Babylon Berlin – Die Serie, Folge 9 / Crimetime 300/9 // #Babylon #Berlin #BabylonBerlin #Crimetime #ARD #Sky

Crimetime 300/9 - Titelfoto und weitere Bilder: ARD Degeto / X-Filme / Beta Film / Sky Deutschland / Frédéric Batier

Kurzfassung

In einem Wald kommt es zu einem Leichenfund mehrerer russischer Revolutionäre. Kommissar Gereon Rath ist bei der Untersuchung dabei und erkennt einen Toten wieder. Charlotte muss einen Todesfall in der Familie verarbeiten. Nyssen wird von seiner Mutter gedemütigt. (ARD-Text)

Hier geht’s zurück zu Folge 8 (Crimetime 300/8).

Titelbild: Logo Babylon Berlin 2. Staffel – die Folgen 9 bis 16.

Die Folge 9 beginnt damit, dass man Gereon Rath zuhause sieht, im Bett, wie er schweißgebadet aufwacht.

Das bedeutet, zunächst ist wieder eine Ampulle fällig. Angeblich ist Kardakow gefunden worden. Wir kommen zu einer der besonders wichtigen Szenen. Die Polizei ist in einem Waldstück zugange und hat die Leichen von 14 Menschen gefunden. Es sind die trotzkistischen Verschwörer, deren Erschießung in ihrem Versteck, der Druckerei in Treptow, wir bereits geschildert haben.

2019-07-24 Babylon Berlin Folge 9 Bild 001 Rath und Benda im Wald
Staatssekretär Benda und Gereon Rath betreten den Ort der Leichenfunde.

Wie Kriminalkommissar Gennat auf dem Hügel steht und die Szenerie übersieht, Zigarre rauchend, erinnert er an die Darstellung in der Fritz-Lang-Biografie „Fritz Lang – der andere in uns“ von Thomas Thieme. Über den legendären Chef der Kommission „M I“ in Berlin gibt es selbstverständlich einen umfassenden Wikipedia-Artikel. Fiktion und Realität vermischen sich, da Rath in Folge von von Babylon also direkten Kontakt zu Gennat hat. Rath arbeitet ja immer noch bei der Sitte, ist aber durch seine Ermittlungswege längst mehr mit der Mordkommission verbunden. Sein ursprünglicher Auftrag, schlüpfrige, kompromittierende Filme in Berlin ausfindig zu machen, kam bekanntlich in Folge 8 zum Abschluss, sodass die Serie sich ab Folge 9 auf den zweiten Handlungsstrang, den Zug voller Chemie und Gold, konzentrieren kann.

2019-07-24 Babylon Berlin Folge 9 Bild 002 Rath und Benda im Wald 2
Choreograie eines grausigen Fundes – links Kommissar Gennat, in der Mitte Rath, dann Benda, hinter einer geöffneten Grube mit – Kardakow?

Das Leichenfeld im Wald, das haben wir bereits beschrieben, ist selbst für die wilden Verhältnisse von 1931 übertrieben, jedoch behalten wir im Kopf, dass es am 1. Mai 1929, dem sogenannten Blutmai, zu 33 getöteten Arbeiter*innen kommt, die gegen das Demonstrationsverbot verstoßen haben. Auch diesen Part haben wir bereits abgehandelt.

2019-07-24 Babylon Berlin Folge 9 Bild 002a - Wen kennen wir denn - Rath und Benda im Wald 3
Leichenschau vor Ort. Nein, Kardakow ist nicht dabei. Wieder einmal nicht. Jetzt ist es Zeit für Rath, endlich zur Mordkommission zu wechseln. Ein logischer Schritt, nachdem sein ursprünglicher, im Bereich der „Sitte“ angesiedelter Auftrag erfolgreich abgeschlossen ist.

Rath jedoch ist sicher, ein Toter, der für Kasakov gehalten wurde, ist nicht diese Schlüsselperson im Spiel ums Geld der Sorokins und Anführer der Trotzkisten-Verschwörer, der Berliner Zelle gegen Stalin.

