Die Geschichte vom bösen Friederich – Tatort 983 / #Crimetime 362 // #Tatort #Frankfurt #HR #Brix #Janneke #Friederich #Tatort983

Crimetime 362 - Titelfoto © 2016 HR, Bettina Müller

19 Jahre Knast und kein bisschen anders

Er hat es auf Kommissarin Anna Janneke abgesehen, der nach langer Haft freigelassene Alexander Nolte, der seine Freundin in der Badewanne ertränkt hat. Er wird in das Leben der Polizistin eindringen, sie bedrängen, bedrohen und manipulieren. Wie hoch wird der Preis dafür sein, dass sie vor 19 Jahren, damals noch als Polizeipsychologin, ein Gutachten geschrieben hat, das ihn offenbar für schuldfähig erklärte?

Die Neuen in Frankfurt sind mit ihrem dritten Fall zugange, und dieses Mal wissen wir als Zuschauer von Beginn an, mit wem wir es zu tun haben und wie er gestrickt ist – denn „Die Geschichte vom bösen Friederich“ ist ein Psychothriller. Aber da steckt noch mehr dahinter als eine Ereigniskette, dieim Grunde vor 19 Jahren ausgelöst wurde. Oder gar im Jahre 1844? Wir klären das in der – Rezension.

Handlung, Besetzung, Stab

Von der Vergangenheit eingeholt, gerät Hauptkommissarin Anna Janneke (Margarita Broich) an ihre Grenzen. Der verurteilte Mörder Alexander Nolte (Nicholas Ofzcarek) ist wieder auf freiem Fuß und versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen. In ihrer Zeit als Polizeipsychologin hat sie das Gutachten erstellt, welches Nolte lebenslänglich ins Gefängnis brachte. Nach fast 20 Jahren hat er seine Strafe abgesessen, wurde entlassen und arbeitet nun im Dentallabor von Roland Burmeister (Sabin Tambrea). Betreut wird Alexander Nolte von der Psychologin Helene Kaufmann (Ursina Lardi). In einer Hauseinfahrt wird der Obdachlose Martin Busche (Manuel Harder) erstochen aufgefunden.

Für die beiden Frankfurter Kommissare Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke bleibt dieser Mord rätselhaft. Hinweise gibt es kaum, es findet sich kein Motiv, die Ermittlungen verlaufen zäh und führen schließlich ins Leere. Anna Janneke ist emotional sehr mitgenommen, da Alexander Nolte in ihr Leben eindringt. Dramatisch wird die Situation, als er ihr zu Hause auflauert und sich ihr schrecklicher Verdacht bestätigt. Im neuen Fall von Janneke und Brix liegen Wahrheit und Verführung dicht beieinander. Dritter Fall des Frankfurter Ermittlerteams Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch).

Anni und Tom über „Die Geschichte vom bösen Friederich“

Die literarische Vorlage

Anni: Jetzt aber zuerst einmal zur Herkunft des Titels. „Die Geschichte vom bösen Friederich“ ist die erste gereimte von 10 Erzählungen des Buches „Struwwelpeter“, das der Arzt Heinrich Hoffmann im Jahr 1844 für seinen kleinen Sohn Carl geschrieben hat, weil er keine netten, gut illustrierten Kindergeschichten für seinen Buben fand. Oder nur langweilige Sachen mit moralischem Imperativ, nicht nach dem Prinzip „show, don’t tell“, wie er es dann selbst gemacht hat. Und wie er es gemacht hat. Die erste Strophe der ersten Geschichte geht so:

Der Friederich, der Friederich
Das war ein arger Wüterich
Er fing die Fliegen in dem Haus
Und riß ihnen die Flügel aus.
Er schlug die Stühl‘ und Vögel tot,
Die Katzen litten große Not.
Und höre nur, wie bös er war:
Er peitschte, ach, sein Gretchen gar!

