Spätschicht – Tatort 681 / Crimetime 356 // #Tatort #Köln #Koeln #Spätschicht #Schicht #Tatort681 #Ballauf #Schenk

Crimetime 356 - Titelfoto © WDR, Uwe Stratmann

Wie Freddy und Max aus ihrem eigenen Büro fliehen mussten

Es sei vorweggenommen. „Spätschicht“ hat es verdient, der Jubiläumsrezension (200. Beitrag innerhalb der TatortAnthologie des Wahlberliners) zu dienen.*

Der Film ist ein Kracher. Rasant, emotional, mit drängender Atmosphäre und einem verzwickten Fall, dessen Wendungen nicht vorhersehbar sind und dessen Logik weitgehend passt. Dass mal wieder zwei Tötungen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, doch durch ein und dasselbe böse Wirken einiger so genannter Kollegen von der Polizei ausgelöst werden, wird mit heißer Nadel gestrickt, aber die Masche hält ganz gut. Bleibt es tatsächlich bis zum Schluss unklar, ob die interne Ermittlung in der Sache drinhängt oder nicht? Hat sie die vielen manipulierten Beweise geliefert oder nicht? Darüber steht mehr zu lesen in der -> Rezension.

Handlung

Hier war ein Profi am Werk. Mit zwei platzierten Schüssen wurde der Polizist Gerd Samland in einem Bordell ermordet.War Max Ballaufs Freund und Kollege tatsächlich Stammgast in diesem Etablissement? Um sicher zu stellen, dass Polizei intern nichts unter den Teppich gekehrt wird, schaltet sich die Abteilung»Interne Ermittlungen« ein: Samland, der bei der Autobahnpolizei arbeitete, sei in illegale Geschäfte mit der Unterwelt verwickelt gewesen, behauptet Kriminalrat Brauer.

Er übernimmt den Fall von der Mordkommission. Schenk und Ballauf erwartet bereits neue Arbeit. Auf einem Autobahnrasthof hat der Reinigungsdienst eine übel zugerichtete Leiche gefunden. Offensichtlich handelt es sich bei dem Mann um einen bereits vermissten polnischen Fernfahrer. Während Schenk schon bei der Spedition auf Spurensuche geht, kümmert sich Ballauf unerlaubterweise weiter um den Mord an seinem alten Kumpel von der Polizeischule und steht dessen Witwe Britta zur Seite. Im Zuge ihrer Ermittlungen stoßen Ballauf und Schenk auf Indizien für einen heiklen Korruptionsskandal.

Doch bevor sie die Hintergründe aufdecken können, geraten sie selbst ins Visier der internen Ermittlung. 

Rezension

Bei einigen Details, etwa die Situationen betreffend, in denen die Beweise sogar bei Max und Freddy (in der Wohnung, im Auto) platziert werden, ist es gut, dass „Spätschicht“ mit so vielen Handlungselementen aufwartet, dass wir keine Zeit bekommen, genau übers „Wie geht das?“ nachzudenken. Einen Makel hat die Folge 681 nach unserer Ansicht – der Part mit Freddys schwangerer Tochter, der rein gar nichts mit den beiden Mordfällen zu tun hat, sorgt zwar für weitere Verdichtung, weil dafür auch wieder Spielzeit gebraucht wird, ist aber weder dramaturgisch notwendig noch sinnvoll. Aber wer weiß, vielleicht hätte der Wegfall dieser ca. 10 Minuten dazu geführt, dass man andere Dinge mehr hätte hinterfragen können – wir meinen aber, die Zeit wäre gut mit tollen, polizeiinternen Szenen zu füllen gewesen, die für noch mehr Thrill gesorgt hätten, als es zum Beispiel Max‘ und Freddys Flucht aus den eigenen Dienstwänden schon getan hat. Nein, ganz realistisch wirkt auch dieser Film mal wieder nicht, aber er hat Drive und die psychologische Hinterlegung des Verhaltens beinahe aller Figuren ist zumindest okay, die Herleitung von Handlungsweisen wie dem Grund, warum Max Ballauf so lange nicht mit dem jetzt ermordeten Kumpel Samland verkehrt, ist, wenn auch etwas holprig geliefert, denkbar.

Dazu kommt ein Humor, der nicht dröge in der Luft hängt und nicht weiß, wohin er gerichtet ist, sondern der Witz ergibt sich weitgehend aus dem spannenden Duell Polizei gegen Polizei. Und wenn man vorher noch keinen Crush auf Freddy und Max hatte – wie sie sich hier zur Wehr setzen gegen manipulierte Beweise, die Verdächtigungen aus dem eigenen Stall zur Folge haben, wie sie sich unter Druck und Stress, aber in aller Bedrängnis irgendwie immer mit dieser gewissen Lässigkeit ausgestattet, die echt kölsch signalisiert „Allet wird joot“ und wie Freddy dabei auch noch Zeit findet, den Freund seiner schwangeren Tochter zu vertreiben und sich dann bei ihm zu entschuldigen, das ist ein wenig märchenhaft, aber ungemein sympathisch.

