Kaputt – Tatort 1098 / Crimetime 345 // #Tatort #Koeln #Köln #Ballauf #Schenk #Kaputt #Tatort1098 #WDR

Crimetime 345 - Titelfoto © WDR, Thomas Kost

Die Polizeifamilie und die anderen kaputten Familien

„Polizei ist Familie.“
„Nach außen hin vielleicht. Nach innen ist sie genauso kaputt wie die meisten anderen Familien: intolerant, Streit, Eifersucht.“

Irgendwie ist die Dialogsprache in heutigen Tatorten auch häufig ziemlich kaputt. Wir wissen also jetzt, woher der viel zu allgemein gehaltene Titel seinen direkten Bezug nimmt, aber da macht die Stelle nicht besser. Familie wird im ersten Satz als etwas bezeichnet, mit dem man offensichtlich positive Assoziationen verbindet, steht also für Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl. Der richtige Anschluss wäre gewesen:

„Ja, genauso kaputt wie die meisten anderen Familien …“

Damit wäre die positive Besetzung des Begriffs Familie korrekt in Frage gestellt worden, so aber wird diese Besetzung in die Antwort des zweiten Dialogpartners übertragen und von dort aus gedreht, sodass auch die Pointe vergurkt wird. Außerdem müsste es „Intoleranz“ heißen, um in der Substantivreihe zu bleiben – mag sein, dass „Tatort“ das nicht richtig wiedergegeben hat, genau haben wir’s nicht mehr im Gedächtnis, ob „intolerant“ oder „Intoleranz“ gesagt wurde. Das andere stimmt aber so, das hat uns gestern Abend schon gestört.

Wie war’s sonst so, mit dem 76. Köln-Tatort der Herren Ballauf und Schenk? Es steht nachzulesen in der -> Rezension.

Handlung

+++ Schock für Kölner Polizei: Streifenbeamter im Einsatz ermordet, Kollegin schwer verletzt +++ Schwierige Ermittlungen: Auch Polizisten in den Fall verwickelt? +++ Götz Schubert übernimmt Rolle eines Dienststellenleiters +++

Eigentlich sollten die Polizisten Melanie Sommer und Frank Schneider bei einer lauten Feier in einem Wohnhaus nur für Ruhe sorgen. Doch wenig später wird die junge Kriminalbeamtin verletzt und traumatisiert im Garten des Hauses aufgefunden. Ihr Kollege wurde so brutal zusammengeschlagen, dass für ihn jede Hilfe zu spät kommt.

Der Polizistenmord sorgt nicht nur im Präsidium und in der Presse für Aufregung. Auch Frank Schneiders Lebensgefährte Stefan Pohl kann den Verlust nicht fassen: Die beiden hatten sich im Dienst kennengelernt. Die Beziehung sah der Dienststellenleiter Bernd Schäfer nicht gern. Auch, dass die Mordkommission jetzt die eigenen Leute überprüft, passt ihm gar nicht.  

 Rezension

In dem Film gibt es eine überragende Figur, die junge Polizistin Melanie Sommer, verkörpert von Anna Brüggemann. Sie hat dem Film eine überraschende Wendung geben können, die man der traumatisierten Frau nicht zugetraut hätte und die auf uns letztlich doch glaubwürdig wirkte. Rachegefühle basieren häufig auf Traumata, die durch Situationen der Ohnmacht, nicht nur der Ungerechtigkeit, ausgelöst werden. Und der Film hat noch etwas bewirkt, was wir gar nicht so gerne schreiben: Wir hätten nichts dagegen gehabt, wenn Ballauf und Schenk in der Schlussszene zu spät gekommen wären. Vor allem, nachdem wir das Video von der Gewalttat gegen den Kollegen Schneider gesehen haben. So gibt es eine tote Person, um die man wirklich trauern kann und Max Ballauf sollte nun ebenfalls den Polizeipsychologen aufsuchen, der schon mit Melanie gearbeitet hat, sie aber nicht daran hindern konnte, sich viel zu früh wieder im Dienst beweisen zu wollen.

Wer glaubt, sowas sei total weit hergeholt, der soll sich bitte die Berichte über U-Bahn-Attacken in Berlin anschauen, die in „Gegen den Kopf“ auch zum Tatort-Thema wurden; der Film gilt als einer der besten der Reihe. Auch in ihm wird nie erklärt, wieso Jugendliche aus besseren Häusern so abdriften – auch wenn sie eine Ausnahme darstellen und man wohl mit dem Zeigen dieser Ausnahme politisch korrekt gegen Klischees arbeiten wollte. Physische Gewalt geht meist von Menschen aus, die in gewaltaffinen Milieus aufwuchsen und keine andere Form der Konfliktlösung kennenlernen. Mann kann das Schlagen und Treten hilflos am Boden liegender Unschuldiger aber auch als Symbol für andere Formen der Gewalt ansehen, psychisch und ausgeübt durch Machtpositionen.