Weiter geht’s hinter diesem Link. Der Suppenkasper, der Zappelphilipp, der Hanns Guck-in-die-Luft, viele der Begriffe sind lange Zeit „geflügelte Wörter“ gewesen. In der kleinen Sammlung sind noch einige feine Sachen drin, die man zu Krimis verarbeiten kann. Zum Beispiel die zweite Geschichte, in der zwei Katzen ein Kind verbrennen. 1844 hatte man offenbar andere Auffassungen davon, was für Kinder der richtige Lesestoff ist. Das drastische Beispiel zur Abschreckung war während der Biedermeierzeit wohl schwer en Vogue. Die Frage ist aber, ob die filmische Umsetzung der richtige Erwachsenenstoff ist. Wenn ich vorher die Geschichte gelesen hätte, hätte ich der armen Katze von Anna Janneke geraten, vom Set abzuhauen, als sie das erste Mal ins Bild kam. Nicht gruselig, sondern widerlich, solche Handlungselemente.

Akademische Berufe, die sich zum Frustabbau eignen und Typen, die sich nur als Demonstrationsobjekte für ein diagnostisches Vollbild eignen

Tom: Wieso hab ich immer das Gefühl, Psychopathen-Stories funktionieren seit Jahren nur in Kiel, mit Borowski als Gegenspieler? Die Plots haben dort auch ihre Fragwürdigkeiten, wenn es um stille Gäste etcetera geht, aber ich hab nicht die ganze Zeit das Gefühl, ich sehe doppelt und stehe zudem neben mir und meiner Weltwahrnehmung. Aber vielleicht ist ja das genau der Zweck der Übung. Anderes Thema. Heute schon einen Beruf diskriminiert? Dieses Mal kein Arzt und kein Jurist, dafür eine Psychotherapeutin, die sicher sehr gut verdient, wo sie doch ganz allein in so einem schicken Haus lebt. Manchmal glaube ich, die Drehbuchautoren haben was abzuarbeiten, da sollte man tatsächlich mal therapeutisch drüberschauen.

Anni: Vielleicht ist das ja auch narzisstisch, sich über wichtige, helfende Berufe in beinahe jedem Tatort negativ auszulassen. Lächerlich, wie unprofessionell sich hier die Frau Dr. Kaufmann verhält, im Ganzen gesehen. Und Anna Janneke das Gleiche, als sie diesen Korte (eine Hommage an Korthals aus Kiel, siehste!) in ihre Wohnung lässt, obwohl sie ihn genau kennt. Wieso sagt sie nicht, als Korte angeblich was aussagen will, wir haben da ein wunderschönes Präsidium, da kann man auch alles hübsch aufzeichnen, was uns jemand erzählt, da jehn wa jetz hin, weil, wat se ma da in meine vier Wände eventuell ausplaudern wollen, ohne Zeugen, is nämlich eh nich polizeilich verwertbar, und außerdem trau ick Ihnen keen Meter weit übern Weg.

Tom: Menschen, die total unrealistisch sind, funktionieren nur in Handlungen, die ebenso unrealistisch sind. Und das alles geht heutzutage durch, weil den Leuten immer mehr die Peilung dafür verloren geht, wie Menschen sind und woher es kommt. Ein Beispiel dafür ist das Gutachten Korte, das Janneke vor 19 Jahren erstellt hat.  Damals hat sie eine wohl vorhandene Persönlichkeitsstörung nicht für relevant zur Bewertung der Schuld erachtet, Korte als schuldfähig angesehen, dieser musste ins Gefängnis, durfte nicht in die Sicherungsverwahrung. Aber schau dir an, wie er sich jetzt verhält. Dieses Ausflippen, wenn er allein ist, die Biler von sich selbst in der Wohnung und seinen … Obsessionen? Das große „Ich!“ an der Wand. So stellt sich ein Laie wohl einen schweren Fall von Narzissmus vor. Und dann sein Verhalten bei der Arbeit und überhaupt allen gegenüber. Da hat man in eine einzige Person reingepackt, was die ICD-Diagnose hergibt, was so maxima, alle Symptome betreffend, aber selbstverständlich nie in einem einzelnen Menschen angelegt ist. Und wo der Realismus so flöten geht, geht bei  mir gerne mal das Interesse an einer Figur partiell verloren. Zumindest, wenn sie nicht satirisch gemeint ist.

