Operation Hiob – Tatort 767 / #Crimetime 352 #Tatort #Wien #Eisner #ORF #Hiob #Operation

Crimetime 352 - Titelfoto © ORF, Hubert Mican

Die Handy-Wasserleiche und das glückliche Überleben kurz vor der Pensionierung

In einer Import-Export-Firma für Haushaltsgeräte werden zwei Männer erschossen, ein dritter überlebt schwerverletzt, wird aber flugs im Krankenwagen niedergemacht. Moritz Eisners Kühlschrank gibt den Geist auf und wir haben den Verdacht, dass er von dieser Firma aus mit einem neuen beliefert wird, in der das Wort „weiße Ware“ mehrere Bedeutungen hat.  Dabei ermittelt sich ein Kollege, der schon auf der Pensionsrampe steht, zu Hochform, andererseits ist Eisner ein wenig gehandicapt, weil er eine Tochter hat. Das kann böse Folgen haben, wenn man als Sonderermittler gegen ein Rauschgiftsyndikat im Einsatz ist. Warum, das erklären wir in der -> Rezension.

Handlung

Alles ist anders, als es auf den ersten Blick scheint. Der Abfalltransporter, der auf das Betriebsgelände rollt, bringt eine tödliche Fracht. Und die Firma Intercomp, die offiziell Kühlschränke und Waschmaschinen importiert, ist in Wirklichkeit die Zentrale einer Organisation, die den Heroinhandel in Österreich kontrolliert.

Innerhalb weniger Minuten richten die als Müllmänner verkleideten Mörder hier ein Blutbad an. Die Bilanz: zwei Tote und der Finanzchef dieses Syndikates wird angeschossen. Aber auch er überlebt den Überfall nicht. Denn eiskalt stoppen die Killer den Rettungswagen auf dem Weg ins Krankenhaus und töten den Schwerverletzten. Nach diesem äußerst brutalen Verbrechen wird Sonderermittler Moritz Eisner von seinem Chef Ernst Rauter im Wiener Innenministerium sofort in eine geheime Aktion des Bundeskriminalamtes eingeschaltet – die „Operation Hiob“. Mit seiner Hilfe soll ein verdeckter Ermittler an den Kopf der Organisation, den ehemaligen Geheimdienstagenten Dr. Ziu, herangeführt werden.

Die Untersuchungen ergeben schnell, dass hinter dem Anschlag die Konkurrenz steckt, die massiv ins Drogengeschäft einsteigen will. Doch das Syndikat schlägt schnell und hart zurück. Plötzlich gerät Eisners völlig ahnungslose Tochter Claudia in den Strudel des tödlichen Verbrechens. Denn Dr. Ziu erfährt auf der Suche nach einem Schwachpunkt in Eisners Leben, dass seine Tochter früher in eine Drogengeschichte verwickelt war und versucht das auszunutzen. Eisner ist entsetzt darüber, dass den Verbrechern diese brisante Information aus seinem Umfeld zugespielt wurde.

Auch Eisners Kollege Inspektor Bernhard Weiler wird ganz tief in diesen Fall hineingezogen, obwohl Rauter ihn extra aus dieser gefährlichen Operation heraushalten wollte – weil Weiler wenige Tage später nach 41 Dienstjahren aus dem Polizeidienst ausscheidet. Doch gerade er führt Eisner auf eine ganz heiße Spur. Als der verdeckte Ermittler der Polizei im Hafen von Bratislava als eine Art Dank für die wichtigen Informationen für seinen „Chef“ Dr. Ziu Drogen abholen soll, scheint die „Operation Hiob“ am Ziel zu sein. Doch Chefinspektor Moritz Eisner spürt plötzlich immer intensiver, dass etwas völlig schief läuft. Und dann überschlagen sich die Ereignisse.

Rezension 

Obwohl wir noch uns bissl auskennen, war das Wienerisch dieses Mal zu extrem ausgeformt, vor allem gab es einige Ausdrücke im Dialog, die Auswärtige normalerweise nicht verstehen können. Die Bayern sicher  noch am besten. Aber: Alles halb so wild, denn, wie bei anderen mundartgeprägten Tatorten, hat man die Wortwechsel so konzipiert, dass der eine oder andere Störfall im akustischen Bereich nicht beim Verständnis der Handlung stört.

Allerdings hat die Handlung als solche beim Verständnis gestört, denn, wenn man genau nachdenkt, ist bis zum Schluss nicht klar, wer wollte was von wem woraus, bei den Russen und den Serben. Die Probleme hat man sich dadurch gemacht, dass man, und das ist dieses Mal deutlich erkennbar, die Handlung aus einem anderen Genre übertragen hat, geschrieben nach gängigem Agententhriller-Muster, das aber auf die Arbeit der Polizei umgesetzt werden musste. Einer der polizeilich aufwendigsten Wiener Krimis bis dahin – heute sind wir ja auch diesbezüglich und beim Bodycount wieder ein Stück weiter.

