auch stilisiert, während „Freunde“ wirkt, als wolle man peinlich genau die Wirklichkeit abbilden, auch wenn’s weh tut, weil sie fürs Auge so wenig hergibt und fürs Herz nicht viel mehr.

Auch wenn die Inszenierung genauso schlicht wirkt wie die gezeigten Charaktere, etwas muss doch dran sein, denn wir hatten kein Problem damit, dran zu bleiben und zu folgen. Vielleicht taugt uns das auch gerade, weil wir derzeit ein bisschen überreizt sind und leicht mal das Kribbeln bekommen, wenn sich etwas als zu kompliziert bzw. zu vertrackt erweist (die Rezension wurde ursprünglich Mitte April 2019 geschrieben).

Da kann ein Film, der keinerlei Fragen offen lässt, und das von Beginn an, Punkte machen. Es ist ein Howcatchem. Allerdings schaffen es die Macher des Films, trotz des einfachen Szenarios einige Wackler reinzubringen. Wieso behauptet der Lohnbuchhalter, Erwin sei maskiert gewesen? Weil er nicht will, dass man die Jungs findet und er auf diese Weise keine genaue Aussage zu dessen Optik machen muss? Weil es eine weitere Ebene gibt, die nicht sofort sichtbar wird? Existiert aber nicht, der Film hat unseres Erachtens keinen so tiefen doppelten Boden.

Wir wollen nicht ausschließen, dass gelernte DDR-Bürger_innen Dinge entdecken, die uns verborgen bleiben, es wurde ja viel in Andeutungen geredet, in jenen Jahren,  Vielleicht sind Chiffren eingewoben, vielleicht auch nicht. Vielleicht müssen wir uns den Film nochmal anschauen, wenn wir beim Durchforsten des Polizeiruf-Waldes ein Stück weiter sind. Andererseits können wir uns nicht vorstellen, dass es uns danach je drängen wird.

Finale

„Freunde“ ist ein kleiner, ein simpler Fall, schon deshalb, weil es kein Tötungsdelikt gibt und am Ende man denkt, es wird sich schon richten. Es war sowieso Quatsch, während des Aufbaus des Sozialismus so strenge moralische Maßstäbe anzulegen, man muss Verständnis für junge Menschen haben, die nichts weiter im Kopf haben als eine Sause, als eine temporäre Flucht. An Republikflucht denken sie ja nicht einmal.

Schon die Sprache ist statisch und auf ihre Weise entlarvend, gewollt oder nicht, eingeflickt sind einige damals auch im Westen übliche Modewörter, die natürlich nur von den Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen ausgesprochen werden, nicht von der älteren, hübsch piefigen Generation, die total privatisiert. Niemand ist im Agitationsmodus oder wird als Inhaber einer Funktion gezeigt. Und erst die Tischmanieren von Vater Ewaldt, die noch unterhalb der allgemeinen Umgangsformen liegen. Kein Wunder, dass ihm die Frau das in den tiefen Teller kippt, was sie nicht schafft.

Irgendwie geht es uns mit diesem Film und der vorliegenden Rezension ähnlich, es ist alles etwas disgusting – aufgrund der mittlerweile größeren Anzahl an gesehenen Filmen der Reihe können wir den Film etwas besser ins Umfeld anderer Polizeirufe jener Zeit stellen, aber gerade bei diesem Werk merken wir, dass uns ein detailliertes Raumbild noch immer fehlt und wir zu stark auf Einzeltatbestände rekurrieren. Wir konnten aber nicht so vorgehen, dass wir erst dann mit den Rezensionen beginnen, wenn wir ca. 50 Polizeiruf-Filme aus der DDR-Zeit gesehen haben. Dergestalt hervorragend ist unser Gedächtnis leider nicht. In einer Mediathek nochmal drüber schauen, geht sechs Wochen nach der Ausstrahlung ebenfalls nicht mehr, weil die Filme nicht so lange vorgehalten werden – und sich aus Zeitgründen. Also raus damit und zu den Macken dieses Beitrags stehen!

6/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Klaus Grabowsky
Drehbuch Klaus Grabowsky
Gerhard Scherfling
Produktion Erich Biedermann
Musik Bernd Wefelmeyer
Kamera Walter Laaß
Schnitt Renate Müller
Besetzung
·

 

 

 

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