Verhaltens- und Einschätzungsfehler aller Art, aber spannend?

Anni: Ich fand’s auch ziemlich überdreht, billig und außerdem unlogisch, denn es würde bedeuten, dass Jannecke seinerzeit falsch begutachtet hat, nicht wahr? Wer dermaßen abgdreht ist wie Korte, wird nach gängigen Maßstäben von seiner PS komplett dominiert, ist also nicht mehr in der Lage, eine wirklich freie Willensentscheidung zu treffen und seine Taten moralisch zu bewerten.

Tom: Ich glaube, wir müssen mal das Gutachten Korte anfordern, um da mehr in die Tiefe gehen zu können. Ich meine, das steht uns als Gebührenzahlern zu.

Anni: Dann würde man erst merken, wie verschwurbelt dieser Korte geraten ist. Ich fand den Film aber trotzdem spannend und war richtig angespannt, wenn Korte mal wieder eine seiner Nummern abgezogen hat. Klar gibt’s solche Typen nicht, aber irgendwann klappt die Manipulation doch, dass man die Situation an sich, gerade für eine Frau, so bedrängend und gefährlich empfindet, dass man in diesem Film drin ist, und wenn man sich schon während der ersten halben Stunde zehnmal gesagt hat, was ist das denn, geht gar nicht! Ich konnte mich zwar mit niemandem richtig identifizieren, auch nicht mit Janneke, dieses Mal gab es auch kein junges Pärchen, das etwas Romantik reingebracht hat, wie zuletzt immer mal.

Wieder kein Fest für den Sprachästheten

Tom: Hast du diesen Dialog mitbekommen? Brix und Janneke reden darüber, ob und wie man das persönliche Umfeld des Mörders des Obdachlosen durchkämmen sollte, da antwortet sie, vielleicht hat der Täter gar kein persönliches Motiv. Es hätte doch Umfeld heißen müssen, oder? Oder sollte das so sein, diese Art von assoziativer Dialogkomprimierung? Die Gesamtqualität der Wortwechsel lässt mich daran zweifeln. Und die Szene war wohl zu aufwendig, um sie wegen dieses Fehlers zu wiederholen.

Anni: Du bist auch ein Dialogfetischist, von wegen literarischer Verdichtung und so. Du würdest für den besseren Dialog einen Mord begehen, wie Korte wegen seines Überdrüber-Narzissmus. Nein, die Dialoge sind teilweise nicht so gelungen. Das Filming hebt sich immer mehr von der Wortverwendung ab, in heutigen Tatorten. Optisch alles fantastisch gezaubert, dieses Mal sogar weitgehend ohne Mätzchen, aber die Sprache, mon Dieu! Sehr verräterisch, weil sie die Tiefe es Inhalts besser spiegelt als die mächtige Inszenierung. Wie findest du die Cops denn an sich, als Personen?

Die Cops

Tom: Anna Janneke wird als sehr in sich abgeschlossener, eigensinniger Typ dargestellt. Margarita Broich kriegt es gut hin, so eine Mischung aus sympathisch, offen, stark auf ihre Umwelt reagierend, aber auch verpeilt, teamunfähig, sehr in sich selbst und mit sich selbst zu geben. Von der Berufsbiografie nicht schlecht, denn sie hat ja früher auch für sich allein gearbeitet und stets innere Zwiesprache gehalten: Ihr eigenes Ich und das des zu begutachtenden Menschen sind in einen dezidierten inneren Dialog miteinander getreten. Sie musste sich ihr Urteil ohne irgendwelche Rücksprachen bilden. Nur – mit der Erfahrung darf sie Korte nicht in ihre Wohnung lassen. Und überhaupt, wie der überall mit einfachsten Mitteln reinkommt. Bloß keine Raumgrenzen, die seine unheimliche Art lächerlich wirken lassen könnten, auch das haben sie sich in Kiel abgeguckt.

