Wir sind die Guten – Tatort 749 #Crimetime 361 #Tatort #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #BR #gut #wir #sind

Crimetime 361 - Titelfoto © BR, Stefan Powe

Amnesia generalis

Irgendetwas ist faul, im Münchener Drogendezernat. Oder die Tatormacher hoffen einfach, dass sich von dort nicht mal irgendjemand beschwert. Wie schon in Kleine Diebe, den wir bereits rezensiert haben, stecken auch in „Wir sind die Guten“ die Drogenfahnder wieder tiefer im Sumpf der Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz als die Dealer, die im jeweiligen Film quasi nicht auftauchen.

Dass aber dann noch ein LKA-Beamter bei der Sache mitmacht oder gar der Kopf ist, setzt dem Ganzen die Krone auf. Ja, der Krimi ist konservativ, wenn man es so sehen will. Und das ist zu viel des Guten, zumal der Mann (unabhängig von der Besetzung) sowieso rasch als Täter feststeht. Oder wer trägt sonst einen schwarzen Mantel und Schlapphut?

Offenbar ist den im Grunde soliden und engagierten Münchenern hier der Gaul durchgegangen, und das in  mehrfacher Hinsicht. Die Story ist weder innovativ, noch überzeugend – interessant ist sie seltsamerweise trotzdem. Und zwar aus dem Grund, weil man fasziniert vor dem Bildschirm sitzt und wissen will, wie weit sie es hier noch treiben werden mit dem plotmäßigen Unsinn.

Versteht sich von selbst, dass auch die Glaubwürdigkeit von Ermittlerfiguren wie Batic und Leitmayr daraunter leidet, wenn die Schauspieler so einen Parforceritt durch einen so komplett an den Haaren herbeigezogenen Handlungsverlauf durchstehen müssen. Unwillkürlich fragen wir uns, ob den beiden dieser Dreh Spaß gemacht haben kann, aber falls man die Folge 749 als Wagnis ansieht – dann ist es gelungen. Überwiegend wird dieser Film von der Community gut bewertet. Dass wir nicht mitgehen, liegt an vielen großen und kleinen Dingen, die uns nicht gefallen haben.

Vielleicht ist es gerade die Tatsache, dass wir die Münchener als die Typen mögen, die sie normalerweise darstellen, dass wir hier noch mehr Fragezeichen auf der Stirn hatten, als wenn nur der Plot und nicht auch deren Verhalten mehr als seltsam gewesen wäre.

Handlung

In dieser „Tatort“-Folge ist kein Verbrecher, sondern ein Kommissar der Gejagte. Ivo Batic hat scheinbar die Kontrolle über sich verloren und eine Kollegin getötet. Nun ist er mit Leitmayrs Dienstwaffe auf der Flucht.

Ein schwerer Autounfall wirft den Münchner „Tatort“-Kommissar Ivo Batic aus der Bahn. Er wirkt angeschlagen, torkelt herum und kann sich in einem Supermarkt nicht an seine EC-Kartennummer erinnern. Als er schließlich zusammenbricht und nicht mal mehr seinen Kollegen Leitmayr erkennt, ist klar, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Hat er sein Gedächtnis verloren?

Im Krankenhaus wird er nachts plötzlich von einem Mann bedroht. Mit knapper Not kann er entkommen. Kurz darauf stellt sich heraus, dass Batic der letzte gewesen ist, der die Rauschgift-Fahnderin Leah Wedel lebend gesehen hat. Hat er etwas mit dem Tod der Kollegin zu tun oder mit den Drogen, die in ihrer Wohnung gefunden wurden?

Nach allen Regeln der Kunst versucht Leitmayr seinem Freund und Kollegen zu helfen, doch das LKA hat den Fall längst übernommen und stürmt mit einem SEK-Kommando Batics Wohnung. Für LKA-Leiter Stolze ist der Fall klar: Batic hat mit Leah zu Abend gegessen, sie zu Hause getötet und spielt jetzt den „Irren“.