Ein anderer Charakter hat uns überrascht: Jütte. Er wurde bisher schon etwas bräsig gezeigt, aber nicht so engagiert für etwas, das größer ist als seine eigene Stulle, hier strebt er eine Position im Apparat an. Dass er als jemand, der noch gar nicht so lange dabei ist und bisher eher dadurch aufgefallen ist, dass er wenig Stress wollte, für den Personalrat kandidiert, wirkt leicht überzogen, aber irgendwie auch hintersinnig, weil man Schwierigkeiten hat, ihm das plötzliche Engagement abzunehmen, das ihn in Konflikt vor allem mit Max bringt.

Das Interessante aber ist, ähnlich wie bei Melanies Verhalten: Hat er nun Recht oder nicht? Es war kein polizeiinterner Mord, als Frank Schneider getötet wurde, das ist sehr eindeutig. Aber es sind strukturelle Probleme in der Polizei, die kausal zur Tat geführt haben, weil die junge Frau und der (nunmehr) schwule oder auch bisexuelle Mann sich in eine Situation begaben, für die sie hätten Verstärkung herbeiholen müssen. Das wollte aber Melanie nicht, weil sie Scham davor hatte, Angst und Schwäche zu zeigen.

In Berlin sind durchaus einige Frauen im Polizeieinsatz zu beobachten, sie wirken in der Regel weniger sensibel als Melanie, aber was davon Fassade ist, können wir natürlich nicht beurteilen, schließlich werden sie auf konsequentes Auftreten trainiert. Außerdem muss man vorsichtig sein mit Urteilen wie: Frank Schneider und Stefan Pohl, die sind Kunstprodukte, solche Typen gibt es bei den realen Cops nicht. Wenn wir Auftritte der Polizei in unserer Stadt beobachten, haben wir selten das Gefühl, Freunde und Helfer vor uns zu haben, aber bei uns wird die Polizei auch massiv missbraucht, um Kapitalinteressen gegen die Bevölkerung durchzusetzen, das war eigentlich immer schon so, man kann es ohne Probleme mindestens bis in die Weimarer Republik zurückverfolgen.

Darüber, wie der Apparat seine Ausführenden auf eine Weise einsetzt, die sie bei den Menschen verhasst  machen, sollte man mal einen guten Tatort schreiben. Ob ein solches Drehbuch allerdings angenommen würde, ist fraglich. Unseres Wissens gibt es keinen einzigen Berliner Tatort, der die Polizei als Partei im Häuserkampf zeigt. Außerdem ergreifen nun einmal viele Menschen diesen Beruf, die rechtsautoritär tendieren und denen es mehr um die Ausübung der Autorität geht als um den Schutz anderer, welche sie sowieso nicht ausstehen können, denen sie sich nicht verpflichtet fühlen, weil sie politisch links sind. Andererseits wissen wir, dass die Polizei mittlerweile häufig in Selbstverteidigungshaltung gehen muss, wenn sie mit bestimmten Milieus Kontakt aufnehmen und ihnen gegenüber das Recht durchsetzen soll. Die Lage ist alles andere als einfach und es wird seitens der Politik wenig getan, um gemeinsame, sinnvolle Ziele für die Stadtgesellschaft und die Polizei zu eruieren oder gar zu erreichen. Die Grundlage dafür müsste eine an der Realität und dem gesellschaftlichen Fortschritt orientierte  Vereinbarung sein, von der wir sehr weit entfernt sind.

Das eingangs angedeutete Problem mit den Dialogen zieht sich nicht durch den gesamten Tatort, aber es sind immer wieder viel zu plakative Sätze drin – und der Film wirkt wieder mal absichtlich zerfasert. Nicht, dass irgendetwas nicht nachvollziehbar wäre, der Plot ist vergleichsweise übersichtlich, aber man stört die Entwicklung der Dramaturgie mit solchen Gimmicks wie Jüttes Wahlwerbung. Man kann sowas auch als Krönung der Hintergründigkeit ansehen, uns ist das nicht gelungen.