Inhaltlich wie inszenatorisch stammt die Tatortfolge 681 von Thorsten Näter, der u. a. für den hoch gelobten Bremer Tatort „Abschaum“ (noch nicht für den WB rezensiert) verantwortlich zeichnete. Er ist ein HFUF-Absolvent, und die haben wir manchmal im Verdacht, sich mit dem Leben nicht so recht auszukennen – sodass sie zwar ihr Handwerk, sprich die Inszenierungstechnik, gut beherrschen, aber zuweilen Figuren und Plots schreiben oder / und umsetzen, die schlicht und ergreifend unstimmig sind, weil in den Milieus, aus denen sie stammen, nicht so agiert wird, wie man es uns immer mal wieder, leider auch in Tatorten, glauben lassen möchte. Dieses gewisse Straßenfeeling, die Hinwendung zu Jargon, Setting, Milieu, die fehlt – viele der neueren Berlin-Tatorte sind ein schlagendes Beispiel für Krimis, die einen zu artifiziellen Touch haben.

Nicht so bei Thorsten Näters besseren Werken (sein Schaffen beinhaltet mittelplusgute Folgen wie „Schwelbrand“ und leider auch „Requiem“, einen der schwächsten Tatorte, über die wir bisher für den Wahlberliner geschrieben haben – aber besser Licht und Schatten und mal ein misslungenes Experiment dabei, als immer Stangenware).

Dass derjenige, der das Drehbuchschreibt, insbesondere bei einer so komplex organisierten Folge wie „Spätschicht“ auch Regie führt, kann ein Vorteil sein – und so fassen wir’s auch in diesem Fall auf. Dadurch behält das Werk die Fasson, man merkt, dass derjenige im Regiestuhl ziemlich genau wusste, was der Drehbuchautor sich vorstellte und wie der Plot so umzusetzen war, dass er bis auf kleinere Wackler mit der Regiearbeit zu einem geschlossen Konzept reifen konnte. Dass der Staatsanwalt bei der Assistentin von Ballauf und Schenk ausgerechnet vorbeischaut, als diese sich dort verstecken und Momente wie jener, als fiese Polizeikollegen eine Privatpistole in einem Reifen von Freddys Ami-Schlachtschiff von einem offenbar nicht gemäß den Dienstvorschriften organisierten Dienstwagen praktizieren, bewerten wir mal nicht über. Freddy ist ein offener Mensch, deshalb steht der Kofferraum seines Autos auch immer offen. Ein Modell, das garantiert noch keine Zentralverriegelung hatte, außerdem wäre ein Päckchen Schnee die viel wirkungsvollere und glaubwürdigere Variante gewesen (wer bringt eine illegale Waffe in einem Ersatzrad im Kofferraum unter und warum?, aber für den Drogentransport sind solche Orte ja Klassiker, weiterhin würde sich daraus herleiten lassen, woher die Jungs von der Dienststelle Delikte am Menschen angeblich so viel Kohle haben, zun Beispiel für den großen Wagen).

Die Kölner Kommissare sind die Meister der privaten Verstrickung, mit ihnen hat wohl die heute schon beinahe als Standard etalbierte Tendenz begonnen, in beinahe jeder Folge selbst im Boot zu sitzen, wenn es um die Aufklärung eines Mordes geht, weil man entweder das Opfer, einen oder mehrere Tatverdächtige, das Umfeld des Opfers, das Umfeld eines oder mehrerer Tatverdächtigen kennt. Dass der Kölner Klüngel sich ausgerechnet an einem Einzelgängertyp wie Max Ballauf und einem außerhalb der eigenen Familie wohl eher mit sparsamem Sozialleben ausgestatteten Menschen wie Freddy Schenk manifestiert, ist durchaus kurios, aber es wirkt auf der emotionalen Ebene selbst dann, wenn uns der Verstand sagt, das ist alles Humbug – zumindest ab der 25. Person, die aus dem ermittlerbiografischen Niemandsland gezaubert wird. Dieses Wie-Kai-aus-der-Kiste-Springen von Bestandteilen aus offenbar sehr reichhaltiger Vergangenheit relativiert leider etwas den Wert einer aktuellen, intensiven Begegnung, wie sie bei Max Ballauf auch mal vorkommt („Direkt ins Herz“, ein sehr schöner Köln-Tatort, als Nr. 70 in der TatortAnthologie des Wahlberliners zu finden).