Doch Batic kann sich, halbnackt und nur mit einem Handtuch bekleidet, der Verhaftung entziehen. Leitmayr weiß: Die Jagd auf ihn wird erst aufhören, wenn er sich der Polizei stellt. Doch davon will Batic nichts wissen. Er macht sich mit Leitmayrs Dienstwaffe und in seinen Klamotten wieder auf die Flucht. Doch Leitmayr hält zu seinem Freund. Er folgt einer Spur und findet heraus, dass Batic vor Jahren ein Verhältnis mit Leah hatte. Der Flüchtige finanziert sich inzwischen mit Leitmayrs EC-Karte, bis sein Wagen schließlich von Steifenbeamten entdeckt wird.

Er flieht in ein Einkaufszentrum, verkleidet sich dort und schüttelt so die Polizisten ab. Doch plötzlich taucht der unheimliche Verfolger aus dem Krankenhaus wieder auf und Batic läuft erneut um sein Leben. Auf dem Foto, das er mit seinem Handy von dem Verfolger schießt, ist leider kaum etwas zu erkennen. Ein schwerer Weg liegt vor ihm, der ihn erst ins Gefängnis, dann an die Grenzen seines Verstandes und schließlich fast in den Tod führt.

Rezension

Der Ivo und der Franz, 20 Jahre wirkungslos. Ein Kommissar liegt im Krankenhaus und behauptet, seinen Co-Ermittler und Freund nicht mehr zu erkennen. Überhaupt kann er sich nur an sehr wenige Dinge erinnern. Der Co-Ermittler und Freund nimmt ihm das nicht ab. Eine Minute lang finden wir das in Ordnung, weil der Co-Ermittler, der Franz, der ist nunmal nicht der Sensiblere dieses Duos, derjenige ist nämlich der Ivo Batic (Miroslav Nemec), und der hat ein Trauma erlitten.

Nach einigen weiteren Minuten geht einem dieser demonstrative Unglaube des Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) dann schon so auf den Zeiger, dass man ihn am liebsten suspendieren würde wegen allzugroßer Holzköpfigkeit, noch bevor es der LKA-Beamte Rüdiger Stolze (Michael Mendl) tut. Da passt es auf negative Weise auch, dass es ewig und drei Tage dauert, bis Leitmayr den Stolze nicht nur bodenlos arrogant findet wie wir alle, sondern auch merkt, dass der Mann nicht sauber ist. Jeder Zuschauer wusste das längst, und deswegen ist der Tatort unter anderem ein Zwitter – kein klarer Howcatchem, aber auch kein wirklicher Whodunnit.

Nun also Ivo Batic unter dem Einfluss der Amnesie. Er gibt sich wirklich Mühe, das glaubhaft darzustellen, aber so ganz nehmen wir’s ihm nicht ab. Vielleicht gerade, weil er sich so viel Mühe gibt. Keine Frage, dass Nemec, wie Wachtveitl, ein kapabler Schauspieler ist, aber muss jemand, der Amnesie hat, die Unterlippe so vorschieben und seine übliche Mimik in Richtung leicht verblödet verändern? Der IQ ist schließlich nicht beschädigt, sondern nur das Gedächtnis. Dass Nemec diese Mimik gelingt, ist bewundernswert, dass er sie gemäß Regisseur – in Personalunion Mitverfasser des Drehbuches – bringen muss, ist eine der vielen beinahe ans Lächerliche grenzenden Unglaubwürdigkeiten des Films.

Leitmayr hingegen verkauft sich als Ermittler dermaßen unter Wert, dass man Mitleid mit ihm haben  muss. Mal ist er draußen, dann wieder drinnen, suspendiert, salviert, angeschmiert – vielleicht muss man ihm einen emotionalen Ausnahmezustand angesichts des seltsamen Verhaltens seines Freundes und Kollegen Batic zubilligen, anders ist seine mangelnde Hellsichtigkeit nicht zu verstehen. Wie oft er dem Stolze in die Falle geht, das ist dramatisch.