Einige Fragen kann man sich stellen: Musste Max Ballauf so auf Melanie Sommer schießen, dass der Schuss tödlich war? Unsicher. Weil aus der Entfernung ein gezielter Beinschuss, der zudem verhindert hätte, dass Sommer noch hätte abdrücken können, das halten wir für schwierig. Sehr gute Frage: Wie kam das Video von der Tat zu Melanie Sommer? Durchs Internet? Gedreht wurde es von der jeweils nicht aktiv an der Misshandlung von Frank Schneider beteiligten Person, nach unserer Erinnerung sind immer nur maximal zwei Täter_innen zu sehen. Die laute Party hingegen bestand nur aus drei Personen.

Finale

Wie wäre das: Wir pflegen unsere nach einem Unfall hilfsbedürftige Mutter und sie flüstert nur immer nach dem anderen Sohn, der sich einen Scheiß um irgendwas kümmert? Und wie kam es dazu, dass die beiden so unterschiedlich sind? Und beim Mittäter, dessen Eltern wirklich überhaupt nicht mitkriegen, wie die nächste Generation tickt. Und natürlich die dritte, schon durchs Milieu verrohte Beteiligte an der Tat. Kaputte Familien und Verhältnisse, wo man hinschaut. Wenn Loyalitäten vorhanden sind, wie die zwischen Frank, Stefan und Melanie oder die von Thomas gegenüber seiner Mutter, dann scheitern sie.

Nichts ist emotional wenigstens befriedigend,  Aber da sind ja noch Max und Freddy. Ersterer muss am Ende seine Dienstwaffe abgeben, weil das offenbar nach Gebrauch immer so ist, aber wir werden die beiden wiedersehen. Darauf immerhin kann man sich verlassen.

7,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

Auch im 76. Tatort mit Max und Freddy müssen wir nicht befürchten, dass ihnen die Fälle ausgehen, denn nur dann wäre ihre Welt kaputt. Es geht dieses Mal viel um die Polizei selbst und die Beziehungsflechte in der Truppe, die vermutlich stärker ausgeprägt sind als in der Realität – was dazu passt, dass Tatort-Cops mit einer statistischen Häufung von Konstellationen zu kämpfen haben, in die sie selbst involviert sind.

Homophobie bei der Polizei, ist das ein Tabu? Wir werden es sehen, aber wenn es zwei Typen gibt, die damit umgehen können, obwohl sie bisher beide eindeutig als hetero gezeigt wurden, dann sicher die beiden Kölner Sozialarbeiter, die außerdem Spezialisten für Interna sind. Die Vorab-Kritiken zu dem Film sind eher durchwachsen, das wollen wir unseren Lesern nicht verschweigen, vor allem wird bemängelt, dass der Film nicht zentriert und spannend wirkt und zu dialogreich ist. Wir mögen pointierte wörtliche Rede auch lieber als ausfaserndes Geplapper, es gibt aber Plots und Figuren, in bzw. bei denen ein zu gestanzter, literarischer Sprech fehl am Platz wäre.

Wir werden nach der Ausstrahlung dieses 1098. Tatorts damit fortfahren, den Premieren immer die Rezension eines älteren Falls desselben Teams beizustellen – oder einen, mit dem es eine andere Verbindung gibt, unabhängig davon, ob dieser Fall gerade wiederholt wurde oder nicht. Wir müssen die Frequenz insgesamt weiter erhöhen, um die vielen Kritiken in „Crimetime“ zu veröffentlichen, die bereits für den  „ersten“  Wahlberliner, für „Rote Sonne 17“ geschrieben und von dort archiviert oder noch nie gezeigt wurden. Viele von den 76 Filmen der Kölner haben wir bereits angeschaut und wollen uns nicht darauf verlassen, dass sie in nächster Zeit wieder auf den Bildschirm kommen – denn auch Wiederholungen sind derzeit eher Tatorten aus den letzten Jahren gewidmet als „klassischen“ Fällen.

TH

Besetzung und Stab

Max Ballauf Klaus J. Behrendt
Freddy Schenk Dietmar Bär
Melanie Sommer Anna Brüggemann
Stefan Pohl Max Simonischek
Bernd Schäfer Götz Schubert
Thomas Theissen Ronny Miersch
Janine Meier Caroline Hanke
Selina Greve Svenja Jung
Norbert Jütte Roland Riebeling
Ben Theissen Hauke Diekamp
Beate Theissen Heidi Ecks
Lukas Strauss Luke Neite
Karin Strauss Friederike Bellstedt
Raimund Strauss Marc Fischer
Dr. Peters Thomas Goritzki
Nachbar Pflüger Artus-Maria Matthiessen
Musik: Fabian Römer
Kamera: Peter Nix
Buch: Rainer Butt
Christine Hartmann
Regie: Christine Hartmann

 

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