Im Grunde ist das ein billiger Trick, um die persönliche Betroffenheit der Ermittler glaubhaft wirken zu lassen, die ja in den heutigen, weitaus stärker als die Filme der ersten Jahre aufs Zuschauergemüt zielenden Folgen nicht nur interessant, sondern liebenswert und menschlich rüberkommen sollen. Das gelingt dem Duo Ballauf und Schenk großartig und in „Spätschicht“ kommt hinzu, dass die beiden in ausgezeichneter Spiellaune sind. Das heißt nicht, dass sie sich in schwächeren Folgen gehen lassen, aber da ist, auch dank gepfefferter Dialoge und einem sehr guten Mix aus Emotion und Ermittlungslogik, doch ein Tick mehr an Show für den Zuschauer geboten als in manch anderem Fall der beiden.

Hier kommt aber noch ein ausgesprochen wirksamer Kniff als Emotionsverstärker hinzu. Den Lieblingen der Zuschauer wird mit dem Internen Ermittler Brauer ein Gegner zugeteilt, der ihnen echt gefährlich wird – ohne, dass die beiden sich etwas haben zuschulden kommen lassen, wie wir als Zuschauer natürlich wissen oder wovon wir mindestens überzeugt sind. Findet der forsche Typ von den Internen die manipulierten Beweise nur, mit denen die beiden zur Strecke gebracht werden sollen, oder hat er sie gar selbst anbringen lassen, weil er in der Korruptionssache mit der Spedition Mohnhaupt und der involvierten Autobahnpolizei gemeinsam gegen Recht und Ordnung agiert? Egal, ob die eine oder andere Variante vorliegt, können Ballauf und Schenk aus dieser Kiste wieder rauskommen, in der sie auch deshalb sitzen, weil Ballauf im Fall des ermordeten Kollegen Samland keine Ruhe gibt, als diese Sache ihm schon längst entzogen und an die Internen übergeben worden ist?

Diesen Thrill gibt es in Tatorten nur sehr selten und wir bemerken mit einem Augenzwinkern, dass uns logische Details nicht mehr so wichtig sind, weil wir sehr stark im Sinn der subjektiven Position der Ermittler Ballauf und Schenk Partei nehmen, also eine nicht geringes Maß an Aufgebrachtheit gegenüber diesem arrogant wirkenden Brauer verspüren, den wir zudem im Verdacht haben müssen, dass er nicht sauber ist und seine Sonderstellung innerhalb des Polizeiappartes auf wirklich grobe Weise missbraucht. Am Ende entscheidet sich Freddy Schenk ebenso intuivit wie aus der Not heraus, den Brauer doch einzubinden, und er liegt damit richtig. Wir atmen auf und reihen uns ein das Heer aller, die sich vorstellen, wie sie unschuldig ins Mahlwerk der Justizorgane geraten. „Spätschicht“ dealt sehr geschickt mit Grundängsten von uns allen, zum Beispiel der, dass wir als Einzelne einer weitaus besser organisierten und mit mehr Mitteln ausgestatteten Macht gegenüberstehen könnten, die uns vernichten will und der wir zunächst chancenlos ausgeliefert scheinen.

Finale

Häufige Wiederholungen sind nicht immer ein exakter Gradmesser für die Qualität einer Tatortfolge, aber dass die Folge 681 innerhalb von etwa fünf Jahren schon zum zehnten Mal gezeigt wird (die Erstausstrahlung nicht eingerechnet, wohl aber die kurz darauf regelmäßig folgende Wiederholung auf „Eins Festival“, spricht doch dafür, dass sie sich einer gewissen Beliebtheit erfreut, denn eine quasi halbjährliche Ausstrahlung bedeutet eine weit überdurchschnittliche Frequenz.

Wir konnten gut mitgehen, der Film bietet Rasanz, Emotion (womit weniger die Ein-Kuss-Affäre zwischen Ballauf und der Frau des ermordeten Polizisten Samland wenige Tage nach dessen Tod gemeint ist als die Sondersituation, in der sich Freddy und Max befinden, das Duell zwischen ihnen und den Kollegen, das dazu beiträgt, dass eine nachvollziehbare Elektrizität in der Luft im Kölner Revier liegt. Perfekt ist „Spätschicht“ nicht, aber ohne Frage eine Empfehlung.

8/10

*Zuordnungen beziehen sich auf die TatortAnthologie, die Vorgängerrubrik von Crimetime im „alten“ Wahlberliner, die Rezension wurde erstmals im Dezember 2012 veröffentlich und für die Wiederveröffentlichung nur minimal geändert und an die gegenwärtige Optik von „Crimetime“ angepasst.

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Freddy Schenk – Dietmar Bär
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Melanie Schenk – Karoline Schuch
Kriminalrat Brauer – Michael Lott
Britta Samland – Christina Große
Walter Lemke – Thorsten Merten
Wilfried Monhaupt – Matthias Brenner
Kevin – Tino Mewes
Agnieszka Sobinski – Magdalena Boczaraska
Markus Vieth – Henning Peker

Regie – Thorsten Näter
Buch – Thorsten Näter
Kamera – Michael Tötter
Ausstattung – Thomas Schmid
Musik – Axel Donner

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