Tödliche Souvenirs – Tatort 536 / Crimetime 344 / #Tatort #Wien #Eisner #Souvenir #tödlich #Wien #ORF

Crimetime 344 - Titelfoto © ORF-Photographie

Die Familienehre und die Samurai-Ehre

Im neunten von bisher 37 Fällen* kommt Moritz Eisner nach Tirol, wo Touristen bei dem Event-Urlaub auf unterschiedliche Art tödlich verunglücken und immer haben sie eine Schneekugel dabei, als sie aufgefunden werden. Wenn aber alle eine solche Schneekugel haben, dann können’s keine Unfälle gewesen sein, also wird ermittelt, wobei sich fünf Tote ansammeln, bis der Fall geklärt ist.

Als der Anwalt aus München vom Hochsitz gefallen war, dachten wir, jetzt wird’s aber Zeit für einen Mord, der aus der Reihe fällt, der irgendwie nicht ins Schema passt. So war es dann ja auch, ein Nachahmungstäter.

Als die Person der vor 16 Jahren getöteten Frau nicht nach ihren Hintergründen durchsucht wurde, dachten wir, so eine Schlamperei. Und dann natürlich: Wird schon Absicht gewesen sein. Oder? Mehr dazu in der -> Rezension.

Handlung, Besetzung, Stab

Eine Mordserie schreckt den voll belegten Tourismusort Lahnenberg aus seiner fröhlichen Betriebsamkeit auf. Das Dorf leert sich zusehends, da die Gäste des Ortes um ihr Leben fürchten – für die Hoteliers eine finanzielle Katastrophe. Dementsprechend hoch ist der Druck auf die Kriminalisten Moritz Eisner und Stafanie Gschnitzer, die eine schnelle Lösung des Falls herbeiführen müssen. Denn die Ermittlungen sind ein Wettlauf mit der Zeit, da der Täter täglich einen Mord an einem Touristen begeht, den er perfekt plant und durchführt.

Ist es ein reiner Zufall, dass alle Opfer Gäste des Alpenhotels waren? Die Hinweise sind spärlich, aber eines haben alle Mordfälle gemeinsam: Bei jeder Leiche hinterlässt der Mörder ein „tödliches Souvenir“ – eine Schneekugel. Moritz Eisner und Stefanie Gschnitzer schlagen sich während ihrer Ermittlungen in diesem höchst komplexen Fall durch den finanziellen und emotionalen Dschungel des Ortes und der führenden Hoteliersfamilie Kofler, in deren Besitz das Alpenhotel ist.

Der Kreis der Verdächtigen wird immer größer: Da gibt es den Bruder Werner des Lahnenberger Hotel-Kaisers, Markus Kofler, der sich mit der Art des praktizierten Tourismus ebenso wenig identifizieren kann wie dessen alter Vater, der sich gegen die Übermacht der Kofler-Brüder nicht durchsetzen kann. Und zuletzt wird auch der im Alpenhotel beschäftigte DJ und Animateur Jan, der mit einem Mordopfer tags zuvor einen handfesten Streit hatte, von den Kommissaren genauer unter die Lupe genommen. Aber wo liegt das Motiv?

Die meisten Dorfbewohner leben vom Tourismus, arbeiten in der Branche, in der Gastronomie oder sind selbst Hoteliers. Moritz Eisner und Stefanie Gschnitzer kommen der Mordserie nach einigen falschen Fährten auf den Grund. Die Lösung finden sie in der fernen Vergangenheit. 

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung)

Manche Tatorte sind nach über 400 Rezensionen doch vorhersehbar und wir waren nicht überrascht über die Person des Mörders, das Element der totalen Spannung dominiert diesen Tatort ohnehin nicht, trotz der für die Verhältnisse von 2003 hohen Anzahl von Toten.

Dafür was uns Eisner schon wegen seines Dienstwagens sympathisch. In dem Jahr, in dem der Film gedreht wurde, erhielten wir nämlich genau dieses Modell ebenfalls und fanden es auf jeden Fall schicker als einen Golf. Die Verbindung geht aber noch weiter: Wir haben das Auto dann zwei Jahre später zu unserer Auslandsdienststelle nach … na, wohin wohl? … mitgenommen. Auch zu dieser Art „Kaffeemaschine“ haben wir einen Bezug, der genau in jene Zeit reicht. Aber damit genug Assoziatives.

Ist doch schön, wenn die Hupe eines Autos einigermaßen gut klingt, wenn man sich schon den Weg mitten durch eine Touristenfestung freimachen muss, wie der Moritz in diesem Fall. Der Ferrari Testarossa nach Venedig wär gar nicht notwendig gewesen, zu hohe Ansprüche verderben nur den Charakter. Trotzdem war der Gag am Schluss amüsant.

Im Gegensatz zu der Szene mit dem Todes-Lied in der Hoteldisco. Das war peinlich. Dass der Mörder sich auf die Art auffällig macht, ist lächerlich, gerade bei jemandem, der so buddhistisch geschult sein will wie dieser junge Mann, der sich als Rächer seiner Mutter entpuppt. Der Samurai ist kein Typ, der sich vorher solchen Flachsinn erlaubt.