Einmal heißt es zwar, jetzt seien „sie“ nervös, die Verdächtigen, damit ist wohl auch Stolze gemeint – aber auch das wirkt wieder nicht glaubwürdig. Wenn Leitmayr dem Stolze Beweismaterial wie eine CD anvertraut, hätte er das Teil mindestens kopieren müssen, falls er sich nicht mehr sicher ist, ob Stolze einer von den Guten ist. Tut er aber nicht. Zudem bleibt im Unklaren, warum Stolze überhaupt so stark in Erscheinung tritt, anstatt seine Fäden im Hintergrund zu ziehen. Sein gesamtes Auftreten ist nicht das eines Mannes, der allen Grund hat, seine verdeckten Geschäfte zu schützen.

Visionen und Patronen. Angesichts mancher Elemente dieses Films sitzt man staunend und still. Dazu gehört Batics Halluzination von einem Typ mit Jesusgesicht, der sich als der heilige Sebastian in einer Kapelle herausstellt, in der die Drogenpolizistin, die bald darauf erschossen wird, für ihn Beweismaterial deponiert hat. Einen abwegigeren Ort kann man sich kaum vorstellen und auch nicht den Grund, warum sie dem früheren Ausbilder bzw. Gastdozent, dem sie vertraut, diese Dinge nicht an einem etwas kommoderen Platz hätte zuspielen können.

Wie dilettantisch man insgesamt mindestens dreimal versucht, Batic umzubringen, das fordert eine Entdeckung der Hintergründe geradezu heraus. Das hätte man auf tausend andere Arten einfacher haben können, zum Beispiel so wie bei der Polizistin Wedel, die man einfach und präzise erschießt. Aber effektvoll ist die Jagd auf Batic schon, das muss man sagen. Nur warum so etwas im deutschen Fernsehen immer mit brachialer Unlogik verbunden ist, wird wohl nicht ohne tiefgehende Analyse zu klären sein. Vielleicht ist der Krimi kein deutsches Genre, zumindest nicht der Thriller im Tatort-Format.

Die Guten sind die Bösen sind die Guten. Der Titel ist fein gewählt, weil die Achse des Bösen mitten in die Welt der Guten hineinragt und weil Batic, der Gute, hier durchaus kriminelle Energie entwickelt. In diesen Momenten gefällt er uns übrigens in Folge 749 am besten. Wo er vollkommen unsinnigerweise Handys wegschmeißt, Autos klaut, auf eine beinahe niedliche Art und Weise durch die Gegend rennt. Das ist Kino, und selbst wenn sie in einer Drogenfahnderpistole wie „Wir sind die Guten“ mitwirken müssen, machen sie etwas daraus, die Schauspieler Nemec und Wachtveitl, nur fragt man sich manchmal, ob es gewollt oder ungewollt komisch-ironisch ist.

„Holger“ als Batics vorgeblicher Gspusi könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Tatort 749 sich selbst nicht so ernst nimmt – das Foto, das Leitmayr in der Szene verwendet und die Amnesie von Batic auf die Schippe nehmen will, zeigt wohl den zu der Zeit bereits abgetretenen Carlo Menzinger (Michael Fitz), einst der dritte Mann im Münchener Ermittlerbund und verantwortlich für manch komischen Moment.

Es ist nicht zu klären, wie der Drogenfahnder Kruczyk aus „Kleine Diebe“ zu Michalik in „Wir sind die Guten“ wurde, ist nicht klar, zumal er nicht vom selben Schauspieler verköpert wird. Aber Drogenfahnder sind allemal schmierig-langhaarig-unrasierte Typen, die verdächtig sind („Kleine Diebe“) oder ganz klar nicht die Guten, wie in „Wir sind die Guten“. München ist keine Hochburg des Drogenhandels, vielleicht gerinnt gerade deshalb die schmale weiße Spur zu einem Seitenarm des Amigo-Systems.