Nach dieser Szene ist es so weit, Gereon Rath zieht in die Mordkommission um und der sympathische Stefan wird sein Assistent. Dieser wiederum versucht, Charlotte Ritter zu promoten, die bisher private Investigativermittlerin. Aufgrund seiner wenig erfreulichen jüngsten Efahrungen mit Charlottes Spürsinn lehnt Rath es ab, sie zu unterstützen. Stattdessen geht sie mit Greta in einer öffentlichen Anstalt baden. Vermutlich aus ästhetischen Gründen sieht man hier nichts von der Gretas Narbe, die es ihr verunmöglicht hat, die Empfehlung von Charlotte zu nutzen und ebenfalls im Moka Efti als Prositutierte zu arbeiten. Schließlich wurde sie Dienstmädchen bei den Bendas und das wird erhebliche Folgen nach sich ziehen. Korrektur: Die verheilte Wunde sieht man doch, nur war vorher die Wäsche etwas höher gezogen. Wir notieren, dass eine Geburt per Kaiserschnitt vorlag. Greta hat nicht abgetrieben, sondern ihr Kind in Pflege gegeben.

Bei Ritters, in Abwesenheit von Charlotte: Ein Mieter irgendwo auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes spielt auf seinem Grammophon „Mackie Messer“. Ein eher ungewöhnlicher Song in diesem Umfeld, trotz des scharfen Textes. Ob die Filmemacher es recherchiert haben, wissen wir nicht, aber möglich war dies – die erste Aufnahme des Liedes stammt vom September 1928. In der Wohnung der Ritters ist zu sehen, wie irgendwelche Typen Charlottes kleiner Schwester ein Nachthemd geschenkt haben.

Rath überrascht die beiden jungen Frauen in jenem Bad und Charlotte steht nackt vor ihm und es gibt Spannungen, doch Auseinandersetzungen angesichts freiliegender Brüste sind für Männer immer etwas schwieriger, vor allem, wenn man der zugehörigen Person bisher nur bekleidet ansichtig geworden war. Er macht ihr zwar Vorwürfe wegen des Ausspionierens, doch wegen der etwas ungünstigen Sitution und weil er von ihr die Frachtpapiere mit der Nummer des ominösen Bahnwaggons haben möchte, bleibt er pragmatisch. Sie hat dieses Wissen irgendwo in Sicherheit gebracht. Hatten sie damals schon Diesel-Rangierloks, wie wir sie in einer Rückblende nun sehen?

Charlotte kommt Raths Ansinnen nach, räumt ein Aktenregal leer, hinter den Ordnern hatte sie den Frachtbrief versteckt. Das erinnert uns an eine Bibliothek, in der begehrte Literatur auf diese Weise so aufbewahrt wurde, dass nur derjenige, der sie versteckt hatte, wusste, wo sie zu finden war. Das geht allerdings nur bei Regalen, die mit dem Rücken zur Wand stehen oder hinten geschlossen sind.

Gereon Rath weist die Sonderkommission ein, die er nun angesichts der Lage zu führen hat. Auch der bullige und tätowierte Priester ist nun tot aufgefunden worden, in Beton gegossen. Einer der anwesenden Polizisten erkennt diesen sogenannten Heiligen Josef und murmelt, das sei gar nicht gut, womit wohl dessen Ableben gemeint ist. Ein wichtiger Mann war er, Schnittstelle zwischen Unterwelt und Polizei, das schließen wir daraus. Rath regt sich ziemlich auf und rennt in die Gerichtsmedizin zu Dr. Schwarz. Ja, wie kam der Scheinpriester ums Leben und wieso wirkt Rath, als wenn er seinen eigenen Dämonen begegnet, angesichts dieses nunmehr nicht mehr nach seinem Leben trachtenden Mannes? Der Grund liegt auf der Hand. Rath wurde von diesem angegriffen und hat ihn erschossen. Wenn uns nicht alle täuscht, der erste erfolgreiche Schusswaffengebrauch des Kommissars,  nach mehr als der Hälfte von „Babylon Berlin“. Wir erfahren, dass der Priester, der Wiltschek heißt, für den Armenier gearbeitet hat, das ist nicht mehr sehr überraschend.