Einige Szenen hatten auch damals schon einen schönen Humor, aber nicht mit dem zu vergleichen, was wir heute beim gereiften Gespann Eisner/Fellner sehen und er wird gekontert durch Momente, die eher gruselig als gut gemacht wirken. Die alte Hotelchefin als Doktorin Mabuse im Keller mit den vielen Bildschirmen, die alles überwacht und steuert, die schrecklichen Söhne, der auf die Alm ausgewanderte Vater.

Wir haben ja nichts gegen skurrile oder überzogene Tatorte, aber die Nummer 536 gleitet immer wieder zurück in eine scheinbare Realitätsnähe, der Realität hält er aber nicht stand, und in diesen Momenten wirkt er allenfalls durchschnittlich. Ein Whodunit, der trotzdem als Wettlauf mit der Zeit inszeniert wird, wegen zu erwartender weiterer Toter – aber nur halbherzig, denn der Zusammenhang betrifft nur noch Menschen, die am Ende sowieso alle tot sind. Am Ende gibt es dann noch einen Selbstmord anstatt eines echten Inflagranti.

Eisner und die Bergwelt, das funktioniert oftmals sehr gut, weil die Bergwelt so schräge Typen hergibt, die wieder gut zum Wiener Kommissar passen, aber die Tourismusbranche hat den Nachteil, dass eben viele Touristen in einem Krimi vorkommen. Und die ausschließlich deutschen Touristen, die hier zu Tode kommen, sind nicht der Hit weder tot noch lebendig. Sollen sie wohl auch nicht, und dass es in Tirol nur Urlauber aus dem Nachbarland gibt, ist sicher auch ein gewolltes Klischee, das verstärkt wird dadurch, dass auch das Personal aus Deutschland stammt. Stimmt alles in der Wirklichkeit bis zu einem gewissen Grad, aber der Pep, der Mut zur echten Überspitzung, der fehlt leider. So wirkt alles – halbscharig, würde man in Österreich sagen.

Sicher hat das auch mit der sehr uninspirierten Be- und Abhandlung der Toten zu tun, und dabei spielen die tödlichen Souvenirs leider eine ungute Rolle. Hätte man den Unsinn mit den Schneekugeln weggelassen, von denen kein Mensch weiß, wofür sie stehen sollen und warum ein nach den Maximen eines Samurai handelnder junger Mann sie einsetzt, dann wäre nämlich nicht nur der Zusammenhang zwischen den Toten nicht so schnell aufgekommen und man hätte vielleicht gar nicht erst ermittelt. Die Rache an sich ist es also gar nicht, sondern dass die Welt die Rache als solche wahrnimmt. Wenn man aber wirklich hinter die Motive der Rache kommt, ist der Rächer aufgedeckt.

Nimmt man den Tatort also doch eher als ernst, muss man feststellen: es mangelt weniger an Plotlogik als an psychologischem Einfühlungsvermögen, es werden erkennbar zu viele Versatzstücke zu einem Baukasten-Fall zusammengefügt, der mit ein paar Filmzitaten wie der Spinne im Keller angereichert werden.

Fazit

Eisner und Co. sind zwar auch hier nicht schlecht, aber der Fall gibt zu wenig her, um Begeisterung auszulösen. Diese Lösung aus der Vergangenheit wird, wie viele Bestandteile der Handlung, zu routinemäßig abgearbeitet. Ob man hätte einige Szenen in stilistischer Verfremdung zeigen sollen, wie es heute vielfach üblich ist, wenn Morde ihre Gründe in weit zurückliegenden Ereignissen haben, ist Ansichtssache, aber der Fall hat uns so, wie er inszeniert ist, recht kühl gelassen.

Eine Sache aber ist wenigstens dieses Mal nicht fraglich: Dass der Rächer gerade jetzt auftritt. Er musste ja seine Kampfausbildung erst abschließen. Meistens haben die „Out-of-the-Past“-Tatorte das Problem, dass man sich fragt, was zum Teufel passiert ist, dass der Rachefeldzug gerade in dem Moment beginnt, in dem die Handlung einsetzt, und nicht, wie es in den meisten Fällen möglich gewesen wäre, um Jahre früher.

Viele Eisner-Tatorte haben etwas Besonderes, sehr individuelles, aber hier fehlt uns das und der Fall selbst wirkt auch nicht mit maximaler Leidenschaft konstruiert und gefilmt.

6/10

*Alle Angaben zu sich verändernden Zahlen beziehen sich auf die Erstveröffentlichung 2016.

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Chefinspektor Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Stefanie Gschnitzer – Roswitha Szyszkowitz
Markus Kofler – Alexander Strobele
Werner Kofler – Martin Walch
Hans Kofler – Theo Rufinatscha
Frau Kofler –  Julia Gschnitzer
Robert Stöckl -Ludwig Dornauer
Jan Becker – Philipp Hochmair
Liz – Dennenesch Zoudé

Regie: Peter Sämann
Buch: Felix Mitterer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s