Für Eltern ist der Tatort 767 möglicherweise nervig, weil die Eisners Tochter wieder einmal – das gab’s bei Kindern von Ermittlern schon öfters – als Zielobjekt für die Machenschaften der Unterwelt herhalten muss. Dass das überhaupt funktioniert, angesichts der Totalüberwachung durch eine SOKO, die jedes Gespräch der Mobster mithört, ist Eisner zu verdanken. Der reagiert nämlich erst einmal gar nicht, als er darüber informiert wird, dass ihn das Syndikat ebenfalls ausspioniert und dabei auf die Drogenvergangenheit seiner Claudia gestoßen ist. Selbst im zweiten Anlauf, dem Wink mit dem Zaunpfahl, rührt er sich zu spät. Als solch eine Spürnase, die er ist, jemand, der nach langen Berufsjahren die Gefahr riecht, hätte er seine Tochter sofort an einem sicheren Ort unterbringen lassen müssen, bis die Aktion vorbei Dass da nicht mehr passiert und wir, nebenbei, auch nicht erfahren, was eigentlich mit ihr passiert, nach dem Handyweitwurf seitens eines gewissen Mirko oder Nico, belegt besonders deutlich, dass Konstruktion nicht immer besser ist als Intuition.

Von denen, die wir bisher gesehen haben, ist „Operation Hiob“ einer der rasantesten und am besten gespielten Tatorte der Wiener Vor-Bibi-Ära. Es war also schon zu der Zeit manchmal so, dass die in der Hauptstadt spielenden Österreich-Krimis die Aufgabe hatten, das große organisierte Verbrechen darzustellen und wenn Eisner aufs Land fuhr, oftmals zufällig im Urlaub in einen Fall verwickelt wurde, dann waren Bergler in allen Skurrilitätsstufen angesagt. Die Atmosphäre der Bedrohung, die niemals endet, wird zwar in „Operation Hiob“ nicht so greifbar wie in einigen neuen OK-Filmen, auf die sich die Norddeutschen spezialisiert haben, aber dafür nehmen die Österreicher kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, Ross und Reiter zu nennen. Die Stilisierung in der Darstellung und der Realismus bezüglich der Milieus haben aber auch hier zuletzt gleichermaßen zugenommen.  Man mag denken, es ist im Grund egal, wer nun die Führung der Unterwelt in einem bestimmten Bereich, einer Region, einer Branche hat. Doch es geht auch um das Standing einer Zivilgesellschaft: Die Legalisierung von illegal erworbenem Vermögen und damit auch die Gefahr der Infiltrierung der Staatsorgane und des allgemeinen Soziallebens kann man nicht einfach mal weglassen, wenn man Progression und Frieden möchte. Angedeutet ist diese Gefahr, die wir mittlerweile dank der erwähnten Tatorte kennen, auch hier: Der Chef des Mobs ist promoviert und hat eine legale Firma als Tarnung für seine Geschäfte.

Dass am Ende die Chefgangster davonkommen, entspricht dem Schema, welches mittlerweile auch deutsche OK-Tatorte zeigen. Besonders witzig: Dass statt kiloweise Schnee eimerweise Erdnüsse aus dem wichtigen Ladestück 18 herauskommt. Die Polizei hat also nur die Peanuts erwischt, die dicken Fische schwimmen weiterhin munter im Trüben.

Schauspielerisch ist „Operation Hiob“ sehr gelungen. Flüssig gespielt, mit knappen und oft richtig guten Dialogen ausgestattet. Ohne einzelne Beispiele zu nennen, wirkt das alles auf uns sehr natürlich und gekonnt – ohnehin ein Markenzeichen der Österreich-Tatorte, dass sie nie steif rüberkommen. Dass auch hinter dem Schmäh manchmal das Banale steckt, ist unverkennbar, aber es wirkt eben durch den Schmäh nicht so bieder.

Finale

„Operation Hiob“ war der vorletzte Tatort, den Eisner ohne Bibi Fellner durchstehen musste. Mit den Teams ist es wie mit einem Puzzle, je mehr man von ihnen sieht, desto klarer wird ihre Geschichte.

Im Tatort 767 hat Moritz Eisner nämlich noch einen Kollegen namens Bernhard Weiler  (Heribert Sasse), der aber hier letztmalig zu sehen ist, weil er nach diesem Fall in Pension gehen wird. Da wir bisher von den älteren Tatorten aus Österreich vor allem diejenigen gesehen haben, die außerhalb von Wien spielen, konnten wir diesen innerstädtisch arbeitenden Kollegen selten bewundern. Zwischendurch dachten wir, der wird seine Pensionierung nicht mehr erleben, es ist doch auffällig, dass er, der anfangs nur recherchiert hat, mehr und mehr in die Operation eingebunden wird und auch mit Eisner vor Ort ist. Das wäre die Gelegenheit gewesen, einem Polizisten einen dramatischen Abgang zu schreiben.

Glücklicherweise hat man hier mit einer letztlich enttäuschten Erwartung gespielt. Dass hingegen Claudia aus der Sache lebend rauskommen wird, wissen wir aus späteren Filmen. Das muss keine Spannungsbremse sein. Es würde ja niemals Spannung aufkommen, wenn man weiß, dass eine Reihe oder Serie mit demselben Personal fortgeführt werden wird. Apropos Spannung: Für einen Tatort mit so grundbösen Typen, wie wir sie hier sehen, ist die Spannung eher moderat. Dafür ist der Plot umfangreich, wie die nachfolgende, recht lang geratene Inhaltsangabe belegt.

Die Rezension wurde im Jahr 2014 erstellt und, minimal überarbeitet, erstmals im Juni 2019 im „neuen“ Wahlberliner veröffentlicht.

7,5/10

© 2019, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Moritz Eisner Harald Krassnitzer
Claudia Eisner Sarah Tkotsch
Inspektor Bernhard Weiler Heribert Sasse
Ernst Rauter Hubert Kramer
Robert Kovar Jürgen Maurer
Roland Petritsch Christian Dolezal
Regie: Nikolaus Leytner
Buch: Max Gruber
Kamera: Hermann Dunzendorfer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s