Nun kommen wir erst einmal zu etwas vollkommen anderem: Helga und ihr Sohn sind in Berlin eingetroffen und warten auf Gereon. Dieser halbwüchsige Sohn stammt wohl von ihm, nicht von seinem Bruder. Die heimliche Beziehung zwischen der Frau, die noch keine Witwe ist und dem Bruder ihres möglicherweise gefallenen Mannes dauert schon sehr lange an. Aber nun wurde der Bruder für tot erklärt und Helga ist frei, um Köln zu verlassen und erst einmal auf Besuch in die Hauptstadt zu kommen. Rath telefoniert mit Bruno Wolter, damit die beiden Neulinge rasch und günstig unterkommen. Charlotte beobachtet die Szene und wirkt nicht perfekt amüsiert.

Damit niemand im Unklaren bleibt, holt Gereon Kleider aus der Reinigung – und schmeißt sie weg. Leider sind die Betonspuren nicht rausgegangen. Vermutlich war es dieselbe chemische Reinigung, die heute an anderem Ort in Berlin tätig ist und bei der wir gelandet sind, die kann nämlich auch sehr wenig. Offensichtlich ist der Inhalt von Raths Ampullen neben allem anderen leicht entflammbar und eignet sich als Brandbeschleuniger. Rath überlässt es nicht dem Zufall, ob jemand die Kleider doch noch findet. Ob auf diese Weise Premiere für das Phänomen der brennenden Mülltonnen von Berlin war, wissen wir nicht, jedenfalls halten wir fest, dass, wenn auch nachvollziehbar motiviert, diese Art von Blechkastenbrandstiftung seit 1929 existiert. Aber bei den heutigen Plastiktonnen muss noch mehr darauf geachtet werden, dass sie an Stellen platziert sind, von denen aus ein Brand nicht übergreifen kann.  Aus der Rechtsmedizin hatte Rath auch eine Revolverkugel entwendet, die lässt er nun in einem Gulli verschwinden. Stattdessen gibt er eine andere in die Tüte. Schau an, Hark Bohm ist der Leiter der Asservatenkammer, an die Rath das falsche Projektil abgibt. So sehen wir also eine der Ikonen des Neuen Deutschen Films als Archivar von Tatwaffen und anderen Beweisstücken.

Charlottes kleine Schwester sucht nach der größeren, zuhause kommt es dann zu einer Auseinandersetzung darüber, was mit der gerade verstorbenen Mutter passieren soll. In die Charité zum Aufschneiden oder doch ein Begräbnis, das man sich nicht leisten kann? Der Mann ihrer älteren Schwester sagt zu Charlotte, da wird ihre Mieze ordentlich miauen müssen, bis sie die 80 Märker für eine einfach Bestattung zusammen hat. Cut.

Aufsichtsratssitzung der Nyssen AG. Toller Szenenwechsel von ganz unten nach ganz oben. Alfred Nyssen gilt nicht mehr als kapabel, seine Mutter übernimmt die Konzernregie. Das kommt für Alfred höchst überraschend und er kann sich knapp beherrschen. Lars Eidinger gibt diesen Pompanz von einem Angehörigen der Erbengeneration wirklich hervorragend. Alfred darf künftig der Nyssen-Stiftung präsidieren. Diese Stiftung unterstützt unter anderem Kriegerwitwen.

2019-07-24 Babylon Berlin Folge 9 Bild 003 Rath und Helga - kommt nach Berlin
Werden wir endlich Familie? Helga trifft in Berlin ein und zieht unter Bruno Wolters Dach.

Es ist an der Zeit, dass Gereon Rath seinem Kollegen Bruno Wolter die Familienverhältnisse erklärt: Helga = Schwägerin, Sohn Moritz = Neffe. Immerhin ist Wolter jetzt der Vermieter der beiden oder der Gastgeber. Keine Heimlichkeiten mehr!, frohlockt Helga. Damit die Dinge sich festigen, überredet sie Gereon, sich ebenfalls bei Bruno einzuquartieren und die beiden erleben seltene Momente des Glücks miteinander.