Der Kampf um die Einhaltung des BtMG ist nicht wichtig genug in München, als dass man über das Drogendezernat eine vernünftige Aufsicht führt. Das wollen die Tatorte 453 und 749 jedenfalls suggerieren. Um nicht ganz die Bodenhaftung zu verlieren, wird noch behauptet, der Chef der Truppe, Michalik kann immer alle Spuren seiner Deals so verwischen, dass seine Ermittler es nicht mitbekommen. Dabei hilft ihm, dass der Asservaten-Chef Wedel, Vater der getöteten Polizistin, die Sache unterstützt.

Effekte, Effekte. Die filmischen Mittel sind ebenso besonders wie die Handlung und die Steuerung der Figuren. Sie unterstreichen, dass auch die Münchener durchaus in der Lage sind, gaga zu wirken. Nichts gegen Experimente und verrückte Einlagen, aber so exorbitant sind die Negativ-Positiv-Farbverschiebungen, die künstlichen Einfügungen von Zelluloid-Alterungserscheinungen in bestimmte Sequenzen und die wackelige, hektische Kamera auch nicht, dass sie von der hanebüchenen Handlung ablenken oder die Logikschwächen überspielen können. Aber die technischen Gimmicks passen ins Bild, wenn man es als surrealistisch interpretiert.

Finale

Eine frohe Botschaft gibt es. Dem Gesamtwerk der Münchener, das sich aus 60 Folgen, gedreht in nun mehr als zwei Jahrzehnten zusammensetzt, kann „Wir sind die Guten“ nichts anhaben. Im Gegenteil, ein abgedrehter Ausreißer gehört auch mal dazu und langweilig war uns keine Sekunde, auch wenn wir das Ende in jeder Hinsicht wussten bzw. ahnten (Batic überlebt und Stolze wird gestellt). Wenn Ermittler in Todesgefahr schweben, hat das ja immer so einen Effekt von „wird schon, wird schon“, sonst könnten sie ja in der nächsten Folge nicht mehr mitmachen. Deswegen und weil es nicht realistisch ist, dass sie so oft selbst in höchste Gefahr geraten, sind wir keine großen Fans dieser Variante von Spannungserzeugung, sie macht Tatorte zu vorhersehbar.

Für den Spaß, den wir mit vielen Gags in „Wir sind die Guten“ hatten, und weil Batic / Wachtveitl selbst dann nicht ganz schlecht sind, wenn sie komplett gegen den Strich und die Logik gebürstet werden, geben wir 6/10 Punkte. Das ist leider trotzdem die bisher schwächste Wertung für einen Münchener Fall.

Anmerkung 2019: Die Rezension wurde weitgehend unverändert wiederveröffentlicht, die Optik dabei dem heutigen Schema angepasst. Bezüge wie „die bisher schwächste Wertung für einen Münchener Tatort“ beziehen sich auf das ursprüngliche Rezensionsjahr 2011 (als Nr. 73 der damaligen Rubrik „TatortAnthologie“ ), die Anmerkung trifft aber auch auf Crimetime 361 zu.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Ivo Batic – Miroslav Nemec
Rüdiger Stolze – Michael Mendl
Richard Wedel – Nikolaus Paryla
Verfolger – Thomas Lehmann
Förster – Sepp Schauer
ED-Beamtin – Kerstin Becke
Gerichtsmediziner – Titus Horst
Krankenschwester – Anne Schäfer
Notarzt – Anno Köhler
KTU-Leiter – Peter Rappenglück
Arzt – Helmfried von Lüttichau
Polizistin Britta – Daniela Schulz
Michalik – Max Hopp
Sanitäter – Dirk Ossig

Regie – Jobst Oetzmann
Kamera – Volker Tittel
Drehbuch – Magnus Vattrodt, Jobst Oetzmann
Musik – Dieter Schleip

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