Brix wird von Wolfram Koch sehr zurückgenommen interpretiert, und das ist eine Wohltat, angesichts der vielen Exzentriker in heutigen Tatort-Teams. Die beiden Polizisten mit ihren typisch amerikanischen Großraumbüro-Arbeitsplätzen sind es auch, die den Film tragen, trotz ihrer mangelhaften Team-Symmetrie. Der Chef von ihnen, Riefenstahl, hat eine wenig erfreuliche Position. Vielleicht auch so ein Drehbuchautoren-Antiautoritäts-Narzissmus, der bei fast jedem Team ausgelebt wird. Aber, wie das Bashing hoch angesiedelter Berufe, auch eine billige Art von Anbiederung an den einfachen Zuschauer, dessen Klischee-Kopfkino damit aufs Beste unterstützt wird.

Nochmal der Täter und Fazit

Anni: Für mich war die prägende Figur aber Korthals. Die Stimmung im Film wird doch durch ihn erzeugt. In Momenten, in denen ich dachte, oh Gott, wenn das mal jemand mit mir machen würde, was er mit Frauen macht, dachtest du wohl nur, wenn du sein Chef, dieser Burmeister wärst, würde Korte bei dir nicht alt werden. Gerade dieses Mobben ist ja so eine Eigenschaft, die man Narzissten gerne zuschreibt.

Tom: Hätte man den Film um diese Sache herum aufgebaut, wäre er wesentlich glaubwürdiger geworden, denn da ist etwas dran. Und warum soll es nicht zu Eskalationen und Tötungshandlungen kommen? Aber der Korthals ist zu viel und zu wenig zugleich. Wie er tickt, wird erst einmal nur mit seinem Rammstein-unterlegten Verhalten wenn allein zuhaus illustriert und der Bilderwand in sonst noch sehr karger Neuwohnung illustriert. Und dann noch schnell eine schlimme Kindheit mit übermächtigem Vater und nymphomaner Mutter heruntergeleiert. Daraus muss sich dann alles erklären, was den Korte ausmacht und wie er einen unsagbaren Frauenhass entwickelt hat. Das ist eine gleichermaßen ärmliche wie respektlose, weil das Thema PS nicht ernst nehmende Küchenpsychologie. Von meiner dementsprechend ablehnenden Haltung konnte ich mich nicht befreien, sodass mir auch die berühmte Identifikation, das Sich-Einlassen nicht gelingen wollte. So, ich notiere meine Punkte.

Anni: Ich geb 6,5/10. Ein Punkt Abzug wegen der armen Katze. Ich fand Atmosphäre und Spannung durch den bösen, bösen Korthals gelungen, und den Film somit unterhaltend. Unter Berücksichtigung seiner sprachlichen, handlungsseitigen und psychologischen Macken ergibt sich daraus meine Wertung.

Tom: Und da bist du immer noch bei 6,5/10? Nett von dir. Vor allem, weil du die Cops sympathisch findest, stimmt’s? Ich hab nur 5,5/10 notiert.

Anni: Same Procedure as every Week, kann man mittlerweile sagen.

6/10

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Margarita Broich (Anna Janneke), Wolfram Koch (Paul Brix), Nicholas Ofczarek (Alexander Nolte), Ursina Lardi (Helene Kaufmann), Manuel Harder (Martin Busche), Sabin Tambrea (Roland Burmeister), Roeland Wiesnekker (Henning Riefenstahl), Zazie de Paris (Fanny), Lina Hoppe (Birte Lombartz), Hubertus Hartmann (Hagen Werner), Sascha Nathan (Kriminaltechniker), Katja Danowski (Sabrina Wegener), Isaak Dentler (Polizist Jonas)

Regie: Hermine Huntgeburth, Drehbuch: Volker Einrauch, Musik: Christine Aufderhaar, Kamera: Sebastian Edschmid / Produzent: Dominik Diers

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