Weniger harmonisch wirkt das Aufeinandertreffen von Nyssen mit der Sorokina, das nun ansteht und die wir endlich wiedersehen. Alfred Nyssen teilt diese Freude nicht, denn sie ist eine der drei auffälligen weiblichen Verräterpersonen in diesem 16teiligen Fernsehfilm. Eine weitere ist Charlotte, das wissen wir schon. Die dritte verraten wir noch nicht, aber es deutet schon vieles darauf hin, wer ebenfalls Vertrauen missbrauchen wird. Die Gräfin erklärt dem Industriellensohn, wie sie den Wagen haben bauen lassen, der mit Gold bestückt wurde, um diesen Schatz vor Stalin bzw. seinen ausführenden Organen zu verstecken. Haben wir schon erwähnt, dass Lars Eidinger das Industriellensöhnchen, das so eine krude Mischung aus weichlich und hintenrum mit den Totengräbern der Demokratie zusammenwirkend gezeichnet ist, so grandios spielt? Eine der stärksten von vielen starken Darstellungen in „Babylon Berlin“.  So ein Arsch! Selbst Wolter, den wir ebenfalls im Bunde mit der falschen Seite sehen, wirkt immer auch wieder sympathisch, aber dieser Nyssen! Alle enteignen.

Seltsam aber doch: In dem Moment, in dem sie gelinkt werden, sind wir dann doch auf der Seite der Getäuschten, Betrogenen, hinter die Fichte Geführten. Bei Nyssen kann jene Identifikaiton jedoch nicht von Dauer sein, dafür ist er einfach zu sehr ein Arsch. Trotzdem war der von ihm arrangierte Gütertransport die letzte Chance der Gräfin, ihren Besitz aus der Sowjetunion zu bringen. Woher sie von diesem  Zug gewusst hat? Von Kardakow natürlich. Sie ist sogar eine Doppeverräterin, aber auch eine schillernde Figur, die auch als Sänger auftritt und zum Beispiel mit tiefer Stimme „Zu Asche, zu Staub“ gibt, zum Entzücken des Publikums im Moka Efti.

Nun sehen wir ausnahmsweise wie ein anderer Polizist ermittelt. Es geht um den Mord am Priester, der kein Priester war, aber einigen Staub aufgewirbelt hat, mit seiner Soutane. Der Beamte klappert Lokationen ab, welchen jenen nunmehr Ermordeten in seiner Funktion als Schutzgelderpresser kannten. Dabei kommt der Polizist auch in die Bar, in der Rath und Wolter waren und erfährt, dass Wolter es dort bis zum frühmorgendlichen Ende ausgehalten hat – Rath jedoch wurde schon früher nicht mehr gesehen. Es ist die Bardame, die ein Herr ist, die dem Polizisten Tipps gibt.

In der Schlussszene sehen wir Gereon und Helga sehr privat miteinander. Der Spaß kann beginnen, der Vorhang fällt und zerfällt : zu Asche, zu Staub.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Rolle Darsteller
Gereon Rath Volker Bruch
Charlotte Ritter Liv Lisa Fries
Wolter Peter Kurth
August Benda Matthias Brandt
Greta Leonie Benesch
S. Sorokina / Nikoros Severija Janusauskaite
Kardakow Ivan Shvedoff
Alfred Nyssen Lars Eidinger
Jänicke Anton von Lucke
Krajewski Henning Peker
Armenier Misel Maticevic
Elisabeth Behnke Fritzi Haberlandt
Katelbach Karl Markovics
General Major Seegers Ernst Stötzner
Dr. Schmidt „Anno“ Jens Harzer
Dr. Völcker Jördis Triebel
Gräf Christian Friedel
Zörgiebel Thomas Thieme
Trochin Denis Burgazliev
Musik: Johnny Klimek
Tom Tykwer
Kamera: Frank Griebe
Bernd Fischer
Philipp Haberlandt
Buch: Tom Tykwer
Hendrik Handloegten
Achim von Borries
Regie: Tom Tykwer
Achim von Borries
Hendrik Handloegten

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